Ungewisse Zukunft für ehemalige Show-Orcas in Frankreich – Hintergründe zum Fall „Marineland Antibes“
2017 entschloss sich die französische Regierung, Delfinarien gesetzlich zu verbieten und stieß ein Gesetzesvorhaben an, das sich über Jahre hinzog. Seit der endgültigen Verabschiedung dieses Gesetzes im Jahr 2021, das die Haltung von Walen und Delfinen in Frankreich ab 2026 verbietet, steht fest: Frankreich wird bis 2026 Delfinarien-frei sein. Dabei muss man allerdings im Hinterkopf behalten, dass der Gesetzestext einige Schlupflöcher und Interpretations-Spielräume bietet.
Zum damaligen Zeitpunkt wurden noch drei Delfinarien im Land betrieben: Park Astérix, Planète Sauvage und Marineland Antibes. Die Betreiber:innen des Park Astérix entschlossen sich noch im selben Jahr der Gesetzesverabschiedung, die Delfin-Haltung einzustellen und wieder als reiner Freizeitpark und nicht auf Kosten des Tierwohls zu wachsen. Planète Sauvage hält nach heutigem Stand noch elf Große Tümmler in Betonbecken und hat noch keine offiziellen Pläne für 2026 vorgelegt. Übrig bleibt Marineland Antibes mit seinen circa 4.000 Meerestieren, unter ihnen aktuell noch zwei Orcas und zwölf Große Tümmler. Der Park ist mittlerweile geschlossen, es wurde mehrfach erfolglos versucht, die Meeressäuger für viel Geld zu Zuchtzwecken nach Japan zu verkaufen – doch fangen wir von vorne an.
Orca-Historie des Parks
Der Meerespark Marineland Antibes öffnete 1970 seine Tore an der Côte d'Azur und kaufte dafür zwei wildgefangene Orcas – einen aus Kanada, der noch im selben Jahr starb, und einen aus den USA, der nur drei Jahre überlebte. Von 1976 bis 1990 erwarb der Park sechs weitere wildgefangene Orcas, diesmal aus Island. Über die Jahre wurden sechs Orcas im Marineland Antibes geboren. Unter ihnen auch Wikie, ihr älterer Bruder Inouk und ihre zwei Söhne Moana und Keijo. Diese vier Orcas befanden sich zum Zeitpunkt der Gesetzesverabschiedung 2021 noch im Park.
Gesellschaftlicher Wandel in Frankreich
Seit Jahren zeigt die Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über das Leid von Walen und Delfinen in Gefangenschaft große Wirkung in der französischen Gesellschaft: Die Einstellung zu Tierwohl und Tierschutz hat sich verändert. Daran hat die französischen Tierschutz-Organisation OneVoice, mit der wir über die NGO-Koalition Dolphinaria Free Europe (DFE) zusammenarbeiten, großen Anteil. So sanken innerhalb der letzten zehn Jahre die Besuchszahlen im Marineland rapide und das Gesetz fand breite Zustimmung in der Bevölkerung. Doch für Marineland, das die meisten Einnahmen wohl den Meeressäugern (Orcas, Delfinen, Seelöwen und Robben) in seinen Betonbecken zu verdanken hatte, bedeutete dies große finanzielle Einbußen.
Marinelands Pläne auf Kosten des Orca-Wohls
Nach der endgültigen Verabschiedung des Gesetzes 2021 stand für Marineland fest, dass die Großen Tümmler und Orcas abgegeben werden müssen – doch idealerweise mit Profit. Da in Asien ein regelrechter Delfinarien-Boom herrschte, hatte der Park bereits 2019/20 erfolglos versucht, die Orcas nach China zu verkaufen.
Während der nächsten drei Jahre wurde immer wieder über den schlechten Gesundheitszustand der vier Orcas und die mangelhaften Haltungsbedingungen berichtet. OneVoice reichte vor Gericht Beschwerde gegen diese Zustände ein und forderte unabhängige Gutachten zum Gesundheitszustand der Orcas und zur Infrastruktur des Parks ein.
