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Interview mit Pottwal-Forscher Hal Whitehead

Interview mit Pottwal-Forscher Hal Whitehead

Pottwale leben in sozialen Einheiten (C) Brian Smith Wenn Sie sich das Interview gerne in...

Interview mit Pottwal-Forscher Hal Whitehead

Pottwale leben in sozialen Einheiten (C) Brian Smith
Pottwale leben in sozialen Einheiten (C) Brian Smith

Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Untergangs der Essex sprachen wir mit dem international bekannten Pottwal- und Walkulturforscher Hal Whitehead.

Gemeinsam rekapitulierten wir die damaligen Ereignisse aus Sicht von Herman Melvilles Wal "Moby Dick" und kamen dabei auf viele spannende Fakten zu Pottwalen und anderen Wal- und Tierarten zu sprechen. Moderiert wird das Interview von Fabian Ritter, unserem Leiter für Meeresschutz bei WDC. 

Wenn Sie sich das Interview gerne in Originalsprache ansehen möchten, können Sie das hier tun. Im Folgenden haben wir das gesamte Gespräch für Sie verschriftlicht und übersetzt.

Frage 1

Fabian Ritter: Als das Walfangschiff “Essex” vor Hunderten von Jahren von einem Pottwal gerammt wurde … was glauben Sie war der Auslöser? Was könnte möglicherweise das Motiv des Wals gewesen sein?

Hal Whitehead: Das war auch in der damaligen Zeit ein Rätsel für die Menschen, da Pottwale eigentlich nicht den Ruf hatten, sich so zu verhalten.

Ich habe mir die Berichte der überlebenden Besatzungsmitglieder angeschaut, und dann darüber geschrieben: Mir scheint, dass dieser große männliche Pottwal zunächst versehentlich auf das Boot traf, denn beim ersten Zusammenstoß schwamm er nicht sehr schnell. Nur knapp 2 km/h – also minimal schneller als die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Pottwals an der Meeresoberfläche. Danach trieb er für eine kurze Weile offenbar einfach neben dem Boot. Er dachte sich wahrscheinlich “Was zur Hölle war das”, und tauchte wieder ab. Aber danach schien es so, als ob er sauer wurde, umkehrte und mit doppelter Geschwindigkeit zurückkam. Er rammte das ziemlich verottete Schiff an seiner schwächsten Stelle, dem Bug – und das versenkte es.

Meine Interpretation ist, dass der erste Zusammenstoß ein Unfall war, aber dann wurde der Wal sauer und beschloss, die Dinge etwas weiter zu treiben. Vielleicht vermenschliche ich die Situation ein wenig, aber so interpretiere ich es irgendwie.

Pottwale sind im Allgemeinen ziemlich ängstlich. Bei unseren Ausfahrten begegneten wir schon des Öfteren großen Walen, die geradewegs auf uns zuschwammen. Unser erster Gedanke war natürlich "Aah, die Essex!", aber die Wale haben sich immer davongemacht oder sind einfach abgetaucht.

 

Frage 2

Fabian Ritter: Walfänger*innen haben es für gewöhnlich auf große Wale, auf die Männchen abgesehen. Es gab eine gewisse Vorliebe für die Tiere, die sie jagten. Können Sie uns erklären, welche Auswirkungen das auf die Populationen der Wale – und möglicherweise auf deren Kultur hatte?

Hal Whitehead: Ich bin nicht sicher, ob die früheren Walfänger*innen wirklich eine Vorliebe für die Männchen hatten. Wenn ein großes Männchen und ein Weibchen nebeneinander hergeschwommen wären und sie die Wahl gehabt hätten, hätten sie sich wahrscheinlich für das große Männchen entschieden. Aber es ist nicht offensichtlich, dass sie damals zu Zeiten der Essex bevorzugt die großen Pottwal-Männchen getötet haben.

