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Walfang in Norwegen: Das große Schlachten

Von Walfänger*innen gefangener Zwergwal in der Antarktis (C) Jeremy Sutton-Hibbert
Von Walfänger*innen gefangener Zwergwal in der Antarktis (C) Jeremy Sutton-Hibbert
Trotz Artensterben, Klimakrise und Pandemie treibt die Regierung in Norwegen den Raubbau an der Natur konsequent voran.

2020 sollte eigentlich das Jahr werden, das als "Superbiodiversitätsjahr" in die Geschichte eingeht. Auf zahlreichen Konferenzen, darunter den Spitzentreffen der Biodiversitätskonvention und der UN-Klimakonvention, wollten die Vertreter*innen der Weltgemeinschaft sich einigen. Gemeinsam sollte ein Weg beschlossen werden, wie man den größten Bedrohungen unserer Zeit – Artensterben und Klimawandel – Einhalt gebieten kann.

Stattdessen traf uns die Corona-Krise, als grausame Realität der direkten Folgen unserer ungebremsten Ausbeutung von Natur und Tierwelt, mit voller Wucht. Vielen Menschen auf der ganzen Welt wurde schlagartig klar, dass wir alle unseren Umgang mit der Natur und unseren Mitlebewesen grundlegend ändern müssen. Im Fokus der Debatte steht auch die Erkenntnis, dass besonders die Tötung und der Konsum von Wildtieren ein weltweites Problem darstellt.

Seltsam muten vor diesem Hintergrund die Jubelnachrichten der norwegischen Walfangindustrie an, die in den letzten Wochen in der Presse zu lesen waren: Die seit Jahren rückläufige Nachfrage nach Walfleisch sei in Norwegen zum ersten Mal wieder gestiegen, 503 Zwergwale wurden bisher getötet  – das sind bereits jetzt 74 Wale mehr als 2019, einem der „schlechtesten“ Walfangjahre seit langem. Als Grund für das zunehmende Interesse nennen Ladenbesitzer*innen und Walfänger*innen vor allem die Corona-Krise. Da die Norweger*innen nicht reisen konnten, machten viele Urlaub im eigenen Land und interessierten sich für lokale Delikatessen. Zudem hätten die teuren Marketingstrategien für Walfleisch, die die norwegische Regierung seit Jahren mit viel Geld unterstützt, endlich Früchte getragen. Die Aussicht, mit dem Schlachten der Wale endlich wieder reich zu werden, sehen viele Vertreter*innen der Walfangindustrie endlich wieder in greifbare Nähe gerückt.

Was die aktuellen Medienberichte nicht erwähnen, ist das gigantische Lügengebäude, auf dem die Mythen der „norwegischen Delikatesse Walfleisch“ errichtet sind. Deshalb schafft WDC nun Klarheit:

 

Mythos 1: Walfang ist nachhaltig

Norwegen verwendet seine eigene Methode zur Berechnung der Fangzahlen, die höhere Fänge ermöglicht, als viele Wissenschaftler*innen der Internationalen Walfangkommission (IWC) für nachhaltig halten. Tatsächlich werden von wissenschaftlicher Seite seit vielen Jahren Bedenken geäußert und die Nachhaltigkeit des Walfangs in Frage gestellt. Darüber hinaus sind viele der getöteten Wale schwangere Weibchen, was die Fortpflanzungsfähigkeit der Population und die genetische Vielfalt gefährdet.

 

Mythos 2: Walfang ist umweltfreundlich

Mit dem Verweis auf die große Menge an klimaschädlichem Methan, die beispielsweise bei der Rindfleischproduktion entsteht, stellen die Walfänger*innen den Konsum von Walfleisch als umweltfreundliche Alternative dar. Dank zahlreicher wissenschaftlicher Studien ist jedoch inzwischen bekannt, dass Wale ein wesentlicher Bestandteil des Ökosystems Ozean sind. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Bindung von Kohlenstoff, wodurch Kohlendioxid (CO²) aus der Atmosphäre ferngehalten wird. Ihr Kot stimuliert das Wachstum von pflanzlichem Phytoplankton, das das CO² mittels Photosynthese umwandelt und den Sauerstoff produziert, den wir atmen. Das Plankton ist außerdem eine wichtige Nahrungsquelle für kleine Meerestiere und Fische, daher tragen Wale auch zur Erhaltung gesunder Fischbestände bei. Nichts am Walfang ist umweltfreundlich!

