Eine historische IWC-Tagung geht zu Ende
Seit über 25 Jahren nimmt WDC mit Expert:innen an den Tagungen der Internationalen Walfangkommission (IWC) teil, das Gremium das weltweit den kommerziellen Walfang regelt. Bei der 69. Tagung vom 23. bis 27. September waren unsere beiden Kolleg:innen Ed Goodall und Katie Hunter vor Ort, um als Teil eines engagierten NGO-Netzwerks, Wale vor der grausamen Jagd zu beschützen. In seinem Blog berichtet Ed, wie WDC im Vorfeld und vor Ort auf wichtige Entscheidungen Einfluss nehmen konnte und mit welchem Ergebnis die diesjährige, 69. IWC-Tagung endete.
Vor fast achtzig Jahren stand in einem sterilen, wahrscheinlich leicht muffig riechenden Raum in Washington DC eine Gruppe privilegierter Männer um ein Stück Papier herum und unterzeichnete es. Das "Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs" (International Convention for the Regulation of Whaling, kurz "ICRW") wurde 1946 ins Leben gerufen, als die Wal-Populationen weltweit drastisch zurückgingen und klar war, dass etwas unternommen werden musste, um das unkontrollierte Abschlachten zu stoppen.
Die Internationale Walfangkommission (IWC) wurde gegründet, um die grundlegenden Texte dieses schicksalhaften Tages zu überwachen. Das Gremium hat seither die Aufgabe, die "ordnungsgemäße Erhaltung und Entwicklung der Wal-Bestände zu gewährleisten und die wichtigen natürlichen Ressourcen, die die Wal-Bestände darstellen, für künftige Generationen zu schützen". Wir bei WDC sprechen von Wal-Populationen. Dass ganze Populationen empfindungsfähiger, intelligenter Meeressäuger auch in heutigen IWC-Texten noch als "Bestände" (englisch "stocks") betrachtet werden, ist Teil des Problems und muss dringend geändert werden. Obwohl das Übereinkommen von Menschen unterzeichnet wurde, deren Meinungen vor weit über einem Jahrhundert geprägt wurden, halten einige Mitgliedsstaaten der IWC auch heute noch an den damaligen Formulierungen fest – als wären sie die Gründungsprinzipien einer Industrie, die für immer als unantastbar gelte. Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Wir wissen so viel mehr über die sanften Riesen der Meere als je zuvor. Sie aus Profitgründen zu töten, scheint so weit von dem entfernt zu sein, was wir im Jahr 2024 tun sollten – es ist eigentlich verrückt, dass die IWC dies immer noch als Möglichkeit diskutiert. Und doch sind wir hier.
Tausende Wale konnten gerettet werden
Das Moratorium – das weltweite Verbot des kommerziellen Walfangs – hat vielen Tausenden von Walen das Leben gerettet. Es wird wahrscheinlich Jahrhunderte dauern, bis sich die weltweiten Wal-Populationgrößen wieder auf dem Niveau von vor dem Walfang befinden. Bedrohungen wie die Auswirkungen des Klimawandels, Schiffskollisionen, Meeresverschmutzung, Überfischung und das Verfangen in Fischernetzen erhöhen den Druck auf die Populationen zusätzlich. Aber einige Populationen haben seit dem Inkrafttreten des Moratoriums 1986 bedeutende Fortschritte gemacht: Buckelwale gelten heute nicht mehr als vom Aussterben bedroht. Ihr beeindruckendes Verhalten bei der Nahrungsaufnahme und ihre Sprünge verzaubern jedes Jahr Millionen von Menschen auf der ganzen Welt beim Whale Watching und bringen der Tourismusbranche Milliarden ein.
Doch auch heute gibt es noch Länder, die sich dem Walfang-Verbot durch Schlupflöcher entziehen und von der Jagd profitieren wollen: Norwegen, Island und Japan (2019 aus der IWC ausgetreten) haben bisher zusammen rund 44.000 Wale getötet und jagen noch immer Großwale, in der Hoffnung Geld mit Wal-Produkten zu machen.