Anders verhält es sich mit dem modernen Walfang, die dampf- und Diesel-betriebenen Walfangschiffe des 20. Jahrhunderts – die jagten tatsächlich bevorzugt die Männchen. Vorrangig deshalb, weil sie die technischen Möglichkeiten hatten. Die früheren Walfänger*innen waren mit ihren Segel- und Ruderbooten nicht wirklich in der Lage die Tiere zu jagen, die sie wollten.  Sie griffen einfach den Wal an, der ihnen am nächsten war.

Die Walfänger*innen des 20. Jahrhunderts schauten sich hingegen gezielter nach den großen Männchen um. Sie hatten bereits Quoten, die festlegten, wie viele Wale sie fangen durften, so dass sich ein großes Männchen für sie auf jeden Fall lohnte. Da Pottwal-Männchen circa dreimal so groß wie die Weibchen sind, sind sie wahrscheinlich auch dreimal so viel wert. Um 1970 erlangte man vor Peru sogar das Stadium, dass alle großen Männchen ausgerottet waren – die Walfänger*innen hatten sie alle getötet.

In den 50er Jahren gab es vielleicht noch die Absicht, die großen Pottwal-Männchen anzugehen. Aber spätestens in den 70er Jahren hatten die Walfänger*innen sie alle getötet. Zu diesem Zeitpunkt mussten sie auf die Weibchen umsteigen, denn sie hatten keine andere Wahl mehr.

 

Fabian Ritter: Um zurück auf die Auswirkungen für die Population zu kommen …

Hal Whitehead: Wenn wir uns den Extremfall vor Peru anschauen, bei dem alle großen Männchen und damit alle Paarungspartner verschwunden sind, sehen wir natürlich, dass die Trächtigkeitsrate in den Folgejahren gesunken ist. Ich mache mir jedoch mehr Sorgen über die Auswirkungen des Walfangs auf die Gruppen von Weibchen. Diese Gruppen nennen wir soziale Einheiten: Familiengruppen von etwa zehn Weibchen und ihren Jungen. Sie leben zusammen, sind voneinander abhängig – sie sind wie Nomaden und schwimmen Tausende von Kilometern zusammen. Die einzige Konstante in ihrer ständig wechselnden Umgebung ist ihre soziale Gruppe. Sie passen gegenseitig auf ihren Nachwuchs auf: Während einige Mütter in der Tiefsee nach Tintenfischen jagen, säugen die anderen die Jungen. Wenn sie von Raubtieren angegriffen werden, verteidigen sie sich gemeinsam. Das interessanteste ist aber, innerhalb dieser Gruppen werden über Generationen hinweg Informationen ausgetauscht. Damit kommt der Kulturgedanke ins Spiel. Ein junger Pottwal lernt von seiner Mutter sowie von den anderen Familienmitgliedern dieser Einheit, wie man ein Pottwal ist. Wenn man Weibchen aus diesen Familieneinheiten herausnimmt, indem man sie tötet, verringert sich nicht nur die Zahl der Weibchen, sondern auch die Effektivität und Funktionalität als Einheit.

 

Frage 3

Fabian Ritter: Es scheint, dass Pottwale den Elefanten ziemlich ähnlich sind, auch wenn es sich auf den ersten Blick eher gegensätzlich um Meeressäuger und Landbewohner handelt. Glauben Sie, dass Pottwale auch Ähnlichkeit zu uns Menschen haben? Oft ist ja die Rede von Dialekten und Sie erwähnten gerade den Familienzusammenhalt …

