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Die düstere Vergangenheit der deutschen Delfinhaltung

Delfinshow im Delfinarium Duisburg (C) David Pfender
Delfinshow im Delfinarium Duisburg (C) David Pfender

Viele Menschen glauben, dass "nur" Große Tümmler, Orcas und Belugas in Gefangenschaft gehalten werden – was schon schlimm genug ist, wenn man bedenkt, dass Orcas die größten in Gefangenschaft gehaltenen Säugetiere überhaupt sind und meist lustlos an der Wasseroberfläche ihres kleinen Betonbeckens treiben. So war auch ich erstaunt zu hören, als ich zu WDC als Praktikantin kam, dass im Duisburger Zoo ein Amazonas-Flussdelfin, namens "Baby", gehalten wurde. Ich hatte bereits während eines Feldforschungsprojekts Flussdelfine im Peruanischen Amazonas gesehen, doch nie hätte ich gedacht, dass auch diese in Gefangenschaft gehalten werden, und dann auch noch hier in Deutschland. Das weckte mein Interesse nach einer kleinen historischen Recherche, welche Delfinarten hier in Deutschland gehalten wurden und fand dabei so einiges heraus. 

 

Seit Beginn der Delfinhaltung in Deutschland, Mitte der 60er Jahre, wurden insgesamt 14 Delfinarien eröffnet, verteilt über das ganze Land: von Hamburg, über Münster, bis nach Nürnberg und sogar Berlin. Die meisten dieser Einrichtungen hielten ausschließlich Große Tümmler – die Delfinart die weltweit am häufigsten in Gefangenschaft gehalten und in Shows eingesetzt wird.

 

 

Drei der 14 Einrichtungen, unter ihnen der Zoologische Garten Berlin, hielten Delfine für zwei bis vier Jahre, während der so genannten "Sommer-Gastspiele der Florida Delphin Show". Es war eine reisende Delfinshow, in der die Tiere unter sehr schlechten Bedingungen einzig und allein für die Unterhaltung von Besucher*innen von einem Ort zum nächsten transportiert wurden. Jeglicher Transport ist sehr stressig für die Tiere, und wird leider selten zum Wohl der Delfine durchgeführt, sondern eher zum Wohl der Unterhaltungsindustrie oder zu Zuchtzwecken vorgenommen.

Ein zoologischer Garten schien besonders Wert darauf zu legen, Besucher*innen mit Artenvielfalt zu gewinnen und zu beindrucken: Der Zoo Duisburg hat seit der Eröffnung des Delfinariums im Jahr 1965 nicht nur Große Tümmler, sondern auch Schweinswale, Commerson Delfine, Belugas und Amazonas Flussdelfine in Gefangenschaft gehalten. Außerdem hielten der Zoo Duisburg, sowie der Tiergarten Nürnberg und Münsters Allwetterzoo die "exotischen" Amazonas-Sotalia Delfine in Betonbecken.

 

Unterwasseraufnahme der Delfinlagune Nürnberg. Zur Beschäftigung der Delfine wurden Feuerwehrschläuche am Boden verankert - mit einem abwechslungsreichen Lebensraum hat dies jedoch nichts zu tun. (C) Ulla Ludewig

 

Sogar die größte Delfinart wurde in Deutschland in einem Becken gehalten: Der Tiergarten Hagenbeck in Hamburg hielt für vier Jahre einen weiblichen Orca namens "Orca" als Einzeltier. 1985 wurde aber beschlossen, sie in einem Delfinarium in Japan unterzubringen, in dem sie zumindest auf Artgenossen treffen würde. Sie war der einzige Orca, der jemals in Deutschland in einem Delfinarium gehalten wurde. Doch leider war sie nicht der einzige Orca, der sich jemals in Deutschland in Gefangenschaft befand …

Die mit Abstand schockierendste Geschichte meiner Recherche handelt von einem ein- bis zwei-jährigen Orcaweibchen aus der heutzutage bedrohten Southern-Resident-Orca-Population. "Wally" wurde 1970 in das "Seattle Marine Aquarium" in den USA gebracht und nur wenige Monate später in ein Münchner "Aquarium" transportiert. Der Grund für den Transport – sie sollte als Attraktion des jährlichen Oktoberfests dienen und in einem kleinen Becken, das sich in einem Zelt befand, mehrmals täglich eine Show abliefern. Als gebürtige Münchnerin weiß ich sehr gut, wie es auf dem Oktoberfest zugeht – die Geräuschkulisse und Menschenmassen sind schon für uns Menschen überwältigend. Aber im Gegensatz zu einem gefangenen Orca sind wir  freiwillig unter unseresgleichen und können jederzeit nach Hause gehen, wenn es uns zu viel wird. Wally war all dem alleine ausgesetzt, herausgerissen aus ihrem natürlichen Lebensraum und getrennt von ihrer Familie, in einem viel zu kleinen Becken. Noch dazu musste sie Kunststücke vorführen. Es ist nicht verwunderlich, dass sie aufgrund des dadurch verursachten psychischen und physischen Traumas nach einigen Tagen nichts mehr aß und am 4. Oktober 1971 an Herzinsuffizienz starb.

