Chronisch krank, sozial gestresst, ruhiggestellt

Erste Hinweise aus den Akten verstärken die Zweifel der WDCS an artgerechter Haltung von Großen Tümmlern in Delfinarien. Schon vor der Akteneinsicht war bekannt, dass die Nachzucht in deutschen und europäischen Einrichtungen problematisch ist. Beispiele aus den Akten zur Delfinhaltung aus Nürnberg verstärken jedoch den Verdacht, dass die Situation schlimmer ist, als zuvor angenommen.

Am 12.04.2001 ist Noah aggressiv gegen Anke und wird für 5 Stunden ins Rundbecken gesperrt, morgens am 14.04.2001 lässt er Anke nicht aus der Ruhebeckenschleuse und attackiert sie 2 bis 3 mal aufs heftigste, daraufhin bekommt er 50mg Diazepam und ist nicht mehr aggressiv. Am 15.04. zeigt Noah erneut  aggressives Verhalten und bekommt um 14 Uhr erneut 50mg Diazepam. Diese Gabe zeigt nicht die gewünschte Wirkung, denn Noah versucht Anke nun zu decken. Daraufhin wird er vom 16.04. morgens bis zum 17.04. morgens separiert. Am 17.04. ist sein Verhalten immer noch nicht wunschgemäß, er bekommt 6x Clinofem®10 (synthetische Gestagene = weibliche Hormone, die in der Krebsbehandlung beim Menschen zum Einsatz kommen, aber auch zur Regulierung des männlichen Hormons Testosteron eingesetzt werden).

Beispiele wie diese zeigen, dass die Tiere nicht miteinander auskommen, separiert und mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden.
Erste Hinweise aus den Akten legen den Verdacht nahe, dass Verhaltensabweichungen, die in systemimmanenten Problemen wie Beckengröße und Gruppenzusammensetzung begründet liegen, erst durch die Gabe von Medikamenten kontrolliert werden können.

Eingriff in Sozialverhalten

Die Akten legen nahe, dass Diazepam nicht nur - wie oft angegeben - zur Appetitanregung gegeben wird (dies wären auch geringere Dosierungen), sondern, dass unmittelbar in das Verhalten der Tiere eingegriffen wird.
Dadurch werden die Tiere in der Ausübung ihres natürlichen Verhaltens erheblich behindert und die Ausbildung von stabilen und somit sozial verträglichen Hierarchien erschwert.

„Diazepam – uns auch unter dem Handelsnamen ‚Valium‘ bekannt - ist ein Psychopharmakon zur Behandlung von akuten Spannungs-, Erregungs- und Angstzuständen; die verabreichte Dosis ist z.B. bei medizinischen Eingriffen wie einer Bronchoskopie empfohlen, um den Delfin zu immobilisieren“, kommentiert Dr. Karsten Brensing, Delfinexperte der WDCS Deutschland, die Medikation bei seinem Vortrag über das Delfinleben in Freiheit und in Gefangenschaft am Vortag in Nürnberg.

Unnatürliche Gruppe im Delfinarium

Die künstliche permanente Gruppenzusammensetzung in Delfinarien (ein adultes Männchen, das immer dominant ist, mehrere adulte Weibchen und Jungtiere beiderlei Geschlechts) ist in der Natur nur temporär zu beobachten. Die permanente gemeinsame Haltung gilt als unnatürlich und kann Infantizide (Tötung der Jungtiere durch andere Gruppenmitglieder) zur Folge haben. Unnatürlich ist auch die teilweise daraus resultierende separate Haltung von Männchen.

Weiterhin ist es unnatürlich, trächtige Weibchen bzw. Weibchen mit ihren Jungtieren vollständig von ihrer Gruppe zu separieren. Dies hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die heranwachsende Generation nicht gelernt hat, sich adäquat zu verhalten.

