Zum Inhalt springen
10_Minke whale_© Ursula Tscherter ORES
Alle Blogbeiträge
  • Alle Blogbeiträge
Stellnetz in Spanien. (C) [damedias] / stock.adobe.com

Stellnetze raus aus Schutzgebieten: Kampagnen-Resümee

Ende September ging unsere Kampagne Stellnetze raus aus Schutzgebieten zu Ende. Zeit also, zu rekapitulieren...
Treibjagd auf den Färöer-Inseln (C) WDC

Delfin-Massaker auf den Färöern – das tut WDC

Fordern Sie mit uns das Ende der Treibjagd auf den Färöer Inseln. Unterzeichnen Sie unsere...
Delfintreibjagd (C) Sakae Hemmi Elsa Nature Conservancy

Die Qualen der Delfine in Taiji

Noch immer habe ich das Massaker an fast 1.500 Atlantischen Weißseitendelfinen auf den Färöer-Inseln im...
Lime Kiln Lighthouse (C) Ulla Christina Ludewig

Besondere Orcas und ihre Geschichten (Teil 2)

Lime Kiln Lighthouse (C) Ulla Christina Ludewig Viele Menschen kennen die bewegenden Geschichten von gefangenen...

Grausame Experimente an Walen in Norwegen: Was wir wissen und warum wir sie stoppen müssen

Symbolische Skizze des Versuchs (C) WDC
Symbolische Skizze des Versuchs (C) WDC

Während Fußballfans auf der ganzen Welt gerade mit einem Bier den Grillabend einläuten und sich über die Eröffnungsspiele der Europameisterschaft freuen, sind meine Gedanken in einem abgelegenen Fjord vor den Lofoten im Norden Norwegens. Und während sich die Fans Sonnenschein wünschen, bete ich für schlechtes Wetter.

Warum eigentlich? Weil der Vestfjord auf den Lofoten zum Schauplatz von Tierversuchen geworden ist – genauer gesagt von grausamen und möglicherweise tödlich endenden Experimenten an jungen Zwergwalen.

 

Um was geht es in dem Projekt und wer finanziert es?

Das Projekt wird von der National Marine Mammal Foundation in den USA und dem norwegischen Defence Research Establishment, geleitet. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt der USA und Norwegens, das Mitte Mai begann und bis Ende dieses Monats läuft. Angebliches Forschungsziel ist es, mehr über das Hörvermögen von Bartenwalen herauszufinden. Deshalb wurden für das Experiment Zwergwale – genauer gesagt Jungtiere von Zwergwalen – als Testspezies ausgewählt. Sie sind die kleinsten und dadurch noch am einfachsten zu handhabenden Bartenwale.

Das Forschungsprojekt ist scheinheilig und es werden große Geschütze aufgefahren – im wahrsten Sinne des Wortes: Die US-Bundesregierung hat Berichten zufolge 3,7 Millionen Dollar beigesteuert. Ein Blick auf die Liste der Geldgeber*innen, zu denen auch die US-Marine und die norwegische Verteidigungsbehörde sowie die Öl- und Gasindustrie – allesamt Lärmproduzenten – gehören, spricht Bände über den wahren Forschungszweck. Die Akteur*innen, die hinter dem Projekt stehen wollen besser verstehen, wie viel Lärm sie in unseren Ozean pumpen können (z.B. im Zuge des Einsatzes von Marine-Sonaren oder seismischen Airguns zur Suche nach Öl und Gas), bevor Bartenwale geschädigt werden. Würde man die maximale Lärmtoleranz der Wale kennen, ließen sich die lukrativen Aktivitäten der Lärmverursacher mit minimaler Geräuschreduktion einfach weiter durchführen.

 

Was planen die Forscher*innen?

Die norwegische Regierung hat den Forscher*innen die Erlaubnis erteilt, in den nächsten vier Jahren bis zu 12 junge Zwergwale zu fangen, wenn sie auf ihrem Weg nach Norden zu ihren Nahrungsgründen in der Barentssee durch die Region ziehen. Der Weg der Wale wird durch riesige, etwa 1.300 Meter lange Netze versperrt, die über die Meerenge am Vestfjord gespannt sind. Wenn ein Wal in den Netzbereich schwimmt, wird der Ausgang verriegelt und der gefangene Wal wird in ein kleineres Gehege, ein modifizierter Lachszuchtkäfig, getrieben.  Dort wird der Wal zwischen zwei Flöße geklemmt, sodass sich die Forscher*innen zu dem Tier ins Wasser begeben können.