Hal Whitehead: Ja, die Parallelen zwischen Pottwalen und Elefanten sind ziemlich bemerkenswert. Manchmal denke ich sogar, dass Pottwale den Elefanten in so vielen Merkmalen näher stehen als allen anderen Lebewesen in den Ozeanen oder an Land. Und warum das so ist, ist eine sehr interessante Frage: Gesellschaft und Kultur sind sehr eng miteinander verbunden. Kultur ist der Informationsfluss durch soziales Lernen – es geht darum, was wir von anderen lernen und wie wir damit umgehen. Das bedeutet, dass die Art einer Kultur von der Art der Gesellschaft abhängt. Es ist also kein Wunder, dass Elefanten und Pottwale mit ziemlich ähnlichen sozialen Strukturen auch ähnliche Kulturen haben. Schaut man sich die Menschen an, stellt man fest, dass unsere sozialen Strukturen ganz anders aufgebaut sind. In den meisten traditionellen menschlichen Gesellschaften gibt es diese engen Gruppen von “Weibchen” nicht (natürlich gibt es Ausnahmen). Die “Weibchen” wechseln ihre Bezugsgruppen, sie bleiben nicht ihr Leben lang bei den engsten Verwandten. Unsere Gesellschaft stützt sich eher auf die “Männchen”.

 

Frage 4

Fabian Ritter: Man nimmt an, dass es größer organisierte Gruppen, größere Populationen innerhalb der Ozeane gibt, die man mit dem Begriff “Nation” gleichsetzen könnte …

Hal Whitehead: Wir haben herausgefunden, dass diese Gruppierungen “Clans” genannt werden. Sie bestehen aus mehreren sozialen Einheiten, wobei eine soziale Einheit eine Familie mit Weibchen und ihren Jungen bildet. Jede soziale Einheit ist Mitglied eines bestimmten Clans und in jedem Meeresgebiet kann es zwei oder mehr davon geben.

Die Clans haben ganz unterschiedliche Verhaltensweisen: sie kommunizieren mit unterschiedlichen Dialekten, sie bewegen sich anders, sie ziehen ihren Nachwuchs unterschiedlich auf. Und sie stehen sich ziemlich fremdenfeindlich gegenüber. Die Mitglieder des einen Clans interagieren nicht mit dem anderen Clan, obwohl sie im selben Gebiet leben. Man könnte es auch mit einer Art multikultureller Gesellschaft vergleichen, wie wir das in vielen Großstädten erleben. Eine Stadt wie Montreal, wo ich herkomme, ist sehr multikulturell geprägt. Ich habe Freunde, die im englischsprachigen Montreal aufgewachsen sind und Freunde, die im französischsprachigen Montreal aufgewachsen sind. Gegenseitig kannten sie aber niemanden aus dem anderen “Lager”, obwohl sie räumlich so nah beieinander aufgewachsen sind. So scheint es auch bei den Walen zu sein. Wir sind zwar sehr vorsichtig mit Begriffen wie "Nationen", die sich sehr auf unsere menschliche Gesellschaft beziehen – aber es gibt sicherlich Parallelen.

 

Frage 5

Fabian Ritter: Das erinnert mich stark an Orcas. In British Columbia (Kanada) gibt es verschiedene Populationen, deren Lebensraum sich überlappt. Sie scheinen sich richtig zu meiden. Obwohl sie eigentlich Artgenossen sind, kommunizieren sie nicht nicht miteinander, weil sie unterschiedliche Kulturen haben. Glauben Sie, dass auch Pottwale sich als “wir”, als “uns” verstehen? Wissen sie über ihre eigene Abstammung Bescheid? Ich nehme an, dass sie fremde Pottwale leicht erkennen müssten.

Hal Whitehead: Wir haben leider keine wirklich guten Beweise dafür. Einige Kolleg*innen von mir haben Versuche durchgeführt, bei denen die Gesänge eines Clans einem anderen vorgespielt wurden, und dabei die Reaktionen dokumentiert wurden. Mit Vögeln gab es dazu bereits brilliante Studien und auch bei Elefanten konnten die Wissenschaftler*innen bemerkenswerte Ergebnisse verzeichnen. Meine Kolleg*innen versuchen das jetzt schon seit etwa 20 Jahren mit Pottwalen – aber bislang ohne großen Erfolg. Ich glaube, wir können die Pottwale einfach nicht täuschen! (lacht) Sie hören sich nicht unsere Tonspuren an und denken “Ooh, da nähert sich ein Haufen Pottwale des anderen Clans”, sie denken wohl eher “Das sind wieder diese verdammten Menschen, die so tun als wären sie wir”. Zumindest reagieren sie dementsprechend. Das ist natürlich ein bisschen frustrierend.

