Zurück in Japan – Teil 1: Bei den Buckelwalen in Okinawa
Bei Japan und Walen denken die meisten direkt an Walfang und die Delfin-Jagden in Taiji. Dabei wird oft vergessen, dass diese nur von einer Minderheit in Japan aktiv unterstützt werden und die meisten Japaner:innen Wale und Delfine genauso faszinierend und toll finden, wie viele andere auf der Welt. Das ist auch einer der Gründe, warum Japan weltweit auf Platz zwei steht, wenn es um die Anzahl von Delfinarien geht – die schlauen und schönen Meeressäuger sind bei den Japaner:innen unglaublich beliebt.
Im Vergleich zu Delfin-Shows zwar eher noch unbekannt, wird jedoch auch das Whale Watching in Japan immer beliebter. Ob hoch im Norden in Hokkaido oder in der "Südsee Japans" – an vielen Orten kann man inzwischen Wale und Delfine in freier Natur bestaunen. Ein wahres Paradies für die Wal-Beobachtung findet man in Okinawa, der südlichsten Präfektur Japans, die aus verschiedenen kleineren Inseln fernab von den großen Hauptinseln besteht. Hierher kommen in den Wintermonaten die Buckelwale, um sich fortzupflanzen oder um ihren Nachwuchs auf die Welt zu bringen.
Ich wollte unbedingt mehr über Whale Watching in Japan erfahren, also machte ich mich auf den Weg nach Okinawa. In keiner anderen Region Japans findet man so viele Angebote wie dort. Allein auf der Hauptinsel gibt es um die 60 Anbieter, 50 davon in der umliegenden Umgebung der Hauptstadt Naha. Das Whale Watching wird von verschiedenen regionalen Verbänden koordiniert, die sich regelmäßig mit den Mitgliedern treffen, um die Saison vorzubereiten, Bilanz zu ziehen oder Guidelines zu besprechen.
Am Flughafen angekommen, wurde ich liebevoll von Wissenschaftlerin Nozomi Kobayashi in Empfang genommen. Sie hat bereits vor 20 Jahren gemeinsam mit meinem britischen WDC-Kollegen Erich Hoyt daran gearbeitet, verantwortungsbewusstes Whale Watching in Japan zu etablieren. Sie ist außerdem eine absolute Expertin für die Buckelwal-Population in Okinawa. Nozomi stellte mich im Laufe meiner Zeit in Okinawa verschiedenen Personen vor, von denen ich noch allerhand über Whale Watching und ihre besondere Beziehung zu den Walen lernen sollte.
Wenn Beliebtheit zur Gefahr wird
Dass es so viele Menschen gibt, die in Japan Wale in freier Wildbahn erleben wollen und dadurch mehr über sie und ihre Schutzbedürftigkeit lernen können, ist natürlich eine großartige Sache. Andererseits bringt dies auch Risiken und Probleme mit sich. Viele Anbieter fahren jeden Tag mit ihren Booten aufs Meer hinaus, um ihren Kund:innen ein unvergessliches Erlebnis zu bescheren. Auch wenn der Ozean unendlich erscheinen mag, sind es die Gebiete, in denen sich die Anbieter tummeln, nicht. Schnell hat man zu viele Boote an einem Ort, Konkurrenz um die besten Plätze und letztlich viel zu viel Stress für die Wale. Dazu kommen unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Regeln angemessen und nötig sind. Und so kann sich auch ein Geschäft, das eigentlich aus einer Begeisterung und Zuneigung zu Walen entstanden ist, zu etwas entwickeln, das den Walen letztendlich schadet.
Besonders erschreckend fand ich, dass mindestens die Hälfte der Anbieter aus der Region um Naha neben Whale Watching auch Schwimmen mit Walen anbieten. Vielen Menschen ist nicht klar, dass das Schwimmen mit den Meeressäugern für beide Seiten sehr gefährlich werden kann. Wird man unbeabsichtigt von der Fluke oder einem Flipper eines Wals erwischt, kann es zu (möglicherweise lebensbedrohlichen) Verletzungen kommen. Auch die Konditionen im offenen Meer mit anderen Schwimmer:innen, Booten, Wellengang oder gar Strömungen können unerwartete Gefahren bergen. Für die Wale auf der anderen Seite bedeutet jede dieser Interaktionen eine Störung ihres natürlichen Verhaltens. Wichtige Ruhezeiten oder gar das Säugen des Nachwuchses werden immer wieder unterbrochen und das "wegschwimmen, wenn es ihnen nicht passt" verbraucht zusätzliche Energie. Der Stress schwächt das Immunsystem der Wale, macht sie anfälliger für Krankheiten und kann sogar ihre Fortpflanzungsfähigkeit beeinflussen.
Einige Anbieter haben das jedoch inzwischen erkannt und derartige Angebote eingestellt. Erst am Vortag meiner Anreise hatte einer der Whale Watching-Verbände gemeinsam mit seinen Mitgliedern beschlossen, Schwimmen mit Walen künftig nicht mehr anzubieten. Sogar der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender NHK berichtete über diesen Beschluss. Das lässt hoffen, dass auch die anderen Anbieter über kurz oder lang nachziehen und sich auf klassisches Whale Watching vom Boot aus besinnen werden.
