Walfang in Norwegen: Wie wir den Wandel erreichen wollen
Jedes Jahr werden mehr Wale durch norwegische Walfänger:innen getötet als in Japan und Island. Aber wir wissen mittlerweile, dass internationale Proteste und Kritik den Walfang nicht beenden werden. Der Wandel muss in Norwegen selbst beginnen. Deshalb arbeiten wir mit gleichgesinnten Organisationen und Aktivist:innen in Norwegen zusammen, um die norwegische Bevölkerung davon zu überzeugen, den grausamen Jagden ein Ende zu setzen.
Mein Name ist Lottie und ich koordiniere die Anti-Walfang-Kampagnen bei WDC. Dabei kümmere ich mich hauptsächlich um Norwegen, arbeite aber auch zum Walfang in Island und den Kleinwaljagden auf den Färöer Inseln.
WDC ist schon seit vielen Jahren in Norwegen aktiv und als Norwegerin freue ich mich darauf, unsere Arbeit zur Beendigung des Walfangs in Norwegen anzuführen. Seit seiner Wiederaufnahme im Jahr 1993 lässt der kommerzielle Walfang in Norwegen all die Herzen der Naturschützer:innen, Tierliebhaber:innen und Wissenschaftler:innen im Land bluten. Ich habe große Hoffnung, dass wir gemeinsam Veränderungen bewirken können!
WDC in Norwegen
Zu Beginn einer aufregenden neuen Phase unserer Kampagne reiste ich im Januar mit Ed Goodall, dem Leiter für internationale Zusammenarbeit bei WDC, nach Oslo. Dort standen die Teilnahme an einem Treffen mit einem hochrangigen Politiker, der Besuch einer alten Walfangstadt und eines Museums sowie der Kontakt zu gleichgesinnten Organisationen und bekannten Aktivist:innen auf dem Programm.
Ermutigender Besuch im Parlament
Als der Schnee fiel, kamen wir voller Vorfreude in Norwegen an und waren bereit, mit einem einflussreichen Politiker über Wale zu sprechen. Es war das erste Treffen, so dass wir nicht sicher waren, was uns erwarten würde. Die Themen, die wir diskutierten, zeigten jedoch ermutigende Entwicklungen und gaben uns Hoffnung, dass der Walfang in Norwegen gestoppt werden kann. Wir diskutierten über den aktuellen Stand der Jagden und die Probleme und Kontroversen im Zusammenhang mit der Finanzierung der Walfangindustrie durch die Regierung. Obwohl wir wissen, dass der Walfang teilweise finanziert wird, ist immer noch unklar, wie viel Geld genau dafür bereitgestellt wird. Das haben wir als wichtiges Thema hervorgehoben und sind nun sämtlichen Informationen über diese staatlichen Subventionen auf der Spur.
Wir haben das Treffen als produktiv empfunden und waren uns in manchen Dingen sogar einig – zum Beispiel, was die Bedeutung der Wale für die Meeresökosysteme betrifft. Oder auch ihre entscheidende Rolle als unsere Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel. Dass ein gesunder Planet einen gesunden Ozean und damit mehr Wale braucht, stieß auf offene Ohren. Als wir an diesem dunklen Abend das Parlament in Oslo durch die goldene Eingangstür verließen, waren wir optimistisch, dass wir unsere Beziehungen zur Regierung ausbauen und die sanften Meeresriesen irgendwann vor den brutalen Harpunen retten können.
Walfang damals und heute
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Sandefjord, einer alten Walfangstadt, etwa eine Stunde südlich von Oslo. Ich hatte in meiner Jugend einiges über Sandefjord gelernt – einer Stadt, die mit Hilfe der Erträge des Walfangs im 19. und frühen 20. Jahrhundert erbaut wurde und noch immer davon zehrt.
Unser Besuch des Walfangmuseums in Sandefjord war lehrreich, aber auch schockierend. Die Ausstellung dokumentierte die schreckliche Geschichte der Jagd auf Wale durch Forschungsschiffe, sowohl in der Antarktis als auch in der Arktis. Zur düsteren Atmosphäre trugen auch die in der Ausstellungshalle aufgestellten Gläser mit Formalin bei, die ungeborene Wal-Föten zeigten. Ihre Mütter waren den Harpunen zum Opfer gefallen. Der Gedanke daran, dass das immer noch geschieht, ist wirklich kaum zu ertragen. Schockierenderweise waren zwischen 2000 und 2015 über 68 % der von norwegischen Walfängern getöteten Zwergwale weiblich – über 40 % von ihnen waren schwanger.
In der großen Ausstellungshalle schwebte ein prächtiger Blauwal über unseren Köpfen. Die schiere Größe des größten Säugetiers der Welt ist überwältigend. Das lebensgroße Modell füllte den ganzen Raum aus. In der Ausstellung wurde erläutert, dass norwegische Walfänger:innen bis Mitte des 19. Jahrhunderts einen Großteil der Blauwal-Populationen ausgerottet hatten. Auf einer Leinwand wurde jeder einzelne getötete Wal mit Angaben zu Geschlecht, Länge und Gewicht aufgelistet. Die Liste schien unendlich lang zu sein. Der Anblick dieser Zahlen machte uns unheimlich traurig. Denn wir wussten: Die grausame Jagd ist noch nicht vorbei.
Es gibt Hoffnung
In Sandefjord hatten wir das Glück, unsere Verbündeten von Extinction Rebellion zu treffen, die während eines Schneesturms gegen die Vergabe neuer Öl- und Gaslizenzen in Norwegen protestierten. Mit anderen Aktivist:innen und NGOs sprachen wir darüber, wie wichtig es ist, an einem Strang zu ziehen, um einen Wandel zum Guten herbeizuführen. Wir müssen uns gemeinsam für unseren Planeten und den Ozean einsetzen und denjenigen eine Stimme geben, die keine haben.
Ich bin von dieser Reise mit einem Gefühl der Hoffnung für mein Land und mit dem Optimismus zurückgekehrt, dass der Walfang in Norwegen ein Verfallsdatum hat. Wir können Veränderungen bewirken, vor allem, wenn wir andere norwegische NGOs, junge Aktivist:innen und Multiplikator:innen unterstützen und mit ihnen zusammenarbeiten. Denn sie stecken voller Inspiration und sind genauso entschlossen wie wir, dem Walfang in Norwegen ein Ende zu setzen!
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