Japan außer Rand und Band? Das Desaster um die Finnwal-Quote
Update, 31.07.24
Finale Entscheidung getroffen: Japan gibt die Jagd auf Finnwale frei
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Mehrere hundert Wale werden jedes Jahr von japanischen Walfänger:innen wegen ihres Fleisches getötet, obwohl es unbeliebt und teuer ist. Nun wird wahrscheinlich auch das zweitgrößte Säugetier der Erde, der Finnwal, bald auf der Abschussliste stehen. Wie konnte es nur so weit kommen?
Der gesamte Prozess sorgte international bei Umweltschutzorganisationen, Regierungsvertreter:innen und Expert:innen für große Irritation. Japan war zwar vor einigen Jahren aus der Internationalen Walfang Kommission (IWC) ausgetreten, ist aber laut UN-Seerechtsübereinkommen nach wie vor verpflichtet, mit der IWC zu kooperieren. Demzufolge hätten die japanischen Vertreter:innen die geplante Quote inklusive wissenschaftlicher Grundlage, auf der sie beruht, beim Treffen des IWC-Wissenschaftsausschusses im April 2024 vorstellen müssen.
Nach der offiziellen Ankündigung folgte eine knapp dreiwöchige Phase, in der die Öffentlichkeit Gelegenheit bekommen sollte, Feedback zu dem Antrag einzureichen. Fragwürdig war jedoch, dass bis unmittelbar zu dem Termin im Fischerei-Rat keinerlei Dokumente veröffentlicht wurden, anhand derer die Öffentlichkeit sich eine Meinung hätte bilden können. Dennoch schienen mindestens 1000 Personen diese Gelegenheit wahrgenommen zu haben. Kritisches Feedback wurde im Meeting knapp zusammengefasst vorgetragen, ohne dass dabei groß ins Detail gegangen wurde. Der öffentlichen Meinung schien man demzufolge keine besonders große Bedeutung beigemessen zu haben – besonders bedauerlich, da eine erst im Mai 2024 durch WDC in Japan durchgeführte Umfrage ergab, dass 79,2 Prozent die Jagd bedrohter Arten zur Nahrungsgewinnung nicht unterstützen.
Datengrundlage mehr als fragwürdig
Aber auch allem anderen, was in diesem Meeting präsentiert wurde, mangelte es an Substanz. Die vorgestellten Dokumente waren unzureichend wissenschaftlich fundiert und die Herleitung der Quote für Finnwale nicht nur irreführend, sondern schlichtweg falsch. Für die Berechnung war eine viel zu große Populations-Zahl zugrunde gelegt worden, die eigentlich zu einem deutlich größeren Gebiet als Japans Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ = bis 370 Kilometer von der Küste entfernt) gehört. Auch wenn bei diesem Termin merkwürdigerweise keinerlei Wal-Expert:innen anwesend waren, so wurde wenigstens der Bericht eines internationalen Experten-Gremiums vorgestellt. Dieser nahm ebenfalls auf die fragwürdige Quoten-Berechnung Bezug und schlussfolgerte, dass die lokale Finnwal-Population in einem Worst-Case-Szenario innerhalb von bloß vier Jahren um 40 Prozent einbrechen könnte. In zahlreichen konsolidierten Briefen forderten Umweltschutzorganisationen aus Japan und der ganzen Welt, die Pläne bezüglich der Finnwal-Jagd zu verwerfen. Doch trotz der zweifelhaften und Datenlage und internationalen Protesten, wurde der Antrag zunächst formell angenommen.
Nach Angaben des Fischereiministeriums sollte bis Ende Juli eine finale Stellungnahme über die geplante Finnwal-Jagd erfolgen, doch bisher war diesbezüglich nichts Neues zu hören. Wir befürchten, dass die formale Annahme des Vorschlags bereits die endgültige Entscheidung gewesen sein könnte und dass die ersten Finnwale vielleicht sogar schon in diesem Sommer von japanischen Walfängern getötet werden.
Große Sorgen um das Tierwohl
Zu den starken Bedenken bezüglich der Auswirkungen auf den Fortbestand der lokalen Finnwal-Population kommen große Sorgen hinsichtlich des Tierwohls. In den vergangenen zwei Jahren wurde der isländische Finnwal-Fang heftig kritisiert, weil viele Finnwale nicht vorschriftsgemäß mit einem einzigen Harpunenschuss unmittelbar getötet wurden, sondern teilweise stundenlang unter wiederholtem Beschuss um ihr Leben kämpften, ehe sie starben. Schaut man sich die wenigen öffentlich zugänglichen Zahlen aus Japan an, so stellt man fest, dass auch dort die Bedingungen furchtbar sind: Nur etwa jeder zweite im Rahmen des kommerziellen Walfangs getötete Wal starb auf der Stelle. Demnach ist zu erwarten, dass es den japanischen Walfänger:innen nicht viel besser gelingen wird als den isländischen, die besonders schnellen und großen Wale schnell und möglichst schmerzlos zu töten.
Eine sterbende Industrie unter großem Druck
Der kommerzielle Walfang, der sich zu einem lukrativen Geschäftszweig entwickeln soll, steckt nach wie vor in der Krise. Der Preis für Wal-Fleisch ist den Japaner:innen, die ohnehin andere Fleisch-Sorten bevorzugen, vergleichsweise zu teuer. Die Industrie war davon ausgegangen, dass die Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs den Preis für Wal-Fleisch senken würde, doch das Gegenteil ist der Fall: Die Industrie ist nach wie vor auf Subventionen angewiesen und die enormen Kosten für das neue Schiff – 7,5 Billionen Yen (umgerechnet rund 44,5 Millionen Euro) – erhöhen den finanziellen Druck auf die unrentable Branche. Vermutlich wird es Jahrzehnte dauern, bis die Walfanggesellschaft und Schiffseigner "Kyôdô Senpaku" die Kredite zurückzahlen kann. Gleichzeitig sind laut unserer jüngsten Umfrage nur 16,2 Prozent der Japaner:innen damit einverstanden, dass die Walfang-Industrie mit ihren Steuergeldern unterstützt wird.
