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Grauwale im Pazifik schwinden um 25 Prozent

(C) NOAA fisheries
(C) NOAA fisheries

Auch wenn eine Walart von der Roten Liste gestrichen wird und somit nicht mehr offiziell als "gefährdet" gilt, ist das keine Garantie für eine sorgenfreie Zukunft. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass die Population der pazifischen Grauwale vor der Westküste Nordamerikas seit 2016 um fast ein Viertel zurückgegangen ist.

Grauwale sind bekannt für ihre lange Migrationsroute, zwischen ihren arktischen Nahrungsgründen und den Geburtsgründen vor der mexikanischen Naja-Halbinsel. Die Wanderroute führt sie sehr nah an der Küste vorbei, weshalb man sie von Land aus fast überall beobachten kann.

Seit 2019 wurde eine alarmierende Anzahl toter Grauwale an Stränden und vor der Küste treibend in ihrem gesamten Lebensraum von Mexiko bis Alaska gesichtet. Es waren so viele Wale, dass der National Fisheries Service (NMFS) ein "ungewöhnliches Sterbeereignis" (Unusual Mortality Event – UME) für Grauwale erklärte. UMEs werden ausgerufen, wenn ein "signifikantes Sterben" in einer Meeressäugerpopulation auftritt. Mit dem Ausruf dieser Notsituation, werden zusätzliche Ressourcen frei, um weitere Informationen sammeln zu können und um ein besseres Verständnis der Umstände zu erlangen, die zu der hohen Mortalität führen.

 

Wale spielen eine große Rolle dabei, das Ökosystem Meer im Gleichgewicht und damit gesund zu halten.

Um diese Rolle auszuführen, benötigen sie aber auch selbst einen intakten Lebensraum.  Wenn sie krank sind oder in großer Zahl sterben, kann das ein Zeichen dafür sein, dass etwas mit dem Ökosystem des Ozeans nicht stimmt.

(C) Tim Stenton

Obwohl die Ursache der ungewöhnlichen Sterbeereignisse der Grauwale noch unbekannt ist, nehmen Forscher*innen an, dass die hohe Mortalitätsrate höchstwahrscheinlich auf einen Mangel an ausreichender Beute in den arktischen Nahrungsgründen der Wale zurückzuführen ist. Grauwale sind Bartenwale und ernähren sich von einer Vielzahl kleiner wirbelloser Tiere, insbesondere von Amphipoden (winziger Garnelen). Wie andere wandernde Tierarten, ernähren sie sich nicht in ihren Geburtsgründen oder auf ihrer Wanderung – sondern ausschließlich dann, wenn sie ihre Nahrungsgründe erreicht haben. Dann müssen sie den ganzen Sommer über so viel essen, dass sie den Rest des Jahres außerhalb ihrer Nahrungsgründe überleben können.

Die Arktis hatte in den letzten Jahren eine historisch niedrige Meereismenge, was das empfindliche Ökosystem  aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Um den Körperzustand der Grauwale beurteilen zu können, machten Forscher*innen Luftaufnahmen. Sie stellten fest, dass die Wale ab 2018 dünner aussahen und in einem schlechten Zustand in Mexiko ankamen. Dies deutet darauf hin, dass sie während des Sommers nicht genügend Nahrung fanden.

Das aktuelle Grauwalsterben ähnelt auf alarmierende Weise den Ereignissen von vor 20 Jahren, als ein weiteres UME zu einem erheblichen Rückgang der Grauwalpopulation führte. Obwohl die Ursache dieses UME letztlich nicht geklärt werden konnte, wurde angenommen, dass die Population die "Tragfähigkeit" erreicht hatte – sie wurde zu groß für ihre Umwelt, um alle Wale zu ernähren. Obwohl diese Idee auch für das jetzige Aussterben vorgeschlagen wurde, ist es viel wahrscheinlicher, dass es auf die veränderten Bedingungen in der Arktis zurückzuführen ist.

 

Grauwale wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts fast bis zur Ausrottung gejagt.

Ihr küstennaher Lebensraum, der sie zur Freude von heutigen Walbeobachter*innen macht, machte sie für die damaligen Walfänger an der Westküste leider auch leicht zugänglich. Zusammen mit den Nordatlantischen Glattwalen waren Grauwale eine der ersten Walarten, die vor der Jagd geschützt wurden.  Die Grauwalpopulation im östlichen Nordpazifik erholte sich ohne den Druck des Walfangs und wurde 1994 von der Liste der gefährdeten Arten der USA gestrichen; die Population im westlichen Nordpazifik ist immer noch als gefährdet gelistet.  Mit der zunehmenden Nutzung ihres Lebensraums durch den Menschen sind jedoch neue Bedrohungen für die Grauwale entstanden, wie z. B. Schiffsunfälle, das versehentliche Verfangen in Fischfanggeräten, Lärm und die Auswirkungen des Klimawandels.

Insgesamt 418 Grauwale wurden seit 2019 tot aufgefunden (Stand: 8. März 2021).  Sicherlich sind noch viele mehr gestorben, da die meisten Walkadaver auf den Meeresgrund absinken oder auf das offene Meer hinaustreiben und somit unentdeckt bleiben. Darüber hinaus konnte die kontinuierliche Datenerhebung durch die COVID-19-Pandemie nicht im erforderlichen Maße durchgeführt werden.

 

Bei der jährlichen Zählung der Grauwale wurden im letzten Winter 6.000 wandernde Wale weniger gezählt als 2016. Dies führt zur Annahme, dass die Population in den letzten Jahren um ein Viertel zurückgegangen ist.

(C) Tim Stenton

Eine einzigartige Gruppe von Grauwalen, die als Pacific Coast Feeding Group (PCFG) bekannt ist, kehrt zur Nahrungssuche nicht in arktische Gewässer zurück, sondern bleibt vor der Küste zwischen Nordkalifornien und Südost-Alaska.  Eine andere Gruppe, die als "Sounders" bekannt ist, macht auf ihrer Wanderung einen "Boxenstopp" im Puget Sound, um sich von Geistergarnelen zu ernähren – eine Strategie, die ihnen während des aktuellen Grauwal-Sterbens einen Vorteil verschafft haben könnte.

Die aktuellen Nachrichten über die Sterbezahlen sind vor allem deswegen alarmierend, weil die Strandungen im Jahr 2021 weiterhin höher als "normal" sind.  Sie verdeutlichen, dass die Streichung einer Art von der Roten Liste nicht bedeutet, dass die Zukunft einer Population gesichert ist. Neue Bedrohungen tauchen auf, der Klimawandel verändert die Lebensräume und es bedarf kontinuierlicher Überwachung und Arbeit, um sicherzustellen, dass die Wale ein gesundes Leben führen und ihre Rolle als wesentlicher Teil unseres globalen Ökosystems erfüllen können.

 

 

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