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Die Delfin- & Schweinswalopfer des Ukraine-Krieges

Im Schwarzen Meer entlang der ukrainischen Küste leben seltene, bedrohte Unterarten von Delfinen und Schweinswalen....

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Die Delfin- & Schweinswalopfer des Ukraine-Krieges

Im Schwarzen Meer entlang der ukrainischen Küste leben seltene, bedrohte Unterarten von Delfinen und Schweinswalen.

Erich Hoyt erklärt die verheerenden Auswirkungen des Ukraine Krieges auf die ansässigen Meeressäuger. Hoyt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei WDC, Mitvorsitzender der IUCN Marine Mammal Protected Areas Task Force und Direktor des Far East Russian Orca Project.

Große Tümmler sind im Schwarzen Meer in Gefahr © Elena Gladilinal
Große Tümmler sind im Schwarzen Meer in Gefahr © Elena Gladilinal

Letztes Jahr habe ich eng mit 20 Wissenschaftler:innen, darunter ukrainische und russische Kolleg:innen, zusammengearbeitet, um die wichtigen Lebensräume der Delfine und Schweinswale im Schwarzen Meer zu identifizieren und zu kartieren. Unter den sogenannten "Important Marine Mammal Areas" (IMMAs), die wir rund um das Schwarze Meer ermitteln konnten, befinden sich sechs Gebiete an der Grenze zur Ukraine.

 

Besonders bedrohte Gebiete

"IMMAs" sind Meeresgebiete, die von Wissenschaftler:innen als besonders wichtig für die Meeressäuger eingestuft werden. Es kann sich dabei um Gebiete handeln, in denen Wale, Delfine oder Schweinswale zur Nahrungssuche oder zur Aufzucht ihrer Jungen kommen. Es kann sich um Regionen entlang wichtiger Wanderrouten handeln oder um Gebiete, in denen sich Wale oder Delfine aus den unterschiedlichsten Gründen versammeln. Die Ausweisung dieser Gebiete als IMMAs ist ein wichtiger erster Schritt, um Lebensräume zu schützen.

Dann kam Putins Einmarsch in die Ukraine. Die IMMAs sind nun bedroht, ebenso wie die drei Schweinswal- und Delfinunterarten im Schwarzen Meer, die bereits auf der Roten Liste der IUCN stehen: die vom Aussterben gefährdete Schweinswal- und Große Tümmler-Population sowie die bedrohte Population von Gemeinen Delfinen.

Die Karte zeigt, dass die Delfine und Schweinswale durch den Krieg in der Ukraine betroffen sind © WDC

 

Opfer des Krieges

In den vergangenen zwei Monaten waren unsere IMMAs umfangreichem Militärverkehr ausgesetzt, darunter mindestens 20 russische Kriegsschiffe, explodierende Raketen und Bomben, Brände, Schiffsversenkungen und das Auslegen von Treibminen. Die menschlichen Tragödien in der Ukraine stehen im Vordergrund unserer Besorgnis, doch das Unglück erstreckt sich auch auf die Natur und die Tierwelt − an Land sowie in den Gewässern vor der Ukraine.

Ein Großer Tümmler aus der Population im Schwarzen Meer © Elena Gladilinal

 

Den Fischen folgen

Auf der Ostseite der Krim finden in der Meerenge von Kertsch und der Taman-Bucht, die am Eingang zum Asowschen Meer liegt, im Frühjahr massive Wanderungen von Sardellen und anderen Fischen statt. Schweinswale und Große Tümmler folgen und ernähren sich von ihnen. Dieses Gebiet ist außerdem ein wichtiger Zugangspunkt für die Schiffe, die an den Offensiven in der Südostukraine beteiligt sind. Die IMMA im Asowschen Meer selbst hat eine einzigartige Form. Hier ist eine eigene Population des Schweinswals zuhause, die sich sogar vom Rest der Schwarzmeer-Schweinswale unterscheidet.

In den letzten Tagen wurde berichtet, dass einige der IMMAs entlang der besetzten ukrainischen Küste voll mit schwimmenden russischen Seeminen sind, die irgendwo in dem Gebiet zwischen Sewastopol, Odessa und der Schlangeninsel verlegt wurden. Und selbst auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres, 500 bis 650 Kilometer entfernt, stößt das türkische Forschungsteam Tudav auf schwimmende Minen. Diese Minen werden sowohl die Forschung als auch den Verkehr, die Fischerei und den Tourismus im Schwarzen Meer für die nächsten Jahre sehr viel gefährlicher machen.

