Zum Inhalt springen
Baird-Schnabelwal © Adrian Shephard
Alle Blogbeiträge
  • Alle Blogbeiträge
  • Beifang
  • CBD
  • CITES
  • CMS
  • Delfinarien
  • Grüner Wal
  • High Seas Treaty
  • IWC
  • Meeresschutz
  • Plastik
  • Projekte
  • UNFCCC
  • Walbeobachtung
  • Walfang
Schweinswal im Netz © Greenpeace

Ein Feiertag für den Schweinswal?

Am 19. Mai feiern wir den Internationalen Tag des Ostsee-Schweinswals. Dabei hat der kleinste Vertreter...
WDC - Team bei Konferenz

European Cetacean Society Konferenz 2024: Walkot, Forschung und Schweinswale

Nachdem ich das erste Mal als Studentin auf der Konferenz der European Cetacean Society (ECS)...
Finnwal wird an Land zerlegt

Islands Walfang am Scheideweg

2023 förderte der Bericht der isländischen Lebensmittel- und Veterinärbehörde MAST die Grausamkeit des isländischen Walfangs...
Person steht auf norwegischem Schiff

Walfang in Norwegen: Die Welle der Veränderung

Aktuell sind norwegische Walfangschiffe mit der Erlaubnis ausgelaufen, bis zu 1157 Wale zu töten. Jahrzehntelang...

Kultur bei Schnabelwalen?

Eines der spannendsten Themen bei der Erforschung von Walen und Delfinen ist deren Kultur, also sozial übermitteltes/erlerntes Verhalten. Dazu zählen zum Beispiel die Gesänge der Buckelwale, deren Jagd nach Fischen mit Hilfe von Blasennetzen oder auch die Dialekte und verschiedenen Jagd-Methoden der Orcas. Große Tümmler zum Beispiel verwenden Meeres-Schwämme, um die empfindliche Schnauze bei der Nahrungssuche im Sand nicht zu verletzen.  

Das bahnbrechende Buch "The Cultural Lives of Whales and Dolphins" (Das kulturelle Leben von Walen und Delfinen) von Hal Whitehead und Luke Rendell aus dem Jahr 2014 enthielt weitere Beispiele dieses spannenden Forschungsthemas, zu dem auch die Arbeit von WDC-Wissenschaftlerin Philippa Brakes einen wichtigen Beitrag leistete. 

Der Nachweis, dass es sich bei solchen Beispielen um Kultur handelt, war mühsam und erforderte die Identifizierung einzelner Wale und Delfine und manchmal auch genetische und andere Untersuchungen. 

Schnabelwal-Forscher:innen brauchen Geduld, sehr viel Geduld 

Schnabelwale wurden jedoch bisher im Zusammenhang mit Kultur nicht erwähnt. Es gibt 24 Arten, die zum größten Teil in den Tiefen des Ozeans, weit weg von der Küste, leben. Sie tauchen auf der Suche nach Nahrung oft eine Stunde oder länger und verbringen nur kurze Zeit an der Wasseroberfläche. Daher gibt es nicht viele Gelegenheiten, Schnabelwale zu beobachten, geschweige denn, Formen von Kultur zu entdecken. Die Foto-Identifikation von Individuen in diesen Populationen gilt als nahezu unmöglich. Schnabelwal-Forscher:innen brauchen Geduld, sehr viel Geduld. 

Meine Kolleg:innen Ivan Fedutin und Olga Filatova vom Fachbereich Biologie der Universität von Süddänemark haben diese Art von Geduld. Als ich sie 2012 auf der Beringinsel besuchte, zeigte Ivan mir stolz Fotos von 80 Baird-Schnabelwalen, die sich im Früh- und Spätsommer der Insel näherten. Sie sind die größten Schnabelwale mit einer Länge von bis zu 10,7 Metern bei den Männchen und 11,1 Metern bei den Weibchen. Somit handelt es sich hier um die zweitgrößte Zahnwal-Art nach dem Pottwal. Sie leben im gesamten nördlichen Nordpazifik und werden seit dem frühen 16. Jahrhundert im Rahmen des japanischen Walfangs gejagt. Auch durch amerikanische, kanadische und russische Fangaktionen wurden sie dezimiert, bevor der kommerzielle Walfang in diesen Ländern in den 1970er Jahren eingestellt wurde. 

Wal-Rücken
Baird-Schnabelwal mit individuellem Muster aus Kratzern auf dem Rücken © WDC

Individuelles Muster aus Kratzern 

Fedutin erzählte mir, dass er einzelne Baird-Schnabelwale an den komplexen Mustern von feinen Kratzern auf ihrem Rücken erkennen kann. Er zeigte mir an Hand nacheinander aufgenommener Fotos, wie die Kratzmuster von Jahr zu Jahr gleich blieben. Sein behelfsmäßiges Fotoalbum in einem Ordner war der erste Katalog zur individuellen Identifikation von Schnabelwalen. 

