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Fisch-Konsum: Können wir je sicher sein, dass nicht auch Wale & Delfine gelitten haben?

(C) WDC
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WDC kämpft seit vielen Jahren dafür, dass Delfine, Schweinswale und Großwale sich nicht mehr als sogenannter "Beifang" in Fischfanggeräten verheddern. Beifang ist heutzutage die größte Bedrohung für viele Meeressäuger und Seevögel. Doch bis es uns gelingt, Beifang gänzlich zu verhindern, müssen wir dringlich Maßnahmen einführen, die den unbeabsichtigten Fang von Walen und Delfinen bestmöglich reduzieren.

Wir neigen dazu, dem Begriff "nachhaltige Fischerei" zu vertrauen. Er impliziert, dass die Fischpopulation, auf die abgezielt wird, nicht bedroht ist. Aber stimmt das und was sagt uns der Begriff über das Sterben von Walen und Delfinen?

Schätzungsweise verenden weltweit jedes Jahr Hunderttausende Delfine, Schweinswale und Wale in Fanggeräten. Das können wir nicht einfach akzeptieren. Fischerei sollte so betrieben werden, dass keine Wale und Delfine als Beifang verenden.

 

Warum wir jedem verendeten Wal oder Delfin Aufmerksamkeit schenken sollten

Delfine, Schweinswale und Wale sind intelligente, gesellige, empfindungsfähige und familienorientierte Wesen. In Fanggeräten zu sterben ist sowohl für das Individuum selbst, als auch für seine Angehörigen äußerst grausam und qualvoll. Der Tod als Beifang kann langsam sein: Wenn es dem Meeressäuger gelingt, sich zu befreien, kann er dennoch seinen Verletzungen erliegen oder so eingeschränkt sein, dass er nicht mehr jagen kann und verhungert.

Selbst wenn der Tod schneller eintritt, z.B. durch das Ertrinken im Fanggerät (Wale müssen zum Atmen regelmäßig an die Meeresoberfläche schwimmen), kann der Sterbeprozess dennoch einige Minuten dauern und schmerzhaft sein. Das Individuum leidet, und zwar länger als für Nutztiere in einem Schlachthof erlaubt.

Netze können über lange Zeit um den Körper überlebender Wale verwickelt bleiben.

Wenn sich ein Delfin, Schweinswal oder Wal in einem Fanggerät verheddert, kann dies auch Auswirkungen auf Mitglieder seiner Familie oder Gruppe haben. Da wir immer mehr über die Kultur von Walen und Delfinen lernen, beginnen wir zu verstehen, dass die Bewertung des Beifangs nicht allein auf Zahlen beruhen kann.

Eine Population könnte gesund erscheinen, wenn man sich ausschließlich anschaut, wie viele Individuen es gibt. Wenn mehr Individuen geboren werden, als in Fanggeräten sterben, dann könnte das nachhaltig erscheinen. Aber dabei wird die Rolle der Individuen innerhalb von Gruppen und Populationen völlig außer Acht gelassen. Was ist, wenn der Wal, der stirbt, nachdem er monatelang in ein Fischereiseil eingewickelt war, die Matriarchin ist? Das Oberhaupt einer Gruppe verfügt über das meiste Wissen über die besten Nahrungsgründe. Und was geschieht, wenn der Delfin, der im Schleppnetz stirbt, eine Mutter ist, deren Jungtier zurückbleibt?

Beifang ist eine Verschwendung von Leben: Eine verantwortungsvolle Fischerei sollte eine Sorgfaltspflicht beinhalten, damit Beifang verhindert werden kann.

