Gemeinsamer Einsatz für Buckelwale in Japan
Jedes Jahr zwischen Dezember und März besuchen die Buckelwale die Gewässer in Okinawa, um sich fortzupflanzen oder um ihren Nachwuchs zu gebären und auf die lange Rückreise in die Nahrungsgebiete in der Arktis vorzubereiten. Diese Population ist nur um die 700 bis 1000 Individuen groß und liegt vielen Menschen in Okinawa sehr am Herzen. Seit vielen Jahren organisiert die Churashima Ocean Stiftung deshalb das jährliche Buckelwal-Symposium, bei dem Vertreter:innen aus der Walbeobachtungs-Industrie, Tourismus, Politik und Wissenschaft zusammenkommen. Dieses Jahr war auch WDC mit dabei.
Erst im Februar dieses Jahres war ich zum ersten Mal in Okinawa und hatte das Vergnügen, dort Nozomi Kobayashi, Wissenschaftlerin bei der Churashima Ocean Stiftung, und durch sie viele Personen aus dem lokalen Walbeobachtungs-Gewerbe kennenzulernen. Ich durfte einige Anbieter auf ihre Ausfahrten begleiten, um mir einen eigenen Eindruck davon zu verschaffen, wie Wal-freundliches Whale Watching vor Ort umgesetzt wird. Die Crew stand mir Rede und Antwort und bei gemeinsamen Abendessen vertieften wir unsere Unterhaltungen über die Wale und die Bedeutung, die sie in Japan, aber insbesondere für die Menschen in Okinawa haben. Die Hingabe, mit der die Menschen über "ihre" Buckelwale sprachen und ihr Engagement für Schutzmaßnahmen berührten mich sehr und hinterließen einen bleibenden Eindruck.
Schnellfähren bedrohen Buckelwale
Während dieser Reise erfuhr ich auch von den Plänen der Firma Kuma Ocean Jet, die zwei Routen für Schnellfähren genau durch das für die Buckelwale so bedeutende Fortpflanzungsgebiet etablieren will. Zusammen mit Vertreter:innen der lokalen Walbeobachtungs-Verbände, japanischen und internationalen Wissenschaftler:innen und der Presse setzten wir uns dafür ein, dass das Vorhaben höchstens unter Einhaltung diverser Schutzmaßnahmen genehmigt werden darf. Die Zusammenarbeit war sehr positiv und schweißte uns auch enger zusammen. Es war schön, dass sich WDC bereits so kurz nach unserem Kennenlernen als engagierter Unterstützer beweisen durfte.
Vielleicht wurde ich genau deswegen von Nozomi zum diesjährigen Buckelwal-Symposium eingeladen. Wie jedes Jahr kamen in Naha, der Hauptstadt der Präfektur Okinawa, diverse Interessensvertreter:innen zusammen - beinahe hundert Personen nahmen an der Veranstaltung teil. Besonders war, dass das Event im Vergleich zu den Vorjahren in zwei Teile aufgeteilt war: Die erste Tageshälfte bestand aus diversen Vorträgen, die zweite war in einem Workshop-Format organisiert, bei der die Teilnehmerschaft in gemischte Gruppen um die zehn Personen aufgeteilt wurde, um gemeinsam konkrete Fragestellungen zu bearbeiten.
Wal-Mütter und ihr Nachwuchs im Fokus
In den diversen Vorträgen wurden unter anderem über die Arbeitsweise und Regularien diverser Verbände in Okinawa und den Walbeobachtungs-Tourismus in Hokkaido, der großen Insel im Norden Japans, berichtet. Auch unser ehemaliger Kollege Fabian Ritter war unter den Redner:innen: Er hielt einen Vortrag über das hohe Kollisionsrisiko zwischen Schnellfähren und Walen und stellte dazu viele Fälle aus den Kanarischen Inseln vor. Eifrig schrieb ich mir Notizen in mein Heft, während Stephanie Stack, Wissenschaftlerin bei der Pacific Whale Foundation und Doktorandin an der Griffith Universität in Australien, in ihrem Vortrag über den Energiehaushalt schwangerer oder säugender Buckelwal-Mütter sowie den der Buckelwal-Babys im ersten Lebensjahr referierte. Sie erläuterte eindringlich, wie kritisch Ruhezeiten für Wal-Mütter und ihren Nachwuchs sind und wies auf die Risiken hin, die in Zusammenhang mit nicht nachhaltigen Walbeobachtungs-Aktivitäten, insbesondere aber durch "Schwimmen mit Walen"-Angebote für die hoch empfindlichen Mutter-Kind-Paare entstehen können.