Sobald der Wal im Käfig eingesperrt ist, werden Elektroden unter seine Haut implantiert. In Tests, die bis zu sechs Stunden dauern, wollen die Forscher*innen die Gehirnströme des Wals messen, um festzustellen, wie er auf Meereslärm reagieren könnte. Sollte der arme Wal durch zu viel Stress in Panik geraten, wollen die Forscher*innen ihn sedieren – eine höchst riskante Prozedur, die bei Bartenwalen bislang nur sehr selten durchgeführt wurde. Nach Abschluss der Tests wird der Wal mit einem Peilsender versehen und freigelassen – doch die gesamte Tortur bis zur Freilassung könnte bis zu vier Tage dauern.

Das Team gibt zu, dass diese Art von Experiment noch nie zuvor durchgeführt wurde und sowohl für die Wale als auch für die Forscher*innen ein "hohes Risiko" darstellt, da die getesteten Wale wahrscheinlich "moderaten Stress und Unbehagen" empfinden werden. Sie haben versucht, die Tests herunterzuspielen, indem sie sagten, dass sie "elektrophysiologische Methoden verwenden, die für die Anwendung bei neugeborenen Kindern entwickelt wurden" – aber seit wann implantieren wir unseren Babys Elektroden unter die Haut, um ihr Gehör zu testen?

 

Die Netze sind bereits gespannt, sodass vorbeiziehende Zwergwale eingekesselt werden können. In dem kleinen Runden Käfigoben rechts soll jeder Wal eingesperrt und für die Tests fixiert werden. (C) WDC

 

Was tut WDC, um diese Tests zu stoppen?

WDC hat sofort reagiert, als wir von den Experimenten erfahren haben. Wir waren von Anfang an aktiv – gemeinsam mit dem in den USA ansässigen Animal Welfare Institute und NOAH, der größten Tierschutzorganisation in Norwegen, haben wir eine formelle Beschwerde eingereicht und Fragen an die norwegische Regierung gestellt. WDC wandte sich daraufhin an Dutzende von führenden Walforscher*innen und Tierärzt*innen auf der ganzen Welt und bat sie, einen offenen Brief an die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg zu unterzeichnen, in dem sie sich sowohl aus wissenschaftlichen als auch aus Tierschutzgründen gegen diese Experimente aussprachen. Vierundfünfzig führende Wissenschaftler*innen und Veterinärmediziner*innen haben innerhalb weniger Tage unterschrieben, was zeigt, wie stark der Widerstand in der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist.

Wir haben die besorgte norwegische Bürgerin Vicky Moens dabei unterstützt, eine Petition zu starten, die bereits von knapp 70.000 Menschen unterzeichnet wurde. Außerdem haben wir dafür gesorgt, dass diese Experimente nicht einfach unbemerkt unter dem Radar verschwinden, wie es sich die Verantwortlichen wahrscheinlich erhofft hatten: Mit zahlreichen internationalen Medien haben wir Interviews geführt und ein weltweites Schlaglicht auf das Geschehen geworfen. Erschienen sind die Berichte u.a. bei BBC, Euronews, TRT, CNN sowie in den sozialen Medien.

Der Fang von Walen ist sehr wahrscheinlich

Glücklicherweise wurden bislang noch keine Wale gefangen, zumindest noch nicht. Die Genehmigung für das Projekt läuft jedoch noch bis Ende Juni. Genau zu dieser Jahreszeit wandern die Wale durch das Gebiet – den Forscher*innen könnte also jederzeit ein Tier ins Netz gehen. Da das Projekt für vier Jahre angelegt ist, besteht außerdem die Möglichkeit, dass das Experiment im nächsten Jahr wiederholt wird – wenn wir sie nicht aufhalten können. Ich hasse den Gedanken, dass diese schönen, intelligenten Wale auf ihrer Wanderung überfallen und diesen grausamen Experimenten ausgesetzt werden.

 

Der Stress könnte sie töten

Das Ausmaß des Stresses, dem die Wale ausgesetzt werden, ist äußerst grausam: Das Einfangen, die Gefangenschaft, die Fixierung und das Einsetzen von Elektroden unter der Haut könnte bei den Meeressäugern einen Zustand auslösen, der als "Fangmyopathie" bekannt ist und tödlich sein kann. Bei Experimenten mit Weißschnauzen-Delfinen in Island musste zum Beispiel ein Weibchen vorzeitig freigelassen werden, nachdem es in gefährlichen Stress geraten war.

 

Wenn die USA in diesem Bereich führend sind, warum forschen sie dann nicht in ihren eigenen Gewässern?

Die einfache Antwort ist, weil derartige Tierversuche in den Gewässern der USA höchstwahrscheinlich nicht erlaubt wären. Forscher*innen arbeiten oft in Regionen, in denen die Tierschutzstandards lockerer sind, was es ihnen ermöglicht, Forschungen durchzuführen, die in ihren Heimatgewässern wahrscheinlich nicht erlaubt wären – ein Prozess, der als "Offshoring" bekannt ist. Anfang dieses Jahres haben unsere Kolleg*innen von der amerikanischen Organisation Animal Welfare Institute an US-Regierungsvertreter*innen geschrieben und ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass Norwegen als Standort für die Forschung in einem bewussten Versuch gewählt wurde, um den US Marine Mammal Protection Act und andere Umweltgesetze zu umgehen.

