Zurück in Japan – Teil 2: Auf den Spuren der Wissenschaft
Nachdem ich in Okinawa schon einiges über die lokale Wal-Forschung lernen konnte, traf ich mich nach meiner Rückkehr nach Osaka noch mit einer britischen Forscherin, die seit einigen Jahren Pazifische Weißstreifendelfine in der Mutsu-Bucht im Norden Japans erforscht.
Leanne Rosser kommt ursprünglich aus dem Nordwesten Englands, hat jedoch inzwischen insgesamt schon einige Jahre in Japan verbracht – zuerst als Englisch-Lehrerin und seit fast zehn Jahren als Delfin-Forscherin. Immer wieder reist sie im Frühjahr in den Norden Japans, um die Pazifischen Weißstreifendelfine zu beobachten und wertvolle Daten über ihre Gesundheit und ihr Verhalten zu dokumentieren.
Im Vorfeld meiner diesjährigen Reise nach Japan wurde ich über eine Fachgruppe auf einen Vortrag über Weißstreifendelfine an der Mie-Universität aufmerksam, den man online verfolgen konnte. Ich wollte unbedingt mehr über Forschung an Walen und Delfinen in Japan erfahren und war außerdem neugierig, welche Art von Wissenschaft an der Mie-Universität durchgeführt wird, da ich diese Universität vor vielen Jahren im Rahmen meines Japanologie-Studiums selbst für einige Wochen besucht hatte. Unter den Redner:innen des Vortrags war Leanne Rosser, eine Wissenschaftlerin aus England, mit der ich einige Jahre zuvor bereits in Kontakt gewesen war. Aktuell promoviert sie an der Mie-Universität und untersucht dabei den Gesundheitszustand der Pazifischen Weißstreifendelfine, die sich jedes Jahr zwischen April und Juni in der Mutsu-Bucht im äußersten Norden Japans aufhalten.
Ich habe mich mit Leanne getroffen, um mehr über ihre Arbeit und Delfin-Forschung in Japan zu erfahren.
Katrin: Wozu forschst du hier in Japan im Rahmen deiner Doktorarbeit genau?
Leanne: Meine Doktorarbeit befasst sich mit dem Gesundheitszustand der pazifischen Weißseitendelfine, die auf ihrer jährlichen Wanderung von April bis Juni die Mutsu-Bucht in Nordjapan besuchen. Ich gehöre zu einem Forschungsteam (Mutsu Bay Dolphin Research), das seit 2016 Fotodaten über diese erstaunlich wenig untersuchten Delfine gesammelt hat. Auf diese Weise konnte ich einen Foto-ID-Katalog aller einzelnen Delfine erstellen. Anhand von Einkerbungen und Markierungen auf den Rückenflossen lässt sich nachvollziehen, welche Delfine in die Bucht zurückkehren, wie lange sie bleiben und welche sozialen Bindungen zwischen den Individuen bestehen. Insgesamt wurden bisher über 800 Delfine identifiziert! Neben der Bewertung ihrer Standorttreue untersuche ich auch die Auswirkungen der durch Menschen verursachten Verletzungen und möchte mit Hilfe mit "environmental DNA" oder eDNA [Anmerkung: Dabei wird zum Beispiel Meerwasser auf DNA-Spuren untersucht.] feststellen, zu welcher Population diese Delfine gehören. In den japanischen Küstengewässern wurden bereits zwei Populationen durch genetische und morphologische Studien identifiziert (Suzuki et al., 2023), und es ist wichtig für uns zu wissen, zu welcher Population die Delfine in der Mutsu-Bucht gehören, um ihre Wanderungsmuster besser zu verstehen, ihren Populations-Status zu bewerten und Erhaltungsmaßnahmen durchzuführen.
Katrin: Wie bist du überhaupt dazu gekommen, hier in Japan Delfine zu erforschen?
Leanne: Ich bin 2016 zum ersten Mal nach Japan gezogen, kurz nachdem ich als Forschungspraktikantin bei der Sea Watch Foundation die Großen Tümmler in der Cardigan Bay in Wales untersucht hatte. Ich arbeitete als Englischlehrerin in Osaka, aber nach dem Praktikum war ich davon überzeugt, dass die Delfinforschung meine Berufung war, und so kontaktierte ich so viele Menschen aus dem Bereich der Meeresbiologie, wie ich in Japan finden konnte. Da ich jedoch einen Bachelor-Abschluss in englischer Literatur hatte und mein Japanisch zu dieser Zeit kaum vorhanden war, hatte ich zunächst nicht viel Erfolg. Doch als ich sechs Monate dort lebte, antwortete ein Professor der Kindai-Universität auf meine E-Mail und mein Leben veränderte sich: Ich begann als freiwillige Forschungsassistentin zu arbeiten und analysierte das Verhalten der Großen Tümmler im Indopazifik, die in den Gewässern um Mikura Island leben, einer Vulkaninsel etwa 200 Kilometer südlich von Tokio.
