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Über das Massaker in Taiji und einen engagierten Aktivisten

(C) LIA und Dolphin Project
(C) LIA und Dolphin Project

Vergangenen November beschrieb ich in meinem Blog, wie sehr mich das Drama, das sich jährlich in den japanischen Gewässern vor Taiji abspielt, persönlich mitnimmt. 25 Fischer*innen treiben dort zwischen September und April Delfine und Kleinwale in eine enge Küstenbucht. Dort werden sie entweder getötet oder zur Haltung in Delfinarien ausgesucht.

Die aktuelle Saison ist nun vorbei, jedoch nicht ohne den Verlust von 687 Seelen – 547 wurden geschlachtet und 140 zu einem "Leben" in einem Betonbecken verdammt. Ihr Abendessen werden sie sich ab sofort durch die Vorführung von Tricks erarbeiten müssen.

In meinem heutigen Blog spreche ich mit Ren Yabuki, einem japanischen Aktivisten, der die Jagd Tag für Tag beobachtet und dokumentiert hatte.

 

Herzzerreißende Szenen

Ich habe Jahre damit verbracht, Rundkopfdelfine zu erforschen – leider waren meine geliebten "Risso-Delfine" eine von drei Arten, die in dieser Saison in Taiji in den Tod getrieben wurden. Jedes Jahr werden bei dieser Jagd wilde, frei und mit Familie und Freunden schwimmende Delfine plötzlich von ohrenbetäubendem Lärm umgeben: Die Walfänger*innen schlagen mit Metallstangen aneinander und stiften so Verwirrung und ein Gefühl der Angst unter den Delfinen. Folglich versuchen die Delfine verzweifelt, dem Lärm zu entkommen und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Sie schwimmen dorthin, wohin die Fischer*innen sie "treiben" – bis zu ihrem brutalen und schmerzhaften Tod.

In dieser Saison wurden 142 Risso-Delfine, darunter ein neugeborenes Kalb getötet – was die japanische Tierschutzorganisation Life Investigation Agency (LIA) als illegal einstuft. Dazu 227 Streifendelfine und 178 Breitschnabeldelfine. Zusätzlich zu dem blutigen Massaker wurden 119 Tümmler, 12 Fleckendelfine, sechs pazifische Weißseitendelfine und drei Risso-Delfine ihrem Lebensraum entrissen, um in die Gefangenschaft verkauft zu werden.

Und wofür? Um einen Markt für ihr Fleisch aufrechtzuerhalten, das nachweislich mit Umweltgiften, wie Methylquecksilber und anderen Toxinen versetzt ist und nach dem immer weniger Nachfrage besteht.  Oder zur Unterhaltung von  Menschen, die klatschen und lachen können, wenn sie beobachten, wie die Delfine im Gegenzug für einige tote Fische unnatürliche Verhaltensweisen in Aquarien zeigen.

 

Gefangene Delfine, die für ihren Weitertransport und den Verkauf an Delfinarien vorbereitet werden.

 

Tötungsliste

Unter den 2.227 Delfinen und kleinen Walen, die seit 2017 bei der Jagd in Taiji getötet wurden, befanden sich  557 Risso-Delfine. 75 Risso-Delfine wurden in Gefangenschaft genommen. Neben dem enormen und offensichtlichen Leid der Delfine, sind auch die Fangzahlen selbst ein großer Grund zur Besorgnis. Welchen Einfluss haben diese Jagden auf die Populationen? 2017 durften die Fischer*innen zwei weitere Arten in ihre "Tötungsliste" aufnehmen – möglicherweise als Reaktion auf den Rückgang der üblichen Zielarten, wie zum Beispiel der Tümmler. Die Fortsetzung der Jagd in diesem Ausmaß kann nur zur vollständigen Dezimierung der Populationen in und um Taiji führen.

Ich weiß, wie sehr mein Herz jedes Mal bricht, wenn ich höre, dass Delfine getötet oder gefangen genommen werden. Wie ich innerlich weine, wenn ich an all das Leid und die Not denke, die diese Delfine erlitten haben. Aber wie fühlt es sich für jemanden an, der Tag für Tag vor Ort ist?