Eine besondere Gemeinschaft
Ein Paradebeispiel für die verantwortungsbewusste Wal-Beobachtung findet man im Kerama Nationalpark, genauer gesagt auf der Insel Zamami, die Teil dieses Nationalparks ist. Besonders in den Gewässern um und innerhalb des Nationalparks finden sich zur Buckelwal-Saison viele Wal-Mütter mit ihrem Nachwuchs. Um diese Mutter-Kind-Paare ganz besonders zu schützen, haben die Anbieter für Wal-Beobachtungen sich gemeinsam darauf verständigt, insgesamt nur für eine Stunde am Tag auf Beobachtungs-Tour zu gehen. Darüber hinaus wurde eine Schutzzone errichtet, in der sie vor Whale Watching, Schnorchler:innen oder Taucher:innen ungestörte Ruhe finden können. Für diese Regelungen gibt es keine gesetzliche Grundlage, sie basiert lediglich auf einem gemeinsamen Beschluss der lokalen Gemeinschaft zum nachhaltigen Schutz der Wale.
Welche Bedeutung die Wale für die Menschen auf Zamami und ihren Nachbar-Inseln haben, durfte ich bereits an meinem Ankunftstag dort hautnah erleben. Ich begleitete Nozomi und Asuka Takamatsu, der geschäftsführenden Person des Whale Watching-Verbandes von Zamami, auf zwei gemeinsame Vorträge: Der erste fand im Tourismuszentrum auf der Insel Aka statt. Kindern der Region wurde in diesem Vortrag wissenswertes über Buckelwale und ihre Erforschung beigebracht. Die Kinder durften auch selbst einmal in die Rolle eines Forschenden schlüpfen und in kleinen Gruppen anhand von Bildern Wale identifizieren. Ich war erstaunt darüber, wie viel einige Kinder bereits über Wale wussten.
Der zweite Vortrag fand auf Zamami statt und richtete sich an Erwachsene. Unter den Besucher:innen waren Wissenschaftler:innen, Whale Watching-Anbieter, Mitarbeiter:innen vom Tourismuszentrum und viele mehr. Im Vortrag ging es um neuste wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem zu den Auswirkungen vom Schwimmen mit Walen – wofür es auf der besonders Wal-freundlichen Insel aber ohnehin keine Angebote gibt. Besonders schön fand ich, dass die Teilnehmenden in die Namensvergabe für zwei bis dahin unbenannte Wale mit einbezogen wurden. Vorschläge wurden entgegengenommen und schließlich gemeinsam abgestimmt – man konnte spüren, wie sehr die Wale vor der eigenen Haustür den Menschen hier am Herzen liegen.
Den Tag ließen wir gemeinsam mit den Gästen des zweiten Vortrags in einer kleinen Gastronomie ausklingen. Dort erzählten mir die Whale Watching-Anbieter, dass sie mit Geschichten darüber aufwuchsen, wie man früher Wale von überall auf der Insel sehen, sogar hören konnte. Der weltweite kommerzielle Walfang hatte die Wale jedoch so stark dezimiert, dass es während ihrer Kindheit eher eine Seltenheit war, einen Wal zu Gesicht zu bekommen. Dieses Bewusstsein führte zu einem starken Bestreben, Zamami und die umliegenden Gewässer zu einem Ort zu machen, an den die Wale wieder gerne zurückkehren, an dem sie sicher sind und an dem die Populationen sich erholen können.
Aus diesem Wunsch entstanden große Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein für die Wale, das zu den vielen freiwilligen Richtlinien in Bezug auf das lokale Whale Watching geführt hat und Zamami so einzigartig macht: Nur zwei Mal am Tag finden Ausfahrten statt. Auf Aussichtspunkten der Insel suchen "Spotter:innen" das Meer nach Walen ab und notieren wichtige Daten, die für Forschungszwecke genutzt werden. Darüber hinaus helfen sie über Funk dabei, die Whale Watching-Boote so zu koordinieren, dass sich diese gut auf verschiedene Wale verteilen können und der Einfluss auf die Wale insgesamt so gering wie möglich bleibt. Die Wale scheinen für die Menschen dort so etwas wie Nachbarn, wenn nicht sogar Familie zu sein und zu erleben, wie sehr man sich um die Wale sorgt und sich für sie einsetzt, hat mich tief berührt.
Hoffnung im Gepäck
Die vergleichsweise kleine Community in Zamami beziehungsweise des Kerama Nationalparks hat bereits so viel für den Schutz der Wale geleistet und nimmt mit ihrem Engagement und ihrer Haltung eine wichtige Vorbildfunktion ein. Und ich freue mich zeigen zu können, dass es auch diese Japaner:innen gibt – Wal-Schützer:innen, die Großes leisten, auch wenn auf politischer, beziehungsweise gesetzlicher Ebene Veränderungen noch auf sich warten lassen. Ich wünsche mir, dass die Gäste des Nationalparks – ebenso wie ich – ein bisschen dieser ganz besonderen Liebe zu den Buckelwalen mit nach Hause nehmen. So werden sich die Schutzbemühungen für Wale hoffentlich weiter ausdehnen und die Gewässer um Japan herum eines Tages wieder ein Ort sein, an dem Wale und Delfine in Hülle und Fülle und vor allem in Sicherheit leben können.
Weitere Blogs meiner zweiten Japan-Reihe:
Zurück in Japan – Teil 1: Bei den Buckelwalen in Okinawa
Zurück in Japan – Teil 2: Auf den Spuren der Wissenschaft
Zurück in Japan – Teil 3: Japan auf dem Weg zu mehr Meeresschutz?
Zurück in Japan – Teil 4: Gemeinsamer Einsatz für Buckelwale in Japan
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