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Wie viele Nordatlantische Glattwale gibt es noch?

(C) WDC
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Vergangene Woche gab die "National Oceanic and Atmospheric Administration" (NOAA) bekannt, dass die neueste Schätzung (von Januar 2019) für die Populationsgröße der Nordatlantischen Glattwale bei 366 Walen liegt. Die Schätzung aus 2018 betrug 412 Wale.

Bei der Differenz von 46 Walen fragte ich mich, wie genau diese Schätzungen funktionieren und was genau das für die Nordatlantischen Glattwale bedeutet. Also sprach ich mit Regina Asmutis-Silvia, die unser US WDC-Büro leitet und gleichzeitig Expertin für die Nordatlantischen Glattwale ist. Regina arbeitet seit 30 Jahren für den Schutz der Glattwale und leitet diesen Policy-Bereich bei WDC. Sie ist ein Profi und kann alle meine Fragen beantworten! Also legen wir los … 🙂

 

Michelle: Da Glattwale im Meer leben, muss es recht schwierig sein, sie zu zählen. Wie genau schätzen Wissenschaftler*innen die verbleibende Zahl der Glattwale ab?

Regina: Super Frage. Zu aller erst möchte ich hervorheben, dass Glattwale nicht markiert werden. An Land können Forscher*innen den Tieren manchmal einen GPS-Tracker anlegen, um sie zu verfolgen und zu zählen, wie viele sich in einem Gebiet aufhalten. Aber für große Wale ist das keine Option. Wenn ein solches Band um ihre Schwanzflosse gelegt werden würde, würde das Risiko, dass sich die Wale in Angelschnüren und Fischernetzen verfangen, deutlich steigen. Markierungen die einem Wal in die Haut implantiert werden, bleiben nur vorübergehend am Wal haften und stellen außerdem ein Infektionsrisiko da. Deshalb werden diese Markierungen nur sehr seltenen Ausnahmefällen verwendet.

Stattdessen werden die einzelnen Wale anhand von Fotos dokumentiert und verfolgt. Wir können einzelne Glattwale anhand eines Musters von gelblich-weißlichen Höckern auf deren Köpfen unterscheiden. Jeder Wal hat ein einzigartiges Muster, sodass Forscher*innen auf ihren Fotos genau erkennen, wer dieser Wal ist. Die Forscher*innen verfügen über viele Daten aus jahrelangen Untersuchungen, sodass sie ungefähr vorhersagen können, wie oft ein einzelner Wal jedes Jahr gesehen wird. So kann die Anzahl der in der Population verbliebenen Wale mathematisch geschätzt werden.

Stell Dir vor, Du würdest Dir die Klassenfotos derselben Klasse über 12 Schuljahre hinweg anschauen: Ein*e Schüler*in könnte in einem Jahr den Fototag verpasst haben, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie oder er ihn jedes Jahr verpasst. Wenn Schüler*innen in den meisten Jahren auf den Bildern zu sehen sind, können Sie davon ausgehen, dass sie immer noch diese Schule besuchen. Wenn aber mehrere Jahre vergehen, in denen sie nicht auf dem Bild sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie diese Schule nicht mehr besuchen.

 

Michelle: Man könnte denken, dass das Zählen der Wale aufgrund ihrer Größe einfach ist, aber ihr Lebensraum und ihr Verbreitungsgebiet machen es zu einer viel größeren Herausforderung! In den Nachrichten, die ich gelesen habe, hieß es, dass die früheren Schätzungen für die Anzahl der Glattwale zu hoch waren. Wie kann das passieren?

Regina: Um noch einmal auf die Schulanalogie zurückzukommen: Du musst das Klassenfoto jedes Jahr überprüfen, um zu sehen, ob und was sich geändert hat. So kommt es, dass die Ergebnisse von Jahr zu Jahr variieren. Vielleicht weißt Du auch, dass einige Schüler*innen weggezogen sind und nicht mehr an der Schule sind, sodass Du diese Schüler*innen aus Deiner Zählung herausnehmen kannst.

Wenn darüber sprechen Glattwale aus der Zählung zu nehmen, dann leider deshalb, weil wir wissen, dass sie gestorben sind oder zuletzt in einem so schlechten körperlichen Zustand gesehen wurden, dass ihre Überlebenschancen sehr gering waren. Seit 2017 wissen wir, dass mindestens 31 Glattwale gestorben sind und weitere 11 schwer verletzt wurden und somit eine sehr geringe Überlebenschance hatten. Die Differenz in den Zählungen kommt von einzelnen Glattwalen die sterben, aber nicht angespült werden oder zuletzt nicht in schlechter Verfassung gesichtet wurden. Sie werden in wiederholten Untersuchungen zwar nicht gesichtet, aber wir können auch nicht mit Sicherheit wissen, ob sie gestorben sind.

