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Statue einer Buckelwal-Mutter mit ihrem Kalb in Taiji, Japan © Katrin Matthes/WDC
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WDC in Japan – Teil 6: Eine lehrreiche Reise

Auf meiner dreiwöchigen Reise durch Japan konnte ich mit vielen Menschen sprechen, mir die Walfleisch-Automaten in verschiedenen Städten anschauen, ein Walfang-Museum besuchen und die Walfang-Gemeinde Taiji etwas besser kennenlernen. Viele Eindrücke, die es erst einmal zu sortieren und zu verarbeiten galt.  

Wenn ich an die vielen Erfahrungen zurückdenke, dann sind mir besonders die Reaktionen und Rückmeldungen auf meine diplomatische Haltung gegenüber den verschiedenen Meinungen zum japanischen Walfang in Erinnerung geblieben. Immer wieder schaute ich in verwunderte Gesichter, die sich erstaunt darüber zeigten, wie viel Verständnis ich für die japanische Mentalität, Kultur und Politik in Bezug auf das Thema Walfang habe. Für mich hat sich dadurch nur noch mehr bestätigt, dass ein Weiterkommen auf diesem Gebiet ohne Offenheit, Empathie und Diplomatie unmöglich sein wird. 

Leider ist das Bild von Japan als stures, "böses" Walfang-Land, das rücksichtslos und unter dem Deckmantel einiger Lügen weiterhin Wale abschlachtet, in den meisten Köpfen fest verankert. Allerdings ist es wichtig, die verschiedenen Interessen, die hinter der Jagd auf Wale und Delfine stehen, nicht über einen Kamm zu scheren. Es gibt die Walfang-Industrie, der – ähnlich wie anderen Industrien – wenig am Schutz des Klimas oder bedrohter Tierarten oder Ethik gelegen ist, sondern die in erster Linie wirtschaftliche oder andere eigene Interessen verfolgt. In Japan dominiert diese Industrie das Walfanggeschäft und missbraucht den ursprünglichen kulturellen Bezug zum Walfang für die eigene Legitimierung und Propaganda. Die eigentliche historische und kulturelle Bedeutung gerät dabei völlig in den Hintergrund und an dieser Stelle beginnt das Dilemma. 

Walfleisch-Verkauf in Japan
Walfleisch wird als Spezialität verkauft. © Katrin Matthes/WDC

Sinnlos, über Kultur zu diskutieren

Besonders in Amerika und Europa sehen viele die Jagd auf Wale und Delfine in Japan als barbarische Praktik an, für die man sich in Japan schämen solle. Der Druck und die Anfeindungen gegenüber Japan sind diesbezüglich entsprechend stark. Die meisten Japaner:innen haben mit der Jagd auf Wale und Delfine jedoch keine Berührungspunkte, viele wissen nicht einmal davon – dennoch treffen die Angriffe und Beschuldigungen ihrer Nation aus dem Ausland auch sie ganz persönlich. Die Konsequenz: Man fühlt sich angegriffen und zu Unrecht für etwas beschuldigt. Was bleibt, ist Verständnislosigkeit hinsichtlich der undifferenzierten, pauschalisierten Vorwürfe. Man möchte sich wehren, die eigenen Werte und das Nationalgefühl verteidigen und ehe man sich versieht, unterstützt man eine Sache, die man unter anderen Umständen vielleicht selbst kritischer beurteilt hätte. 

