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Zeig mir deinen Strand und ich sage dir wer du bist

Dieser Gastbeitrag für unsere Kampagne Weniger Plastik ist Meer stammt von Dr. Martin Thiel – Leitender Wissenschaftler und Professor der Forschungsgruppe BEDIM an der Universität in Coquimbo, Chile. Für seine Forschung hat sich der Meeresbiologe Dr. Thiel das Land mit der längsten Küste der Welt ausgesucht – Chile.

Der Spülsaum am Meeresstrand kann viel erzählen über den Zustand des angrenzenden Meeres. Dort sammelt sich alles was das Meer hinterlässt im täglichen Auf und Ab der Gezeiten. Und diese Zeichen sind einfach zu lesen. Wenn es viele Ölflatschen am Strand gibt, dann muss ein Schiff irgendwo Öl abgelassen haben oder eine Pipeline hat ein Leck. Wenn viele tote Seehunde an den Küsten angespült werden, dann wissen wir, dass evtl. wieder eine Epidemie die Bestände auf den Sandbänken begrenzt. Wenn große Mengen von Algen von den Wellen am Strand angehäuft werden, dann können wir ahnen, dass es viele Nährstoffe im vorgelagerten Meer gibt, denn ohne diese könnte es nicht zu diesem enormen Algenwachstum kommen. Und wenn es viel Müll am Strand gibt, dann können wir an diesem Müll ablesen wo er herkommt, wer dafür verantwortlich ist. Nicht immer kann man die Quellen genau genug identifizieren um mit dem Finger auf jemanden zeigen zu können, aber der Müll liefert viele Spuren.

Und diese Spuren zu lesen ist gar nicht so schwer. Zum Beispiel kann man erst einmal schauen ob der Müll von Meeresorganismen überwachsen ist. Wenn ja, dann kann das ein Zeichen dafür sein, dass der Müll über längere Zeit an der Meeresoberfläche getrieben ist und von weither kommt. Aber wenn der Müll ohne Bewuchs ist, dann hat er nicht viel Zeit im Meer verbracht und es ist relativ klar, dass die Quellen für diesen Müll in der unmittelbaren Nähe sein müssen. An den meisten Meeresstränden hat der Müll wenig Aufwuchs von Meeresorganismen! Der meiste Müll kommt also nicht von weither sondern von relativ nahegelegenen Quellen wie Flüssen, Strandbesuchern oder Schiffen.

Auch an den Stränden in Chile ist der allermeiste Müll ohne jeglichen Aufwuchs. Die verschiedenen Sorten von Müll liefern auch viele Hinweise. So findet man in Süd-Chile viel Müll der eindeutig von Aquakulturbetrieben kommt die dort in der Fjordregion angesiedelt sind. In Zentral-Chile kommt viel Müll von der lokalen Fischerei, und im Norden Chiles wird viel Müll von Strandbesuchern hinterlassen. Eine Allianz von Forschern und Schülern hat verschiedene Untersuchungen durchgeführt, die immer wieder darauf hindeuten, dass der Müll von lokalen Quellen kommt. Diese Gruppierung von „Müllwissenschaftlern“ (Cientificos de la Basura) hat sich nun mit deutschen Kollegen und Schulen zusammengetan um die Spuren des Mülls zu verfolgen (www.save-ocean.org). Gemeinsam wollen sie herausfinden wo der Müll herkommt und dann auch an Lösungen arbeiten um diesen Müll in Zukunft zu vermeiden.

Und da gibt es viele Möglichkeiten wie jeder einzelne dazu beitragen kann den Müll im Meer zu verhindern. Als allererstes gilt natürlich, dass man seinen Müll nicht in der Umwelt liegenlässt, sondern ihn mitnimmt und dann in Mülleimern oder Recycling-Containern entsorgt. Aber auch die Müllreduzierung ist ein ganz wichtiger Lösungsansatz. Denn wo viel Müll produziert wird, da geht auch schnell einmal etwas verloren und landet dann in der Landschaft und über Flüsse im Meer. Jeder sollte also darauf achten so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Das ist ganz einfach. Keine Einwegprodukte benutzen! Weder auf Reisen noch zu Hause! Also nur in Lokalen essen wo nicht auf Einwegtellern und in Einwegbechern serviert wird. Mehrwegflaschen benutzen! Immer einen wiederbenutzbaren Einkaufsbeutel im Gepäck haben! Auf dem lokalen Markt einkaufen und eigene Taschen für die Waren mitbringen! Wenn möglich zu Hause im Garten einen Kompost anlegen. Und wenn dann doch mal etwas nicht wiederzubenutzen ist, dann recyceln! Aber auch im Umfeld aktiv sein. So drängen die Müllwissenschaftler in ihren Schulen darauf, dass keine Einwegprodukte verkauft werden, sondern Produkte mit wenig Verpackung. Versucht, lokale Geschäfte davon überzeugen, dass Produkte in Mehrwegbehältern angeboten werden! Auch in der lokalen Gemeinde aktiv werden! Lokalpolitiker überzeugen, dass es den Bürgern wichtig ist möglichst wenig Müll zu produzieren. Es gibt viele Wege etwas zu tun.

Und wenn dann wenig Müll am Strand liegt, dann kann man auch herausfinden wer du bist – nämlich Bewohner eines der saubersten Länder der Welt.


David Pfender

Über David Pfender

David Pfender ist diplomierter Biologe und hat sich auf Meereslebewesen sowie Biodiversität und Ökologie spezialisiert. Er war bei WDC Deutschland bis März 2020 für Kampagnen und Projekte zur Beendigung der Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen zuständig.