Der endlose Kampf zweier Lager
Alle zwei Jahre treffen sich die Mitgliedsstaaten der IWC, um das Übereinkommen zu überprüfen und Entscheidungen über Resolutionen (Änderungen der Ausrichtung des Moratoriums) zu treffen. Jedes Mitgliedsland hat ein Stimmrecht – Bedingung ist jedoch, dass das Land sich zum Zeitpunkt der Abstimmung im Raum befindet und seine Mitgliedsbeiträge bezahlt. Erfolgt keine Zahlung, erlischt das Stimmrecht; so lange, bis die rückständigen Beiträge beglichen wurden. Viele Entscheidungen in der IWC werden durch eine einfache Mehrheit getroffen. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte der anwesenden Mitgliedstaaten zustimmen muss, damit ein Beschluss gefasst wird. Einige wichtige Entscheidungen, insbesondere solche, die das Moratorium für den kommerziellen Walfang betreffen oder Ausnahmeregelungen zum Walfang zulassen, erfordern eine Dreiviertelmehrheit der anwesenden und stimmberechtigten Mitgliedsstaaten.
Dabei treffen seit vielen Jahren zwei Lager aufeinander: Die EU, das Vereinigte Königreich, Brasilien, Australien, Argentinien und weitere Länder wollen die Wale schützen und das Moratorium aufrechterhalten – obwohl sie in der Vergangenheit stark in den Walfang involviert waren. Auf der anderen Seite versuchen lautstarke Nationen, angeführt vom Kommissar des kleinen Inselstaates Antigua und Barbuda, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um das Moratorium zu kippen – obwohl sie in der Vergangenheit gar keinen kommerziellen Walfang betrieben haben.
Gekaufte Stimmen?
Warum unterstützen diese kleinen Länder, in denen der Ökotourismus floriert und die von den Folgen des Klimawandels bedroht sind, die Aufhebung des Moratoriums? Viele dieser Länder sind mit ihren Mitgliedszahlungen im Rückstand. Es ist kein Zufall, dass sie in den Pausen der IWC-Tagungen zusammen mit Japan, Norwegen und Island einen geschlossenen Raum betreten, in letzter Minute ihre überfälligen Gebühren bezahlt und ihre Stimmrechte wiedererlangt wurden. Es ist ein "offenes Geheimnis", dass ihre Stimmen durch die Walfangnationen erkauft werden. Besonders der Regierungssprecher für Antigua und Barbuda ist seit jeher für seine langwierigen Wortmeldungen bekannt, die darauf abzielen Abstimmungsprozesse hinauszuzögern und Zeit zu schinden. Der Inselstaat hatte außerdem eine Resolution eingereicht, die die Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs erlauben würde. Auch Ghana reichte eine Resolution ein, die den Walfang zur Ernährungssicherheit wieder gestatten sollte – obwohl keine Beweise vorliegen, dass das Hungerleiden dem Fangverbot von Walen und Delfinen zugrunde liegt. Die exzessiven Wortmeldungen wurden durch das IWC-Sekretariat dieses Mal nach drei Minuten beendet (ein großer Fortschritt!).
Ein weiterer Coup des "Walfang-Lagers": Bei der letzten Tagung blieben die Walfangbefürworter wichtigen Entscheidungssitzungen fern und verhinderten so die Dreiviertelmehrheit für Entscheidungen zum Walschutz. Diesem Verhalten wurde dieses Mal entgegengewirkt, indem sämtliche Entscheidungen (auch zu den Resolutionen von Antigua und Barbuda, und Ghana) auf einen Tag gelegt wurden. So müssten die Walfangbefürworter anwesend sein, um ihre eigenen Resolutionen durchzubringen. Folglich zogen sie ihre Resolutionen zurück – dies zeigt zumindest, dass die "geschmierten" Länder kein ernsthaftes Interesse an der Wiederaufnahme des Walfangs haben.