"Flipper rubbing" ist ein soziales Verhalten, bei dem sich Delfine mit ihren Brustflossen aneinander reiben. Man nimmt an, dass es die sozialen Bindungen stärkt, Spannungen nach Aggressionen abbaut und möglicherweise auch hygienische Vorteile hat. Ich wurde im Kindai-Labor willkommen geheißen und durfte das Leben an einer japanischen Universität kennen lernen, was mir weitere Türen öffnete. Ich konnte an Untersuchungen von Schweinswalen in der Bucht von Osaka teilnehmen und mit den Student:innen Exkursionen unternehmen.
Eine dieser Reisen im Jahr 2018 führte mich mit meinem jetzigen Doktorvater nach Mutsu Bay. Dort trafen wir den Gründer des späteren Mutsu Bay Dolphin Research-Projekts – und ich sah zum ersten Mal Pazifische Weißstreifendelfine... das war Liebe auf den ersten Blick! Im Jahr 2020 lebte ich für sechs Monate in einem kleinen Fischerdorf in der Bucht, wo das Forschungsprojekt fortgeführt wurde. Ich arbeitete an unserer Foto-ID-Studie sowie an einer Forschungsarbeit über einen möglichen Kindstötungsversuch, den wir beobachtet hatten und den wir später veröffentlichten. Um promovieren zu können, musste ich eine wissenschaftliche Qualifikation erwerben, also kehrte ich nach Großbritannien zurück, um an der Universität Bangor meinen Master in Meeresbiologie zu machen. Danach konnte ich mich um ein von der japanischen Regierung finanziertes MEXT-Stipendium bewerben, um meine geliebten Pazifischen Weißstreifendelfine weiter zu erforschen – und hier bin ich nun.
Katrin: Unterscheidet sich die Art und Weise, wie Delfinforschung in Großbritannien betrieben wird, von der in Japan?
Leanne: In Großbritannien gibt es viele großartige Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Walbeobachtungsunternehmen, die Langzeitstudien durchführen. Daraus kann man sehr viel über die Individuen lernen und Veränderungen im Laufe der Zeit beobachten. In Japan gibt es nur wenige Langzeit-Daten über wild lebende Wale und Delfine und Delfine, sodass es weniger Möglichkeiten gibt, auf jahrelanger Arbeit aufzubauen. Die zahlreichen Citizen-Science-Projekte in Großbritannien, bei denen die Öffentlichkeit den NGOs ihre Wal- und Delfinsichtungen mitteilen kann, liefern unschätzbar wertvolle Daten. Citizen-Science-Projekte, die sich derzeit vor allem mit dem Östlichen Glattschweinswal befassen, beginnen, sich an einigen Orten in Japan zu etablieren. Ich glaube, dass sich diese Initiativen in Zukunft ausweiten werden, was für das Verständnis der Wanderungsbewegungen und der Standorttreue von großem Nutzen sein wird. Es wäre großartig, wenn sich die japanische Öffentlichkeit mehr für die Beobachtung von Walen und Delfinen zu Forschungszwecken engagieren würde, denn das Interesse daran ist definitiv vorhanden. Meine Arbeit in Nordjapan hat mir gezeigt, welches Potenzial in diesem Bereich steckt. Die örtliche Grundschule, mit der wir zusammenarbeiten, dokumentiert seit vielen Jahren die Delfin-Sichtungen in der Mutsu-Bucht – ihr Enthusiasmus und ihr Stolz sind ansteckend. Wenn ein solcher Ansatz und eine solche Einstellung landesweit in den Küstengemeinden gefördert würden, könnte hier echtes Potenzial für bürgerschaftliches Engagement entstehen. Meiner Erfahrung nach gibt es in Großbritannien auch mehr Menschen, die einen Beruf in diesem Bereich anstreben, während in Japan viele Student:innen nach Abschluss ihres Studiums eine ganz andere Laufbahn einschlagen, was möglicherweise auf die Unterschiede im Bildungssystem sowie die relativ begrenzten Beschäftigungsmöglichkeiten in diesem Bereich zurückzuführen ist. Großbritannien konzentriert sich viel stärker auf Forschung, die für den Naturschutz genutzt werden kann, während Japan in dieser Hinsicht noch etwas hinterherhinkt, obwohl sich das hoffentlich mit der Förderung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ("Sustainable Development Goals" oder SDGs) ändern wird.