 

Werden diese Tests irgendwelche nützlichen Daten liefern?

An dem Experiment ist so vieles falsch und ich habe Mühe, irgendetwas richtig zu finden. Dieses ganze Projekt ist mit hohen Risiken für die Wale behaftet; die unnatürlichen Bedingungen, unter denen es durchgeführt wird, wird höchstwahrscheinlich keine Daten liefern, die die Gesetze in Bezug auf den Lärm, den wir in unsere Ozeane einleiten, ändern werden.

Tatsache ist, dass wir bereits aus zahlreichen Verhaltensstudien über viele Jahre hinweg wissen, wie Wale auf künstlichen Lärm im Meer reagieren: Sie reagieren schlecht. Und zwar so schlecht, dass tief tauchende Arten, die vor der Lärmquelle fliehen, die Taucherkrankheit bekommen können, die lebensbedrohlich sein kann, wenn sie zu schnell auftauchen. Es ist weitaus besser, Marine- und andere lärmintensive Aktivitäten zu minimieren und sie, wenn möglich, außerhalb der wichtigsten Lebensräume von Meeressäugern zu errichten.

Zynisch betrachtet und mit Blick auf die beteiligten Geldgeber*innen ist es viel wahrscheinlicher, dass die Akteur*innen herausfinden wollen, wie viel Lärm Wale tolerieren können, bevor sie aktiv geschädigt werden und kostspielige Marine- oder Öl- und Gasaktivitäten behindern.

Die Risiken für das Wohlergehen dieser intelligenten, sensiblen Einzelwale sind einfach zu groß. Dass Sie diese grausamen Experimente in Norwegen tolerieren, Frau Premierministerin Erna Solberg, ist ein echtes Armutszeugnis.

(C) Ursula Tscherter / ORES
(C) Ursula Tscherter / ORES

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Über Vanessa Williams-Grey

Policy manager - Stop Whaling and Responsible Whale Watching

5 Kommentare

  1. Veröffentlich von Rolf Hertel am 25. Juni 2021 um 9:10 am

    Stop diese unsägliche Tests

  2. Veröffentlich von Ulrike am 25. Juni 2021 um 10:28 am

    Wann lässt die Menschheit endlich die Tiere in Ruhe leben, so wie wir es uns auch wünschen??? Warum werden Tiere auf der ganzen Welt immer nur benutzt, gequält, ausgebeutet, getötet und vieles mehr. Die Liste ist lang, viel zu lang. Last die Tiere endlich in Ruhe leben.

    • Veröffentlich von DiaManu am 18. August 2021 um 5:21 pm

      Das frage ich mich auch jeden Tag😢🥺😢😡

  3. Veröffentlich von Sara Kaiser am 30. Juni 2021 um 10:32 am

    Mir treibt es jedes Mal Tränen in die Augen, wenn ich solch einen Beitrag lese… welche Menschen kommen auf solch abartige Ideen und quälen diese wundervollen Tiere ohne schlechtes Gewissen??
    Respekt vor allen Mitarbeitern beim WDC! Ich würde jedes Mal weinend zusammen brechen, wenn ich solche Grausamkeiten aufdecken würde…. aber nur durch diese Berichte werden die Greueltaten keine Dunkelziffer bleiben und die Wale und Delfine erhalten eine Stimme!

  4. Veröffentlich von Silvia am 2. Juli 2021 um 5:22 pm

    Was passiert nach dem Experiment mit den einzeln gefangenen Jungwalen? ohne ihre Mütter bzw. Walgruppen ? Oder warten die bis zum Ende des Experiments „etwas abseits“ auf sie? Schon alleine das „Herausfangen aus der Walgruppe(Auch wenn sie total weit auseinanderschwimmt)“ ist tierschutzwiedrig, ganz ohne das Experiment. – Und wieviel Geld bekommt der Staat Norwegen dafür insgesamt für 4 Jahre bezahlt? Und welche Ausgaben sind damit schon verplant?(Bzw. Was ist der Gewinn dabei für die Premierministerin.Welche Vorteile hat sie davon.) – Das wäre auch interessant zu wissen.(Da steckt wahrscheinlich der Grund für die Genehmigung…) -Heute ist schon Anfang Juli. Ich habe noch kein weiteres mail erhalten. Hoffe mal, dass alle Wale dort noch in Freiheit schwimmen!!! – Silvia

Hinterlassen Sie einen Kommentar