Akteneinsicht der WDCS

Nach dem Tod von 5 Kälbern und einem erwachsenen Muttertier zwischen 2006 und 2007 ersuchte die WDCS den Tiergarten Nürnberg um Einsichtnahme, um eine unabhängige wissenschaftliche Evaluierung durchzuführen. Die Bitte endete in einem 5-jährigen Rechtsstreit, der in ein Grundsatzurteil mündete und als Türöffner für eine wissenschaftliche Beurteilung von Haltungsbedingungen von Wildtieren in deutschen Zoos angesehen werden kann.

Mit Urteil vom 22. August 2011 stellte das Bayerische Verwaltungsgericht fest, dass der WDCS Einsicht in alle Akten über die Delfinhaltung des Tiergartens Nürnberg gewährt werden muss.

Alle vorgestellten Informationen aus den Akten sind bisher nur als Beispiele zu verstehen. Die wissenschaftliche Evaluierung durch ein internationales Expertenteam ist noch nicht abgeschlossen.

„Auseinanderbrechen und Zusammenfinden“

Große Tümmler leben in freier Wildbahn einer so genannten ‚fission – fusion‘ Gesellschaft.
Fission–fusion bedeutet ‚auseinanderbrechen‘ und ‚fusionieren‘.  Es handelt sich also um Gemeinschaften, die sich unter bestimmten Umständen teilen und wieder vereinigen. Eine Dorfgemeinschaft findet sich zur Arbeit auf dem Feld und zum Erntedankfest zusammen, Angestellte einer Firma treffen sich täglich zur Arbeit, doch die Nächte verbringen die einzelnen Familien in ihren Häusern. Das soziale Leben ist auf beide Aspekte angewiesen und ähnlich verhält es sich auch bei den wenigen Tierarten, die dieser Gesellschaftsform folgen.

Superallianzen

Jahrelange Studien zu Großen Tümmlern vor der australischen Westküste haben erst kürzlich erneut aufgezeigt, wie komplex das soziale Gefüge dieser Tiere ist. Forscher gehen davon aus, dass die untersuchten Männchen neben engen und weniger engen Gemeinschaften – vergleichbar mit Familie und Freunden - so genannte Superallianzen bilden. Damit sind Gruppen gemeint, deren Bindung  weniger eng ist als das in den anderen, engeren Sozialgefügen, aber sich die Tiere ebenfalls zu einem bestimmten Zweck, z.B. der Verfolgung eines Weibchens, in solchen zusammenfinden. Daraus folgern Forscher, dass Große Tümmler die sozialen Netzwerke in einer großen Gruppe genau kennen müssen – um bspw. vorherzusehen, ob ein bestimmtes Männchen eine Gefahr für das gerade von einem anderen Männchen zur Paarung herausgesuchte Weibchen darstellt. Denn dieses bestimmte Männchen könnte zum Beispiel andere Männchen aus anderen Allianzen zu Hilfe holen.

Echte Männerfreundschaft

„Je nach Lebensstadium finden sich die Tiere in unterschiedlichen Gruppenkonstellationen zusammen“, so Verhaltensbiologe Brensing. „Dazu zählen Gruppen von noch nicht erwachsenen Delfinen – also Teenies -  aber auch Männergruppen von normalerweise 2 – 3 Tieren, die eine sehr enge Bindung aufweisen.“ 
Zur Paarung suchen diese Männchen jedoch  die Nähe vom Weibchen und haben ein ausgesprochen komplexes Sozialleben. „Diese Phase kann einige Monate pro Jahr betragen“, gibt Brensing zu bedenken.

Weibchen geben den Ton an

Die am häufigsten dokumentierte Gruppenkonstellation in freier Wildbahn wird immer von einem dominanten Weibchen angeführt. Dazu kommen zumeist noch 1 – 2 Kälber dieses Leittieres, sowie ein weiteres Weibchen mit Nachwuchs und 1-2 Jungtiere. Diese Gruppe ist wiederum in eine größere Gemeinschaft eingebettet. Dominante Männchen in dieser Gruppenzusammensetzung sind in freier Wildbahn eine Seltenheit.