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Bild einer historischen Walfang-Szene im Nagato-Walfang-Museum © Katrin Matthes/WDC
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Statue eines Buckelwals mit Kalb in Taiji

WDC in Japan – Teil 6: Eine lehrreiche Reise

Auf meiner dreiwöchigen Reise durch Japan konnte ich mit vielen Menschen sprechen, mir die Walfleisch-Automaten...
Schweinswal, der als Beifang gestorben ist.

Stoppen wir jetzt die Grundschleppnetzfischerei!

Gemeinsam mit Patagonia fordern wir einen sofortigen Stopp der Grundschleppnetzfischerei in Meeresschutzgebieten und küstennahen Zonen....

WDC in Japan – Teil 5: Die Bedeutung des Walfangs

Der Walfang hat in Japan eine Jahrhunderte alte Geschichte und wird auch heute noch als fester Bestandteil der japanischen Identität hochgehalten. In den meisten Geschäften zählen Walfleischprodukte jedoch eher zu den seltenen Entdeckungen als zum Standartsortiment und die Debatte um den Walfang ist mit Sicherheit eines der sensibelsten Themen in Japan. Unverzichtbarer Teil der japanischen Kultur oder grausames Relikt einer speziellen Interessengruppe – warum es meiner Meinung nach darauf keine eindeutige Antwort gibt, möchte ich Ihnen in diesem Blog meiner Japan-Serie erzählen.

Während meiner Reise durch Japan besuchte ich ein Walfang-Museum auf der Insel Omi im Süden Japans. Unter anderem in dieser Gegend hatte der Küstenwalfang in früheren Zeiten eine wichtige Rolle gespielt. Heute erinnern Monumente, ein jährliches Fest, das Museum und ein kleiner Schrein an die glorreichen Tage der japanischen Walfänger der Region.   

Der Inhaber des Museums gab mir eine exklusive Führung und erklärte mir allerhand über Historie, Techniken und Bedeutung des damaligen Walfangs. Er wirkte am Anfang etwas unsicher, warum eine Ausländerin sich so genau für den Walfang interessierte. Ich erklärte ihm, dass ich die Japaner:innen für den Walfang und dessen Verteidigung nicht verurteilen würde. Besonders nicht unter ethischen Aspekten, da ich dem Argument zustimme, dass das Töten von Abertausenden Schweinen und Rindern nicht weniger unmenschlich ist. Mein Anliegen war es zu verstehen, welche Bedeutung der Walfang für einige Japaner:innen immer noch hat und warum man sich damit so schwertut, diesen hinter sich zu lassen. Denn dass ich trotzdem gegen den Walfang war, verbarg ich vor ihm nicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass mein Respekt gegenüber seiner Meinung und mein ehrliches Interesse an dessen Hintergründen ihn zu einem offenen Gespräch einluden.

Modell eines alten japanischen Walfangschiffs
Modell eines alten japanischen Walfangschiffs im Walfang-Museum von Nagato © Katrin Matthes/WDC
Alte Walfang-Harpunen und -werkzeuge
Alte Walfang-Harpunen und -werkzeuge © Katrin Matthes/WDC

Ein Schrein für ungeborene Wal-Babies 

Besonders bewegt hat mich der Besuch des kleinen Schreins, der sich auf einer Anhöhe direkt hinter dem Museum verbarg. Dieser war vor langer Zeit von einem Priester zu Ehren der durch den Walfang getöteten Wale errichtet worden. Besonderes Mitgefühl hatte der Priester für die verlorenen Seelen der ungeborenen Wale, die durch den Walfang unbeabsichtigt ihr Leben verloren hatten. So schuf man den ungeborenen Wal-Babies ein Grab, zum Meer gerichtet, sodass ihre Seelen den Weg zurück in den offenen Ozean finden würden. Noch heute steigen mir beim Gedanken daran vor Rührung die Tränen in die Augen. Denn Geschichten wie diese machen deutlich, dass Walfang nicht einfach schwarz oder weiß ist. Früher wurden Wale in Japan als Geschenk der Götter betrachtet. Die erlegten Tiere wurden vollständig verwertet, nichts wurde verschwendet. Noch heute sagt man in Japan „Itadakimasu“, bevor man etwas isst. Es ist die ehrerbietungsvollste Ausdrucksweise dafür, etwas zu empfangen. Darin stecken die Dankbarkeit und der Respekt gegenüber dem Leben, das von anderen für das eigene gegeben wurde. Ich bin sicher, dass in den kleineren Walfanggemeinden auch heute noch eine ähnliche emotionale Verbindung zu den Walen und dem Walfang besteht. Nicht nur für den Erhalt lokaler Esskulturen, sondern auch wirtschaftlich ist der Walfang durch die damit verbundenen Arbeitsplätze und den Verkauf von Walfleisch für sie von Bedeutung.   

