Ungewisse Zukunft für Norwegens Walfang?
Dank Ihrer Unterstützung konnte Lottie von WDC auch in diesem Jahr wieder an der Arendalsuka, der größten politischen Konferenz in Norwegen, teilnehmen und Walen eine Stimme geben. Warum sie den Eindruck gewonnen hat, dass Norwegens Walfang einer ungewissen Zukunft entgegenblicken könnte, berichtet sie in ihrem Blog.
Während die Walfangschiffe auf See sind und in dieser Jagd-Saison bereits Hunderte von Walen getötet wurden, habe ich mich auf dem größten politischen Treffen des Landes, der Arendalsuka, für den Schutz der Wale eingesetzt. Denn hier kamen unzählige Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Industrie zusammen, und ich konnte dafür sorgen, dass Wale in vielen Gesprächen zum Thema wurden.
An drei vollgepackten Tagen nahm ich an Debatten teil, traf Politiker:innen und Partner:innen, sprach mit Wissenschaftler:innen und war mit meinem Team unterwegs, um herauszufinden, was die Norweger:innen tatsächlich über den Walfang denken. Die Erkenntnis: Der norwegische Walfang wird nicht morgen enden, aber die Zukunft dieser grausamen Industrie scheint ungewisser geworden zu sein.
Selbst die Walfangindustrie räumt ein, dass es große Probleme gibt
Einen der aufschlussreichsten Momente erlebte ich während einer Debatte über den norwegischen Walfang, an der Vertreter:innen der norwegischen Regierung, des Instituts für Meeresforschung, der Konservativen Partei und der Fischereiindustrie teilnahmen. Sowohl Diskussionsteilnehmer:innen als auch das Publikum standen der Industrie weitgehend positiv gegenüber – und uns wurden sogar Canapés mit Walfleisch serviert! Ich hatte also nicht erwartet, viele Argumente gegen den Walfang zu hören – doch einige Eingeständnisse überraschten mich.
Der Vertreter der Fischerei-Industrie räumte ein, dass Norwegen seine Walfang-Quote nicht vollständig ausschöpft, da sowohl in Norwegen als auch international nicht genügend Nachfrage nach Walfleisch besteht. Und der Staatssekretär des Fischereiministers erklärte, die internationale Vermarktung von Walfleisch* komme aufgrund der finanziellen Auswirkungen auf andere norwegische Fischexporte nicht infrage.
Die norwegische Regierung hat für 2026 eine Quote von 1.641 Zwergwalen festgelegt, doch in den letzten Jahren wurde nur ein Bruchteil dieser Quote ausgeschöpft. Bislang haben die Walfänger:innen in diesem Jahr 355 Wale getötet – und es gilt als unwahrscheinlich, dass am Ende mehr als 400 Wale gefangen werden. Die Branche wird zwar nicht müde, von "Nachhaltigkeit" und "Tradition" zu sprechen, doch der kommerzielle Walfang braucht letztendlich Abnehmer:innen – und diese werden zunehmend weniger.
Deshalb konzentriert sich ein Teil unserer Arbeit auf die Nachfrage: Wir untersuchen, wo das Walfleisch landet, hinterfragen die Werbung dafür bei Tourist:innen und sorgen dafür, dass die Menschen verstehen, was sie da eigentlich kaufen könnten.
Bedrohen Wale wirklich die norwegische Fischerei?
Ein weiteres Argument, das ich immer wieder höre, ist, dass Wale zu viele Fische fressen und daher gejagt werden müssen, um die norwegische Fischerei zu schützen. Das klingt einfach, aber die wissenschaftliche Realität ist komplexer.
Während der Walfang-Debatte räumte ein Vertreter des norwegischen Instituts für Meeresforschung ein, dass es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass Zwergwale die betreffenden Fischereien negativ beeinflussen. Ein anderer Vertreter der Fischerei sagte sogar, dass Fischer:innen selten auf Zwergwale treffen, sondern viel häufiger Buckelwale und Orcas sehen, und schlug bedauerlicherweise vor, auch diese Arten für den Walfang in Betracht zu ziehen.