Marineland versuchte, die Durchführung der Gutachten zu umgehen und schaute sich währenddessen nach japanischen Einrichtungen für die Meeressäuger um. Pläne, die verbliebenen Orcas in den japanischen Park "Kobe Suma SeaWorld" auszufliegen, das bis 2024 fertiggestellt werden sollte, wurden 2023 immer konkreter: Internationale Transportanträge für Wikie, Inouk, Moana und Keijo waren bereits gestellt. Aus Sicht der stark wachsenden japanischen Delfinarien-Industrie wäre es ein "Traum", die kleine Familie nach Japan zu bringen, sie auf zwei bis drei japanische Delfinarien aufzuteilen, um sie dann mit anderen Orcas zu verpaaren. Aus Sicht des Tierschutzes wäre solch eine Umsetzung eine Katastrophe! Abgesehen von den deutlich geringeren Tierschutzstandards in Asien würde die Trennung für alle vier Orcas, die für ihre starken sozialen Bindungen bekannt sind, eine traumatische Erfahrung sein. Doch so weit kam es zunächst nicht.
Gutachten werden nicht durchgeführt, weitere Orcas sterben
Am 17. Oktober 2023 starb der zwölfjährige Moana viel zu jung. Marineland ließ sich aber durch seinen Tod nicht von seinen Vorbereitungen abbringen und der Transport nach Japan im Januar 2024 wurde immer konkreter. In Vorbereitung auf die Reise wurde am 9. Januar 2024 ein umfangreicher "Stresstest" mit den Orcas durchgeführt: Dazu senkten die Mitarbeiter:innen den Wasserpegel im Becken auf ein Minimum ab und versuchten dann, die Orcas auf Tragen zu schieben, die auch während des Transports zum Einsatz kommen sollten.
Zu diesem Zeitpunkt war das von OneVoice eingeforderte, unabhängige Gutachten zur Gesundheit der Orcas, aufgrund von Moanas Tod, verschoben und letztlich nie durchgeführt worden. Am 16. Januar 2024 folgte eine erneute Anhörung von OneVoice durch das Gericht Grasse, das den Transport infolgedessen stoppte. Die offizielle Entscheidung: Die drei verbliebenen Orcas dürften solange nicht transportiert werden, bis unabhängige Expert:innen ihren Gesundheitszustand sowie die Haltungsbedingungen geprüft hätten und ein entsprechender Bericht vorliege. Dieser Prozess würde Monate beanspruchen, das war den Betreibern sofort klar. Marineland legte also Berufung ein, die nächste Anhörung sollte aber erst Ende 2024 stattfinden.
Am 28. März 2024 starb auch Inouk im Alter von 25 Jahren. Wikie und ihr Sohn Keijo drehen seither nur noch zu zweit ihre Kreise in den Betonbecken von Antibes.
Welche Optionen gibt es?
Im Laufe des Jahres 2024 wurden etliche Positionen, Berichte und Statements zwischen Regierung, Marineland und Tierschützer:innen ausgetauscht. Es kristallisierten sich drei Optionen heraus:
- Ein Meeresrefugium: Ein authentisches Meeresrefugium stellt die beste, artgerechteste Alternative für in Gefangenschaft geborene Wale und Delfine dar. Dort können sie sich in natürlicherer Umgebung bewegen, ihrem natürlichen Verhalten nachkommen und werden nicht mehr zu Unterhaltungszwecken ausgebeutet. Der Bau eines solchen Meeresrefugiums bedeutet jedoch intensive Planung, viel Zeit und Geld. In Nova Scotia, Kanada, steht mit dem „Whale Sanctuary Project“ bereits ein Refugium zur Verfügung und es würde wahrscheinlich nur wenige Monate dauern, es entsprechend auf die Ankunft von Wikie und Keijo vorzubereiten. Doch auch der Bau eines neuen Meeresrefugiums wäre eine Möglichkeit.
- Kobe Suma SeaWorld, Japan: In Japan sind die Tierschutzstandards deutlich schlechter als hier in Europa. Berichte und Videomaterial aus dieser Einrichtung zeigen deutlich, wie schlecht es den dort bereits lebenden zwei Orcas geht und wie fahrlässig mit der Gesundheit der Mitarbeiter:innen umgegangen wird: Die Orcas zeigen stereotypes Verhalten und die Trainer:innen führen gefährlichen Show-Einlagen mit den Orcas durch. Die Becken beinhalten gerade einmal ein Fünftel des Wasservolumens der Becken in Marineland.
