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Die Geschichte eines Wals auf Haiti

Die Nachrichten über einen Buckelwal in den Gewässern vor Haiti wurden von Wissenschaftlern und Tierfreunden weltweit mit großem Interesse verfolgt. Als jedoch bekannt wurde, dass sich der Wal in einem körperlich schlechten Zustand befand, von Einheimischen mit Harpunen angegriffen wurde und schließlich verstarb, schlug das allgemeine Interesse rasch in große Sorge um.

Berichte über einen Wal, der in den flachen Gewässern der Fort Liberté Bay schwamm, erreichten am 10. Januar erstmals die Öffentlichkeit – vermutlich hielt sich der Wal zu diesem Zeitpunkt aber bereits seit einigen Tagen in der Region auf. Die Bucht im Norden Haitis ist nur durch einen schmalen Zugang mit dem Atlantischen Ozean verbunden. Möglicherweise verlor der Wal die Orientierung und war nicht mehr in der Lage, den Weg zurück ins offene Meer zu finden. In der Bucht wurde der Wal Berichten zufolge dann von einheimischen Fischern mit Harpunen attackiert – vielleicht aus Angst, vielleicht aber auch in der Hoffnung auf eine bisher unbekannte neue Nahrungsquelle.

Der verletzte und erschöpfte Buckelwal fand zwar letztlich doch seinen Weg aus der Bucht, strandete jedoch anschließend etwa 27 Kilometer (17 Seemeilen) westlich von Fort Liberté an der Küste eines kleinen Fischerdorfes. Durch Einschreiten von FoProBim (Fondation pour la Protection de la Biodiversité Marine), einer Haitianischen Naturschutzorganisation, versuchten lokale Behörden, weitere Verletzungen des Wals zu verhindern und ihn mit steigender Flut wieder zurück ins Meer zu bringen. Dennoch starb der Buckelwal nur Stunden später – aufgrund seiner schweren Verletzungen sowie seines bereits stark beeinträchtigten Allgemeinzustandes.

Wir wissen nur wenig über den Wal, oder gar die Umstände, unter welchen er sich an die Nordküste Haitis verirrte. Bilder, die WDC vorliegen, legen nahe, dass sich der Wal bereits in schlechter Verfassung befand, bevor er in die Bucht schwamm. Seine Färbung war gräulich, er wirkte dünn und deutlicher Befall mit Walläusen (Cyamidae) konnte festgestellt werden – dies sind Anzeichen, dass seine Gesundheit bereits beeinträchtigt war. Es handelte sich um einen jungen, männlichen Buckelwal, der noch nicht als Mitglied der Walpopulation des Nordatlantiks oder des Golf von Maine katalogisiert war. Dass der Wal eventuell krank war, hätte auch bei einem Konsum des Fleisches nach seinem Tod für die Einheimischen eine Gefahr darstellen können.

Außerdem ist uns bisher auch wenig darüber bekannt, wie die Bevölkerung von Fort Liberté, eine der ältesten Städte Haitis nahe der Grenze zur Dominikanischen Republik, Walen gegenübersteht. Die Bucht von Fort Liberté ist ziemlich klein und das Wasser flach – es ist gut möglich, dass den Bewohnern ein so großes Tier vollkommen fremd war. Ähnlich hätten vielleicht auch die Bewohner des kleinen Fischerdorfs Caracol reagiert, wo der Wal schließlich strandete und verstarb.

Durch den Einsatz von FoProBim-Vertretern vor Ort und in Zusammenarbeit mit dem haitianischen Umweltministerium wurde der Kadaver vergraben. Die Knochen werden später für wissenschaftliche Untersuchungen wieder ausgegraben.

Obwohl in der Nähe (den warmen Gewässern der Dominikanischen Republik) Jahr für Jahr Buckelwale überwintern, sind die Meeressäuger in Haitianischen Gewässern unbekannt und wenig erforscht. Zwar sind Walen und Delfine in Haiti gesetzlich vor Jagd und Fang geschützt, im alltäglichen Leben und in der Kultur des Landes kommen sie aber kaum vor.

Neugeborene Buckelwale erblicken oft im Meeresschutzgebiet vor der Nordküste der Dominikanischen Republik in Sicherheit das Licht der Welt. Das Schutzgebiet wurde 1986 eingerichtet und beinhaltet einen wichtigen Teil der Wanderroute dieser großartigen Tiere. Den Rest des Jahres verbringen die Buckelwale in den kalten, fischreichen Gewässern des Nordatlantiks zwischen Neuengland, Kanada, Island und Grönland.