Für mich hat dies etwas viel Größeres deutlich gemacht. Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass Wale Konkurrenten des Menschen seien, weil sie Fische fressen, die sonst von Menschen gefangen werden könnten. Dabei lernen wir zunehmend, wie wichtig Wale für gesunde, produktive und funktionierende Meeresökosysteme sind – und die Beweise lassen sich immer schwerer ignorieren.
Möchten Sie unsere Arbeit mit einer Spende unterstützen?
Ich habe auch mit norwegischen Wissenschaftler:innen über ihre Forschungen zur Rolle der Bartenwale beim Nährstoffkreislauf in norwegischen Gewässern gesprochen. Ihre Arbeit ist wichtig, denn wenn Norwegen sich auf die "Wissenschaft" beruft, um zu begründen, wie viele Wale getötet werden dürfen, muss es auch die ökologischen Folgen berücksichtigen, die der Entzug dieser Wale aus dem Ozean mit sich bringt. Wale verbrauchen nicht einfach nur Ressourcen: Sie sind Teil eines viel größeren Systems, das dazu beiträgt, Leben zu schaffen.
Die Fakten den Entscheidungsträger:innen vorlegen
Dank Ihrer Unterstützung konnten wir kürzlich unseren neuen Bericht erstellen, in dem untersucht wurde, was Norwegens eigene Daten über den kommerziellen Walfang aussagen. Auf der Arendalsuka konnten wir diese Ergebnisse direkt Politiker:innen mehrerer norwegischer Parteien vorlegen, darunter Vertreter:innen der Grünen, der Roten und der Liberalen Partei. Die daraus entstandenen Gespräche haben den Weg für einen weiteren Dialog geebnet.
Außerdem traf ich mich mit unseren Freund:innen von NOAH – Dyrs Rettigheter, um die gravierenden Tierschutzbedenken zu besprechen, die wir in den letzten Jahren dokumentiert haben. Besonders schrecklich ist das Leid der Wale, nachdem sie von einer explosiven Harpune getroffen wurden: Offizielle norwegische Daten belegen, dass unzählige Wale nicht sofort sterben, und unabhängige Filmaufnahmen zeigen, wie lange der Todeskampf dauern kann.
Wir haben darüber gesprochen, wie wir gemeinsam dafür sorgen können, dass diese Beweise die Menschen erreichen, die die Macht haben, Verbesserungen einzufordern – darunter als ersten Schritt die Wiedereinführung der "Blue Boxes" an Bord der Schiffe, die den Ablauf der Jagd überwachen. Vonseiten der Walfang-Industrie wird nach wie vor behauptet, der Walfang sei human. Deshalb ist es enorm wichtig, dass die Entscheidungsträger:innen sehen, was wirklich auf See geschieht.
Die Wahrheit in die Öffentlichkeit tragen
Einige meiner Lieblingsgespräche dieser Woche fanden außerhalb der politischen Debatten statt. Ich sprach mit Passant:innen über Wale und den Walfang. Vor allem einige der jüngeren Norweger:innen wussten nicht, wie die Realität des Walfangs aussieht und was während der Jagd wirklich mit einem Wal geschieht.
Viele zeigten Interesse, manche waren schockiert, andere verärgert. Das ist von enormer Bedeutung. Der Walfang wird international häufig als etwas dargestellt, das "Norwegen" unterstützt. Aber Norwegen spricht nicht mit einer Stimme.
Wir haben Umfragen durchgeführt, die gezeigt haben, dass der regelmäßige Verzehr von Walfleisch äußerst gering ist, insbesondere bei den jüngeren Generationen. Im persönlichen Gespräch wurde deutlich, wie wenig sich viele junge Norweger:innen mit dieser Industrie verbunden fühlen. Unsere Aufgabe ist es nun, diesen Stimmen Gehör zu verschaffen – und sie in die nationale Debatte über Norwegens künftiges Verhältnis zu Walen einzubeziehen.
Eine Bewegung für Wale ins Leben rufen
Unsere Reise endete nicht in Arendal. Wir reisten weiter nach Oslo, wo wir unsere Partner von "Megapop" trafen. Sie haben ein unglaubliches Spiel über die Unterwasserwelt entwickelt, um den Menschen den Ozean näherzubringen und ihnen zu verdeutlichen, welchen Einfluss wir Menschen auf ihn haben. Es war ein großer Kontrast zu den Diskussionen über Walfangdaten und den langwierigen Debatten über die Fischerei, aber es hat uns auch daran erinnert, was genau gebraucht wird: Menschen wie sie, die bereit sind, sich in Norwegen für die Wale einzusetzen.