Fedutin und Filatova kehrten von 2008 bis 2019 fast jeden Sommer zurück und dokumentierten das regelmäßige Auftauchen von Baird-Schnabelwalen von ihrem Forschungs-Camp auf der Beringinsel aus. Diese Insel liegt etwa 175 Kilometer östlich von Kamtschatka, bildet aber geologisch gesehen den westlichsten Teil der Aleuten in Alaska. Die Wale konnten vom Land aus gesichtet werden und wurden dann vom Boot aus fotografiert und identifiziert. Im Jahr 2015 konnte unser Team unter der Leitung von Fedutin und Filatova langfristige soziale Beziehungen zwischen diesen Walen dokumentieren. Auf der Grundlage der umfangreichen Foto-ID- und GPS-Daten sowie der genetischen Daten beschreibt unsere jüngste wissenschaftliche Veröffentlichung zum ersten Mal die große Wahrscheinlichkeit einer Kultur bei Baird-Schnabelwalen. 

Wale lernen voneinander, wie man sich im Flachwasser zurechtfindet 

Die kulturelle Tradition besteht darin, dass die Baird-Schnabelwale, die häufig in das Gebiet kommen und als ortsansässig eingestuft werden, mit den flachen Bereichen des Schelfs – also der Randbereich eines Kontinents, der von Meer bedeckt ist –  vertraut sind. Sie suchen dort nach Nahrung und verbringen Zeit mit ihren Artgenossen. Die durchziehenden Schnabelwale hingegen halten sich meist in den für diese Art typischen tieferen Gewässern auf. Nur die durchziehenden Wale, die soziale Bindungen mit den ortsansässigen Individuen eingehen, kommen zeitweise in das flache Gebiet. Die kulturelle Tradition ist also nicht nur darauf zurückzuführen, dass die Wal-Mütter das Wissen über die Flachwasser-Gebiete an ihre Nachkommen weitergeben, sondern auch darauf, dass dieses Wissen unter erwachsenen Individuen durch soziales Lernen transferiert wird. 

Diese Erkenntnis ist vielleicht nicht überraschend, da wir unterschiedliche Formen der Kultur bereits bei einigen Walen kennen. Auch bei anderen Tierarten wurden Formen von Kultur nachgewiesen, wie z. B. bei Schimpansen und andere Primaten. Viele Tiere erwerben einen Teil ihres Verhaltensrepertoires durch soziales Lernen. Variationen im Verhalten, die eher durch soziales Lernen als durch genetische Veranlagung weitergegeben werden und im Laufe der Zeit bestehen bleiben, können auf kulturelle Traditionen zurückgeführt werden. 

Blasennetz Buckelwale
Spiralförmiger Blasenschleier eines Buckelwals – eine Form der Kultur © Tim Stenton
Delfin mit Schwamm über der Schnauze
Dieser Delfin schützt seine empfindliche Schnauze bei der Nahrungssuche mit einem Meeresschwamm. © Sharkbaydolphins.org

Kultur als Kriterium für die Ausweisung besonders schützenswerter Gebiete 

Intensive soziale Bindungen und das Vorhandensein von Kultur sind ein weiteres starkes Argument nicht nur gegen die Bejagung von Baird-Schnabelwalen. Wenn wir die kulturellen Traditionen nicht bewahren, werden sie verschwinden und somit auch die Fähigkeit einer Art, mit einer sich ständig verändernden Umwelt zurecht zu kommen.  

Die besondere Kultur von Walen und Delfinen wird von der IUCN-Arbeitsgruppe für Marine Mammal Protected Areas, dessen Co-Vorsitzender ich bin, unter anderem als Kriterium für die Ausweisung von besonders schützenswerten Gebieten für Meeressäuger (“IMMAs”, Important Marine Mammal Areas) anerkannt. Zwischen 2016 und 2023 wurden 56 dieser Gebiete, etwa ein Viertel aller ausgewiesenen, unter Berufung auf dieses Kriterium (neben anderen) eingerichtet.  

Der Lebensraum des Baird-Schnabelwals um die Beringinsel ist als Teil des Commander Islands Nationalparks, einem 36.487 km2 großen Schutzgebietes, wirksam geschützt. Im restlichen Verbreitungsgebiet und in den Gewässern Zentral- und Nordjapans sind Baird-Schnabelwale jedoch weiterhin vielen Gefahren ausgesetzt. Durch den anhaltenden japanischen Walfang, bei dem Jahr für Jahr etwa 60-70 Individuen direkt getötet werden, geraten auch die kulturellen Traditionen der Baird-Schnabelwale in japanischen Gewässern unter Beschuss. Wäre der Walfang dieser Art in russischen Gewässern betrieben worden, wären die küstennah lebenden Wale, die unser Team erforscht, wahrscheinlich als erste getötet worden. 

Wussten Sie ...?

dass Schnabelwale bis zu 3.000 Meter tief tauchen können?

Folgen Sie WDC auf Social Media!

Mehr Nachrichten

Lesen Sie weitere News und Blogs aus der Welt der Wale und Delfine.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Über Erich Hoyt

Erich is a Research Fellow at WDC and Co-chair of the IUCN Marine Mammal Protected Areas Task Force. He is a director of the Far East Russian Orca Project (FEROP). View references to Erich's published material on Google Scholar. Follow Erich on Twitter.

Hinterlassen Sie einen Kommentar