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Neues von Uma, Current und dem OrcaLab

A42 (Familie)_Current 2. v.l. + Baby
A42 Familie (C) Bianca König

Ein Gastbeitrag von Bianca König, die bis September 2019 wieder als Volunteer im OrcaLab mitgeholfen hat. Die Inhalte und Ansichten in diesem Beitrag sind die der Autorin und müssen nicht mit denen von WDC übereinstimmen.

Eine Stimme ruft "ORCAAAAA" und ein Echo hallt durch den Wald von Hanson Island, einer Insel im Norden zwischen Vancouver Island und Kanadas Westküste. Ein paar Möwen fliegen aufgeschreckt davon. Mitten im Nirgendwo versammeln sich in wenigen Minuten die Helfer*innen der Forschungsstation OrcaLab in British Columbia auf dem Aussichtsdeck des "Labs" - dazu gehöre auch ich. Es wird hektisch. Während ich und einige weitere Assistent*innen die Wale von Land aus mit Ferngläsern beobachten und berichten was sie sehen, dokumentieren andere fleißig was auf dem Meer geschieht: eine Gruppe von Orcas schwimmt an der Forschungsstation vorbei in Richtung Norden.

Sie kommen aus der Johnstone Strait, einem breiten Meereskanal mit viel Schiffsverkehr und schwimmen in Richtung "Blackfish Sound", ein Gebiet mit vielen kleinen Inseln, in dem sich Kanadas Orca-Familien besonders gerne aufhalten und das v.a. durch die Dokumentation "Blackfish" bekannt wurde. Die Orcas begeben sich regelmäßig dorthin, um nach Lachs zu suchen. Dr. Paul Spong und Helena Symonds, die das OrcaLab gegründet haben, können zusammen mit uns die Orcas identifizieren, während sie vorbeischwimmen.

Jeder Orca hat, ähnlich wie ein Fingerabdruck, eine individuell geformte Rückenflosse und einen einzigartigen Sattelfleck und kann deshalb von anderen unterschieden werden. Mit Hilfe von Ferngläsern werden die Orcas zugeordnet und es wird genau dokumentiert, welcher Orca in welcher Gruppe schwimmt, ob Jungtiere dabei sind und wie das allgemeine Verhalten der Gruppe ist.

A42 (Familie): Current, Baby Surf und Uma

A42 (Familie): Current, Baby Surf und Uma (C) Bianca König

An diesem Tag sehen wir die A42s. Es ist die Walfamilie, in der Uma und Current leben, die beiden WDC-Patenwale. Die Familie kann leicht erkannt werden, denn ein großes Männchen ist Teil der Familie. Mit seiner fast zwei Meter hohen Rückenflosse, die einen kleinen Einschnitt in der Mitte hat, ist er leicht zu erkennen. Sein Name ist Surf. Er ist Umas Sohn und Currents älterer Bruder. Uma selbst ist durch eine besondere Form ihres grauen Sattelflecks erkennbar und Current hat an der Spitze ihrer Rückenflosse eine kleine Einbuchtung.

Neben Surf und Current hat Uma noch drei weitere Kinder: Cameleon, Albion und ein weiteres Jungtier von 2017, welches noch keinen offiziellen Namen hat. Current wurde im letzten Jahr ebenfalls Mutter und begleitet ihren Nachwuchs seither stolz auf ihrem Weg durch British Columbia. Orcas gruppieren sich in sogenannten "Pods", die in mehrere Walfamilien unterteilt sind, die jeweils von einem Muttertier geleitet werden.

Anders als bei anderen Spezies haben bei Orcas die Väter der Nachkommen keine aktive Rolle in der Erziehung der Jungtiere. Männchen und Weibchen verschiedener Gruppen kommen zur Paarung zusammen und anschließend wachsen die Jungtiere zusammen mit ihren Müttern, Tanten, Onkeln und Geschwistern auf. Diese bringen den Jungtieren alles bei, was sie für das Leben in der Wildnis wissen müssen und die Familie bleibt ein Leben lang zusammen. Selbstverständlich interagieren die verschiedenen Walfamilien aber auch mit anderen Pods. So auch Umas Familie, die inzwischen in Blackfish Sound angekommen ist und dort mit weiteren Familien Lachs fängt, spielt und sich unterhält.

