Einsperren, Züchten, Auswildern – warum die Arterhaltung in Gefangenschaft nicht funktionieren kann
Warum "vom Aussterben bedrohte (Delfin)-arten vorübergehend in menschliche Obhut zu geben und sie zu züchten" nicht der Arterhaltung dient, erläutert Meeresbiologin Tamara Narganes Homfeldt in ihrem Blog.
Abgesehen davon, dass für Wale und Delfine nur die Freiheit artgerecht ist, ist das Argument, bedrohte Delfinarten "vorübergehend" in Gefangenschaft zu halten, sie dort zu züchten um sie irgendwann wieder auszuwildern, sehr problematisch und keine Lösung für die bedrohe Art.
Wale und Delfine leben im Meer. Wir Menschen zerstören ihren Lebensraum und machen ihnen das Überleben nicht gerade leicht. Fischerei, Ausbeutung des Meeresbodens, Lärmverschmutzung durch Schiffsverkehr, riesige Müllteppiche – die Liste der Bedrohungen ist lang. Hinzu kommen noch die Veränderungen ihres Lebensraums durch den Klimawandel.
Nun argumentieren einige Einrichtungen, eine bedrohte Delfinart einzusperren, zu züchten und irgendwann wieder freizulassen, könne eine Lösung sein. Doch machen wir uns einmal klar, was das wirklich bedeutet: Wir zerstören ihren Lebensraum, bringen sie in Gefangenschaft, um sie vor uns zu "schützen". Damit nehmen wir ihnen nicht nur ihren natürlichen Lebensraum, sondern auch ihre Freiheit und verursachen noch mehr individuelles Leid. Und wenn wir es dann irgendwann geschafft haben sollten, die industrielle Nutzung der Meere so weit zu reduzieren, dass Delfine dort wieder überleben könnten, wildern wir sie aus? Das ist ein ethisch sehr problematisches Argument und zeigt, wie sehr wir Menschen die Erde dominieren. Wir befinden uns nun mal in der "Anthropozän" (dem Zeitalter, in dem der Mensch eine Auswirkung auf die Erde hat). In einer Welt, wo dies als Erhaltungsargument genannt wird, müssten wir in letzter Konsequenz wohl früher oder später allerlei Tier- und Pflanzenarten in einem suboptimalen künstlichen Ökosystem halten, nur um sie vor uns Menschen zu schützen, während wir die Natur weiter ausbeuten. Doch genug von diesem grausamen Gedankenspiel – kommen wir wieder zurück zu den wundervollen Meeressäugern.
Nun zum Konzept, eine ganze Delfinart in Gefangenschaft zu halten, um sie dann irgendwann nach Generationen wieder auszuwildern: In der Tat war dieses Unterfangen für einige Arten an Land erfolgreich. Doch mit Walen und Delfinen ist dies nicht wirklich realistisch – aus einem ganz einfachen Grund: Ihr natürlicher Lebensraum kann nicht nachgebildet werden. Wale und Delfine können somit in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden. Ihre biologischen Bedürfnisse als Jäger werden in einem Becken nicht befriedigt. Dazu gehört ein großer Bewegungsdrang, sowie die Erkundung und die Interaktion mit ihrer sich ständig verändernden lebendigen Umgebung.
Delfinpopulationen haben außerdem ihre eigene Kultur. Dialekte und Jagdstrategien spielen eine essenzielle Rolle für ihr Überleben. Damit sind sie optimal an den jeweiligen Lebensraum angepasst – das Wunder der Evolution eben. Doch wenn man diese hochintelligenten und sozialen Lebewesen über viele Generationen in Gefangenschaft hält, werden sie viele Eigenschaften, die sie zum Überleben in der Freiheit brauchen, nicht mehr von Generation zu Generation lehren und so wird kulturelles Wissen verloren gehen. Wenn sie dann hypothetisch irgendwann wieder ausgewildert werden sollten (wie gesagt, das Auswildern von in Gefangenschaft geborenen Walen und Delfinen ist schon in der Theorie höchst problematisch; von der Auswilderung einer ganzen Art ganz zu schweigen), wäre die Gefahr sehr groß, dass sie das über kurz oder lang nicht überleben. Und eine wichtige Frage wäre auch: Wann sollen sie wieder ausgewildert werden? Denn das, was wir unseren Meeren heute antun, wird noch Jahrtausende seine Spuren hinterlassen.
Wale und Delfine spielen nicht zuletzt eine wichtige Rolle für das Ökosystem Meer. Auch deshalb sollte aus unserer Sicht der Schutz von Walen und Delfinen innerhalb ihres natürlichen Lebensraums höchste Priorität haben. Denn damit schützen wir nicht nur sie, sondern das gesamte Ökosystem.
Was ist das Beste für Wale und Delfine?
Was ist aus unserer Sicht also das Beste, was wir für bedrohte Wale und Delfine tun können? Wir müssen sie hier und jetzt schützen, in dem Lebensraum, in dem sie zuhause sind und in dem sie sich wohlfühlen. Wir müssen versuchen, Menschen gemachte Gefahren bestmöglich zu reduzieren. Oftmals bedeutet dies, einen langen Atem zu haben, denn es ist viel Überzeugungsarbeit auf politischer Ebene nötig und kann sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen. Letzten Endes gilt es auch, bei jedem einzelnen von uns anzusetzen – Stichwort Nachhaltigkeit. Wir müssen uns besser um die Erde und ihre beeindruckende Natur kümmern und das nicht, in dem wir alles in künstliche Lebensräume verpacken, sondern das, was wir vorfinden, bestmöglich zu schützen und nicht auszubeuten.
Wir von WDC setzen uns dank Ihrer Unterstützung für den Schutz von Walen und Delfinen in freier Wildbahn ein, ohne sie in Gefangenschaft zu halten und zu züchten – den artgerecht ist nur die Freiheit!
Informieren Sie sich gern eingehender auf unserer Webseite zu unseren Schutzprojekten.
Dies dient auch als Stellungnahme zum in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 12./13. Oktober 2024 veröffentlichten Artikel „Wir brauchen nicht weniger Delfinarien, sondern mehr“.
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