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WDC in Sri Lanka: Hunderte Pottwale gesichtet!

Datum: 24. März 2015

Land: Sri Lanka

Position: 8°35’12.10”N     79° 32’ 11.84” E

Ende März war ich in Sri Lanka, um bei der Koordination eines Workshops im Rahmen des WDC-Projekts BLUEprint zu helfen. Teilnehmer waren ortsansässige Walbeobachtungsunternehmen aus Kalpitiya im Nordwesten des Landes, die ihre Erfahrungen mit uns teilten und uns von der Artenvielfalt in den Gewässern vor Sri Lanka erzählten. Dass diese in der Tat beindruckend ist, wusste ich ja schon, da ich bereits zuvor mit meiner Kollegin Vanessa Williams-Grey (Leiterin des Programms für verantwortungsbewusste Walbeobachtung bei WDC) und unserem Kooperationspartner und Fotografen Andrew Sutton und seiner Frau vor Ort war.

In den Tagen vor dem Workshop wurden bereits Schwertwale, Ostpazifische Delfine und Streifendelfine gesichtet, erzählten uns die Mitarbeiter der Walbeobachtungsunternehmen.

Und am Tag des Workshops kam dann die Nachricht, dass Pottwale weiter draußen im Meer beobachtet werden konnten, was Organisatoren und Teilnehmer des Workshops gleichermaßen in Aufregung versetzte.

Pottwale

Pottwale (C) Andrew Sutton

Eigentlich sollten wir am nächsten Tag in die Hauptstadt Colombo aufbrechen, um dort eine Pressekonferenz für die lokalen Medien zu den Ergebnissen des Workshops abzuhalten. Aber nach kurzer Überlegung beschlossen wir, unsere Abreise etwas zu verschieben, um auf einer Walbeobachtungstour herauszufinden, was es mit den Pottwal-Sichtungen auf sich hatte.

Das war wohl eine der besten Entscheidungen, die wir je getroffen hatten.

Wir mieteten zwei kleine Boote, die uns zu einer Stelle ca. 25 Meilen vor der Küste bringen sollten, wo sich ein tiefer Unterwasser-Graben befindet. In einem Boot saßen Fotograf Andrew, seine Frau Rachel und ich, im anderen Vanessa und Dr. Ranil Nanayakkara, ein Naturschutzbiologe und Berater der Tier- und Artenschutzbehörde Sri Lankas.

Wir begegneten mehreren Gruppen Ostpazifischer Delfine und Streifendelfine, die den Thunfischfang-Booten folgten. Auf unsere Nachfrage erzählten uns die Fischer, dass sie Pottwale gesehen hätten. Es handelte sich wohl um die Gruppe, von der wir auch am Tag zuvor erfahren hatten.

Ein Fischer jedoch hatte Neuigkeiten für uns: er war am Morgen etwas weiter nördlich einer Gruppe Pottwalen begegnet. Wir fuhren also in Richtung dieser letzten Sichtung und begegneten schon bald einer Gruppe von fünf Walen. Kurze Zeit später wurde unsere Aufmerksamkeit auf den Horizont gelenkt und wir erkannten sofort, dass dort Pottwale mit voller Kraft aus dem Wasser sprangen.

Was wir dann in den nächsten Stunden zu sehen bekamen, war schlichtweg atemberaubend: eine Pottwal-Gruppe nach der anderen kam von Norden her an uns vorbei.

Wir näherten uns den Walen vorsichtig, wie man es bei verantwortungsbewussten Walbeobachtungstouren tun sollte: das Boot wurde langsam in eine Position abseits der direkten Schwimmroute der Wale gebracht und dann wurden die Motoren ausgeschalten.

Während wir vom Boot aus die Bewegungsmuster der einzelnen Gruppen im Auge behielten, versuchten wir die Zahl der anwesenden Wale festzustellen und die Abstände zwischen den einzelnen Gruppen einzuschätzen. Unterwasserfotograf Andrew ging mit spezieller Genehmigung der Umweltbehörde, WDC und dem Tourismusverband Sri Lankas ins Wasser, um Unterwasseraufnahmen zu machen. Während wir ca. 12 – 15 Individuen an der Oberfläche sahen, berichtete Andrew von weiteren 20 im tieferen Wasser unter ihm. Und wenn wir während des Zählens mal aufschauten, konnten wir bereits weitere Wale am Horizont auf uns zukommen sehen. Wir wussten: diese Begegnung war etwas ganz besonderes.

