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Warum suchen manche Delfine die Gesellschaft des Menschen?

"Fungie ist verschwunden", "Danny, der Delfin, wahrscheinlich tot" – beides Oktober-Schlagzeilen, die den Abschied geliebter "Einzelgänger-Delfine" ankündigten. Ich möchte das Verschwinden dieser beiden bekannten Individuen gerne nutzen, um das Phänomen der Einzelgänger-Delfine zu beleuchten. Warum entscheiden sich Delfine dafür, ohne ihre Artgenossen zu leben und stattdessen die Interaktion mit Menschen zu suchen, und wie sollten wir Menschen darauf reagieren?

Menschen, darunter auch kleine Kinder, die sich ins Meer stürzen, um mit dem einsamen "freundlichen" Delfin Dave zu interagieren. Folkestone. Kent, UK (C) Terry Whittaker

Vielleicht haben Sie schon einmal von Fungie gehört, dem Großen Tümmler, der 1984 die Gewässer vor Dingle in Irland zu seinem Zuhause machte und seither dort lebte. Er interagierte mit einheimischen Fischer*innen und Tourismus-Booten und wurde so schnell zu einer Attraktion für Tourist*innen. Eine ganze "Delfinbeobachtungs-Industrie" wurde um ihn herum aufgebaut. Jetzt wird er jedoch vermisst und deshalb wird über sein Tod spekuliert.

Hier sieht man Fungie mit einer Gruppe Delfinbeobachter*innen (C) Weston Gearon

Danny, ein weiterer einzelgängerischer Tümmler, tauchte 2018 vor Dorset (England) auf und hielt sich in den Folgejahren zwischen Weymouth, Swanage und Poole auf. Er folgte Booten und interagierte mit Taucher*innen. Jedoch wurde ihm diese Zutraulichkeit zum Menschen zum Verhängnis: im Oktober 2020 wurde er durch eine Schiffsschraube getötet.

Delfin Danny, der kürzlich von einer Bootsschraube getötet wurde.

Dave, ein weiterer Einzelgänger-Delfin, brachte mich 2007 zu WDC. Meine Aufgabe bestand darin, das Verhalten dieses weiblichen jungen Großen Tümmlers zu beobachten. Dave hatte einen fünf Kilometer langen Küstenabschnitt in Kent zu ihrem Zuhause gemacht. Sie schien die meiste oder sogar die ganze Zeit ohne andere Delfine zu verbringen und suchte stattdessen die Gesellschaft des Menschen.

Wie die meisten Einzelgänger-Delfine verbrachte Dave viel Zeit in flachen Gewässern, wo Begegnungen mit Menschen, die mit ihr schwammen oder sie berührten, besonders häufig vorkommen. Dieses Verhalten ist erlernt und entwickelt sich im Laufe der Zeit durch gehäufte Interaktionen mit Menschen. Einzelgänger-Delfine durchlaufen dabei bis zu sechs verschiedene Gewöhnungsstadien, vom Aufenthalt in einem begrenzten Gebiet, über das Verfolgen von Booten und Kennenlernen von Menschen, die bewusst versuchen, mit ihnen zu interagieren, bis hin zur Entwicklung zu einer lokalen Berühmtheit. Bei einigen der Delfine gibt es danach ein Stadium, in dem sie zwar noch mit Menschen interagieren, aber auch Zeit mit wilden Artgenossen verbringen. Sehr selten kehren sie jedoch für immer in die Wildnis zurück und hören gänzlich auf, mit Menschen zu interagieren.

Da Dave selten weiter als 500 Meter hinausschwamm, wurde sie schnell zu einer Attraktion für Tourist*innen. Menschen aus dem ganzen Land reisten an, um sie so nahe vom Kieselstrand schwimmen zu sehen, dass man sie fast berühren konnte – oder um mit ihr im Wasser zu sein und einen „Flipper-Moment“ zu erleben.

Dave mit Badenden in Hythe bei Kent, UK (C) Terry Whittaker

Ich habe über einen Zeitraum von sechs Wochen fast 14 Stunden pro Tag am Strand verbracht, um Daves Verhalten und das Verhalten der Öffentlichkeit zu beobachten. Ich habe dabei wirklich alles gesehen! (Natürlich bin ich selbst nicht mit ihr geschwommen. Ich würde ja auch nicht Löwen streicheln, wenn ich Löwen erforschen würde.) Der Gewöhnungsprozess war so weit vorangeschritten, dass Dave die tägliche Interaktion mit Menschen zu brauchen schien. In einigen Fällen wurde ihr Verhalten fordernd und hätte für die Menschen im Wasser gefährlich werden können, wie z.B. als sie ein kleines Kind nicht zurück zum Strand schwimmen ließ, indem sie ihm immer wieder den Weg abschnitt und sich das Kind so immer weiter vom Strand entfernte. Schließlich wurde der Junge mit einem Boot wieder ans sichere Ufer zurückgebracht.

Am Ende jenes Sommers verlor Dave einen großen Teil ihrer Schwanzflosse und wurde durch eine Angelschnur sowie einem Haken in ihrer Rückenflosse verletzt. Es ist nicht klar, ob sie diese Wunden überlebte, da sie bald darauf verschwand. Dieses Szenario ist recht typisch für einen Einzelgänger-Delfin.

