Neue Studie: Pottwale leisten Geburtshilfe
Forschende haben erstmals gefilmt, wie eine Pottwal-Gruppe ein Weibchen bei der Geburt unterstützte und das Neugeborene gemeinsam an der Wasseroberfläche hielt, damit es atmen konnte.
Ein Team von Wissenschaftler:innen der City University of New York und dem Projekt CETI (Cetacean Translation Initiative – deutsch: Initiative zur Übersetzung von Wal-Kommunikation) wurde im Sommer 2023 Zeuge eines seltenen Schauspiels an der Küste der Karibikinsel Dominica: Eine Gruppe von elf Pottwalen aus zwei normalerweise getrennt lebenden Familien fand sich an der Wasseroberfläche zusammen. Inmitten dieser Gruppe brachte ein Pottwal-Weibchen ihren Nachwuchs zur Welt, umringt von mehreren weiteren Weibchen. Die Geburt dauerte nur eine halbe Stunde. Anschließend konnten die Forscher:innen beobachten, wie Wale beider Familien das Neugeborene mit ihren Körpern immer wieder an die Wasseroberfläche hoben, damit es atmen konnte.
Während der nächsten zwei Stunden blieben die Pottwale nah beieinander; möglicherweise auch, um das Jungtier vor natürlichen Feinden, wie Haien, zu schützen. Nachdem sich die Gruppe wieder aufgelöst hatte, wurde das Neugeborene von seiner Mutter, seiner Halbschwester und seiner Tante begleitet. In dieser Familienkonstellation konnten die Forschenden es auch ein Jahr später erneut sichten.
Soziale Riesen
Durch jahrzehntelange Forschungsarbeit ist inzwischen bekannt, dass sich die Individuen innerhalb der matrilinearen – von weiblichen Walen angeführten – sozialen Einheiten der Pottwale über Jahre hinweg bei der Sozialisierung, der Nahrungssuche und der Aufzucht der Jungtiere abwechseln. Die gemeinschaftliche Aufzucht der Pottwal-Babys ist also zentral für das Sozialgefüge dieser Wal-Art.
„Geburten von Walen sind äußerst selten von Menschen beobachtet worden und so wissen wir sehr wenig über den Prozess einer Geburt bei verschiedenen Wal-Arten. Die Aufnahmen vor Dominica sind einzigartig und ergänzen das uns bisher bekannte Bild von Pottwalen. Sie haben ein stark ausgeprägtes Sozialverhalten, dass unter anderem durch starke Gruppenzugehörigkeit, gemeinsame Verteidigung vor Feinden und auch die geteilte Fürsorge von Nachwuchs deutlich wird. Eine so große und essenzielle Unterstützung bei der Geburt ist ein weiterer Beweis dafür.”
Tamara Narganes Homfeldt, Meeresbiologin bei WDC Deutschland
Die Expert:innen gehen davon aus, dass neugeborene Pottwale einen negativen Auftrieb haben – also zunächst eher absinken – und wahrscheinlich sofortige physische Unterstützung benötigen, um an die Oberfläche zu gelangen und zu atmen. Das könnte die evolutionäre Bedeutung der kooperativen Fürsorge innerhalb der Gruppen entscheidend prägen, so die Wissenschaftler:innen.
Halfen sich schon die Ur-Wale bei der Geburt?
Das im Fachmagazin „Science“ von der Forschungsgruppe als Geburtshilfe beschriebene Verhalten wurde bisher schon bei drei anderen Zahnwal-Arten – Orcas, Belugas und Kleinen Schwertwalen – beobachtet. Die Expert:innen gehen daher davon aus, dass sich Individuen des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Arten vor 34 Millionen Jahren auch schon bei der Geburt unterstützt haben.
Pottwale sind die größten Vertreter der Zahnwale. Ihr ausgeprägter Gemeinschaftssinn zeigt sich nicht nur bei der Geburtshilfe, sondern auch in ihrer komplexen sozialen Organisation: Im Pazifik schließen sie sich zu großen Gruppen von bis zu 20.000 Individuen – so genannten "Clans" – zusammen. Diese Clans bestehen überwiegend aus Weibchen und zeichnen sich durch enge soziale Bindungen sowie gemeinsame kulturelle Merkmale aus, etwa spezifische Klicklaute, die sich zwischen den Gruppen unterscheiden – wie menschliche Dialekte.
Wie eng die Zusammenarbeit innerhalb dieser Gruppen ist, zeigt sich auch in ihrem Entscheidungsverhalten: Pottwal-Forscher Hal Whitehead fand heraus, dass Wale eines Clans offenbar gemeinschaftlich über Richtungswechsel "entscheiden". Beobachtungen zeigen, dass sich die Wale teils über längere Zeit abstimmen, bevor sie gemeinsam den Kurs ändern – ein Hinweis auf konsens-basierte Entscheidungen statt einer Führung durch einzelne Individuen.
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