Ein historischer Moment
Ein Meilenstein stellte in diesem Jahr die von der EU eingebrachte Resolution gegen den kommerziellen Walfang dar, die erste seit 23 Jahren! Norwegen hatte in diesem Jahr seine Zwergwal-Fangquote erhöht; Island stellte eine weitere Lizenz für die Jagd auf gefährdete Finnwale aus; Japan setzte Finnwale als vierte Wal-Art auf seine Abschussliste – und missachtete dabei seine Verpflichtung, die IWC über seine Pläne in Kenntnis zu setzen. Es war an der Zeit, dass die IWC zu den Walfangaktivitäten endlich Stellung bezieht. Mit der Resolution gegen den kommerziellen Walfang, hob die EU die Bedeutung des Moratoriums hervor, legte die anhaltenden und wachsenden Ambitionen der Walfangnationen dar und erinnerte Norwegen, Island und Japan an ihre gesetzlichen Pflichten gegenüber der IWC.
Vor einigen Monaten schien der Gedanke an eine solche Resolution politisch absurd. Es schien unmöglich, sie durch das IWC-Verfahren zu schleusen und die erforderliche Unterstützung zu erhalten. Doch immer mehr Mitgliedsstaaten schlossen sich der Resolution der EU als Mitunterzeichner an. Es war an der Zeit, insbesondere Japan die Stirn zu bieten und sich geschlossen gegen sein neues Walfang-Mutterschiff auszusprechen, das dieses Jahr auf Kosten japanischer Steuerzahler:innen auslief und weltweit für Unverständnis sorgte.
Es war ein wahrlich historischer Moment, als ein Land nach dem anderen in der fensterlosen Konferenzhalle des Hotels "Delfines" in Lima für die Resolution stimmte und die erforderliche Mehrheit erreicht wurde. Vielleicht wurden die Länder buchstäblich durchgeschüttelt, nachdem ein Erdbeben der Stärke 4 den Raum erschüttert hatte – einige von uns waren sich sicher, dass es sei ein Ruf der Wale im Pazifik war!
Erneut kein Walschutzgebiet im Südatlantik
Ein Durchbruch wie die EU-Resolution ist selten, aber leider fühlte es sich zu diesem Zeitpunkt nicht wie ein Sieg an. Unmittelbar vor dieser Abstimmung gab es eine Abstimmung über die Einrichtung eines Walschutzgebiets im Südatlantik. Dieses soll, wie das Walschutzgebiet in der Antarktis, die Jagd auf Meeressäuger in dieser Region auf unbegrenzte Zeit verbieten und für einen umfassenden Schutz der Wale und ihres Lebensraums sorgen. Der Antrag liegt bei der IWC bereits seit 26 Jahren auf dem Tisch. Um ihn abzusegnen, müssten die Regierungen bei der IWC mit einer Dreiviertelmehrheit zustimmen. Zwei Stimmen fehlten, um das Walschutzgebiet zu besiegeln. So knapp wie in diesem Jahr war die Abstimmung noch nie – was zwar immer noch ein Fortschritt ist, aber dennoch eine Welle der Enttäuschung im Saal lostrat ... allerdings nicht bei der norwegischen Delegation, die sich bei der Bekanntgabe des Ergebnisses ein "High Five" gab.