 

Michelle: Das macht absolut Sinn: Wenn wir schon nicht alle lebenden Wale sehen, sehen wir sicher auch nicht alle toten Wale. Als ich zum ersten Mal die Differenz der letzten Populationsschätzungen sah, holte ich sofort den Taschenrechner raus, um nachzurechnen! Bedeutet das jetzt, dass 46 Wale zwischen Januar 2018 und Januar 2019 gestorben sind?

Regina: Mindestens so viele sind gestorben. Wie ich schon sagte, wir wissen, dass über 40 gestorben sind, aber wie viele weitere – das ist die große Frage. Deshalb ist es zwingend notwendig, die Fotodokumentationen fortzusetzen: Damit wir eine bestmögliche Schätzung darüber erhalten können, wie viele Wale es noch gibt, wer übrigbleibt und wie viele Junge geboren werden.

 

Michelle: Das ist eine Menge, worüber man den Überblick behalten muss! Warum wird denn die Schätzung von Januar 2019 erst Ende 2020 veröffentlicht? Bedeutet das, dass die Zahl der Glattwale im Moment eigentlich noch geringer als 366 sein könnte?

Regina: Ja, sie könnte noch geringer sein und die Daten des Nordatlantischen Glattwal-Konsortiums zeigen tatsächlich eine niedrigere Schätzung. Die Schätzung ist jedoch nicht wesentlich geringer, deswegen hoffen wir, dass die Zahl 366 ziemlich genau ist. Warum die Schätzungen für 2019 erst jetzt veröffentlicht werden: es gibt eine Menge Bildmaterial die man durchgehen muss, und das dauert eine Weile. Genau wie bei den Steuern muss man warten, bis das ganze Jahr vorbei ist, um eine endgültige Abrechnung zu erhalten.

 

Michelle: Genau, leider dauert es immer länger, als man denkt! Wir wissen, dass die beiden größten Bedrohungen für die Glattwale im Nordatlantik Schiffskollisionen und Verstrickungen in Fanggeräten sind. Was können wir alle tun, um die Zahl der Glattwale zu erhöhen, anstatt sie weiter zu verringern?

Regina: Zunächst einmal tun unsere Unterstützer*innen bereits eine Menge! Oder besser gesagt, wir erreichen eine Menge durch ihre finanzielle Unterstützung und in ihrem Namen – dafür sind wir alle bei WDC sehr dankbar! WDC ist Mitglied des "US Atlantic Large Whale Take Reduction Team", über das wir dem „National Marine Fisheries Service“ Vorschläge machen, wie man im Meer treibende Netze beseitigen und somit das Risiko von Verstrickungen reduzieren kann.

WDC und seine Partner haben in diesem Sommer auch eine Petition eingereicht, in der die amerikanische Regierung aufgefordert wird, ihre Vorschrift zur Geschwindigkeitsbegrenzung zu überarbeiten, um Schiffskollisionen zu verhindern. Die Vorschrift soll unter anderem neue Gebiete einbeziehen, in denen sich die Glattwale ernähren und mit Artgenossen interagieren.

Wir sind auch Teil des "Ropeless-Konsortiums", in dem Wissenschaftler*innen, Fischer*innen und Naturschutzgruppen zusammenarbeiten, um neue Fanggeräte zu testen. Diese neuen Geräte sollen die Menge der Fangleinen und Netze im Wasser reduzieren, aber dennoch das Fischen in kommerziell wichtigen Lebensräumen ermöglichen.

Aber keine Sorge, das ist nicht alles! Glattwale helfen uns im Kampf gegen den Klimawandel, das können sie aber nur tun, wenn sie genug Nahrung finden. Das Nahrungsvorkommen wird allerdings durch die steigenden Wassertemperaturen im Zuge des Klimawandels beeinträchtigt. Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Wenn wir alle unsere Gewohnheiten anpassen, kann dies Walen enorm helfen:

  • Lassen Sie Ihren Auto-Motor nur so lange im Leerlauf wie nötig
  • Recyceln Sie, was recycelbar ist
  • Sagen Sie "Nein danke!", zu nicht-wiederverwendbaren Verpackungen und Strohhalmen
  • Schalten Sie alles aus, was Sie nicht gerade verwenden
  • Essen Sie bewusst und nachhaltig

 

Außerdem ist es immer eine gesunde Entscheidung, an die frische Luft zu gehen, um die Natur zu genießen – dass gilt sowohl für die Wale, als auch für uns Menschen!

 

Vielen Dank an Regina für die Beantwortung all meiner Fragen und dafür, dass sie meine Ansprechpartnerin in Sachen Naturschutz ist!

 

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Bianca König

Über Bianca König

Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Bianca König unterstützt bei WDC den Bereich Kommunikation und organisiert bundesweite Clean-Ups. Als Ehrenamtliche unterstützt sie regelmäßig die Forschungsarbeiten der Orca-Forschungsstation OrcaLab an der kanadischen Westküste, wo die Patenorcas von WDC beheimatet sind.

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