Die Gewässer rund um Großbritannien bieten Rundkopfdelfinen einen wichtigen Lebensraum. Ein besonders bedeutsames Gebiet wurde vor der Insel Lewis im Nordwesten Schottlands identifiziert und als Meeresschutzgebiet ausgewiesen.
– ABGESCHLOSSEN –
Obwohl sie das offene Meer bevorzugen, gibt es viele Orte rund um Großbritannien, an denen Rundkopfdelfine in Küstennähe zu sehen sind – beispielsweise in den schottischen Küstengewässern vor Lewis auf den Äußeren Hebriden, den Shetland- und Orkney-Inseln, im Nordosten Schottlands und vor Bardsey Island in Wales. Die Daten von WDC zeigen, dass diese wenig bekannte Art häufig in diesen Gebieten anzutreffen ist und einige Individuen Jahr für Jahr zurückkehren. Das Ziel unserer Forschungsarbeit zu Rundkopfdelfinen war es, ihre Lebensraumnutzung (sowie die anderer Delfine und Wale, die im selben Gebiet gesichtet werde) besser zu verstehen und ihren Schutz dadurch zu verstärken.
Seit vielen Jahren dokumentiert WDC mit Unterstützung geschulter Ehrenamtlicher Wal- und Delfinsichtungen vor der Isle of Lewis und hat diese Arbeit kürzlich auf den Nordosten Schottlands und die Shetland- und Orkney-Inseln ausgeweitet – also alle Gebiete, die wir als wichtige Lebensräume dieser Art identifiziert haben. Diese Beobachtungen fließen auch in Foto-Identifikations-Katalogemit ein. Dank anderer Forscher:innen, Naturliebhaber:innen und Reiseveranstaltern, die uns ihre Fotos geschickt haben, konnten wir zwei Foto-Identifizierungs-Kataloge für Rundkopfdelfine veröffentlichen – einen mit über 100 Individuen, die in den Gewässern um die Orkney Inseln und vor Nordostschottland gesichtet wurden, und einen mit über 50 Individuen, die in der Umgebung der Shetland Inseln und Fair Isle beobachtet wurden. Unter den Bildern befinden sich sogar historische Aufnahmen aus dem Jahr 2001.
Unsere Analysen zeigen zudem, dass es möglicherweise langfristige Bindungen zwischen einzelnen Delfinen und Anzeichen für Standorttreue gibt – ähnlich wie wir es an der Westküste Schottlands dokumentiert haben. Jahr für Jahr kehren einige Individuen in dieses Gebiet zurück, um Nahrung zu suchen, Sozialkontakte zu pflegen und sich zu paaren – in den Sommermonaten wurden mehrfach neugeborene Delfine gesichtet.
Zusammen mit anderen Umweltgruppen wie dem Hebridean Whale and Dolphin Trust haben wir einen Antrag gestellt, die Gewässer um die Nordostküste der Isle of Lewis als Meeresschutzgebiet (MPA) für Rundkopfdelfine (und Sandaale, die ebenfalls eine zentrale Rolle im Ökosystem des Nordatlantiks spielen) auszuweisen. Im Dezember 2020 gab die schottische Regierung ihre offizielle Zustimmung, sodass das Gebiet und die darin lebenden Delfine und anderen Meerestiere nun theoretisch „geschützt” sind. Allerdings gibt es noch keinen Managementplan für das Gebiet, weshalb es wichtig ist, dass weiterhin Daten gesammelt werden, um sicherzustellen, dass die Schutzmaßnahmen effektiv sind.
Aus britischer Sicht ist nur sehr wenig über die Populationen der Rundkopfdelfine bekannt, weshalb es schwierig ist, konkrete Managementempfehlungen zu geben. Was wir wissen, ist, dass sie zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt sind, von Beifängen über die Zerstörung ihres Lebensraums bis hin zu nicht nachhaltigen Delfinbeobachtungstouren und Unterwasserlärm, zum Beispiel durch Schiffsverkehr. Um sie effektiv und langfristig schützen zu können, müssen noch weitere Forschungsarbeit geleistet und offene Fragen beantwortet werden.
Die Macht von „Citizen-Science“
WDC führt seit vielen Jahren erfolgreich das Citizen-Science-Projekt „Shorewatch“ (deutsch: Küstenbeobachtung) durch, das auch die Dokumentation von Rundkopfdelfinen in den Gewässern um die Halbinsel Llŷn und die Insel Bardsey im Nordwesten von Wales ermöglichte. Das Ergebnis war ein Foto-Identifikationskatalog für Rundkopfdelfine, der bis ins Jahr 1999 zurückreicht und heute vom Bardsey Marine Mammal Project weitergeführt wird.