Wir sind Biolog*innen: Wir lieben experimentelle Beweise, wir spielen dies und das durch – und dokumentieren, wie die Tiere sich verhalten und auf Unterschiede reagieren. Wir versuchen also, Schlussfolgerungen aus dem zu ziehen, was wir hören und was wir sehen.

Ein wirklich interessanter Unterschied zwischen den von Ihnen beschriebenen Orcas und den Pottwalen ist jedoch, dass sich die Clans der Orcas bereits soweit voneinander entfernt haben, dass sie inzwischen als unterschiedliche Ökotypen gelten. Es gibt die Nomaden-artigen Transient Orcas, die sich von kleineren Meeressäugern ernähen und die sesshafteren Resident Orcas, die ausschließlich Königslachs fressen. Die Mitglieder dieser Clans paaren sich nur innerhalb ihrer zugehörigen Einheiten.

Bei den Pottwal-Clans sieht es hingegen so aus, als ob es auch zwischen den Clans Paarungen gibt. Die Männchen verlassen die Gruppe ihrer Mütter, ziehen in die Arktis und Antarktis, um dort einige Zeit zu verbringen und kehren dann 10-15 Jahre später geschlechtsreif in die Tropen zurück. Dann paaren sie sich möglicherweise – oder vielleicht sogar bevorzugt – mit Weibchen aus einem anderen Clan. Das bedeutet also, dass sich die Gene verschiedener Clans bei Pottwalen mischen.

 

Frage 6

Fabian Ritter: Unser Verständnis, dass diese Tiere Kulturen pflegen hat unsere Sicht auf sie enorm verändert. Sie bilden Clans, haben Dialekte und verschiedene Verhaltensweisen. Was bedeutet das für den Artenschutz dieser Tiere? Besonders mit Blick auf die vielfältigen Bedrohungen, denen sie heutzutage ausgesetzt sind …

Hal Whitehead: Es gibt eine ganze Reihe von Schlussfolgerungen für den Naturschutz. Das Gute vorweg:  Kulturinformationen können sich schneller verbreiten als genetische Informationen. Möglicherweise können kulturell geprägte Tiere schneller mit Veränderungen in ihrer Umwelt umgehen, als wenn sie keine Kultur hätten. Wenn ein Tier beispielsweise herausfindet, dass seine Hauptnahrungsquelle versiegt, weil wir Menschen das Klima und die Umwelt aus dem Gleichgewicht bringen, versucht es vielleicht etwas anderes zum Fressen zu finden – und wenn das gut funktioniert, verbreitet sich die Information innerhalb der Population. Kultur bei Walen hat also viel positives Potenzial, wenn wir an den Artenschutz denken. Leider gibt es aber auch eine Kehrseite der Medaille: und das ist der Erhalt von Kulturen.

Innerhalb einer Kultur kann sich ein sehr starkes “wir”-Gefühl ausprägen, was sich auch auf die Verhaltensweisen überträgt. Es stellt sich der Gedanke ein: “Das sind wir, wir tun dies aber das tun wir nicht, denn das machen ja die anderen”. Es kann sich also auch eine extreme Abneigung gegen andere Verhaltensweisen einstellen. Dafür gibt es bei den Orcas vor British Columbia sogar einige Beweise! Die Resident Orcas bevorzugen den Königslachs. Den lieben sie – auch wenn sie anderen nährstoffreichen Lachs essen könnten, scheint ihnen nichts besser zu schmecken als der Königslachs. Das sieht man daran, dass ihre Population abhängig vom Vorkommen des Königslachses steigt und fällt. Die Northern Residents scheinen sich auf den Kompromiss “Oh, es gibt keinen Königslachs mehr, also essen wir einfach anderen Lachs” nicht einlassen zu wollen.