Die "Unterhaltung" der Orcas spielt beim OrcaLab eine große Rolle: Mit Hilfe von Hydrophonen (Unterwassermikrofonen), die an verschiedenen Stellen im umliegenden Gebiet installiert wurden, kann das OrcaLab verfolgen, welche Routen die Orcas nehmen, wie sie sich in verschiedenen Situationen verhalten (insbesondere bei Schiffsverkehr und Unterwasserlärm) und wie es um die Interaktion mit anderen Pods steht. Ähnlich wie mit den Rückenflossen und den Sattelflecken, lassen sich die einzelnen Walfamilien auch akustisch voneinander unterscheiden, denn jede Familie hat ihren ganz eigenen Dialekt.

Die "Wörter" der verschiedenen Gruppen sind zwar gleich, aber während die eine Familie Rufe sehr langgezogen ausstößt, sind die selben Rufe bei anderen Familien eher kurz und schnell. Darüber hinaus haben manche Familien, wie zu Beispiel die von Uma und Current, ihre ganz eigenen Rufe, die sonst keine andere Familie nutzt. Mit Hilfe der Hydrophone können die Mitarbeiter*innen des OrcaLab also dokumentieren, wo sich welche Orcafamilie aufhält, ohne sie zu sehen oder aktiv mit einem Boot zu verfolgen.

Diese Arbeitsweise ist für Dr. Paul Spong und Helena Symonds ganz entscheidend, denn Hauptbestandteil ihrer Forschung ist es, aufzuzeigen, dass man auch ohne Boot viel über die Meeressäuger erfahren und schöne Erlebnisse mit ihnen haben kann. Alle Beobachtungen finden im OrcaLab deshalb ausschließlich von Land aus statt. Mit Hilfe von Foto- und Filmkameras mit Zoomobjektiven können die Wale gut beobachtet werden, ohne dass sie dabei in ihrem natürlichen Verhalten gestört werden.

All die Daten, die das OrcaLab mit Hilfe der Hydrophone und Landbeobachtungen sammelt, dienen dazu, mehr Schutzgebiete für die sogenannten "Northern Resident" Orcas einzurichten und Einflüsse von Schiffsverkehr und kommerziellem Fischfang zu reduzieren. Leider erleben wir hier im OrcaLab täglich, wie Schiffe ohne Rücksicht die Wege der Wale kreuzen, die Tiere dabei teilweise sogar verletzen und ihre Kommunikation durch laute Schiffsmotoren stören. Eine schiffsfreie Zone, das sogenannte "Ecological Reserve" in der Bucht "Robson Bight" im vielbefahrenen Johnstone Strait konnte bereits für die Wale eingerichtet werden. Dort können Uma, Current sowie andere Orcafamilien und Wale ungestört nach Lachs suchen oder sich an den glatten, schwarzen Kieselsteinen der Bucht reiben, um Parasiten loszuwerden oder sich eine kleine Entspannungsmassage zu gönnen.

Neben den Walbeobachtungen haben die Gründer*innen des OrcaLabs auf Hanson Island eine besondere Welt, abgeschieden von jeglichem Konsum und Tourismus geschaffen. Das Haupthaus sowie das Lab, das Badehaus und das Gästehaus sind aus altem Zedernholz gebaut, dessen würziger und ganz besonderer Duft mich jedes Mal, wenn ich hier bin, erfüllt und erdet.

Orcalab (C) Bianca König

Orcalab (C) Bianca König

Die Assistent*innen übernachten in Zelten in einem von Kanadas wenigen verbleibenden Regenwäldern, in Mitten jahrhundertealter, riesiger Zedern. So liegt es nahe, dass auch die alltäglichen "Sorgen" auf Hanson Island ganz andere sind als die in der "normalen" Zivilisation. Wenn gerade keine Wale in Sicht sind, helfen wir Assistent*innen dabei, die Station am Laufen zu halten. Dazu gehört z.B. das Holzhacken zum Kochen am Holzofen oder das Sammeln von Geäst zum Befeuern des Badehauses sowie gelegentliche handwerkliche Ausbesserungen.