Um gegenzusteuern und den Verkauf anzukurbeln, hat das Unternehmen damit begonnen, in verschiedenen Städten Verkaufsautomaten für Wal-Fleisch aufzustellen. Außerdem will man das Fleisch in mehr Restaurants anbieten. Teilweise werden sogar neue Wal-Fleisch-Restaurants eröffnet, die lokale und internationale Tourist:innen anziehen sollen. Trotz all dem bleibt das Interesse an Wal-Fleisch und demzufolge auch dessen Absatz gering: Mehr als 4,5 Tonnen Wal-Fleisch lagern immer noch in Gefrierschränken, während laut unserer Umfrage über 80 Prozent der Japaner:innen für gewöhnlich kein Wal-Fleisch essen. Selbst diejenigen, die angegeben hatten, häufiger als einmal pro Jahr Wal-Fleisch zu konsumieren, gaben als Hauptgrund dafür an, dass es ihnen serviert worden sei. Nur 7,5 Prozent der Konsument:innen gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Walfleisch gekauft zu haben – keine besonders rosigen Aussichten für die Walfang-Industrie.
Propaganda als Katalysator
Ich frage mich immer wieder, wofür der Walfang so krampfhaft fortgeführt werden soll und warum dessen Vertreter:innen den Kampf darum immer noch als lohnenswert zu empfinden scheinen. Wirtschaftlich lohnt es sich nicht und auf weltpolitischer Ebene sorgt das Thema für Spannungen und wirkt sich auch darüber hinaus negativ auf Japans Image aus. Immer wieder wird der Walfang gegenüber dem Ausland mit dessen Bedeutung für die Bewahrung der japanischen Kultur verteidigt. Dabei gibt es nur wenige Regionen in Japan, in denen die Jagd auf Wale sowie ihr Konsum tatsächlich traditionelle Wurzeln hat. Gleichzeitig ist die Walfang-Industrie schwer damit beschäftigt, diese „Kultur“ irgendwie auf landesweiter Ebene zu fördern und zu etablieren. Auch unsere Umfrage bestätigt: Den meisten Japaner:innen ist der Walfang so ziemlich egal – jede fünfte Person gab sogar an, dass sie ein Ende des japanischen Walfangs unterstützen würde. Mehr als 70 Prozent sagten darüber hinaus, dass es kaum bis keinerlei Einfluss auf ihr Leben hätte, wenn es nicht mehr möglich wäre, Walfleisch zu essen. Von weitverbreiteter und tief verankerter Kultur keine Spur.
Was also tun, wenn innerhalb der eigenen Bevölkerung so gut wie kein Interesse und erst recht kein Wunsch an einer Ausdehnung des Walfangs und des Konsums von Wal-Fleisch besteht? Marketing-Events, Essens-Lieferungen an Schulen und eine größere Verfügbarkeit sollen die Japaner:innen auf den Geschmack bringen – nur „leider“ erfreut sich das Wal-Fleisch gegenüber anderen Fleischsorten keiner außerordentlichen Beliebtheit. Nur 20,4 Prozent der Personen, die gelegentlich Wal-Fleisch konsumieren, gaben an, dass sie es des Geschmacks wegen tun.
"Wale fressen zu viele Fische"
Die Verfechter:innen des Walfangs haben sich angesichts dieser Umstände ein cleveres Narrativ einfallen lassen, um den Walfang gegenüber der eigenen Bevölkerung zu glorifizieren und die Japaner:innen zu dessen aktiven Unterstützung zu motivieren: "Wale fressen zu viele Fische und stellen deswegen nicht nur eine Bedrohung für die Nahrungssicherheit der Menschen dar, sondern auch für andere Lebewesen im Meer!". Um dem noch mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen, wird diese Behauptung als Beitrag zur Erfüllung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung etikettiert und der Konsum von Wal-Fleisch dadurch quasi zu einer Heldentat erklärt. Es gibt Info-Poster, Videos und Veranstaltungen, die Jung und Alt vermitteln sollen, dass es für den Schutz der Menschen sowie der marinen Ökosysteme zwingend notwendig sei, Wale zu dezimieren. Besonders problematisch daran ist, dass diese Geschichte nicht abwegig klingt, bedenkt man einmal, wie viele Tonnen Fisch und andere Meerestiere täglich von Walen gefressen werden. Setzt man sich nicht tiefgründiger mit dieser These auseinander, wird man sie sehr wahrscheinlich glauben – dabei ist sie wissenschaftlich widerlegt! Dadurch, dass in Japan kaum kritische Berichterstattung und Auseinandersetzung mit diesem Thema und gleichzeitig viel Propaganda für den Walfang stattfindet, können viele Japaner:innen gar nicht wissen, welche Bedeutung Wale für den Erhalt gesunder mariner Ökosysteme oder für Fisch-Populationen haben.
Wir setzen uns dafür ein, dass Informationen rund um die Wale und ihre zentrale Rolle für den Erhalt von Biodiversität sowie im Kampf gegen den Klimawandel auch die Menschen in Japan erreicht und ihnen besser ermöglicht, sich eine eigene, fundierte Meinung zu dem Thema zu bilden. Nur so wird es uns gelingen, die kulturelle Beziehung zu Walen weiterzuentwickeln und den grausamen und unnötigen Walfang ein für alle Mal zu verabschieden.
Bitte unterstützen Sie uns im Kampf gegen den Walfang
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