Ein Extrem konnte man in den 60er oder frühen 70er Jahren beobachten, als Orcas für ein Delfinarium gefangen wurden. Damals wusste man noch nicht, dass es unterschiedliche Ökotypen von Orcas gibt. Sie steckten alle Orcas zusammen in ein Netz und fütterten sie mit Lachs. Einer der Orcas starb, noch bevor er einen einzigen Lachs angerührt hatte. Der andere Orca tat es schließlich doch. Er konnte sich also von Lachs ernähren, aber seine Kultur besagte eine ganze Zeit lang eigentlich “Ich bin ein Transient Orca – ich esse Robben, Delfine und kleinere Wale. Keinen Lachs”.

Daran sieht man sehr gut: Kultur kann helfen oder sogar verhindern, dass eine Population auf die sich verändernde Umwelt reagiert. Es gibt also eine ganze Reihe von Auswirkungen auf den Naturschutz.

Als dritte Komponente kommt die Definition hinzu, was wir eigentlich schützen wollen. Naturschutzbiolog*innen haben viel Zeit damit verbacht, genau darüber nachzudenken. Dann kamen die  Genetiker*innen und entwickelten die Idee von “evolutionär bedeutsamen Einheiten”, die sich in ihrer genetischen Beschaffenheit unterscheiden und besonders schützenswert sind.

Meiner Ansicht nach geht es aber nicht nur darum, die Vielfalt der Arten sondern auch die Vielfalt der Verhaltensweisen der Tiere – was wir phänotypische Vielfalt nennen – zu erhalten. Ein großer Teil dieser phänotypischen Vielfalt ist natürlich genetisch bedingt, aber zum Teil auch durch andere Prozesse bestimmt, zum Beispiel durch Kultur. Bei kulturellen Arten wie Pottwalen, aber auch bei Schimpansen oder Elefanten sollten wir also nicht nur versuchen, ihre genetische Vielfalt zu erhalten, sondern auch ihre kulturelle Vielfalt zu bewahren.

Bei uns Menschen machen wir das ja auch: Wir sind beunruhigt – und wir sollten beunruhigt sein – über den Verlust von Sprachen und Dialekten, den Verlust von Tanzschritten oder den Verlust anderer kultureller Dinge, die wir als Menschen entwickelt haben. Denn auch wenn sie im Augenblick vielleicht nicht besonders wichtig erscheinen, können sie später unglaublich nützlich sein.

Vor den Galapagos-Inseln haben wir zum Beispiel zwei Pottwal-Clans erforscht. In El-Niño-Jahren kommen die Pottwale eines Clans nur mühsam über die Runden. Gleichzeitig stellten wir fest, dass der andere Clan, der in den normalen, kühleren Jahren eigentlich immer erfolgreicher bei der Nahrungssuche war, im El-Niño-Jahr noch viel schlechter zurecht kommt. Also genau umgekehrt.

Wenn wir die Ozeane weiter aufheizen, sollten wir zumindest dafür sorgen, ein möglichst großes Repertoire an Verhaltensweisen der Pottwale zu erhalten und zu schützen – damit sie die besten Chancen haben, den Klimawandel zu überstehen. Wir sollten also genauso über die Erhaltung der kulturellen Vielfalt nachdenken, wie über den Erhalt der genetischen Vielfalt.

 

Frage 7

Fabian Ritter: Pottwale haben die Fähigkeit extrem laute Signale und Rufe auszustoßen, und damit andere möglicherweise zu verletzen – einfach weil der Schalldruck so enorm ist. Aber offensichtlich tun sie das nicht. Glauben Sie, dass es eine Art Etikette bei Pottwalen gibt, die ihnen vorgibt, was sie tun und lassen? Und wenn man das noch etwas weiterspinnt: Könnte es eine Art moralisches Denken bei Pottwalen oder anderen Tieren geben? 