 

Alternative Fanggeräte können eine Lösung sein

Mit der Entwicklung neuer Technologien wird auch zunehmend eine verbesserte Transparenz in der Fischerei erwartet. Dadurch können das wahre Ausmaß und das Leid, das durch den Beifang entsteht, deutlich sichtbar werden. Der Wechsel von Netzen zu Reusen kann den Beifang in einigen Regionen, wie etwa der Ostsee, wo Schweinswale stark gefährdet sind, erheblich reduzieren. Unter anderem gibt es auch Möglichkeiten, bestehende Fischfanggeräte für "Nicht-Zielarten" (wie Delfine, Wale und Seevögel) sicherer zu machen. Allem voran ist es wichtig, durch ein gut geplantes Management Fischereifahrzeuge von wichtigen Lebensräumen (z. B. Meeresschutzgebieten) fernzuhalten. Denkbar wären auch saisonale Fangverbote während sensibler Perioden in Gebieten, in denen Wale und Delfine Jungtiere gebären und diese aufziehen.

Angeln mit Stangen und Leinen (C) IPNLF

 

Das Erreichen von "Nachhaltigkeit" ist kein akzeptabler Endpunkt

Im Jahr 1994 entwickelte die US-Regierung eine mathematische Formel, um die Auswirkungen des Beifangs auf Wale und Delfine zu berechnen. Daraus ergab sich ein Schwellenwert für das Fischereimanagement. Sobald die Anzahl der Wale oder Delfine, die in Fanggeräten starben, diesen Schwellenwert überstieg, mussten die Fischereibehörden sofort Maßnahmen für die betreffende Fischerei ergreifen, indem sie einen Plan zur Reduzierung des Beifangs entwickelten. Der Plan sollte das Sterben von Walen und Delfinen (und anderen Meeressäugern) innerhalb von fünf Jahren auf nahezu Null reduzieren.

Theoretisch schien dieser Ansatz ein vernünftiger Ausgangspunkt zu sein. Dadurch hat er sich als Methode durchgesetzt, um zu bestimmen, wann der Beifang als "nicht nachhaltig" anzusehen ist. Die Qualität der Daten variiert jedoch weltweit. Die Anzahl der Individuen, die sterben können, bevor eine Population Gefahr läuft auszusterben, wird deshalb nun mit verschiedenen statistischen Methoden berechnet – je nach Umfang der verfügbaren Daten.

Die ursprüngliche Absicht des Schwellenwerts bestand darin, Prioritäten zu setzen, welche Fischereien am dringendsten geändert werden müssen. Jedoch verwenden einige Länder diesen Schwellenwert als Mittel zur Definition von "Nachhaltigkeit". Doch so einfach ist es nicht:

  • In einer kleinen Population, wie den Māui-Delfinen vor Neuseeland (weniger als 60 Individuen), bedroht jeder einzelne Delfin, der in Fanggeräten stirbt, das Überleben der Gemeinschaft.
  • Wenn eine Art noch relativ häufig vorkommt, wie die Gewöhnlichen Delfine im Nordostatlantik, ist es möglich, dass viele Hunderte getötet werden könnten, ohne dass die Gesamtpopulation abnimmt.

Bei beiden Beispielen wird jedoch davon ausgegangen, dass das derzeitige Auftreten des Beifangs nicht "nachhaltig" ist.

Ironischerweise sind einige der besorgniserregendsten Fälle weltweit dort zu finden, wo der Beifang zurückzugehen scheint. Doch dies ist ein Trugschluss – denn der geringere Beifang einer Art ist eher ein Anzeichen dafür, dass es nicht mehr viele Individuen gibt, die beigefangen werden können.

Darüber hinaus wurden in einigen wissenschaftlichen Foren Bedenken geäußert, dass das, was in der Vergangenheit als "nachhaltiger" Wert angesehen wurde, in Wirklichkeit zu hoch ist und die Populationen bei viel niedrigeren Werten beeinträchtigt würden.

Es sollte daher keine Fischerei geben, die dazu führt, dass eine Wal- oder Delfinpopulation reduziert wird.

Aber "Nachhaltigkeit" ist nicht genug. Delfine und Wale haben unter optimalen Bedingungen eine sehr hohe Lebenserwartung. Doch wie gut es den Populationen geht, ist meist nicht bekannt. Da es in den meisten Teilen der Welt kaum Daten über den Beifang in der Fischerei gibt, ist das wahre Ausmaß des Beifangs nicht dokumentiert. Somit treffen Regierungen Entscheidungen mit einem hohen Maß an Unsicherheit. Ungewissheit führt oft zu einem Mangel an Maßnahmen. Untätigkeit ist aber auch eine Entscheidung, und sollte nicht akzeptiert werden. Maßnahmen zur Bekämpfung des Beifangs, bevor die Populationen erschöpft sind, sind viel effektiver und weniger belastend für die Fischereiindustrie als drastische Maßnahmen zur Rettung von Populationen, die bereits gefährdet sind.

