WDC in Japan – Teil 4: Berühmt und berüchtigt – die Bucht von Taiji
Der Kurzbesuch in Süd-Korea hatte mein Herz mit Wonne gefüllt. Die Delfine mit ihren ehemals in Gefangenschaft lebenden Familienmitgliedern im Meer schwimmen zu sehen zeigte mir, was möglich war und die fröhlich-kämpferische Energie des Hot Pink Dolphins Teams hatte mich total angesteckt. Wenige Tage später gesellten sich leider sehr bedrückende Gefühle dazu – ich machte mich auf den Weg nach Taiji, dem Ort, der weltweit für seine grausamen Delfin-Treibjagden bekannt wurde. Sayumi Yamaguchi, eine sehr engagierte Aktivistin, hatte angeboten, mich nach Taiji zu begleiten und herumzuführen.
Während wir uns dem Ort näherten, bestaunte ich aus dem Autofenster heraus die unglaublich schöne Kulisse, die sich mir bot. Raue Küstenabschnitte, kristallklares, türkis schimmerndes Meer in idyllischen Buchten, saftiges Grün von Bäumen und Pflanzen. „Wie konnten an einem so schönen Ort nur so furchtbare Dinge von statten gehen?“ dachte ich im Stillen wieder und wieder.
In Taiji werden jedes Jahr hunderte Delfine verschiedener Arten getötet oder für den Verkauf an weltweite Delfinarien gefangen. Leider hat auch die Corona-Pandemie daran nicht viel verändert. Die Fangzahlen waren während dieser Zeit ebenso hoch, wie in den Jahren zuvor. Zwischen 500-600 Delfine verlieren in Taiji jede Saison ihr Leben.
Die Beziehung zu Walen und Delfinen ist im ganzen Ort omnipräsent. Überall gibt es Monumente oder Info-Tafeln, die etwas über die Jagd auf Wale und Delfine erzählen. Tatsächlich ist die Jagd auf Wale in Taiji bereits hunderte Jahre alt. Außerdem wurde die Jagdmethode, bei der man die Meeressäuger zunächst zusammentreibt und dann mit Netzen einkesselt, um sie anschließend zu töten, in Taiji entwickelt. Sayumi nahm mich also mit auf eine kleine Zeitreise durch Taiji: Wir schauten uns die alten Aussichtspunkte an, von denen aus man damals das Meer nach Walen abgesucht hatte. Über Rauchzeichen hatte man den Beteiligten signalisiert, dass etwas entdeckt wurde. Wale hatten in Taiji nicht nur eine wichtige Rolle in der Ernährung gespielt, sondern dem kleinen Ort auch zu Wohlstand verholfen. Die komplizierte Liebe und Dankbarkeit gegenüber Walen, die früher als Geschenk der Götter betrachtet wurden, erkenne ich zum Beispiel in der großen Statue einer Buckelwalmutter mit Baby oder in den Briefkästen im niedlichen Wal-Design wieder.
Der heutige Walfang ist jedoch deutlich weniger präsent – auch wenn sich Taiji nach wie vor am japanischen Küstenwalfang beteiligt, der Jagd auf Zwerg- und Schnabelwale macht. Eine größere Rolle spielen die Delfine: Überall sind Werbetafeln zu sehen, die Aktivitäten wie Schwimmen mit Delfinen bewerben. Im Sommer drängen sich Badende, Kanu-Fahrer:innen oder Menschen auf aufblasbaren Schwimmtieren in einer eingezäunten Bucht, in der verschiedene Delfine mit ihnen eingesperrt sind. Hotels halten Delfine in kleinen Becken oder Meeresgehegen, um ihren Gäst:innen das besondere Extra zu bieten. Schaut man irgendwo in Taiji aufs Wasser, so entdeckt man fast immer irgendwo Meeresgehege, in denen Delfine auf engstem Raum ihr Dasein fristen müssen. Eine Weile lang beobachteten Sayumi und ich die Delfine in ihren kleinen Gefängnissen. Regungslos dümpelten sie vor sich hin, was sollten sie auch anderes tun – Tag ein, Tag aus, ohne Beschäftigung, ohne Bewegungsfreiheit. Sie schienen sich ihrem Schicksal ergeben zu haben. Erst als ein Mann mit einem kleinen Boot zu ihnen kam, wurde es unruhig. Er brachte eimerweise tote Fische. Auch damit schienen sich die Delfine inzwischen abgefunden zu haben. Über hundert Delfine verschiedener Arten leben auf diese Art und Weise in Taiji. Sie werden antrainiert, um schließlich für viel Geld an Delfinarien auf der ganzen Welt verkauft zu werden.
