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WDC fordert für den Schiffsverkehr weitere Geschwindigkeitsgrenzen zum Schutz der gefährdeten Atlantischen Nordkaper

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Der Schweinswal stirbt zuerst, die Hoffnung zuletzt

Ein gestrandeter Schweinswal(C) Michael Scheer
(C) Michael Scheer
Seitdem ich 2012 begonnen habe bei WDC zu arbeiten, begleite ich das Thema Schweinswalschutz in Deutschland – bzw. es begleitet mich. Es ist ein mühsames Geschäft und mittlerweile habe ich mich über jeden noch so geringen Erfolg gefreut, denn der politische Wille, diese faszinierenden Tiere effektiv zu schützen, ist in Deutschland trotz vieler Lippenbekenntnisse sehr gering.

 

Doch was sich in den letzten Wochen an dieser Front getan hat, verschlägt mir fast schon den Atem. Plötzlich wird darüber geredet, die Stellnetzfischerei – die Hauptbedrohung der Schweinswale – schon bald einzuschränken. Diese Forderung stellen wir seit vielen Jahren, jedoch bisher ohne nachweislichen Erfolg. Was ist also plötzlich geschehen? Und können wir das vielleicht sogar als Erfolg unserer eigenen und andauernden Bemühungen feiern?

Aber der Reihe nach:

  • 2019 hatte WDC in einem Bericht aufgedeckt, dass die meisten EU-Staaten ihrer Verpflichtung nicht oder zu wenig nachkommen, den in Europa heimischen und akut bedrohten Schweinswal zu schützen – und eine entsprechende Beschwerde eingereicht
  • Im gleichen Zuge beantragten 22 europäische Umweltorganisationen unter der Federführung von WDC bei der EU-Kommission dringende Notfallmaßnahmen, um die vom Aussterben bedrohte Population in der Zentralen Ostsee vor einem weiteren Rückgang zu bewahren. Dort gibt es nur noch wenige Hundert Schweinswale!

Daraufhin beauftragte die EU-Kommission den internationalen Wissenschaftsrat ICES damit, diesen Antrag zu prüfen und siehe da:

 

Jetzt steht es also schwarz auf weiß und wissenschaftlich von „höchster Stelle“ bestätigt auf dem Papier: die Stellnetzfischerei muss aus Schutzgebieten verbannt werden.

 

Außerhalb der Schutzgebiete müssen weitere Maßnahmen ergriffen werden, damit sich die Schweinswale nicht weiter in den Netzen verheddern und darin qualvoll verenden. Ein Paukenschlag!

EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius (ein Lette, dessen Herz ganz offensichtlich für die Ostsee schlägt) höchst selbst hatte sich der Sache angenommen, und mächtig Bewegung hineingebracht.

  • Ende Juni 2020 lud Sinkevičius nun zu einer Expertenrunde ein. WDC war prominent vertreten, referierte über das europaweite Problem des Beifangs und erneuerte unsere Forderungen.
  • Kurze Zeit später (Anfang Juli 2020) schrieb die Europäische Kommission einen „blauen Brief“ an Schweden, worin das Land dazu aufgefordert wird, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen und vor allem, die Sachlage zu verbessern.

„Die Sachlage verbessern“ heißt in diesem Zusammenhang, dafür zu sorgen, dass keine Meeressäuger mehr in der Fischerei umkommen. Denn, so die ICES-Wissenschaftler*innen, bereits ein einziges beigefangenes Tier pro Jahr ist mehr, als die Population verkraften kann (zur Orientierung: 2018 wurden an der deutschen Ostsee 203 tote Schweinswale angespült – ein Rekordjahr...).

 

Wie man Beifang verhindert, ist längst bekannt.

 

Die möglichen Maßnahmen wurden immer wieder von WDC und anderen Umweltschutzorganisationen wiederholt:

  • Die Fischerei muss räumlich und zeitlich begrenzt werden – vor allem in der sensiblen Zeit für Schweinswale, wenn sie im Frühjahr und Sommer ihre Jungen zur Welt bringen.
  • Es dürfen keine Stellnetze innerhalb von Schutzgebieten eingesetzt werden. Hiervon wären in Deutschland die Schutzgebiete Adlergrund, Westliche Rönnebank, Pommersche Bucht mit Oderbank und Greifswalder Boddenrandschwelle sowie Teile der Pommerschen Bucht betroffen.
  • Es muss genau untersucht werden, wann, wo und wie viele Stellnetze ausgebracht werden – denn niemand weiß heute genau, wie viele Kilometer Stellnetze eigentlich im Einsatz sind (vermutlich sind es Tausende oder gar Zehntausende).
  • Es muss eine Verpflichtung zur Meldung von Beifängen geben – damit Fischer*innen die toten Tiere nicht einfach „verschwinden lassen“, was immer noch vorkommt.
  • Alternativen und umweltfreundlichere Fischereimethoden (z.B. Reusen oder automatisierte Angelleinen, etc.) müssen entwickelt, erprobt und zum Einsatz gebracht werden, mit dem Ziel, Stellnetze mittelfristig zu ersetzen.