Dieser Aspekt sollte schließlich das zentrale Thema der gesamten Veranstaltung sein. Bereits am Vorabend des Events erfuhr ich bei einem gemeinsamen Abendessen mit einigen der Verbandsleiter:innen, dass es zwischen den verschiedenen Verbänden sehr unterschiedliche Haltungen in Bezug auf "Schwimmen mit Walen" gibt. Diejenigen, die dies anboten, fühlten sich zu Unrecht stigmatisiert - als würden Walbeobachtungs-Touren keinerlei negative Auswirkungen auf Wale haben, aber gemeinsames Schwimmen mit den Meeressäugern unter jeglichem Umstand schädliche Folgen nach sich ziehen. Auf der anderen Seite argumentierte die Gegenseite, dass insbesondere Mutter-Kind-Paare beim "Schwimmen mit Walen" aufgesucht werden. Die Störung durch die Anwesenheit der Schwimmenden sorgt dafür, dass Ruhe- und Säugezeiten verkürzt werden. Das kostet wertvolle Energie, ebenso wie das Davonschwimmen, wenn die Wale die Begegnung vermeiden wollen. Darüber hinaus besteht auch Sorge um die Sicherheit der Schwimmer:innen - Wale bleiben große, kraftvolle Lebewesen, die dem Menschen sehr gefährlich werden können. Weltweit gab es bereits einige Vorfälle, bei denen Schwimmende schwer verletzt wurden. Manchmal versehentlich, manchmal aber auch gezielt bei dem Versuch einer Wal-Mutter, ihren Nachwuchs zu beschützen.
Mehr Zusammenarbeit für mehr Wal-Schutz
Die Frage, wie man Wal-Mütter und ihren Nachwuchs besser vor negativen Einflüssen bewahren kann, war auch eine der beiden Kernfragen, die in der zweiten Tageshälfte in Kleingruppen bearbeitet wurde. Trotz der Differenzen empfand ich den Austausch als sehr konstruktiv und war positiv überrascht über die vielen guten Ideen und Ansätze, die die verschiedenen Gruppen im Anschluss vorstellten. Außerdem wurde auch diskutiert, wie die unterschiedlichen Verbände enger zusammenarbeiten und sich besser auf einer gemeinschaftlichen Basis organisieren können. Die Vision ist, eine Art Dachverband zu gründen, unter dem alle regionalen Verbände organisiert sind – mit den gleichen Regeln und einem ganzheitlichen Ansatz, der florierenden Tourismus und den Schutz der Wale in Okinawa vereint.
Am Folgetag traf ich mich mit der Leitung des Walbeobachtungs-Verbandes auf Zamami. Wir hatten uns bereits im Februar kennengelernt und uns intensiv über die Standards und Vorgehensweisen bei Walbeobachtungen um die Insel Zamami, beziehungsweise im Kerama-Nationalpark ausgetauscht. Ich wollte mehr darüber erfahren, wie wir bei WDC die lokalen Schutzbemühungen für Buckelwale unterstützen und dazu beitragen können, dass die Gäste der Walbeobachtungs-Touren möglichst viel aus ihrem Erlebnis mitnehmen.
Unsere Mission: Der Wandel von innen
Denn unser Ziel ist es, dass Wale und Delfine in Japan den bestmöglichen Schutz genießen. Eine der Grundvoraussetzungen dafür ist, dass die Menschen eine positive Verbindung zu den Meeressäugern entwickeln und besser verstehen, warum ihr Schutz so wichtig ist. Je mehr Japaner:innen wir für den Schutz der Wale und Delfine begeistern können, desto mehr Rückhalt wird es aus der Gesellschaft für Forderungen nach besseren Schutzmaßnahmen, dem Ende des kommerziellen Walfangs oder der Delfin-Jagden geben.
Wie auch bei meiner letzten Begegnung mit den Menschen in Okinawa, wurde ich auch dieses Mal offen und freundlich empfangen. Die Unterhaltungen mit diversen Personen, egal ob aus der Wissenschaft, dem Walbeobachtungsgeschäft oder der lokalen Community, bestärken mich in unserem Ansatz. Denn sie würdigen die respektvolle und verständnisvolle Haltung, die wir gegenüber der japanischen Kultur zeigen. Belohnt wird dies mit viel Zugewandtheit, Vertrauen und Anerkennung – Dinge, die für mich alles andere als selbstverständlich sind und mich gleichermaßen dankbar und freudig stimmen. Denn nur gemeinsam können wir etwas für die Wale und Delfine in Japan bewegen. Und ich kann an dieser Stelle schon verraten: Wir haben bereits viele tolle Ideen, wie wir in Zukunft noch enger gemeinsam daran arbeiten wollen.
Weitere Blogs meiner zweiten Japan-Reihe:
Zurück in Japan – Teil 1: Bei den Buckelwalen in Okinawa
Zurück in Japan – Teil 2: Auf den Spuren der Wissenschaft
Zurück in Japan – Teil 3: Japan auf dem Weg zu mehr Meeresschutz?
Zurück in Japan – Teil 4: Gemeinsamer Einsatz für Buckelwale in Japan
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