Katrin: Welche Art von Forschung zu Walen und Delfinen wird in Japan so gemacht? Und gibt es für die Studien, die durchgeführt werden, bestimmte Verwendungszwecke oder Anlässe?
Leanne: Es wird eine Menge großartiger Arbeit geleistet! Am meisten erforscht werden wahrscheinlich die Großen Tümmler rund um Mikura Island, wo Forscher:innen an Schnorchelausflügen teilnehmen und Unterwasservideos aufzeichnen, um das Sozialverhalten, die Nahrungssuche, die elterliche Fürsorge und andere einzigartige Beobachtungen sowie genetische Daten aus Kotproben zu untersuchen. Damit können Alter, Familienbeziehungen und Ernährungsgewohnheiten bestimmt werden. Eine seltene Adoption wurde in der Nähe von Mikura beobachtet, als ein nicht verwandtes Delfinweibchen, das noch nie Mutter war, ein Junges säugte und adoptierte, dessen Mutter sich in einem Fischernetz verfangen hatte. Die Ogasawara Whale Watching Association ist eine weitere Gruppe, die Langzeitdaten über Buckel- und Pottwale sowie Große Tümmler und Ostpazifische Delfine sammelt. Auf Okinawa befinden sich die Brutgebiete der Buckelwale und in diesem Jahr wurde eine wirklich interessante Gemeinschaftsstudie über die Komplexität und Entwicklung des Gesangs der Buckelwale veröffentlicht. Es gibt auch Forschungsgruppen, die sich mit Schwertwalen vor Hokkaido befassen.
Katrin: Du hast mir erzählt, dass die meiste Forschung zu Walen und Delfinen jedoch an in Gefangenschaft gehaltenen Individuen durchgeführt wird. Warum ist das so? Denn in den Gewässern um Japan sind ja viele Spezies zuhause – eigentlich eine tolle Voraussetzung für Feldforschung, oder?
Leanne: Im Gegensatz zum Vereinigten Königreich gibt es in Japan viele Aquarien, in denen Wale und Delfine gehalten werden – und sie sind sehr beliebt. Auch wenn ich selbst nicht mit der Forschung in Gefangenschaft einverstanden bin, bieten sie doch eine leicht zugängliche Möglichkeit, Tiere zu studieren, insbesondere für Studien, die in offenen Gewässern nur schwer durchzuführen wären. Genau wie in anderen Ländern, in denen es Delfinarien gibt, kommen viele Japaner:innen dort zum ersten Mal mit Walen und Delfinen in Berührung – und das ist oft der Auslöser, Meeresbiologie zu studieren. Es gibt viele Student:innen, die Wale und Delfine in freier Wildbahn studieren möchten, aber die Möglichkeiten, sich diesen Wunsch zu erfüllen, sind im Allgemeinen begrenzter, da die Studiengebiete oft in abgelegenen Regionen Japans liegen und die Kosten für Boote in der Regel sehr hoch sind. Obwohl die Wal- und Delfinbeobachtung in Japan etwas ausgeweitet wurde, gibt es noch viel mehr ungenutzte Möglichkeiten im ganzen Land, die Forschenden eine Plattform bieten könnten, um Daten zu sammeln und langfristige Projekte zu starten. Es wäre von Vorteil, diese Anbieter bekannter zu machen, denn die Japaner:innen, mit denen ich spreche, wissen oft nicht, dass es Möglichkeiten zur Wal- und Delfinbeobachtung gibt. Walbeobachtung in freier Wildbahn generiert in der Öffentlichkeit im Allgemeinen weniger Aufmerksamkeit und Interesse als Aquarien. Die weißen Orcas, die vor Hokkaido beobachtet wurden, sorgten in den japanischen Nachrichten für Aufsehen, obwohl die Walbeobachtung in diesem Gebiet, so würde ich sagen, in Japan und weltweit bereits am bekanntesten ist.
Katrin: Inwieweit wären mehr Forschung und Studien an Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum ganz allgemein für japanische Wissenschaftler:innen und Japan als Land nützlich?