 

Ren Yakubi, japanischer Aktivist gegen die Treibjagd in Taiji

Lokaler Aktivismus

Ich würde nicht viel darüber wissen, was in Taiji passiert ist, wenn es Ren Yabuki nicht gäbe, einen engagierten japanischen Aktivisten und Gründer der Life Investigation Agency (LIA). Er hat die Treibjagden dokumentiert und in der vergangenen Saison aufgrund von COVID-Beschränkungen meistens allein gearbeitet. Ich beschloss, Ren ein paar Fragen zu stellen ...

Du bist jeden Tag als Zeuge der Ereignisse in Taiji und beobachtest, wie die einzelnen Delfine um ihr Leben kämpfen. Wie fühlt es sich an, diesen Horror immer wieder zu erleben?

Es ist sehr aufwühlend zu sehen, wie diese Lebewesen jeden Tag getötet werden. Aber jemand muss diese Rolle übernehmen, sonst würde die Wahrheit über das Schlachten nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Was treibt Deiner Meinung nach die Fortsetzung der Jagd an?

Der Verkauf von Delfinen an Aquarien und Delfinarien auf der ganzen Welt ist die Haupteinnahmequelle und der Grund, Delfine zu jagen. Früher war es der Verkauf ihres Fleisches, doch dieser steht jetzt im Hintergrund. Die Jagd dauert an, da der kommerzielle Verkauf von Delfinen ein lukratives Geschäft ist. Wenn niemand mehr zu den Delfinshows gehen würde, wäre es nicht ökonomisch, die Delfinjagd fortzusetzen.

Wie stehen andere Menschen in Japan zu der Jagd? Weiß die Bevölkerung überhaupt, dass sie passieren?

Viele Japaner*innen sind sich der Realität der Delfinjagd nicht bewusst. Und selbst die Menschen, die über die jährliche Jagd in Taiji Bescheid wissen, glauben fälschlicherweise, dass diese nur für den Verkauf des Fleisches geschieht. Das liegt daran, dass die japanische Regierung, die Präfektur Wakayama und die Stadt Taiji Propaganda betreiben. Sie behaupten, dass die Delfin- und Waljagd Teil unserer Kultur ist. Die Delfinjagd in Taiji ist jedoch ein relativ neuer Geschäftszweig, der 1969 begann und nichts mit Tradition oder Kultur zu tun hat.

Was muss Deiner Meinung nach passieren, um einen Wandel in Japan zu bewirken?

Das Wichtigste ist, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Wie ich soeben sagte, sind sich viele Japaner*innen der Delfinjagd nicht bewusst: Daher müssen wir zuerst die Fakten über die Delfinjagd verbreiten. Wir müssen darüber aufklären, dass die Jagd nichts mit regionaler Kost oder unserer Kultur zu tun hat und vorrangig dem kommerziellen Verkauf von Delfinen zu Unterhaltungszwecken dient. Je mehr Japaner*innen erkennen, dass Zoos und Aquarien Orte sind, für die wilde Tiere gewaltsam gefangen und in engen Einrichtungen eingesperrt werden – nur, damit Menschen Geld verdienen können – desto mehr Menschen würden sich gegen die Delfinjagd aussprechen.

Wie kann der Rest der Welt helfen?

Für viele Probleme (nicht nur beschränkt auf die Delfinjagd) ist es sehr wichtig, die Aktivisten an vorderster Front vor Ort zu haben. Aber sie brauchen Unterstützung, damit sie gründlich recherchieren und alle Ressourcen und Materialien beschaffen können, die sie für Ihre Arbeit benötigen. Ohne diese Unterstützung würden die Aktivitäten vor Ort nicht reibungslos verlaufen.

Es ist wichtig, dass Aktivisten ihre Arbeit spezifizieren und ausweiten, um vor Ort möglichst effektiv zu handeln. Nur so kommt man dem Ziel – in meinem Fall dem Ende der Delfinjagd – näher. Dabei ist es sehr hilfreich, wenn Organisationen auf der ganzen Welt gemeinsame Kampagnen durchführen und zusammenarbeiten, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen.

 

In diesem beeindruckenden Video (Englisch) spricht Ren über die Jagd in Taiji, wieso sie immer noch betrieben wird und wie man sie beenden kann. Hinweis: enthält sensibles Bildmaterial!

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Über Nicola Hodgins

Policy Manager at WDC

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