Hal Whitehead: Ja, ich glaube das ist sehr wahrscheinlich! Pottwale geben bei der Nahrungssuche den lautesten und stärksten Ton aller Lebewesen von sich. Der Schallstrahl ist unglaublich intensiv und sehr präzise ausgerichtet, sodas sie all die Tintenfische finden, die sie gerne fressen. Es handelt sich um ein unglaublich nützliches – aber wie Sie schon sagten, auch ein sehr gefährliches Instrument. Ich stelle es mir so vor, wie wenn man ein paar Jäger*innen mit Gewehren in einen Wald steckt: Wenn sie keine Etikette hätten, wie und wann sie die Gewehre nutzen, könnte das ziemlich übel werden.

Also ja – ich denke, es ist legitim zu glauben, dass Pottwale eine Etikette haben und dass sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, um sich gegenseitig nicht zu verletzen.

 

Frage 8

Fabian Ritter: Kommen wir zurück auf das Walfangschiff Essex. Man könnte auch von einer Schiffskollision sprechen – vielleicht nur mit zwinkerndem Auge, da der Begriff heutzutage eher umgekehrt genutzt wird, wenn große Schiffe Wale rammen.  Können Sie dazu etwas sagen? Ich arbeite auf den Kanarischen Inseln und dort haben wir große Probleme mit den Schnellfähren. Für mein Verständnis sollten Tiere, die mit so einem großen Gehirn ausgestattet sind, doch eigentlich in der Lage sein, diese sehr lauten Schiffe zu erkennen und orten zu können – aber offenbar können sie das nicht. Wissen Sie warum das so ist?

Hal Whitehead: Zu allererst müssen wir vorsichtig mit unseren Vermutungen sein, denn wir haben noch nie Intelligenztests bei Pottwalen durchgeführt. Wir haben keinen endgültigen Beweis dafür, dass sie intelligent sind. Wir haben nur all die Korrelationen, die darauf hindeuten, dass sie intelligent sind. Sie haben riesige, strukturierte Gehirne, was bei vielen anderen intelligenten Spezies der Fall ist. Sie wissen schon … größere, komplexere Gehirne – damit einhergehend eine bessere Fähigkeit kognitive Entscheidungen zu treffen. Pottwale haben komplexe soziale Strukturen, was ebenfalls für komplexe kognitive Fähigkeiten spricht. Außerdem haben sie komplexe Kulturen, die dritte Korrelation. Daher nehmen wir an, dass sie intelligent sind.

Ich greife einfach mal einen Punkt auf, den Sie erwähnten: SCHNELL, richtig? Bei Schiffskollisionen kommt es auf die Geschwindigkeit an. Ein langsames Schiff, das mit 10 km/h herumdümpelt, verursacht wahrscheinlich keine schwerwiegende Verletzungen, wenn es mit einem Wal zusammenstößt. Ein Schiff mit 25 km/h würde den Wal vermutlich töten und mit 50 km/h wird es den Wal definitiv töten. So schnell fahren wahrscheinlich die Fähren, von denen Sie sprechen.

Solange es für die Tiere keinen evolutionären Druck gibt, mit Schiffen umzugehen, werden nur diejenigen ihre Gene weitergeben, die vielleicht ein besseres Bewusstsein für Klänge haben oder in deren Kultur sich eine Art Radar für Schiffe entwickelt hat (“Wir halten ein Ohr offen und schwimmen weg, wenn sich Schiffe nähern”). Das ist möglich, aber es ist wahrscheinlich, dass diese Gene und Kulturen noch nicht die gesamte Population durchdrungen haben. Sicher passiert diese Evolution auf kleiner Spur, aber es passiert nicht oft genug, sodass sich daraus eine selektive Kraft entwickeln würde.

 

Fabian Ritter: Richtig. Vor allem hatten die Wale sicher keine Möglichkeit sich an etwas anzupassen, was aus evolutionärer Sicht noch so neu ist. Pottwale gibt es seit Millionen von Jahren und Schnellfähren vielleicht seit 50 Jahren. Es ist also unwahrscheinlich, dass der Lernprozess im Umgang mit Schiffen schon so tief in die Kulturen eingedrungen ist, dass sich daraus eine angemessene Verhaltensweise entwickeln konnte. Vor allem Jungtiere, die sehr spielerisch und oft nicht sehr bedacht unterwegs sind scheinen öfter mit Schiffen zu kollidieren.

