Walfang in Norwegen

Norwegen bejagt aufgrund seines Widerspruchs gegen das kommerzielle Walfangverbot der Internationalen Walfangkommission Zwergwale. Trotz sinkender Verkaufszahlen erhalten staatliche Subventionen die Waljagd am Leben. Norwegen hat aggressiv darum gekämpft, sein Recht auf Walfang zu behalten – auch wenn es sich dabei um eine unnötige, ökonomisch nicht rentable und ausgesprochen grausame Praxis handelt.

Norwegischer Walfang heute

Die aktuelle, selbst bestimmte Fangquote beträgt 1286 Wale pro Jahr. Die Zahl der jährlich getöteten Wale liegt aber für gewöhnlich weit darunter. Sowohl die Quote als auch die Zahl der getöteten Tiere schwankt, aber im Durchschnitt betrug sie in der Jahren 2000-2015, 570 Wale pro Jahr. 2014 waren es mehr (736), ebenso wie 2015 (660).  

Norwegischer Walfang in der jüngeren Geschichte

Vor dem kommerziellen Walfangverbot tötete Norwegen etwa 2.000 Zwergwale pro Jahr und exportierte mehr als 51 % der Produkte aus diesen Fängen nach Japan. Die Jagd auf Zwergwale wird in Norwegen von Fischern durchgeführt, von denen die Mehrheit außerhalb der Walfangsaison vom Fischfang lebt.

Als die IWC 1982 das Moratorium auf den kommerziellen Walfang beschloss, gehörte Norwegen zu den wenigen Ländern, die einen Widerspruch gegen diese Entscheidung einlegten. Als das Verbot 1986 in Kraft trat, bejagte Norwegen anfänglich Zwergwale im Rahmen eines „wissenschaftlichen Walfangprogramms“ in kleinem Stil. 1993 gab das Land bekannt, den kommerziellen Walfang unter Bezugnahme auf seinen Widerspruch wieder aufzunehmen.

Eine genauere Übersicht des kommerziellen Walfangs in Norwegen seit 1930 finden Sie hier.

Verkauf von Walfleisch

Die Norges Råfisklag (Vertriebsorganisation der norwegischen Fischer) organisiert und führt die Verkäufe von Zwergwalen durch, die entlang der Küste zwischen Nordmøre und Finnmark angelandet werden. Nicht alle Walfänger lassen sich durch die Zwischenhändler von Råfisklag vertreten; einige größere Walfangfirmen mit eigenen Booten verkaufen ihr Walfleisch selbst, während Råfisklag ca. 80 % des in Norwegen angelandeten Zwergwalfleisches verwaltet. Verkäufe von Walfleisch im Inland gehen kontinuierlich zurück und der Exportmarkt mit dem größten Potential, Japan, bleibt größtenteils für norwegische Produkte geschlossen.

Der Walfleisch-Preis für norwegische Verbraucher variiert je nach Qualität und Typ des angebotenen Fleischs (zum Beispiel Steak vs. Schmorbrocken) und ebenso je nach Firma. 2005 bot die Mykleburst Trading Firma beispielsweise Walfleisch-Pakete für 90 Kr/kg und Schmorbrocken vom Wal für 70 Kr/kg an. 2011 hingegen verkaufte Myklebust 5 kg-Päckchen Walmuskelfleisch für 550 Kronen. In vielen Restaurants steht Walfleisch auf der Speisekarte, vor allem im Norden. Vorspeisen aus Walfleisch, wie Carpaccio, können 150 Kronen kosten, während für Entrees wie mariniertes Muskelfleisch vom Wal oder Muskelfleisch vom Wal mit Wildbretsauce um die 275 Kronen verlangt werden.

Marketing

Bis zum Jahr 2000 sank der Pro-Kopf Konsum von Walfleisch in Norwegen auf 25 kg pro Jahr. Daraufhin gab das norwegische Fischereiinstitut eine Studie in Auftrag, die an Hand einer Fokusgruppe die Wahrnehmung von Walfleisch als Nahrungsmittel in der norwegischen Bevölkerung ermitteln sollte. Die Studie kam zu dem Schluss, dass Walfleisch ein „altbackenes“ Image anhaftet und eher als exklusives Produkt denn als tägliches Nahrungsmittel betrachtet wird. Die Teilnehmer der Fokusgruppe gaben größtenteils an, dass sie Walfleisch nicht regelmäßig essen würden, dass Walfleisch eher teurer als anderes Fleisch sei und dass es auf Grund der Walfang-Problematik als „politisches Nahrungsmittel“ eingestuft würde. Der Autor der Studie schloss mit der Empfehlung eines „neuen Images“ für Walfleisch. Es seien Anstrengungen notwendig, Verpackungen zu verbessern und in der Öffentlichkeit Anregungen zu modernerer Zubereitung des Produktes zu verbreiten.

2005 brachte die Firma „Karsten Ellingsen“ einige neue Produkte auf den Markt, die auf Walfleisch basieren – angeführt vom „Lofotburger“. Dieser Burger, bestehend aus 50 % Zwergwal- und 50 % Hühnerfleisch wurde in die Sortimente Dutzender Supermärkte in ganz Norwegen aufgenommen. Die Firma bot ebenso Walschinken und Rauchfleisch vom Wal an. 