Leanne: In der wissenschaftlichen Gemeinschaft gibt es bereits viele anerkannte Studien über Wildtiere in Japan. Natürlich besteht noch viel Potenzial für die Durchführung weiterer langfristiger Studien – vorausgesetzt, es stehen die nötigen Mittel zur Verfügung und das Interesse wächst. Es gibt so viele Wissenslücken über verschiedene Wal- und Delfinarten in Japan, die auf einen Mangel an Daten zurückzuführen sind und Japans Meere würden durch den Schutz dieser Top-Prädatoren profitieren. Ich habe die faszinierenden Rundkopfdelfine vor vielen Jahren bei einer Walbeobachtungstour vor Wakayama beobachtet, aber es scheint nur wenige Informationen über ihre Verbreitung rund um Japan zu geben – stattdessen existieren nur Studien über in Gefangenschaft lebende Rundkopfdelfine. Es wäre eine großartige Gelegenheit, die Arbeit an einer wenig erforschten Art wie dieser fortzusetzen. Natürlich werden nicht alle in Japan durchgeführten Forschungsarbeiten in englischer Sprache veröffentlicht, sodass einige kleinere Studien möglicherweise unbemerkt bleiben, weil sie nur in japanischen Fachzeitschriften erscheinen. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen aus anderen Ländern ist immer wichtig, solange die Forschung von japanischen Gruppen geleitet wird, um den Austausch der Länder untereinander und die Walforschung in Japan zu fördern.
Katrin: Was wäre notwendig, um die Delfin-Forschung in Japan weiter auszudehnen und dabei die Bedingungen für Wissenschaftler:innen und die Delfine zu verbessern?
Leanne: Wie überall auf der Welt gibt es nicht genügend Mittel für Projekte, und in Japan ist das Interesse an wild lebenden Walen und Delfinen geringer als in Großbritannien, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass es weniger auf Wale und Delfine spezialisierte NGOs und weniger Bürgerwissenschafts-Initiativen gibt. Es wäre schön, wenn mehr Geld in langfristige Forschungsprojekte in Japan investiert würde. Dazu ist es meiner Meinung nach wichtig, dass unglaublich vielfältige Vorkommen von Walen und Delfinen in japanischen Gewässern bekannter zu machen, um mehr Interesse an ihnen zu wecken und die Küstengemeinden zu erreichen. Unser Team hält Vorträge an örtlichen Universitäten, Schulen und Gemeindezentren, um das erstaunliche Leben der von uns untersuchten Arten vorzustellen und so das Interesse vor allem der jüngeren Generationen zu wecken. Über viele verschiedene Arten, die in japanischen Gewässern leben, ist nicht genug bekannt; neue Forschungsgebiete müssen identifiziert werden, die sich als Standorte für Langzeitstudien eignen. Mit den Anfängen von Bürgerforschungsprogrammen in Japan hoffe ich, dass noch viel mehr Forschung betrieben werden kann!
Das Gespräch mit Leanne hat mich sehr inspiriert und begeistert. Meine Zeit zuvor in Okinawa war doch nicht nur mit einer Blase zu vergleichen, in der sich Japaner:innen passioniert der Wal- und Delfinforschung sowie dem Schutz der faszinierenden Meeressäuger widmeten. Überall in Japan scheint es Wissenschaftler:innen zu geben, deren Herz ganz genauso schlägt wie das der Menschen, die ich im Süden des Landes kennengelernt habe
Japan bietet fantastische Bedingungen, um viele Wal- und Delfinarten im Meer zu erforschen und so völlig unverfälschte, natürliche Verhaltensweisen und Bedingungen zu dokumentieren, die uns mehr über die intelligenten Meeressäuger verraten und uns dabei helfen können, sie und ihren Lebensraum besser zu schützen. Ich bin sehr froh über die neuen Kontakte und die vielen neuen Dinge, die ich von dieser Reise wieder mit nach Hause nehmen durfte, denn so verstehen wir noch einmal besser, welche Potenziale und Herausforderungen es auf diesem Gebiet aktuell gibt und können uns zielgerichteter für Verbesserungen und Weiterentwicklung einsetzen.
Weitere Blogs meiner zweiten Japan-Reihe:
Zurück in Japan – Teil 1: Bei den Buckelwalen in Okinawa
Zurück in Japan – Teil 2: Auf den Spuren der Wissenschaft
Zurück in Japan – Teil 3: Japan auf dem Weg zu mehr Meeresschutz?
Zurück in Japan – Teil 4: Gemeinsamer Einsatz für Buckelwale in Japan
Folgen Sie WDC auf Social Media!
Folgen Sie WDC auf Social Media!
Mehr Nachrichten
Lesen Sie weitere News und Blogs aus der Welt der Wale und Delfine.
Zoo Beauval verwirft Pläne für ein neues Delfinarium in Frankreich
Ungewisse Zukunft für Norwegens Walfang?
Delfine setzen auch an der Ostküste Australiens Muscheln zur Jagd ein
Beifang von Schweinswalen: Wo Deutschland nachbessern muss
„Beneath the surface“: Neuer WDC-Bericht enthüllt das Leid der Wale in Norwegen
Belgien bestätigt Aus für Delfinarien bis 2037