- Loro Parque, Teneriffa, Spanien: Der spanische Vergnügungspark auf der Kanareninsel ist neben dem Marineland die einzige Einrichtung in Europa, die Orcas in Gefangenschaft hält. Allein seit 2021 sind auch hier vier Orcas gestorben; Ula, Skyla, Kohana und zuletzt Orca Keto im November 2024. Derzeit befinden sich noch drei Orcas im Loro Parque. Aus Sicht der Einrichtung wäre nach den vielen Todesfällen auch wieder mehr Platz für Neuzugänge, die idealerweise auch zur Zucht beitragen. Doch die Becken in Loro Parque sind ebenfalls kleiner als die in Antibes und auch mit einem Transport in diesen Park würde sich das Leidenskarussell für Wikie und Keijo nur weiterdrehen. Wenn die beiden auch noch zur Zucht eingesetzt würden, entstünde eine weitere Generation von Orcas in Europa, die ihr Leben lang für die Unterhaltungs-Industrie leiden muss.
Dass die japanische Einrichtung Kobe Suma die favorisierte Option von Marineland Antibes darstellt, überrascht nicht. Doch im Laufe der Gespräche kam ebenfalls ans Licht, dass 2023 nicht nur Transportanträge nach Japan gestellt, sondern auch ein Vertrag zwischen Kobe Suma SeaWorld und Marineland bezüglich der damals noch vier Orcas unterschrieben wurde. Aus diesem geht die klare Intention hervor, mit den Orcas – vor allem Wikie – züchten zu wollen. Dieser Vertrag besteht bis heute und erklärt die Beharrlichkeit Marinelands, die Orcas nach Japan zu transportieren.
Das Umweltministerium hat eine klare Präferenz: Teneriffa
Die Zusammenarbeit mit der Delfinarien-Industrie ist entscheidend, um die Gefangenschaftshaltung zu beenden und Meeresrefugien wie das Sea Life Trust Beluga Meeresrefugium zu etablieren. Dennoch hat Marineland bis heute alle Gespräche und Kooperationen mit NGOs abgelehnt.
Das französische Umweltministerium sieht den Loro Parque als pragmatische Lösung für die Orcas, da dort zumindest weiterhin europäische Tierschutzstandards gälten. Die Meeressäuger in ein Refugium umzusiedeln, steht für das Ministerium erst an zweiter Stelle. Im November 2024 verkündete die Umweltministerin Agnès Pannier-Runacher, dass sie und damit die französische Regierung sich aufgrund der Tierschutzstandards in Japan gegen einen Transport nach Asien aussprechen. Diese Entscheidung stand kurzzeitig im Dezember 2024 jedoch wieder auf der Kippe, als aufgrund der politischen Lage Frankreichs unter anderem ein neuer Umweltminister oder eine Umweltministerin an Pannier-Runachers Stelle ernannt werden sollte. Doch sie blieb im Amt, womit Japan aus Sicht der Regierung keine Option mehr ist. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass der Loro Parque weiterhin als die beste Lösung gesehen wird.
Das Umweltministerium beauftragte 2024 zusätzlich einen unabhängigen Experten, um alle Optionen zu evaluieren. Im Oktober legte dieser seine Beurteilung vor. Das Whale Sanctuary Projekt sei die beste Option und auch im Sinne des 2021 erlassenen Gesetzes. Es bürge ein gewisses Risiko, da es noch ein recht neues Konzept sei, erfülle aber zudem die Kriterien der technischen Qualität, zeitlichen Durchführbarkeit und finanziellen Nachhaltigkeit.
WDC lässt nicht locker
WDC hat sich mit vielen anderen Tierschutz-Organisationen weltweit zusammengetan, um mit einer klaren, starken Botschaft aufzutreten. Wir unterstützen die Empfehlung des unabhängigen Experten, die Orcas in ein Meeresrefugium umzusiedeln. Weder Kobe Suma SeaWorld noch der Loro Parque können eine gesundheitsfördernde Zukunft für die Orcas sicherstellen und sollten im Sinne des 2021 verabschiedeten Gesetzes zur Verbesserung der Tierschutzstandards als Optionen verworfen werden. Wir wandten uns daher im Laufe des Jahres 2024 mehrfach an das französische Umweltministerium. Dass die Ministerin sich gegen den Transport nach Japan ausgesprochen hat, sehen wir als Teilerfolg. Im Dezember 2024 unterzeichnete WDC zwei weitere Briefe, in denen das Ministerium erneut aufgefordert wurde, auch den Loro Parque als Option auszuschließen. Die Geschichte der Orca-Haltung dort, geprägt von Verhaltensauffälligkeiten, tödlichen Unfällen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Individuen, zeigt deutlich, dass der Park keine geeignete Lösung für Wikie und Keijo ist.