Im Rahmen von Shorewatch bildet WDC weiterhin Ehrenamtliche aus, die nach dieser und anderen Wal- und Delfin-ArtenAusschau halten und ihre Sichtungen dokumentieren. Bis heute haben wir über eine Million Minuten an Beobachtungsarbeit aufgezeichnet, mit einer signifikanten Sichtungsrate für Rundkopfdelfine im Nordwesten und Nordosten Schottlands sowie auf den westlichen und nördlichen Inselgruppen.
Mehr über Rundkopfdelfine
Spannende Infos und Fakten finden Sie in unserem Artenführer.
Hybridisierung
Die Bedeutung dieser Forschung wird noch dadurch unterstrichen, dass wir seit 2011 ein seltenes Phänomen dokumentierenkonnten: die potenzielle Hybridisierung, also das Paaren von unterschiedlichen Arten miteinander, nämlich Rundkopfdelfinen und Großen Tümmlern. Die Hybridisierung zwischen Wal- und Delfinarten ist bei einigen wenigen Arten bekannt, gilt jedoch nach wie vor als relativ selten und wird überwiegend als „zufällige“ Paarung angesehen und nicht als etwas Evolutionäres oder als Folge anderer Bedrohungen. Unsere Entdeckung von mehreren möglichen Individuen (unter anderem das erste jemals in britischen Gewässern registrierte Individuum) und ihre anschließenden erneuten Sichtungen im Laufe der Jahre ist zweifellos von wissenschaftlichem Interesse, sollte aber vor allem ein wichtiges Anliegen für den Artenschutz sein.
Ziele des Projekts
- Gibt es eine einzige Population von Rundkopfdelfinen, die in den Gewässern rund um das Vereinigte Königreich verbreitet ist? Oder bilden sie spezifische, isolierte Populationen? Sind die britischen Gesetze und Regelungen zum Schutz der Delfine entsprechend ausgelegt?
- Haben die Delfine einen bevorzugten Lebensraum?
- Welche Rolle spielt ein bevorzugter Lebensraum für die Fortpflanzung?
- Welches Ausmaß hat die Hybridisierung zwischen Rundkopfdelfinen und Großen Tümmlern?
Unsere Arbeit zielte darauf ab, sicherstellen, dass Rundkopfdelfine in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet streng geschützt werden, wie es das Gesetz vorschreibt und, dass ein spezielles lokales Management eingerichtet wird, z. B. im Schutzgebiet North East Lewis, das die Delfine ganzjährig zur Nahrungsaufnahme, Geburt ihrer Jungen und Interaktion untereinander nutzen.
Wissenschaftliche Artikel aus dem Projekt
Weir, C.R., Hodgins, N.K., Dolman, S.J., Walters, A.E.M., 2019. Risso’s dolphins (Grampus griseus) in a proposed Marine Protected Area off east Lewis (Scotland, UK), 2010–2017. Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom 99, 703–714. https://doi.org/10.1017/S0025315418000516
Hodgins, N.K., Dolman, S.J., Weir, C.R., 2014. Potential hybridism between free-ranging Risso’s dolphins (Grampus griseus) and bottlenose dolphins (Tursiops truncatus) off north-east Lewis (Hebrides, UK). Marine Biodiversity Records 7. https://doi.org/10.1017/S175526721400089X
Hodgins, N.K., Steel, E.M., Dyke, K., Walters, A.E.M., Dolman, S.J., Hall, K., Neave-Webb, E., Evans, P.G.H., Bird, C., Robinson, K.P., Marwood, E.M., Foubister, R., Harrop, H., Knight, A., Munro, K., 2024. Using citizen science to better understand Risso’s dolphin (Grampus griseus) presence in northeast Scotland and the Northern Isles. Front. Conserv. Sci. 5. https://doi.org/10.3389/fcosc.2024.1366064
de Boer, M.N., Clark, J., Leopold, M.F., Simmonds, M.P., Reijnders, P.J.H., 2013. Photo-Identification Methods Reveal Seasonal and Long-Term Site-Fidelity of Risso’s Dolphins (Grampus griseus) in Shallow Waters (Cardigan Bay, Wales). Open Journal of Marine Science 03, 66. https://doi.org/10.4236/ojms.2013.32A007
de Boer, M.N., Simmonds, M.P., Reijnders, P.J.H., Aarts, G., 2014. The Influence of Topographic and Dynamic Cyclic Variables on the Distribution of Small Cetaceans in a Shallow Coastal System. PLoS ONE 9, e86331. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0086331
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