Hal Whitehead: Vielleicht kann ich dazu etwas sagen, was wir gerade erst herausgefunden haben. Es ist etwas gegenläufig zu dem was Sie gerade beschrieben haben, aber sehr interessant. Wir haben uns die Logbücher der Walfänger*innen aus den 1820er Jahren angesehen, also genau aus der Zeit der Essex.

Der Fangerfolg war daran gekoppelt, dass sie die Wale gesehen haben, die sie jagten. Schaut man sich die Logbücher an, stellt man fest, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Wal im Nordpazifik gefangen haben, innerhalb von drei Jahren um 50 Prozent zurück gegangen ist. Dort ist also irgendwas passiert ...

Meine Vermutung ... und die Daten untermauern das ein wenig, ist, dass die Pottwal-Gruppen voneinander gelernt haben. Wir denken, dass eine soziale Einheit lernt das Risiko zu minimieren, wenn sie von Walfänger*innen angegriffen wird. Da gibt es ja offensichtliche Strategien: Sie können gegen den Wind schwimmen, abtauchen oder sich wehren. Was man als Pottwal allerdings auf jeden Fall vermeiden sollte, ist sich so zu verhalten, wie man sich gegen Orcas wehrt. Dabei bilden die Pottwale einen engen Kreis an der Meeresoberfläche, drängen ihren Nachwuchs in die Mtte und verteidigen sich mit ihren Fluken gegen die angreifenden Orcas. Das funktioniert bei Killerwalen ziemlich gut – aber es ist die schlechteste Strategie, wenn Kapitän Ahab mit seiner Harpune ankommt. Denn der hat dann ein schönes großes Ziel, auf das er die Harpune abfeuern kann. Er erwischt nicht nur einen sondern mehrere von ihnen. Die Vermutung ist also, dass diese Wale sehr schnell gelernt haben, genau das nicht zu tun sondern eine der anderen Flucht- oder Verteidigungsstrategien zu wählen. Und dann gaben sie es innerhalb ihrer sozialen Einheit weiter.

 

Frage 9

Fabian Ritter: Denken Sie, dass man bei allen Meeressäugern Kulturen findet?

Hal Whitehead: Ja, ich vermute schon. Ich weiß es natürlich nicht, wir wissen kaum etwas über Zwergglattwale und viele andere Arten. Aber je mehr wir uns im Tierreich umsehen, desto mehr finden wir Kultur. Wie Sie wissen, basiert Kultur auf sozialem Lernen - Tiere lernen von anderen Tieren. Bei extrem sozialen Arten erwarten wir es am meisten, da ist es am offensichtlichsten. Ich spreche von Pottwalen, Orcas, Elefanten, Schimpansen, Krähen und Raben. Aber wir finden Kultur auch bei weniger sozialen Arten. Da spielt die Kultur vielleicht nicht so eine zentrale Rolle, aber sie existiert. Nehmen wir zum Beispiel den Orang-Utan. Ein Orang-Utan ist eine viel weniger soziale Spezies als ein Schimpanse. Aber man hat eine ganze Reihe von kulturellen Verhaltensweisen bei Orang-Utans festgestellt. Die wenigsten Verhaltensweisen sind “sozial”, einfach weil Orang-Utans nicht sehr sozial sind. Aber sie treffen sich oft genug, um voneinander zu lernen, und sie legen großen Wert darauf. Insbesondere der Nachwuchs lernt viel von seiner Mutter.

Ich vermute also, dass dasselbe für viele Wale und Delfine gilt. Es gibt Arten, die wir vorrangig allein beobachten, die aber eine ganze Reihe von Verhaltensweisen pflegen, die sie von anderen oder wahrscheinlich in vielen Fällen von ihren Müttern gelernt haben. Aber nicht unbedingt alles davon.