Im Moment stehen Wal und Mensch in direkter Konkurrenz um denselben Fisch. Es geht also darum, eine Überschneidung von Fischerei und Vorkommen der Wale weitestgehend zu vermeiden. Wo dies nicht möglich ist, können als Überganglösung sogenannte Pinger zum Einsatz kommen. Das sind kleine Geräte, die in den Netzen befestigt werden und mit Störgeräuschen dafür sorgen sollen, dass die kleinen Wale den Netzen fernbleiben. Pinger sollten aber ausschließlich außerhalb von Schutzgebieten eingesetzt werden, denn eine zusätzliche akustische Belastung der hörempfindlichen Wale durch Pinger darf nicht dazu führen, dass die Schutzgebiete ihren Wert als Rückzugsräume verlieren.

So staune ich also über die sich plötzlich einstellenden politischen Prozesse, die alle in die richtige Richtung weisen. Sicherlich können wir von WDC behaupten, maßgeblich daran beteiligt zu sein, dass die Entscheidungsträger*innen der EU nun handeln – und das erfüllt mich mit Stolz. Unsere jahrelange Arbeit scheint sich jetzt im Sinne des Meeresschutzes auszuzahlen. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, dass es allerhöchste Zeit für Maßnahmen ist.

 

„Taten statt Reden“ heißt die Devise.

 

Dabei ist insbesondere auch Deutschland dazu aufgerufen, der Aufforderung der EU und dem Rat der ICES-Wissenschaftler*innen zu folgen, sonst gibt es demnächst auch hier einen „blauen Brief“. Nicht zuletzt hat Deutschland seit Anfang Juli die EU-Ratspräsidentschaft inne: Da ist es ein Muss, als Vorbild für andere voranzuschreiten, auch im Meeresschutz!

Denn neben der Fischerei gibt es jede Menge weitere Bedrohungen für den bei uns heimischen Schweinswal: Umweltverschmutzung, Unterwasserlärm, Überfischung, Müll im Meer und der Klimawandel – all das setzt den Tieren gehörig zu. Wie ernst die Lage insgesamt ist, zeigen zwei aktuelle wissenschaftliche Briefings an die EU-Kommission, an denen WDC beteiligt war. Aus ihnen geht hervor, dass Schweinswale in der Ostsee im Durchschnitt kaum mehr als 3-4 Jahre alt werden und damit auch kaum mehr die Geschlechtsreife erreichen. Zudem ist der Gesundheitszustand der Tiere oft sehr schlecht. Umweltgifte machen sie anfällig für Infektionen durch Viren, Bakterien, Würmer oder andere Parasiten.

So recht glauben will ich noch nicht, dass sich jetzt alles zum Besseren wendet. Zu genau kenne ich die Methoden der Interessengruppen der Fischerei und die Verzögerungstaktiken von Politiker*innen, die unter dem Einfluss genau dieser Interessengruppen stehen. Doch Hoffnung ist derzeit berechtigt und selbstverständlich werden wir bei WDC nicht nachlassen, den Walen weiterhin unsere Stimme zu geben und uns lautstark für sie einzusetzen. Zuletzt haben wir mit mehreren Briefen die EU-Kommission einerseits beglückwünscht, dass sie so aktiv geworden ist und gleichzeitig gemahnt, jetzt nicht nachzulassen und die EU Mitgliedsstaaten verbindlich in die Pflicht zu nehmen.

Da passt es sehr gut, dass wir bei WDC gerade mit der Planung einer breit angelegten Kampagne beschäftigt sind, die sich um ein Verbot vor Stellnetzen drehen wird. Stay tuned!

 

 

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Wir setzen uns weltweit in verschiedenen Projekten für Wale und Delfine ein.

Fabian Ritter

Über Fabian Ritter

Leiter Meeresschutz - Fabian Ritter ist Biologe und leitet bei WDC den Bereich Meeresschutz.

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