Marineland verfolgt weiterhin sein Ziel: Japan
Am 23. November 2024 beantragte Marineland beim Umweltministerium eine explizite Genehmigung für den Export von Wikie und Keijo ins Kobe Suma SeaWorld nach Japan – obwohl das Transportverbot, das Anfang des Jahres aufgrund der fehlendenden Gutachten erlassen wurde, noch nicht aufgehoben war. Womöglich erhofften sich die Betreiber durch den nun offengelegten Vertrag zwischen den zwei Einrichtungen ein Einlenken des Ministeriums. Damit hatte der Park jedoch keinen Erfolg.
Am 5. Dezember 2024 sollte die Entscheidung anlässlich des Berufungsverfahren von Marineland in Bezug auf das Transportverbot fallen. Einen Tag zuvor, am 4. Dezember, kündigte Marineland in einer Pressemeldung an, den Meerespark zum 5. Januar 2025 zu schließen. Damit sollte vermutlich versucht werden, die Entscheidung des Gerichts zu Gunsten von Marineland zu beeinflussen, was einen schnellen Transport nach Japan ermöglichen könnte. Der Vertrag zwischen Kobe Suma und Marineland bestand ja weiterhin.
Doch auch dieser Plan ging nicht auf: Das Gericht entschied auch am 5. Dezember 2024, dass kein Transport der Orcas stattfinden darf, bevor die unabhängigen Gutachten zur Gesundheit von Wikie und Keijo abgeschlossen seien und der zugehörige Bericht vorliege.
Stand Januar 2025: Marineland Antibes schließt
Wie angekündigt, schloss Marineland Antibes am 5. Januar 2025 nach 54 Jahren für immer seine Tore an der Côte d'Azur. Die Seelöwen und Robben des Parks sollen auf verschiedene Einrichtungen in Europa und China verteilt werden. Doch die Frage, wohin die verbleibenden zwölf Großen Tümmler und zwei Orcas in Zukunft leben sollen, bleibt weiterhin unbeantwortet. Der Meerespark ist trotz Schließung und somit fehlenden Einnahmen weiterhin in der Verantwortung, die Meeressäuger bestmöglich zu versorgen.
Zusammen mit unseren Partner-Organisationen werden wir uns auch weiterhin dafür einsetzen, dass Frankreich im Sinne des 2021 erlassenen Gesetzes handelt – mit dem Ziel, das Tierwohl zu verbessern. Frankreich könnte als erstes europäisches Land ehemals gefangenen Orcas die Möglichkeit bieten, ein gesünderes, erfüllteres Leben fernab der Betonbecken in einem Meeresrefugium zu verbringen. Die einzige richtige Entscheidung, wenn man das Wohlergehen von Wikie und Keijo ernsthaft berücksichtigen möchte.
*** Update vom 20. Januar 2025: Das kanadische Refugium ist keine Option mehr ***
Das französische Ministerium gab bekannt, dass sie das Whale Sanctuary Project für Wikie und Keijo nicht mehr in Erwägung zieht. Somit ignoriert die Regierung auch die Beurteilung des von ihr selbst beauftragten unabhängigen Experten, der das Meeresrefugium als beste Option sah. Die Regierung begründet dies mit der zeitlichen Frist, die Marineland sich selbst gesetzt hat, um ihre Orcas unterzubringen. WDC kritisiert dieses Vorgehen scharf, denn das französische Gesetz setzte eine Frist bis Ende 2026 – und gewährte damit mehr als genug Zeit für einen potenziellen Transfer der Orcas in das Meeresrefugium. Außerdem hatte das Ministerium ein paar Bedenken geäußert, die aber zu keinem Zeitpunkt mit dem Whale Sanctuary Project besprochen wurden, um sie gemeinsam aus dem Weg zu räumen. Derzeit scheint der Loro Parque auf Teneriffa leider eine sehr realistische Zukunft für Wikie und Keijo zu sein.
*** Update vom 09. April 2025: Gutachten liegt vor ***
Am 7. April wurde das gerichtlich angeforderte, unabhängige Gutachten veröffentlicht. Damit dürfen die Orcas nun legal transportiert werden.
*** Update vom 14. April 2025 ***
Spanien blockiert Transport von Orcas und Delfinen aus Frankreich. Mehr dazu
*** Update vom 16. Juli 2025 ***
Die Orcas und Delfine befinden sich noch immer im geschlossenen Marineland Antibes. WDC ruft zum Appell an die französische Regierung auf. Mehr dazu
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Hallo, und bis jetzt leider nicht passiert.
Sehr schade die Wallen.