Lässt man sich auf der Zunge zergehen, wie sie aus ihrem Leben entführt, ihren Familien entrissen oder sogar miterleben mussten, wie Familienmitglieder getötet wurden, fragt man sich, ob der Tod für sie nicht der weniger schreckliche Ausgang gewesen wäre. Schwer traumatisiert, eingesperrt, jeglicher Freiheit beraubt, einsam. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu "hoffen", dass sie bald sterben werden. Einen anderen Ausweg gibt es für sie nicht. Dass wir Menschen nicht begreifen wollen, was für schreckliche Dinge wir Tieren aus reinem Egoismus und Ignoranz antun, macht mich oft so unerträglich traurig, dass ich aufgeben möchte.
Denn nichts anderes ist es, was die Jagden auf Delfine in Taiji über die vielen Jahre aufrechterhält – Egoismus und Ignoranz. Hierbei geht es weniger um die Tradition der Jagd oder die Bedeutung für die regionale Esskultur, als um Profit. Fleischprodukte werden nicht nur regional vermarktet, sondern bis nach Okinawa ganz im Süden Japans verkauft, wo, vor noch nicht allzu langer Zeit, ebenfalls noch Delfine gejagt wurden. Eine goldene Nase verdient sich Taiji aber nicht mit dem Fleisch, sondern mit den lebenden Delfinen, die für mindestens fünfstellige US-Dollar-Beträge verkauft werden. Aber auch das Ego der Gemeinde scheint eine große Rolle zu spielen. Man hält sich in Taiji für etwas Besonderes, wurde mir gesagt. Eine Gemeinde, mit engem Zusammenhalt und einer großen Portion Sturheit, die sie glauben lässt, von außen könne sie sowieso niemand verstehen. Die Menschen in Taiji scheinen gar nicht verstanden werden zu wollen, oder haben sie diesen Wunsch, so wie die Bereitschaft zum Dialog, bloß aufgegeben? So sehr ich mir das Ende der Jagden in Taiji wünsche, so sehr verstehe ich auch die Haltung der Dorfbewohner:innen. Ihnen waren besonders im Zusammenhang mit Erscheinen des Films „Die Bucht“ sehr viel Aggression, Beschuldigungen und Unverständnis entgegengebracht worden – nicht das beste Mittel der Wahl, wenn man Veränderung erwirken möchte.
Taiji ist und bleibt eine harte Nuss, weshalb es wichtig ist, den öffentlichen Druck auf eine respektvolle Art und Weise aufrecht zu erhalten und die Bevölkerung in Japan darüber aufzuklären. Denn in Japan boomen Aquarien und Delfin- oder Wal-Shows nach wie vor. Wir bei WDC müssen die Aktivist:innen und Organisationen im Land bei dieser Aufgabe unterstützen und unsere Stellung als NGO dafür nutzen, auf politischer und juristischer Ebene auf ein Ende der Jagden hinzuwirken. Denn man mag vielleicht darüber streiten können, ob das Töten eines Delfins wirklich schlimmer ist, als das Töten eines Schweins, aber worüber sich nicht streiten lässt, sind die langfristig fatalen Auswirkungen der Jagden auf die verschiedenen Populationen und die Ökosysteme, in denen Wale und Delfine eine wichtige Rolle spielen.
Und wann immer ich traurig und entmutigt bin, denke ich daran zurück, wie die ehemals eingesperrten Delfine vor der Küste von Jeju auf den Wellen reiten. Darüber habe ich im dritten Teil meiner Blog-Serie berichtet.
Jeder einzelne Delfin und Wal ist es wert, um ihn zu kämpfen. Veränderung ist möglich, wir dürfen nur nicht aufgeben!
Im nächsten Teil meiner Blogserie gehe ich der Frage nach, welche Bedeutung der Walfang in Japan hat.
Weitere Blogs meiner Japan-Reihe:
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