Gedenkschrein für ungeborene Wal-Babies
Ein Schrein zum Gedenken an getötete, ungeborene Wal-Babies © Katrin Matthes/WDC
Gedenkstätte für getötete, ungeborene Wale in Nagato
Die Gedenkstätte ist Teil des Walfang-Museums in Nagato. © Katrin Matthes/WDC
Figuren im Gedenkschrein für ungeboren getötete Wal-Babies
Figuren stellen die enge Bindung zwischen Wal-Mutter und ihrem Kind dar © Katrin Matthes/WDC

Kaum Nachfrage an Walfleisch 

Aber ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Denn es gibt nach wie vor kaum eine Nachfrage an Walfleisch. Der geringe Bedarf in den wenigen Gegenden Japans, in denen Walfleisch-Produkte auch heute noch zur regionalen Esskultur gehören, wäre schnell gedeckt. Trotzdem werden jedes Jahr landesweit mehrere hundert Wale getötet. Dazu kommen noch die Importe mehrerer Tonnen Finnwal-Fleisch aus Island sowie Zwergwalfleisch aus Norwegen. Angeblich seien diese Importe zwingend notwendig, um die Nachfrage im Land entsprechend ankurbeln und bedienen zu können. In Wahrheit stapeln sich seit Jahren tonnenweise Walfleischprodukte in Tiefkühlern. Auf einem Markt in Shimonoseki besuchte ich ein Fachgeschäft für Walfleisch-Produkte. Mir fiel auf, dass man auf den Etiketten einiger Produkte schlecht nachvollziehen konnte, woher genau das Walfleisch stammt. Die Verkäuferin sagte mir, dass es sich bei Produkten, auf denen keine genauere Angabe wie beispielsweise „Island“ oder „Aomori“ angegeben war, sehr wahrscheinlich um Fleisch aus dem Wissenschaftswalfang handele. Dieser endete, als Japan 2019 aus der IWC austrat und den kommerziellen Walfang offiziell wieder aufnahm. Wenn noch nicht einmal das Fleisch aus dieser Zeit vollständig verkauft ist, wofür werden dann Jahr für Jahr so viele Wale getötet?

Walfleisch-Sortiment
Walfleisch-Sortiment eines Fachgeschäfts in Shimonoseki © Katrin Matthes/WDC

Food Festivals und Walfleisch aus Automaten 

Hier kommt die Walfang-Industrie ins Spiel, für dessen Flotte gerade erst ein neues Mutterschiff gebaut wurde. Die kleinen regionalen Walfänger:innen sind zwar Teil dieser Industrie, spielen aber nur eine Nebenrolle. Kyôdô Senpaku heißt das Unternehmen, das den kommerziellen Walfang Japans maßgeblich vorantreibt und nicht müde wird, sich allerlei Strategien auszudenken, um dessen endgültigen Untergang zu verhindern. Ich vermute, dass vieles mit Stolz, kultureller Identität und dem Unwillen zu tun hat, sich den Idealen aus „dem Westen“ zu beugen. Denn in Japan ist man nicht nur stolz auf die eigene Geschichte und Kultur, man bewahrt und beschützt sie auch. Diese Haltung macht Japan zu einem wunderbaren, magischen Ort, der viele Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Bedauerlicherweise leiden dafür an einigen Stellen die Offenheit und die Fähigkeit zur Reflektion sowie zur kulturellen Weiterentwicklung Japans. 

Walfleisch-Automat im Kujira-Store in Yokohama, Japan
Walfleisch-Automat im Kujira-Store in Yokohama, Japan © Katrin Matthes/WDC

Es wird immer wieder unterstrichen, welch wichtigen Industriezweig der Walfang darstellt oder zumindest einmal darstellen soll – denn zur traurigen Wahrheit gehört, dass der japanische Walfang ohne die Subventionen der Regierung nicht fortbestehen könnte. Spricht man also von der wirtschaftlichen Bedeutung, dann kann sich das nur auf die Personen beziehen, die nach wie vor versuchen, sich in dieser Industrie zu etablieren. Denn kaum jemand in Japan isst überhaupt Walfleisch. Trotzdem zahlen die Japaner:innen mit ihren Steuergeldern Jahr für Jahr für eine vermeintlich landesweite Tradition, die für die meisten keinerlei Bedeutung hat. Seit vielen Jahren versucht die Walfang-Lobby vergeblich das Interesse und den Absatz von Walfleisch-Produkten zu steigern. Food-Festivals, Kooperationen mit Schulen, die den Kindern zum Mittag frittiertes Walfleisch servieren, neue Rezept-Kreationen, das Bewerben von Walfleisch als Delikatesse bei Touristen die Liste ist endlos. Angeblich sei die Nachfrage nur deswegen so gering, weil niemand wisse, wo man die Produkte kaufen könne und viele Supermärkte sich nicht mehr trauten, Walfleisch anzubieten. Deswegen hatte man zuletzt begonnen, in Großstädten wie Tokio und Osaka unbemannte kleine Geschäfte zu errichten, in denen man 24/7 Walfleischprodukte aus Automaten kaufen kann. Außerdem wird Balenin, ein Stoff, der aus Walfleisch gewonnen werden kann, wie eine Art Super-Food als Nahrungsergänzungsmittel angepriesen.