Obwohl diese Geschichte des jungen Wals in Haiti ein unglückliches Ende fand, spiegelt sie die Notwendigkeit wider, weltweit mehr Bewusstsein für die faszinierenden Meeressäuger und ihren Schutz zu schaffen. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass Haiti ein Staat ist, der mit sozioökonomischen, ökologischen sowie politischen Problemen zu kämpfen hat. Gleichzeitig gibt es aber auch erfreulichere Geschichten von Gemeinden in Haiti und ihrer wachsenden Beziehung zu Walen.

Aus einer Vision von Jamie Aquino, einer Pädagogin aus Florida, entstand WDCs Engagement in Haiti. Durch die Zusammenarbeit mit WDC wollte sie ein Programm ins Leben rufen, durch das ihre Schüler mit haitianischen Jugendlichen in Kontakt treten konnten. Mit Fokus auf die Unterstützung lokaler Gemeinden und den Schutz der Meereswelt startete Aquino 2007 dann das Pier2Pier-Projekt, aus welchem inzwischen das Haiti Ocean Projekt wurde.

Das Projekt umfasst mittlerweile mehr als sieben Jahre Forschungs- und Zusammenarbeit von Lehrern, Experten, gemeinnützigen Organisationen sowie Vertretern der haitianischen Gesellschaft. Gemeinsam setzen sie sich für den Schutz der marinen Umwelt des Landes ein und entwickeln verschiedene Programme, um die Natur Haitis zu fördern und gleichzeitig den Einheimischen alternative Einkommensmöglichkeiten bieten zu können.

Durch die Zusammenarbeit mit Jugendlichen und einheimischen Fischern, zum Beispiel in Petite Riviere de Nippes oder Petit Goave, wächst die Wertschätzung von Walen, Delfinen und anderen Meeresbewohnern wie Meeresschildkröten und Haien. Statt mit Furcht treten sie den Tieren nun mit Faszination gegenüber. Kinder der Dörfer säubern beispielsweise die Strände und Fischer retten Meeresschildkröten aus ihren Netzen.

Darüber hinaus ist bisher allerdings so gut wie nichts über die Meeressäuger in haitianischen Gewässern bekannt. Es existiert kaum Literatur über die Meeressäugerpopulationen Haitis. Dennoch konnte WDC mit seinen Kooperationspartnern auf Basis der Daten einheimischer Fischer  das beständige Vorkommen von Pottwalen im Golf von Gonâve dokumentieren. Da Meeressäuger wandernde Arten sind und sich die Population von Buckelwalen im Nordatlantik mehr und mehr erholt, wird deutlich, dass eine weitere Erforschung der Populationen in Haiti sowie die Ausweitung des Schutzes notwendig sind.

Mit Blick auf den aktuellen tragischen Zwischenfall in Haiti sind wir nun besonders interessiert, Strategien und Lösungen zu finden. So könnte Haiti von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Behörden, Organisationen und Forschern aus der Dominikanischen Republik und der ganzen Welt profitieren. Die Dominikanische Republik betreibt bereits Programme, die sowohl Wale und ihre Lebensräume schützen, als auch gleichzeitig Tourismus und somit auch die Wirtschaft ankurbeln.

Das Haiti Ocean Project und seine Partner, zu denen auch WDC gehört, haben den Grundstein für ein Meeressäugerschutzgebiet in Haiti gelegt und haben ihr Konzept den zuständigen Regierungsbehörden vorgestellt. In Zusammenarbeit mit Einheimischen und mit der Unterstützung durch Helfer und Experten weltweit – auch aus der Dominikanischen Republik – kann dieses Konzept in die Realität umgesetzt werden.

Wir hoffen sehr, dass die Geschichte des jungen Buckelwales in Haiti zu einer Geschichte voller Optimismus und Hoffnung werden kann – Hoffnung für ein größeres Bewusstsein für den Schutz von Walen und Hoffnung, dass auch die Einwohner Haitis vom Schutz ihrer beeindruckenden Natur profitieren können. 


Über Ruth Schloegl

Leiterin Bildung - Als Bildungsreferentin kämpft Ruth Schlögl gemeinsam mit den jüngsten Umweltschützer*innen für den Schutz von Walen und Delfinen.