Sie erinnern sich vielleicht daran, dass zwischen den 1960er und 1980er Jahren mehr als sechs Millionen Delfine in der Ringwadenfischerei auf Thunfisch im östlichen tropischen Pazifik getötet wurden. Außerdem nahmen die Populationen der nordöstlich vor der Küste lebenden Pantropischen Fleckendelfine und Östlichen Spinnerdelfine um schätzungsweise 40 bzw. 20 Prozent ab. Trotz der Einführung von Maßnahmen, die den Tod von Delfinen in dieser Thunfisch-Fischerei auf weniger als 1.000 pro Jahr reduzierten, zeigen die Populationen immer noch keine Anzeichen einer Erholung. Unter anderem ist die Geburtenrate seit den 1980er Jahren rückläufig.

Aus all diesen Gründen wissen wir oft nicht wirklich, was "nachhaltig" ist, aber wir wissen, dass Beifang weder beibehalten oder akzeptiert werden kann noch sollte.

Kann ich sicher sein, dass ich umweltfreundlich gefangenen, zertifizierten Fisch kaufe?

Zertifizierungssiegel, wie das des Marine Stewardship Council (MSC) und das "blaue Häkchen" des MSC, stellen nicht sicher, dass ausreichende Maßnahmen zur Vermeidung, Reduzierung oder Überwachung des Beifangs ergriffen werden – teilweise gibt es keinerlei solcher Maßnahmen. Wenn Sie Fisch mit einem Zertifizierungssiegel kaufen, können Sie nicht sicher sein, dass Delfine, Schweinswale oder Wale nicht auch beim Fang gelitten haben und gestorben sind.

Man kann nicht einmal sicher sein, dass bei Fischprodukten, die ein Gütesiegel tragen, der Beifang so  "nachhaltig" ist, dass er keine Auswirkungen auf die Population hat. Nicht nur aus Verbraucher*innen-Sicht ist das ein inakzeptabler Zustand. Eine kürzlich durchgeführte Überprüfung des Beifangs in MSC-Fischereien ergab ein unzureichendes Management, eine mangelhafte Datenerfassung und einen anhaltenden oder zunehmenden Beifang von Meeressäugern, Seevögeln und Haien.

Der Begriff "delfinfreundlich" oder "delfinsicher" auf den Etiketten von Fischprodukten stammt von verschiedenen Programmen, die keine Garantie dafür bieten, dass in den Fischereien, aus denen der Fisch stammt, keine Delfine oder Wale beigefangen wurden.

Wir glauben, dass die meisten Menschen bewusst vermeiden möchten, dass für den Fisch auf ihrem Teller Delfine oder Wale sterben mussten und deshalb Zertifizierungs- und Gütesiegeln (blind) vertrauen, wenn sie Fisch einkaufen. Wenn weithin bekannt wäre, dass Zertifizierungslabels den Beifang nicht angemessen berücksichtigen, wären diese Labels gezwungen, ihre Fischereianforderungen radikal zu verbessern.

 

Was passiert, wenn der Beifang über dem nachhaltigen Niveau liegt?

Es steht außer Frage, dass eine Fischerei nicht den Punkt erreichen darf, an dem sie zu Überfischung führt oder den Rückgang anderer Populationen verursachen kann. Und doch sind viele Delfin- und Walpopulationen aufgrund des Beifangs vom Aussterben bedroht. Es sind dringende und effektive Maßnahmen der Regierungen erforderlich.