In den letzten 40 Jahren hat sich hier viel getan: alles begann mit einem kleinen Zelt und einem einzigen Hydrophon. Als ich 2011 zum ersten Mal als Assistentin zu OrcaLab kam, mussten wir stets darauf achten, nicht zu viel Strom zu verbrauchen und nur die nötigsten Geräte des Labs zu betreiben. WLAN oder Handyempfang? Fehlanzeige! Inzwischen pingen sich die Assistent*innen und Helena Symonds im Minutentakt über WhatsApp an, um sich gegenseitig über die Routen und Rufe der Orcas auf dem Laufenden zu halten. Die Station kann sich eigenständig mit Solarstrom versorgen. Und alle Hydrophon-Stationen sind nun zusätzlich auch mit Land- und teilweise Unterwasserkameras ausgestattet. So können Tonaufnahmen auch mit Bildaufnahmen kombiniert und die Qualität der Forschungsdaten somit verbessert werden.

Während am südlichen Ende der Insel die Forschungsstation seit mehr als 40 Jahren besteht, entsteht am nördlichen Ende, in Double Bay, aktuell ein ganz neues Projekt - ein Refugium für Wale in Gefangenschaft. Ziel von Dr. Paul Spong sowie Lori Marino und Michael Reppy, den beiden Gründer*innen des neuen Projekts, ist es, die Orcadame Corky zurück in ihre Heimat zu bringen. Corky wurde den Gewässern in British Columbia und ihrer Familie mit nur vier Jahren entrissen und lebt inzwischen seit 50 Jahren in Gefangenschaft in Sea World San Diego.

Corkys Familie zieht in der Sommersaison fast täglich am Lab vorbei - auch ich habe sie in diesem Sommer schon mehrmals in freier Wildnis beobachten können. Inzwischen hat Corky viele Geschwister, Nichten und Neffen, die sie noch nie kennenlernen durfte. Zu ihren nächsten Verwandten gehören auch Uma und Current. Hoffentlich wird das neue Projekt auf Hanson Island schon bald genauso erfolgreich wie OrcaLab und kann der alten Waldame nach 50 Jahren Gefangenschaft ein Leben in Freiheit ermöglichen. Endlich wieder die Rufe ihrer Familie zu hören und die Gezeiten zu spüren, lebenden Fisch zu fangen und sich in frischem, kaltem Meerwasser zu bewegen ... all das hat Corky mehr als verdient. Was derzeit noch fehlt ist die Zustimmung und Kooperation mit Sea World - denn bislang wurde Corky nicht freigegeben.

Mein vierter Aufenthalt als Assistentin bei OrcaLab neigt sich bald dem Ende zu. Aber sicher wird es nicht das letzte Mal sein - und ich bin schon gespannt, wie sich die Forschung bei OrcaLab sowie Corkys Rehabilitationsstätte in den kommenden Jahren entwickeln werden.

Viele Grüße von Uma, Current und dem OrcaLab!

Orca (C) Bianca König

Orca (C) Bianca König

P.S.: Wer einmal einen Blick auf die verschiedenen Beobachtungsstellen werfen möchte kann die Filmaufnahmen auf www.explore.org live verfolgen oder sich die Highlights ansehen. Unter www.orca-live.net werden alle Aufnahmen der Hydrophone live gestreamt. Mehr Infos zum Projekt für Corky in Double Bay unter www.dolphinspirit.org, www.whalesanctuaryproject.org und www.orcalab.org/free-corky-campaign

Michaela Harfst

Über Michaela Harfst

Leiterin Kommunikation - Bei WDC ist Michaela Harfst für den Kontakt mit Journalist*innen zuständig. Sie betreut außerdem die Website und Social Media Kanäle von WDC.

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