WDCs wachsende Bedeutung für die IWC
Im Vorfeld von Lima hatten wir hart daran gearbeitet, die Regierungen zu ermutigen, Resolutionen zugunsten des Walschutzes zu unterstützen. Wir haben detaillierte Informationen zu den Themen erstellt, um die nationalen Positionen zu unterstützen. Wir wollten auch, dass sich die Länder mit Nachdruck gegen die schrecklichen Zustände im kommerziellen Walfang wenden, die wir seit der letzten IWC-Tagung vor zwei Jahren beobachten konnten. Es ist inakzeptabel, dass Wale viermal mit explodierenden Granatharpunen beschossen werden und bis zu zwei Stunden leiden, bevor sie sterben. Zusammen mit Maria Lien von NOAH, einer norwegischen NGO, veranstalteten wir eine Nebenveranstaltung zu den Tierschutzverstößen beim kommerziellen Walfang, bei der wir den Regierungen die schrecklichen Aufnahmen vorspielten, mit denen wir uns ständig befassen – die die Regierungsvertreter:innen aber nur als Worte und Zahlen auf den Bildschirmen sehen. Die mutigen Delegierten, die sich diese Aufnahmen ansahen, waren sichtlich schockiert, was auf nette Art und Weise genau das war, was wir bewirken wollten. Emotionen treiben das Handeln an, und dass Wale auf diese Weise sterben, kann nicht so weitergehen. Während der folgenden Plenarsitzung zum Tierschutz beim Walfang meldete sich schließlich ein Land nach dem anderen zu Wort, obwohl zu Beginn der Tagung kaum Interesse an dem Thema bestand. Unsere Veranstaltung war ein voller Erfolg! Die Walfangnationen wurden aufgefordert, der IWC Daten über das Wohlergehen der Tiere zu übermitteln (wozu sie verpflichtet sind). Und wir werden in den kommenden Monaten, bis zur IWC70 in Australien 2026, mit neuen Verbündeten an diesem Thema arbeiten.
Island im Wandel
Die interessanteste Beobachtung bei diesem Treffen war die veränderte Position Islands. Das Walfang-Land ist seit Jahren Teil der Blockadehaltung und hatte auch bei der letzten Tagung wichtige Abstimmungen durch seine Abwesenheit boykottiert. In diesem Jahr jedoch war neben dem "Cartoon-Bösewicht" Kristjan Loftsson, dem milliardenschweren CEO des letzten isländischen Walfang-Unternehmens Hvalur hf., auch Sigursteinn Masson von IceWhale zugegen, eine isländische Vereinigung der Walbeobachter:innen. Island befindet sich derzeit an einem Scheideweg in Bezug auf den Walfang. Das nationale Walfanggesetz wird derzeit überarbeitet, und die wachsende öffentliche Meinung zeigt, dass die Mehrheit der Isländer:innen ein Ende des Walfangs sehen wollen.
Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren hat Island bei dieser Sitzung in allen Fragen eine neutrale Haltung eingenommen und sich bei Abstimmungen enthalten. Wird sich Island endlich in die Liste der Länder einreihen, die den Walfang aufgegeben haben und bei der nächsten Tagung in Australien das "Lager" wechseln? Die Zeit und anhaltender positiver Druck werden es zeigen.
Unser Fazit: War die IWC69 ein bahnbrechender Erfolg für die Wale?
Das glaube ich nicht. Aber es war alles andere als eine Katastrophe. Die Menschen aus dem NGO-Netzwerk, die zusammen mit WDC aus der ganzen Welt zu diesen Treffen anreisen, sind wahre Helden! Einige Personen kommen schon seit 44 Jahren. Darunter auch Aktivist:innen aus Japan, um ihre Stimme zu erheben. Einige kennen die komplizierten Abläufe in der IWC. Einige schreien laut. Einige bringen uns zum Lachen, wenn wir eine Aufmunterung brauchen, und sie alle sind Teil von etwas Größerem, wenn wir uns zusammenschließen und eine Stimme für Wale und Delfine werden. In den müden und beglückwünschenden Gesprächen am Ende des Treffens sagte eine Legende in diesem NGO-Zusammenschluss zu mir: "Ich habe das Gefühl, dass wir im Moment wahrscheinlich das beste Team haben, das je für die IWC gearbeitet hat".
Ein Teil dieser Gruppe zu sein, ist ein großes Privileg. Ich habe das unglaubliche Glück, mit all diesen Menschen und besonders meinen unglaublichen WDC-Kolleg:innen zusammenarbeiten zu können, um die Welt zu einem besseren Ort für Wale und Delfine zu machen. Die Teilnahme an diesen Treffen und die Arbeit durch die schwerfällige Bürokratie ist ein wesentlicher Teil davon. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, aber die zeitlosen Worte von Margaret Mead scheinen mir angemessen, um diesen Blog zu beenden: "Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe von aufmerksamen, engagierten Menschen die Welt verändern kann. In der Tat ist das das Einzige, was jemals geschehen ist."
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