Warum Schweinswale unsere Aufmerksamkeit verdienen
Schweinswale haben mich schon immer fasziniert. Ihre scheue Art, die flüchtigen Momente, in denen man sie überhaupt zu Gesicht bekommt – all das hat mich dazu gebracht, sie besser verstehen zu wollen. Und weil der Schweinswal die am häufigsten vorkommende Walart in der Nordsee ist, sind die kleinen Wale gleichzeitig ein Indikator dafür, wie es dem Meer wirklich geht. Dass wir Schweinswale auch in der Oosterschelde antreffen, einem besonderen, zum Meer hin halboffenen Lebensraum im Süden der Niederlande, macht sie für mich noch spannender.
Vor fast 20 Jahren habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin Nynke Osinga Stichting Rugvin gegründet. Unser Ziel war von Anfang an klar: Wir wollten belastbare Daten sammeln und gleichzeitig die Öffentlichkeit für Wale und Delfine in niederländischen Gewässern sensibilisieren. Heute gehören wir zu den wenigen NGOs in den Niederlanden, die sich mit Schweinswalen und weiteren Meeressäugerarten beschäftigen – und es ist großartig zu sehen, dass Organisationen wie WDC unsere Arbeit unterstützen und verstärken.
Auf dem Wasser – ein Tag voller Fragen und Überraschungen
Ein typischer Forschungstag beginnt für uns mit einer einfachen Frage: "Werden wir Schweinswale sehen – und wenn ja, wo?" Von unserem Heimathafen in Kats aus stechen wir mit unserem Forschungsboot Zeevarken (= "Meerschwein") in See, stets abhängig vom Wind, den Gezeiten und vorherigen Routen. Wir fahren langsam, scannen die Wasseroberfläche und stoppen immer den Motor, sobald wir einen Schweinswal entdecken, um ihn nicht zu stören.
Die größte Herausforderung ist oft, geduldig zu bleiben: Manchmal sind die Meeressäuger zu scheu, zu weit entfernt, oder die Sonne blendet genau im entscheidenden Moment. Aber wenn sich schließlich ein Schweinswal neugierig nähert und uns fast ins Boot schaut, ist das unbezahlbar.
Foto-ID – ein Blick auf individuelle Geschichten
Die Foto-Identifikation ist unser wichtigstes Werkzeug. Wir achten auf Narben, Pigmentflecken und die genaue Form der Rückenflosse – auf beiden Körperseiten. Mit der Zeit wird aus jedem Wal ein Individuum mit einer eigenen Geschichte: Wir wissen dann, wie alt es ist, wie oft es Nachwuchs zur Welt gebracht hat, wo es bevorzugt jagt oder mit welchen anderen Schweinswalen es sich häufig zeigt.
Früher haben wir ausschließlich Codes vergeben, doch inzwischen nutzen wir auch Namen wie "Granny", "Stitch" oder "Sedna" (unser "Schweinswal-Vorstand"). Das erleichtert die Kommunikation im Team enorm – und es macht die Öffentlichkeit neugierig, wenn wir über einzelne Wale sprechen.
Was uns die Daten sagen – und was uns Sorgen macht
Unsere Forschung zeigt eindrücklich, wie empfindlich Schweinswale auf Nahrungsmangel reagieren. Ein Schweinswal, der drei Tage kaum frisst, ist bereits in akuter Lebensgefahr. Oft stirbt der Wal dann an einer Lungenentzündung, weil das Immunsystem versagt.
Die größte Bedrohung für die kleinen Meeressäuger ist ganz klar auch bei uns in den holländischen Gewässern die Überfischung. Hinzu kommen Motorenlärm und Bauarbeiten – Belastungen, die für einen ohnehin hungrigen kleinen Wal schnell zu viel werden. Paradoxerweise erleben wir aber auch Momente, in denen Schweinswale entspannt mitten im sehr stark befahrenen "Nieuwe Waterweg" schwimmen. Diese Anpassungsfähigkeit beeindruckt mich immer wieder.
Unvergessliche Begegnungen
Einige Momente werde ich niemals vergessen: zum Beispiel das erste Schweinswalbaby, das ich in der Oosterschelde gesehen habe, ein kleines Bündel, das nur einen halben Meter neben unserem Boot schwamm und uns direkt anzuschauen schien. Und – ein echtes Highlight – ein Paarungsgeschehen mit gleich acht Schweinswalen, das wir über anderthalb Stunden beobachten konnten. Auch konnten wir bei einer Fährenfahrt einmal 316 Schweinswale sichten – jede Minute einen mehr. Solche Erlebnisse zeigen mir jedes Mal aufs Neue, wie wichtig unsere Arbeit ist.
Was geschehen müsste – und wie jede:r helfen kann
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es eine Pause der kommerziellen Fischerei für fünf bis sechs Jahre. Das würde dem gesamten marinen Ökosystem die Chance geben, sich zu erholen – und uns die Möglichkeit, über nachhaltigere Fischerei-Methoden und Fangquoten nachzudenken.
Auch unsere Öffentlichkeitsarbeit wächst weiter. "Studio Porpoise", ein Projekt, das die Akustik von Schweinswalen erlebbar machte und das leider durch Vandalismus stark beschädigt wurde, soll mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne neu aufgebaut werden. Jede Weiterempfehlung, jeder geteilte Beitrag in sozialen Medien hilft uns enorm.
Für die nähere Zukunft hoffen wir außerdem auf grünes Licht für ein modernes, digitales Foto-ID-System: Mit Tablets könnten direkt an Bord Daten erfasst werden, die dann automatisch analysiert und in einem Dashboard ausgewertet würden – das wäre ein großer Schritt für die Effizienz unserer Forschung.
Leider stehen weiterhin weder Schweinswale, noch der Meeresschutz ganz oben auf der Agenda von Politiker:innen. Aber in der Öffentlichkeit gewinnen sie an Aufmerksamkeit und Sympathie – und das ist ein wichtiger Anfang. Je mehr wir von ihnen erzählen, desto mehr Menschen werden verstehen, dass Schweinswale faszinierende kleine Meeressäuger sind, die unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen.
Folgen Sie WDC auf Social Media!
Folgen Sie WDC auf Social Media!
Mehr Nachrichten
Lesen Sie weitere News und Blogs aus der Welt der Wale und Delfine.
Zoo Beauval verwirft Pläne für ein neues Delfinarium in Frankreich
Ungewisse Zukunft für Norwegens Walfang?
Delfine setzen auch an der Ostküste Australiens Muscheln zur Jagd ein
Beifang von Schweinswalen: Wo Deutschland nachbessern muss
„Beneath the surface“: Neuer WDC-Bericht enthüllt das Leid der Wale in Norwegen
Belgien bestätigt Aus für Delfinarien bis 2037