Was verstehen wir im Westen schon von der Kultur und Tradition der Japaner:innen?
In weiten Teilen Japans war der Konsum von Fleisch mehrere Jahrhunderte lang verboten.Dies hatte in erster Linie religiöse Gründe. Ausgenommen von dem Fleisch-Verbot war jedoch Fisch, der dem Insel-Staat in großen Mengen zur Verfügung stand. Schaut man sich das japanische Schriftzeichen für Wal () an, dann erkennt man, dass es das Zeichen für Fisch () enthält. Auch wenn man bereits damals wusste, dass Wale Säugetiere und keine Fische sind, so zählten sie für die Japaner:innen dennoch zu den Geschenken des Meeres, die ihnen Nahrung und Wohlstand brachten. Fischerei und eben auch die Jagd auf Wale und Delfine wurden fester Bestandteil der Identität einiger Küstenregionen – wie im Beispiel von Taiji. Dort wurden schon vor vielen hundert Jahren Wale und Delfine gejagt. Die Technik, bei der die Meeressäuger zunächst mit Netzen eingekesselt und dann getötet werden, sowie die Technik der Treibjagd, wurden dort entwickelt und verbreiteten sich anschließend in Japan. Die Gemeinde in Taiji hat bereits viele Rückschläge bezüglich ihrer Walfang-Aktivitäten einstecken müssen, was die Bewohner:innen nur noch enger als "die Walfang-Gemeinde" zusammenrücken ließ. Auch wenn heute der Verkauf von lebenden Delfinen eine deutlich größere Rolle bei den jährlichen Delfinjagden spielt, so scheint der finale Verwendungszweck der gefangenen Tiere emotional eine untergeordnete Rolle zu spielen – am Ende geht es um die Fortführung der Jagd und den Wohlstand, den diese der Gemeinde Taiji beschert. 

Alte Walfang-Harpune
Harpune eines alten Walfangschiffs © Katrin Matthes/WDC

Eine philosophische Frage 

Die Debatte über die kulturelle Grundlage für die Jagd auf Wale und Delfine ist meiner Meinung nach ebenso wenig zu klären wie die über die Ethik. Welche Lebewesen unter welchen Umständen getötet werden "dürfen" – dazu gibt es auf der ganzen Welt unzählige verschiedene Vorstellungen, die in anderen Kulturkreisen häufig auf Unverständnis oder gar Entsetzen stoßen. Sind Kühe hochintelligente, soziale Wesen (vielleicht sogar heilig?) oder von unserem Grill nicht wegzudenken? Sind Hunde unsere besten Freunde oder einfach Tiere, die wir als Nahrungsmittel nutzen können? Selbst innerhalb des eigenen Kulturkreises ist die Debatte noch schwierig. Haben nur besonders intelligente, empfindsame Lebewesen ein Recht auf Unversehrtheit und wenn ja, wo zieht man da die Grenze? Fragen über Fragen, die man Ewigkeiten lang diskutieren könnte – vermutlich ohne jemals eine endgültige Antwort zu finden. Beispielsweise werden  Veganer:innen von anderen Mitgliedern ihrer Gesellschaft für diese Fragen als extrem oder gar verrückt angesehen, auch wenn der Trend zum Vegetarismus und Veganismus sowie dessen Akzeptanz international wächst.  

In einem Land wie Japan, in dem Konformität einen hohen Stellenwert hat, ist Aktivismus grundsätzlich negativ belegt. Es gibt ein japanisches Sprichwort, das besagt "Der Nagel, der heraussteht, wird wieder hinein gehämmert.". Wenn es dann auch noch um Themen wie Tierwohl oder gar Veganismus geht, muss man damit rechnen, als Spinner abgestempelt zu werden und entsprechende soziale Konsequenzen fürchten.  

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier 

Zumindest sollte man aber annehmen dürfen, dass alle Menschen, egal aus welchem Kulturkreis, sich eine Welt ohne Leid und Grausamkeit wünschen. Leider erleben wir täglich überall auf der Welt, dass uns das schon gegenüber unserer eigenen Spezies nicht leicht zu gelingen scheint. Umso schwieriger wird es dann, diese Werte gegenüber Tieren zu wahren, denn Voraussetzung für dieses Bestreben ist ein tiefgreifendes Verständnis für ihre Empfindungen.  