Mein persönlicher Schockmoment: Walfleisch-Konsum wird als nachhaltig verkauft

Besonders schockiert hat mich jedoch, dass der Verzehr von Walfleisch als Beitrag zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung, welche von den Vereinten Nationen beschlossen wurden, beworben wird. In den kleinen Geschäften mit den Walfleisch-Automaten finden sich dazu große Poster an den Wänden. Aber auch in Souvenirgeschäften habe ich kleine Zettel oder Infografiken gesehen, die den Käufer:innen vermitteln sollten, dass der Verzehr von Walfleisch quasi einer Heldentat für den Planeten gleichkommt. Angeblich gäbe es viel zu viele Wale, besonders zu viele Zwergwale, die sich schneller reproduzieren als andere Walarten und deshalb nicht nur den Menschen die Nahrungsgrundlage rauben würden, sondern auch den anderen Walen. Man müsse, so die zahlreichen Erklärungen, diese Wale dezimieren, um das natürliche Gleichgewicht zu bewahren und insbesondere die Populationen der Meeresbewohner zu schützen, die für die Teller der Japaner:innen vorgesehen seien.   

Plakat macht Werbung für Kosmetikprodukte mit Balenin
Werbeplakat für Kosmetikprodukte mit Balenin im Kujira-Store © Katrin Matthes/WDC
Plakat stellt Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Walfleisch-Konsum dar
Der Konsum von Walfleisch wird als nachhaltig angepriesen. © Katrin Matthes/WDC

“Es muss einen Weg geben, gleichzeitig Wale und die japanische Kultur zu beschützen” 

Wir wissen, dass das so nicht stimmt. Immer stärker schrumpfende Populationen von Fischen und anderen Meerestieren gehen ganz eindeutig auf die jahrelange Überfischung und die Zerstörung von Ökosystemen durch den Menschen zurück. Bedenkt man, wie viel mehr Wale es vor dem industriellen Walfang einmal gegeben hat, können die wenigen Wale heute unmöglich an allem schuld sein. Ganz im Gegenteil stabilisieren sie marine Ökosysteme. Unter anderem, indem sie Nährstoffe transportieren und damit das Phytoplankton gedeihen lassen – eine der wichtigsten Grundlagen diverser Nahrungsnetze und außerdem wichtiger Sauerstoff-Produzent.   

Das Meer braucht die Wale, wir Menschen brauchen die Wale. Ich wünsche mir so sehr, dass jeder Mensch das irgendwann versteht und sich alle mehr und mehr für ihren Schutz, aber auch den aller anderen Tierarten und Ökosysteme einsetzen. Ich bin überzeugt davon, dass Japan seine enge Verbindung zu Walen und die heroischen Geschichten aus vergangenen Zeiten am Leben erhalten kann, ohne weiter Wale töten zu müssen. Es ist klar, dass das nicht über Nacht geschehen kann. Veränderung tut weh und macht Angst. Aber reicht das wirklich als Rechtfertigung dafür, weiter bedrohte Wildtiere aus dem Ozean in die dunkle Ecke eines Gefrierschranks zu befördern, nur damit es Jahre später vielleicht auf jemandes Teller landet?   

Es muss einen Weg geben, gleichzeitig die Wale und die japanische Kultur zu beschützen. Diesen zu finden und andere dafür zu begeistern, mir auf diesem Weg zu folgen, habe ich mir zur Aufgabe gemacht. Helfen Sie dabei, indem sie kein Walfleisch essen und sich respektvoll gegen den Walfang weltweit einsetzen. Das wäre jedenfalls die echte Heldentat für den Planeten.


Weitere Blogs meiner Japan-Reihe
:

Teil 4: Berühmt und berüchtigt – die Bucht von Taiji

Teil 3: Abstecher nach Süd-Korea

Teil 2: Digitale Wale

Teil 1: Gleichgesinnte in Tokio finden

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Über Katrin Matthes

Katrin koordiniert für uns die internationale Arbeit zu Japan. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Beendigung des kommerziellen Walfangs und der Delfinjagden in Taiji. Katrin kümmert sich außerdem um die Bildungs- und Kinderinhalte auf unserer deutschen Website.

1 Kommentar

  1. Veröffentlicht von Jenny am 19. Februar 2024 um 8:18 pm

    Ein toller, informativer und rücksichtsvoller Bericht!
    Ich finde die Beiträge über Japan sehr spannend und interessant und gewinne einiges an neuem Wissen über dieses Land, das uns einerseits so fern ist und in vielen Dingen doch so ähnlich. Vor allem finde ich es beachtlich, dass Japan in diesem Bericht nicht als Bösewicht dargestellt wird und der kulturelle Aspekt nicht weggewischt wird. Trotzdem wünsche ich mir natürlich, dass Japan den Mut hat, den Walfang einzustellen – so schnell wie möglich!
    Vielen lieben Dank an Katrin Matthes und das gesamte Team von WDC für die fundierte Berichterstattung 🙂

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