 

Delfin-Todesrate

In den letzten Wochen wurden ungewöhnlich viele tote Delfine und Schweinswale an der Küste der Westtürkei angespült. Auch wenn es sich bei einigen von ihnen um natürliche Todesfälle handeln mag, deutet die große Anzahl auf den Krieg als Ursache hin. Unter den toten Meeressäugern befinden sich laut Tudav mehr als 80 Gemeine Delfine, die keine Anzeichen von Verstrickungen oder Schussverletzungen aufweisen. In Bulgarien sind mehr als 50 Schweinswale in Netzen verendet, weit mehr als für diese Jahreszeit üblich.

Ein Gemeiner Delfin aus der Population im Schwarzen Meer © Elena Gladilinal

 

Der Krieg ist laut

Die militärischen Aktivitäten, einschließlich des Lärms von Sprengstoffen und Niederfrequenzsonaren, töten möglicherweise einige Delfine und Schweinswale und treiben andere nach Süden an die bulgarischen und türkischen Küsten, wo sie stranden oder sich in Fischernetzen verfangen.

Delfine und Schweinswale nutzen Echoortung, um ihre Nahrung zu finden und sich zu orientieren; ihr Gehör ist scharf, aber empfindlich gegenüber Lärm. Die Geräusche von Raketenabschüssen, Explosionen und Sonaren von Schiffen können sich über viele Kilometer unter Wasser ausbreiten und Delfine und Schweinswale stören, vertreiben oder sogar töten. So werden diese wichtigen Lebensräume, die wir als Meeresschutzgebiete ausgewiesen hatten, nun verwüstet.

 

Training von Delfinen

Uns liegen auch Berichte vor, wonach sogenannte "Kampfdelfine", die vom russischen Militär auf der Krim ausgebildet wurden, zur Überwachung des von Russland kontrollierten Hafens von Sewastopol eingesetzt werden könnten. Dorthin soll sich die russische Flotte aus Angst vor einer Versenkung zurückgezogen haben. Auf aktuellen Satellitenbildern sind zwei Delfingehege am Eingang zum Hafen von Sewastopol zu sehen. Der Versuch Delfine militärisch zu nutzen, ist nicht neu und geht auf Experimente der US-Marine zurück, die bereits Anfang der 1950er Jahre begannen und in den 1960er Jahren unter anderem zur Minensuche fortgesetzt wurden.

Vor fast 18 Jahren, im Jahr 2004, besuchte ich die Krim und besichtigte eine der stillgelegten Anlagen, in denen Delfine gehalten wurden. Als Putin 2014 auf der Krim einmarschierte, übernahm er die Kontrolle über die dortigen Delfinarien. Die Großen Tümmler wurden dann nach Russland verschifft, und seither weitere ihrer Art im Schwarzen Meer vor der Krim gefangen. Die russischen Kampfdelfine in Sewastopol sollen laut National Geographic (unter Berufung auf RIA Novosti) darauf trainiert sein, Unterwasserminen oder unerwünschte Schwimmer zu identifizieren, die versuchen, in gesperrte Gewässer einzudringen.

Der ukrainische Delfinforscher Pavel Gol'din bezweifelt jedoch, dass Delfine als Unterwasser-Spitzel eingesetzt werden, wo doch technische Ausrüstung für geheime Angriffe und potenzielle Entdeckungen heute Standard sind. Es besteht kein Zweifel daran, dass die US-amerikanische und die russische Marine in der Vergangenheit viele grausame und tödliche Experimente mit Delfinen durchgeführt haben, aber "es gibt keinen Beweis dafür, dass Delfine erfolgreich im Kampf eingesetzt wurden. Obwohl Delfine gut darin sind, mit Hilfe der Echoortung im Sand vergrabene Fische zu finden, gibt es keine stichhaltigen Beweise dafür, dass sie jemals erfolgreich Minen gefunden haben. Stattdessen werden die Delfine in Sewastopol dem schädlichen Sonar der russischen Marine ausgesetzt", so Dr. Gol'din.

 

Eine große Tragödie

Ich denke, dass die vollen Auswirkungen auf die drei bedrohten Unterarten von Delfinen und Schweinswalen im Schwarzen Meer erst nach Kriegsende sichtbar werden. Während sie den Minen ausweichen, werden die Forscher:innen alle Hände voll zu tun haben, die weiteren Schäden am Ökosystem der Küste zu ermitteln. Für die sechs IMMAs entlang der ukrainischen Küste sind die Aussichten schlecht. Im Moment können wir nur sagen, dass diese große menschliche Tragödie auch die Delfine und Schweinswale sowie die Wissenschaftler:innen und Naturschützer:innen, die sich um sie sorgen, betrifft. Sie sind alle gemeinsam betroffen, und das hat langfristige Auswirkungen auf unser aller Leben.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Über Erich Hoyt

Erich is a Research Fellow at WDC and Co-chair of the IUCN Marine Mammal Protected Areas Task Force. He is a director of the Far East Russian Orca Project (FEROP). View references to Erich's published material on Google Scholar. Follow Erich on Twitter.

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