Wir versuchten weiter, das Ausmaß dieser Armada zu erfassen, aber zeitweise sahen wir einfach nur Wale, soweit das Auge reichte.

Die zweite “Welle aus Walen” bestand aus ca. vier Gruppen und war ähnlich aufgebaut wie die erste mit ca. einem Dutzend Individuen an der Oberfläche und ungefähr 20 – 25 im tieferen Wasser. Besonders bemerkenswert war die Größe einiger Wale in einer der Gruppen.

Mir war ja theoretisch bekannt, dass Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern (=Geschlechtsdimorphismus) bei Pottwalen existieren, aber erst als ich diese riesigen Männchen, einige wahrscheinlich bis zu 18 Meter lang, neben den Weibchen (ca. 11 – 12 Meter) sah, wurde mir das auf beeindruckende Weise verdeutlicht.

In der Gruppe waren alle Altersgruppen beider Geschlechter vertreten, was darauf schließen lässt, dass diese Region ein wichtiger Lebensraum zur Fortpflanzung sowie Geburt und Aufzucht der Jungen für die Pottwale ist.

Zeitweise war das zweite Boot ca. zwei Meilen von uns entfernt und berichtete, dass auch dort ca. 15 Wale an der Oberfläche zu sehen waren. Allerdings hatten sie niemanden im Wasser, der berichten konnte, wie viele Tiere sich noch im tieferen Wasser befanden.

Als wir gerade dabei waren, die dritte “Wal-Welle” genauer einzuschätzen, kam Andrew zum Boot zurück geschwommen und berichtete, was er gerade erlebt hatte. Er  war völlig überwältigt und erzählte:

“Ich hatte das große Glück, schon drei tolle Pottwal-Begegnungen in Sri Lanka erleben zu dürfen, aber diese war mit Abstand am spektakulärsten. Mein persönliches Highlight war ein junger Pottwal, ca. fünf Meter lang, der auf mich zukam, als ich an der Wasseroberfläche trieb. Er wurde von fünf ausgewachsenen Walen genau beobachtet, die unter mir einen Ring gebildet hatten. Sie waren alle der Wasseroberfläche zugewandt und erlaubten dem Jungtier, bis auf drei Meter an mich heran zu schwimmen, um mich ca. fünf Minuten lang aus nächster Nähe zu beobachten. Eines der größeren Weibchen kam hinterher und ermutigte den Kleinen sogar. Als ich mich dann zurückzog, verschwand auch die Gruppe wieder in den blauen Tiefen. Diese Begegnung nahm mir im wahrsten Sinne des Wortes den Atem – einmal wegen der Akustik und wegen des unglaublichen Vertrauens des kleinen Wals, dass ich keine Bedrohung darstellte. „

Nach mehr als vier Stunden traten wir, wenn auch nur ungern, den Heimweg an. In der Ferne waren noch immer weitere Wale zu sehen.

In der zweiten Hälfte der Begegnung waren unsere beiden Boote zusammen und wir versuchten gemeinsam, die ungefähre Zahl der Wale insgesamt zu ermitteln. Wir verglichen unsere Notizen zu den einzelnen Gruppen und deren Bewegungen und kamen zu dem Ergebnis, dass es mindestens 350 Pottwale gewesen sein mussten, die sich in unserem Sichtfeld befanden.

Wir kontaktierten Professor Hal Whitehead, WDC-Partner und DER Pottwal-Experte weltweit. Er bezeichnete die Begegnung als „außergewöhnlich“. Er selbst habe noch keine so große Ansammlung von Pottwalen beobachten können.

Es ist durchaus möglich, dass diese Sichtung im Golf von Mannar die größte beobachtete Pottwal-Ansammlung seit Menschengedenken war. Für uns staunende Zuschauer jedenfalls war es ein unglaubliches Erlebnis und wir sind  immer noch dabei, diese besonderen Momente zu verarbeiten. Wir werden diesen Tag nie vergessen.