 

Die Fotos von Orca Wally stammen von den Fotografen Joan Bickerton, Connie Bickerton und HaH und gehen zurück auf die Website https://inherentlywild.co.uk/wallys-gallery/  

 

Nach diesem historischen Einblick bin ich sehr froh, dass sich in Deutschland bereits einiges für Wale und Delfine in Gefangenschaft geändert hat.

Seit 1978 gibt es keine Reiseshows mehr. Seit 2013 befinden sich die einzig verbliebenen deutschen Delfinarien im Tiergarten Nürnberg und dem Duisburger Zoo. Seit Ende 2020, nach dem Tod von Flussdelfin Baby – der 45 Jahre lang in Gefangenschaft lebte und die letzten 14 davon ganz alleine ohne Artgenossen verbrachte – sind Große Tümmler die einzige Delfinart, die in Deutschland in Gefangenschaft lebt. Diese Fortschritte geben mir Hoffnung, dass wir in einigen Jahren ein Land ohne Delfinarien sein könnten und die verbliebenen Großen Tümmler einen hoffentlich so artgerechten Lebensabend wie möglich verbringen dürfen.

Auch wenn Wallys Geschichte ein extremes Beispiel ist, so bieten Delfinarien heute in Deutschland zwar etwas bessere Haltungsbedingungen, doch die Delfine schwimmen nach wie vor Tag ein, Tag aus im selben kleinen Betonbecken herum. Während Besucher*innen nur für kurze Zeit am Beckenrand entlang gehen oder sich eine Show zur Unterhaltung anschauen, sind die Delfine eingesperrt und können nicht nach Hause schwimmen. Außerdem werden die Tiere oft für Zuchtzwecke von einem Delfinarium ins nächste transportiert. Erst letztes Jahr wurde wieder ein Delfinbaby in Duisburg geboren: ein Lebewesen, dem eine Zukunft in Gefangenschaft bevorsteht und das wahrscheinlich nie die Freiheit erleben wird.

Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass es keine "artgerechte" Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen geben kann, denn sie sind intelligente, sozial komplexe Wildtiere, die perfekt an ihren natürlichen Lebensraum angepasst sind. Kein Becken dieser Welt kann dies nachahmen und ihrem Bewegungsdrang und natürlichen Verhaltensweisen Raum geben. Die sozialen Familientiere sind in mutwillig zusammengesetzten Gruppen eingesperrt, ohne die Möglichkeit, sich ihre Familie zu erhalten, Sozialpartner auszusuchen und sich bei Bedarf aus dem Weg zu schwimmen. Daher setzen wir uns, zusammen mit unseren Unterstützer*innen dafür ein, dass auch die zwei verbliebenen Delfinarien in Deutschland ihren Betrieb einstellen und es keine weiteren Generationen von in Gefangenschaft leben- und leidenden Delfinen mehr geben wird.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Über Tamara Narganes Homfeldt

Tamara Narganes Homfeldt setzt sich bei WDC für das Beenden der Gefangenschaft von Walen und Delfinen ein.

2 Kommentare

  1. Veröffentlich von F. Ritter am 9. Juni 2021 um 10:24 am

    Der langjährige Leiter des Duisburger Zoos, Wolfgang Gewalt, hat seine “Expeditionen” und die dabei durchgeführten Fangaktionen zahlreicher Delfine in großem Detail in seinem Buch “Auf den Spuren der Wale” (1986) beschrieben. Darin bezeugt er selber, mit welcher Rigorosität und mangelnder Erfahrung vorgegangen wurde. Die meisten der Delfine, die er für den Duisburger Zoo fing, starben noch bevor sie überhaupt transportiert werden konnten. Die allerwenigsten – und wohl nur die stärksten – kamen also überhaupt in Deutschland an…

  2. Veröffentlich von Lisa am 25. Juni 2021 um 10:04 am

    Wow. Ich wusste nichts von den reisenden Delfinshows… Das ist unglaublich! Genauso erschüttert hat es mich, dass auch Deutschland mal Orcas in Gefangenschaft gehalten hat. Ich hoffe sehr, dass Deutschland bald ein Land ohne Delfinarien sein wird! Vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag.

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