Es gibt keine einzelne Maßnahme, die den norwegischen Walfang beenden würde. Wir brauchen Wissenschaftler:innen, die veraltete Annahmen hinterfragen, Politiker:innen, die schwierige Fragen stellen, Tourismusunternehmen, die den "Wert" lebender Wale aufzeigen, und eine Dokumentation der Jagden und der damit einhergehenden Tierschutz-Verstöße, die die Verantwortlichen erreicht. Und vor allem brauchen wir die Norweger:innen selbst, damit sie mitentscheiden können, wie das Verhältnis ihres Landes zu den Walen in Zukunft aussehen soll.
Keine Zukunft für den Walfang
Die Arendalsuka bot mir die Gelegenheit, an all diesen Fronten gleichzeitig zu arbeiten. Ich bin mir bewusst, dass Norwegen den Walfang nicht von heute auf morgen beenden wird. Es gibt nach wie vor politische und institutionelle Unterstützung für diese Industrie. Aber ich bin auch zu der Überzeugung gelangt, dass einige der Argumente, mit denen der Walfang verteidigt wird, immer schwerer aufrechtzuerhalten sind.
Wenn die Nachfrage nicht ausreicht, um die Fangquote zu erfüllen, wenn es keine Belege dafür gibt, dass Zwergwale der Fischerei schaden, wenn jüngere Generationen kein Interesse daran haben, Walfleisch zu essen, und wenn wir immer mehr darüber erfahren, wie wertvoll Wale für gesunde Ozeane sind – dann müssen wir immer wieder fragen: Warum werden sie in Norwegen dann immer noch getötet?
Das ist die Frage, die wir weiterhin Wissenschaftler:innen, Politiker:innen, Unternehmen und Gemeinden in ganz Norwegen stellen werden. Und dank Ihnen können wir dafür sorgen, dass es immer schwieriger wird, sie zu ignorieren.
Wir bleiben auf Kurs
Wir setzen uns weiterhin für den sogenannten "Wandel von innen" in Norwegen ein. Deshalb arbeiten wir mit gleichgesinnten Organisationen und Aktivist:innen in Norwegen zusammen, um die norwegische Bevölkerung davon zu überzeugen, den grausamen Jagden selbst ein Ende zu setzen. Durch die Teilnahme an Konferenzen wie dieser wollen wir zudem das öffentliche Bewusstsein und die Wertschätzung für Wale steigern und eine politische Veränderung von Entscheidungsträger:innen, Anwält:innen, Influencer:innen und engagierten Norweger:innen anstoßen, die mit uns eines Tages das Töten dieser schönen, intelligenten, fühlenden Wesen beenden.
*Jeglicher Handel mit Wal-Produkten, also auch Walfleisch, ist durch CITES, das "Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen" verboten. Norwegen sieht sich daran jedoch nicht gebunden, denn ähnlich wie bei der IWC können Länder Vorbehalte einlegen, die sie von den Handelsbeschränkungen durch CITES ausnehmen. Und tatsächlich hat Norwegen Vorbehalte gegen die von CITES verhängten Schutzmaßnahmen für fünf Walarten angemeldet – Finnwal, Seiwal, Pottwal, den Gewöhnlichen und Antarktischen Zwergwal. Diese Vorbehalte ermöglichen es Norwegen, mit Ländern wie Japan und Island Handel mit Walprodukten zu treiben, die dieselben Vorbehalte eingelegt haben. Auch mit nicht an CITES gebundenen Gebieten wie den Färöer-Inseln kann Norwegen so legal Walprodukte austauschen. Auf diese Weise ist es dem Land möglich, seine gesetzlichen Verpflichtungen zu umgehen und Walprodukte an seinen größten Kunden, Japan, zu exportieren.
Zahlen & Fakten..
... zum Walfang in Norwegen finden Sie auf unserer Themenseite.
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