In jedem Ozean kommt die Bedrohung durch Beifang vor – von Europa, Neuseeland, Afrika, Asien bis nach Amerika. Baiji (auch Chinesische Flussdelfine genannt) wurden 2006 für möglicherweise ausgestorben erklärt. Vaquitas in Mexiko, neuseeländische Māui-Delfine und der Ostsee-Schweinswal sind alle vom Aussterben bedroht, weil sie sich in Fischereigeräten verfangen haben. Und viele weitere Populationen gehen aufgrund von Beifang zurück, darunter neuseeländische Hector-Delfine, Atlantische Buckeldelfine, Franciscana-Delfine, Südasiatische und Ganges-Flussdelfine, Irawadi- und Buckeldelfine im Indischen Ozean, Buckelwale im Arabischen Meer und Nordatlantische Glattwale.

Neben dem schrecklichen Leid, das mit Beifang verbunden ist, sollten wir auch nicht vergessen, dass ein gesunder Planet Erde florierende Populationen von Walen und Delfinen benötigt – ebenso wie gesunde Fischpopulationen. Wale und Delfine spielen eine wesentliche Rolle in unseren Meeresökosystemen. Sie tragen zur Düngung des Phytoplanktons bei, das uns die Hälfte unseres Sauerstoffs liefert, von dem wiederum auch die Fischpopulationen abhängen und mit dem der Ozean den größten Teil unseres Kohlenstoffs speichert.

 

Was tun wir also?

Es gibt Hoffnung. WDC ist auf Einladung der Regierungen in Gremien in Großbritannien, den USA und Neuseeland aktiv. Wir sprechen mit Entscheidungsträger*innen auf der ganzen Welt, um den Beifang in der Fischerei zu reduzieren.

Der meiste Beifang findet in Fanggeräten statt, mit denen aktiv gefischt wird. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Beifang nicht ausreichend überwacht oder gemeldet wird. Es gibt nur sehr wenige Fälle, in denen wirksame Maßnahmen zu seiner Reduzierung ergriffen wurden. Daher fordern wir die Regierungen aller Fischereinationen auf, Gesetze und Maßnahmen zu erlassen, die eine robuste und engagierte Überwachung, Vermeidung und Reduzierung von Beifang vorschreiben. Eine Sorgfaltspflicht zur Vermeidung von Beifang sollte als Standard in allen Fischereien erwartet werden.

Wir arbeiten mit Industriepartnern und Herstellern zusammen, um Fanggeräte zu modifizieren und so das Risiko des Beifangs zu verringern. Mit unseren Kampagnen setzen wir die Regierungen unter Druck, endlich Maßnahmen gegen Beifang zu ergreifen. Außerdem stellen wir den Interessenvertreter*innen Fachwissen zur Verfügung und klären die Öffentlichkeit über mögliche Lösungen auf.

Wenn ich mich trotz der Fakten entscheide, Fisch zu essen – was kann ich als Konsument*in tun?

 

  • Seien Sie achtsam. Selbst Fischprodukte, die ein Öko-Zertifizierungssiegel tragen (wie MSC oder "delfinfreundlich"), bedeuten nicht, dass keine Delfine, Wale oder Seevögel gestorben sind und der Fisch tatsächlich aus nachhaltiger Fischerei stammt.
  • Die Fischereimethode, auf die wir uns am meisten verlassen können, ist der Fang mit der Angelrute. Diese Fischereimethode hat die geringsten Auswirkungen auf Nicht-Zielarten.
  • Schließen Sie sich Müllsammelaktionen an Fluss- und Meeresufern an – oder starten Sie Ihre eigene! Jedes Stück Abfall, Seil oder Netz, das von der Küste oder aus der Meeresumwelt entfernt wird, ist eine Gefahr weniger, die im Meer schwimmt. Wenn Sie es nicht entfernen können, schneiden Sie zumindest alle Schlaufen ab – denn diese sind besonders gefährlich.
  • Sprechen Sie mit Ihren Freunden und Ihrer Familie und teilen Sie Ihre Bedenken bezüglich bestimmter Fischereimethoden.
  • Unterstützen Sie WDC finanziell, sodass wir mit Fischer*innen und Fischereibehörden an der Entwicklung neuer Fanggeräte und Vorschriften arbeiten können, um die Bedrohung durch Beifang zu verringern.

 

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

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