 

Mythos 3: Walfleisch ist ein lokales Produkt

Zwergwale sind eine wandernde Tierart und verbringen nur einen Teil ihres Lebens in ihren Nahrungsgründen in norwegischen Gewässern. Sie sind keine "lokale Ressource".

 

Mythos 4: Walfang ist human

Norwegische Untersuchungen zeigen, dass viele Wale einen qualvollen Tod erleiden und oft länger als sechs Minuten, teilweisesogar bis zu 25 Minuten leiden, bevor sie tot sind.

 

Mythos 5: Zwergwale sind eine weit verbreitete Art

Obwohl die meisten Zwergwalpopulationen nicht als gefährdet eingestuft sind, bestehen noch große Forschungslücken über ihre Wanderungen und ihr Leben. Walforscher*innen haben daneben große Bedenken hinsichtlich eines Rückgangs der Zwergwalzahlen, in bestimmten Gebieten um Norwegen geäußert. Wie alle Meeressäuger sind Zwergwale vielen menschgemachten Bedrohungen ausgesetzt, wie z. B. Chemikalien- und Lärmbelastung, Schiffskollisionen, Klimawandel und dem Verfangen in Fischereigeräten. Der Walfang ist die einzige Bedrohung, die sofort gestoppt werden kann.

 

Mythos 6: Der Walfang ist reguliert und folgt den IWC-Regeln

Norwegen jagt unter Einspruch gegen das Walfangverbot der IWC und legt seine eigenen Walfangquoten mit einer Methode fest, die von den IWC-Mitgliedern nicht mitgetragen wird (tatsächlich wird diese Berechnungsmethode von vielen Ländern und IWC-Wissenschaftler*innen abgelehnt und nicht akzeptiert). Stück für Stück hat die norwegische Regierung auch den bürokratischen Aufwand für Walfangvorschriften abgebaut und die Anforderungen gesenkt, damit mehr Schiffe Wale unter minimaler Aufsicht jagen können.

Es ist momentan schwer einzuschätzen, ob die angeblich gestiegene Nachfrage der norwegischen Bevölkerung nach Walfleisch den Tatsachen entspricht oder nur einen weiteren Teil der teuren Marketingstrategie darstellt. Fakt ist, dass das Fleisch als Bestandteil der norwegischen Küche in den letzten Jahrzehnten kaum eine Rolle spielte. In der Tat kam eine erst im letzten Jahr von WDC und anderen NGOs in Auftrag gegebene Studie zu dem Ergebnis, dass nur vier Prozent der befragten Norweger*innen angaben, "oft" Walfleisch zu essen. Zwei Drittel sagten, dass sie es "noch nie oder vor sehr langer Zeit einmal" probiert hätten.

2020 ist nicht zum "Superbiodiversitätsjahr" geworden. Stattdessen finden wir uns gemeinsam in einem Schlüsselmoment für uns und den gesamten Planeten: Die Aussicht auf kurzfristige finanzielle Gewinne muss dem gemeinsamen Ziel weichen, das Artensterben zu stoppen und die Klimakrise aufzuhalten. Fast drei Millionen Wale wurden allein im 20. Jahrhundert Opfer der Walfangindustrie. Die Auswirkungen dieses großen Schlachtens werden erst jetzt nach und nach erforscht. Eine Erholung der weltweiten Walbestände sollte eines der wichtigsten Ziele des Arten- und Klimaschutzes sein. Es ist beschämend und nicht nachvollziehbar, dass eines der reichsten Länder der Erde stattdessen die Ausbeutung des Ozeans vorantreibt und den Walfang unterstützt, als gäbe es kein Morgen.

 

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Über Astrid Fuchs

Astrid Fuchs leitet bei WDC Deutschland den Bereich Policy und strategische Entwicklung. Daneben koordiniert sie die EU-Arbeit und betreut die Bereiche Walfang und Delfinarien.

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