Bedauerlicherweise ist Japan ein Land, das in puncto Tierwohl noch einiges aufzuholen hat – und das trotz der vielen Einflüsse aus naturnahen Religionen wie Buddhismus und Shintoismus. Die Bedingungen, unter denen Tiere in Japan leben müssen, sind oft sehr schlecht. Selbst Tier-Freund:innen handeln in falsch verstandener Tierliebe oder aus eigenen Interessen oft auf Kosten ihrer Lieblinge. Wenn bereits bei den Haustieren viel Wissen und Empathie fehlt, dann kann man sich vorstellen, wie es für die Nutz- und Wildtiere aussieht. Es ist zu diesem Zeitpunkt also schwierig zu erwarten, dass die japanische Gesellschaft Wale und Delfine mit unseren Augen sieht – als hochintelligente, faszinierende Lebewesen, die uns mindestens in Sachen Gefühlsspektrum sehr wahrscheinlich sogar noch einiges voraushaben! 

Springender Zwergwal
Springender Zwergwal © Michael Tetley

Eine gemeinsame Basis 

Worüber sich nicht streiten lässt, ist der sich zunehmend verschlechternde Zustand unseres Planeten – und dieser Prozess geht uns alle etwas an! 

Menschen weltweit roden Wälder, verschmutzen die Umwelt, heizen die Klimakrise an, verursachen ein massives Artensterben und bringen dadurch das natürliche Gleichgewicht stark durcheinander. Dieser gefährliche Trend wird sich bald nicht mehr umkehren lassen. Niemand hat eine weiße Weste und diesen Fakt müssen wir uns eingestehen. Darum halte ich es für wichtig, dass wir uns weniger um die Schuldfrage und eigene Interessen drehen und stattdessen an einem internationalen Wir-Gefühl arbeiten. Das Ziel sollte sein, gemeinsam Verantwortung für unsere Umwelt und die Lebewesen darin zu übernehmen. Dafür braucht es in erster Linie Wissen, denn wir müssen zunächst einmal verstehen, wie es um unsere Umwelt bestellt ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse, Zahlen, Daten, Fakten – all das sind Dinge, die unabhängig von Kultur oder Ethik gleichermaßen für alle gelten.  

Bedauerlicherweise hat in Japan auch diesbezüglich die Walfang- und Fischerei-Industrie einen großen Einfluss. Wissenschaft zu Walen zu Delfinen wird in erster Linie zugunsten der Fortsetzung ihrer Bejagung betrieben. Darüber hinaus dringen nur wenige kritische Erkenntnisse oder Meinungen aus dem Ausland zu der japanischen Bevölkerung durch, da sie medial kaum aufgegriffen werden.  

Unsere Mission 

Unsere wichtigste Aufgabe ist es also, weiterhin wissenschaftliche Erkenntnisse über die Bedeutsamkeit von Walen und Delfine für ihre Ökosysteme, das Klima und somit für alle Lebewesen auf unserem Planeten voranzutreiben. Damit dieses Wissen auch die Menschen in Japan erreichen kann, müssen wir Kanäle schaffen, über die wir mit ihnen in Kontakt treten können. Wir möchten den Japaner:innen unser Wissen über Wale und Delfine verständlich machen, sodass sie sich selbstkritisch mit ihrer persönlichen Haltung gegenüber diesen Lebewesen und der Jagd auf sie auseinandersetzen können. Wir sind überzeugt, dass auch sie zu dem Schluss kommen werden, dass wir als Weltgemeinschaft Wale und Delfine beschützen müssen, wenn wir unseren Planeten retten wollen. 

 

Weitere Blogs meiner Japan-Reihe:

Teil 5: Die Bedeutung des Walfangs

Teil 4: Berühmt und berüchtigt – die Bucht von Taiji

Teil 3: Abstecher nach Süd-Korea

Teil 2: Digitale Wale

Teil 1: Gleichgesinnte in Tokio finden

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