Der Mensch ist eine echte Gefahr für diese einsamen Delfine (C) Terry Whittaker

Das Vorkommen solcher Delfine ist nicht so selten wie man vielleicht denken mag. Seit Dave im Jahr 2007 wurden weltweit etwa 34 weitere Einzelgänger-Delfine verschiedener Arten dokumentiert, darunter Gewöhnliche Delfine, Belugas, Blau-weiße Delfine und Orcas. Leider leben heute nur noch elf von ihnen. Es scheint ein wiederkehrendes Muster zu geben, das dazu führt, dass die Tiere aufgrund unseres unvorsichtigen menschlichen Verhaltens ihr Leben verlieren. Aber auch ihr eigenes riskantes Verhalten trägt dazu bei, da sie nicht selten eine Faszination für Schiffsschrauben zu entwickeln scheinen dazu neigen, sich in verschmutzten Gewässern mit reichlich Booten und Fischernetzen aufzuhalten.

Fungie war eine klare Ausnahme und er war ein bemerkenswerter Delfin. Er hielt sich 36 Jahre lang in Dingle auf, wobei er sich größtenteils für die Gesellschaft von Menschen entschied. Spuren auf seinem Körper zeigten, dass er aber auch mit seinesgleichen interagierte, obwohl er sich nie entschied, bei ihnen zu bleiben. Man geht davon aus, dass er recht alt wurde, da er, als er in Dingle auftauchte, bereits erwachsen war.

Es gibt viele verschiedene Theorien über Einzelgänger-Delfine (oder -Wale). Bislang ist aber nicht ganz klar, wodurch ihr einsamer Lebensstil bedingt ist. Es könnte mit der Nahrungsverfügbarkeit oder der Störung durch Feinde zu tun haben. Vielleicht verlässt der Delfin seine Familie, um woanders einen Partner zu finden – oder er blieb nach dem Verlust eines Partners oder seiner Gefährten allein. Eine stürmische See oder schlechtes Wetter können zur Trennung einer Gruppe führen – wenn einzelne Tiere ihre Gruppe nicht wiederfinden, könnten sie zu Einzelgänger-Delfinen werden. Es kann auch eine Folge von mehreren Ereignissen in der Lebensgeschichte eines Delfins sein, die für uns unergründbar bleiben. Eine andere Theorie besagt, dass diese Delfine ausgestoßene, verhaltensgestörte oder Tiere mit körperlichen bzw. geistigen Einschränkungen sind.

Fungie suchte nach Booten (C) Weston Gearon

Ich hatte das Glück, Fungie vor einigen Jahren von einer Klippe in der Nähe von Dingle aus zu beobachten. Ich sah, wie er zwischen drei Booten herumtollte, aus dem Wasser sprang, unter den Booten verschwand und alle mit einem Sprung aus einer unvorhersehbaren Richtung überraschte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Leute aufgehört, mit ihm schwimmen zu wollen, da er deutlich gemacht hatte, dass er es nicht duldete, wenn Menschen mit ihm im Wasser waren. Er mochte Boote – und zwar nur Boote.

Im Vergleich zu Fungie war Danny jung, er wurde auf etwa zwölf Jahre geschätzt. Er hätte sein ganzes Leben noch vor sich haben können, aber sein Lebensstil und das menschliche Verhalten um ihn herum führten zu seinem frühen Tod. Das macht mich sehr traurig. Wir werden wahrscheinlich nie mit Sicherheit wissen, warum einige Delfine ein Einzelgänger-Leben wählen. Aber ich hoffe, dass wir lernen werden, sie mit Respekt zu behandeln und uns in ihrer Nähe angemessen zu verhalten, um sie zu schützen. Auf Fungie und Danny und auf Dave – den Delfin, dem ich meine Karriere verdanke.

 

Ergänzung von Fabian Ritter, Meeresschutzexperte bei WDC Deutschland.

Auch in Deutschland gab es Einzelgänger-Delfine. Im Jahr 2016 wurde "Freddie", ein Großer Tümmler, der sich u.a. länger in der Kieler Förde aufhielt, zu einem Publikumsmagnet.

Von Ostern 2020 bis Januar 2021 hielt sich in der Eckernförder Bucht ein Gewöhnlicher Delfin, bekannt unter dem Namen "Sandy" auf, der sich sehr "menschenfreundlich" zeigte, Schwimmer*innen tolerierte und sich sogar berühren ließ. So schön diese Begegnungen sein mögen, wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dieser Delfin sich in einer "Notsituation" befand, auch wenn es für uns nicht danach aussah. Delfine sind ausgesprochen soziale Tiere und einen einzelnen anzutreffen ist außerhalb der Norm. Das den Menschen zugewandte Verhalten ist eine Kompensation für den fehlenden Kontakt mit Artgenossen. Durch die ständigen Interaktionen stellt sich eine Gewöhnung ein, die dem Tier auf Dauer nicht gut tut und im schlimmsten Fall zu einer Abhängigkeit führt, bei der der Delfin kein natürliches Verhalten mehr zeigt. Damit wird seine Überlebensfähigkeit geschwächt. Auch die Gefahr von Krankheitsübertragungen sind möglich, und zwar in beide Richtungen. Am 28. Januar 2021 endete auch das Leben des Eckernförder Delfins plötzlich – und tragisch.

Wir weisen für künftige Sichtungen von Einzelgängerdelfinen deshalb ausdrücklich auf die Regeln hin, die wir zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Gesellschaft zur Rettung der Delfine (GRD) erarbeitet haben.

Der entsprechende Verhaltenskodex steht hier als Download zur Verfügung.

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