Chemikalien-Belastung in der Ost- und Nordsee steigt an
Zu den größten Bedrohungen für Wale und Delfine gehört die Verschmutzung ihrer Lebensräume durch Chemikalieneinträge von Land. Neue Analysen zeigen, dass die Konzentration von Gadolinium, einem MRT-Kontrastmittel, in der Ost- und Nordsee in den letzten 15 Jahren um ein Elffaches zugenommen hat.
Gadolinium ist magnetisch und eignet sich bei der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) besonders gut, um Organstrukturen sichtbar zu machen. Das Seltenerdmetall gehört jedoch zu den Substanzen, die in Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können und so über Flusssysteme in die Meeresumwelt gelangen.
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover erklärte gegenüber dem Online-Wissensmagazin Scienexx.de, dass der größte Teil des UNESCO Weltnaturerbes Wattenmeer mit Gadolinium-basierten Kontrastmitteln kontaminiert sei. Vor der Küste von Spiekeroog sei die Konzentration von Gadolinium-Verbindungen von 0,59 Nanogramm pro Liter im Jahr 2005 auf 6,4 Nanogramm pro Liter in 2020 angestiegen. Ähnliches stellte ein Team der Constructor University in Bremen für die Ostsee fest. Der Haupteintragsweg für die Chemikalien in die Nordsee sind die großen Flüsse Rhein, Ems, Eser, Elbe und die Themse. In die Ostsee gelangen Kontaminationen über die Weichsel und Oder. Hinzu kommt die Verteilung durch die Meeresströmungen, die die Kontrastmittel von der Nordsee, entlang der deutschen und dänischen Küste, bis in die Fjorde Südnorwegens transportieren, wo sie sich mit Ostseewasser mischen.
Bedeutung für die Lebensräume von Walen und Delfinen
Bisher sind den Forscher:innen noch keine Hinweise bekannt, die in größerem Stil auf die Aufnahme von Gadolinium in die Nahrungskette hindeuten. Jedoch liegen Daten vor, die die Aufnahme des Kontrastmittels durch Miesmuscheln belegen. Die derzeitigen Gadolinium-Konzentrationen sind einzeln betrachtet noch nicht gesundheitsgefährdend, jedoch ist damit zu rechnen, dass Chemikalien-Einträge in die Meere auch in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Gadolinium stellt nicht die einzige Belastung für die sensiblen Meeresökosysteme dar – bei der Risikobewertung gilt es daher immer, das Zusammenspiel zu betrachten.
Besonders PCB (Polychlorierte Biphenyle), POPs (Polyorganische Verbindungen) und Schwermetalle (z.B. Quecksilber) gelangen durch die Industrie in großem Umfang in unsere Umwelt. Zwar verbieten manche Länder mittlerweile die Verwendung solcher Umweltgifte, doch bis sie in der Umwelt nicht mehr nachweisbar sind, dauert es sehr lange. Die Stoffe stellen eine ernstzunehmende Gefahr für Wale und Delfine dar: Über die Nahrungskette nehmen sie große Mengen dieser Chemikalien auf. Zu den Folgen für die Meeressäuger gehören zum Beispiel Probleme bei der Fruchtbarkeit, Fehlgeburten und Schäden des Immunsystems, die langfristig zu Krebserkrankungen führen können. Auch Massensterben von Wal- und Delfin-Populationen in den letzten Jahrzehnten stehen mit großer Wahrscheinlichkeit in Zusammenhang mit chemischer Meeresverschmutzung.
"Ob Menschen oder Meerestiere – Chemikalien und Schwermetalle haben dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit der Individuen und bedrohen mittel- und langfristig ganze Populationen. Der Schutz der Meeresumwelt und der marinen Arten bedeutet auch, menschliche Aktivitäten an Land strenger zu regulieren, die Verwendung von Chemikalien und Schwermetallen, die die Gesundheit von Menschen und Tieren gefährden, zu verbieten und die Anwendung zugelassener Produkte wirksam zu kontrollieren."
Marine Perrin, Politikberaterin bei WDC Deutschland
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