Bei einigen Arten ist die Bedeutung ihres (kulturellen) Verhaltens vielleicht etwas geringer als bei einem Orca oder einem Pottwal oder einem Großen Tümmler, aber ich vermute, es ist trotzdem ziemlich bedeutsam.

 

Frage 10

Fabian Ritter: Immer mehr Menschen fordern Rechte für Meeressäuger oder andere Tiere, mit der Begründung, dass es sich um hochintelligente, kulturelle Wesen handelt, die individuelle Persönlichkeiten und eine Selbstwahrnehmung haben. Was halten Sie von der Idee, Meeressäugern eigene Rechte zuzusprechen?

Hal Whitehead: Wenn man konsequent sein will, muss man darüber nachdenken, warum wir den Menschen Rechte geben. Einige würden sagen: Wir geben Menschen Rechte wegen der menschlichen DNA, was wirklich ein bisschen albern ist, aber es stimmt auch nicht wirklich. Denn wir geben Menschen, die hirntot sind, Haaren auf dem Boden eines Friseursalons (die wirklich viel menschliche DNA haben), oder unterentwickelten Föten in vielen Gesellschaften auch nicht die vollen Rechte. Wir müssen also darüber nachdenken, wie wir entscheiden, welchen dieser Gruppen, die alle menschliche DNA in sich tragen, wir Rechte zusprechen und welchen nicht.

Einige der von Ihnen beschriebenen Dinge, gehören offenbar zu den Kriterien wie wir entscheiden, wem oder was wir Rechte geben – Dinge wie Selbstwahrnehmung, Sozialität und so weiter. Sie wissen, dass ich kein Philosoph bin, aber ich lese ein wenig darüber was diese tun und verstehe etwas von der Wissenschaft, auf die sie ihre Arbeit gründen. Und demnach ist es gerechtfertigt: Meeressäuger, aber nicht nur Wale und Delfine – es gibt auch andere Tiere, je nachdem, welche Kriterien man einbringt – sollten Rechte haben. Wenn man ihre Fähigkeit zum Selbstbewusstsein, bestimmte Ebenen der Erkenntnis oder bestimmte Ebenen der Sozialität betrachtet, kommen sicherlich vor allem Wale und Delfine ins Spiel. Aber auch Tiere wie Schimpansen oder Elefanten und wahrscheinlich noch viele mehr.

 

Frage 11

Fabian Ritter: Meine letzte Frage in Bezug auf Pottwale wäre nun: Wenn Sie sich einmal in einen Pottwal hineinversetzen, was wäre dann Ihre Botschaft an uns?

Nun, ich denke ... obwohl ich, jetzt als Pottwal, ein außergewöhnliches System habe, um den Ozean wahrzunehmen oder meine Nahrung aufzuspüren – es ist nicht einfach! Ich muss mich mit Dingen wie dem El Niño herumschlagen. Ich muss mich damit auseinandersetzen, dass die Tintenfische, die ich esse, nicht immer reichlich verfügbar sind. Ich habe es mit natürlichen Raubtieren wie Orcas zu tun. Bitte … machen Sie es uns nicht noch schwerer! Es ist so schon alles ziemlich schwierig. Hinzu kommt, dass ihr Menschen unsere Populationen stark reduziert habt: Viele unserer sozialen Einheiten wurden zerstört. Wenn ihr Menschen euch also ein Stück zurücknehmen und etwas rücksichtsvoller sein könntet, wäre das sehr schön!

 

 

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Bianca König

Über Bianca König

Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Bianca König unterstützt bei WDC den Bereich Kommunikation und organisiert bundesweite Clean-Ups. Als Ehrenamtliche unterstützt sie regelmäßig die Forschungsarbeiten der Orca-Forschungsstation OrcaLab an der kanadischen Westküste, wo die Patenorcas von WDC beheimatet sind.

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