Allerdings scheinen sich die Mühen nicht gelohnt zu haben, denn im März 2008 gab das Unternehmen bekannt, aus dem Verkauf von Walfleisch auszusteigen, weil sie mit Lachsaquakultur mehr Geld machen könne. 

Die Norges Råfisklag verlangt von jedem Walfänger 30 und jedem Käufer 50 Öre pro Kilo Walfleisch, das in den von der Organisation verwalteten Gebieten verkauft wird, um eine PR-Kampagne durchzuführen, die norwegische Verbraucher dazu ermutigen soll, Walfleisch zu kaufen. Als Teil des Projektes wurde eine Website entwickelt. Dort sind auch zahllose Rezeptideen veröffentlicht (siehe www.hvalbiff.no). Zudem wurden während der vergangenen Jahre Leute im Rahmen des Projektes angestellt, um Walfleisch auf der Straße in einem so genannten „Wal-Mobil“ anzupreisen. Die Tour führte durch mehr als 40 Städte und Dörfer in Norwegen und warb mit Walfleisch-Probehäppchen sowie Rezeptideen. Im Sommer 2009 schienen die Betreiber beschlossen zu haben, dass der alleinige „Wal-Ansatz“ nicht funktioniert und benannten das Wal-Mobil kurzerhand in ein „Wal und Lachs-Mobil“ um.

Handel mit Walprodukten

Mit Inkrafttreten des kommerziellen Walfangverbots verpflichtete sich Norwegen anfangs dazu, seinen Handel mit Walprodukten zu stoppen – trotz seines Vorbehalts gegenüber allen in Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) gelisteten Walen. Einem offiziellen norwegischen Bericht zufolge kostete die Tatsache, keine Walprodukte nach Japan exportieren zu können, die norwegischen Walfangunternehmen zwischen 1993 (dem Jahr der Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs durch Norwegen) und 2001 bis zu 9,8 Millionen norwegische Kronen oder 1,12 Millionen US-Dollar.

2001 entschied die norwegische Regierung, den Export von Walfleisch und -speck nach Japan wiederaufzunehmen – trotz der bestehenden Verbote durch die IWC und CITES. Als die Regierung die Exportsperre aufhob, lagerten Medienberichten zufolge mehr als 600 Tonnen Walspeck in Kühlhallen in Nordnorwegen. Obwohl der Export des Specks von den Walfängern sehnlichst erwartet worden war, kam die Abwicklung zum Erliegen, nachdem in Fleischproben erhöhte Werte von Toxinen wie Dioxin und PCBs nachgewiesen wurden.

Im März 2001 riet die norwegische Organisation für Nahrungsmittelsicherheit „Mattilsynet“, weniger Walspeck zu konsumieren. 2003 empfahl die Organisation schwangeren und stillenden Frauen, auf Walfleisch und -speck gänzlich zu verzichten. Diese Gesundheitswarnungen wurden im Mai 2009 erneuert.

Momentan sind Exporte der einzige Weg für die norwegische Walfangindustrie, großen Profit aus den Walprodukten zu schlagen. Vor allem der Vertrieb von Speck stellte schon immer ein großes und kostenintensives Problem für die Industrie dar. 2002 gab die norwegische Regierung 4 Millionen Kronen für die Vernichtung von 700 Tonnen Speck aus, der zuvor in Kühlhallen lagerte; es stellte sich sogar heraus, dass große Mengen – sowohl Fleisch als auch Speck – für die Herstellung von Haustierfutter verwendet worden waren. Isländische Staatsbürger importierten 2002 acht Tonnen Zwergwalprodukte von einer norwegischen Walfangfirma im Besitz von Ole Mindor Myklebust und 17 weitere Tonnen im Oktober 2002. Das gefrorene Walfleisch verkaufte sich zu Anfang gut. Das lag vor allem an dem geringen Preis von 993 Kronen pro Kilo, womit das Walfleisch günstiger war als Rindfleisch.

Allerdings wurden 2003 in norwegischem Walfleisch weitaus höhere Quecksilberwerte nachgewiesen als in Walfleisch, das von Zwergwalen aus der so genannten „wissenschaftlichen“ Waljagd Islands stammte. Infolge dessen sprach das isländische Gesundheitsamt eine Warnung an Schwangere und stillende Mütter aus und empfahl, den Konsum von Walfleisch auf Grund der hohen Quecksilberwerte zu reduzieren. Die norwegische Gesundheitsbehörde empfahl schwangeren und stillenden Frauen, ganz auf Walprodukte zu verzichten.

Obwohl Norwegen 2008 fünf Tonnen Walfleisch nach Japan geliefert hatte, das im Februar 2009 für den Verkauf freigegeben worden war, wurde es auf Grund von bakterieller Belastung und einer hohen Milchsäure-Konzentration nicht verkauft. Im Januar 2009 konfiszierte Mattilsynet 4.320 Tonnen Walfleisch. Das Fleisch lagerte in der Vom og Hundemat Haustierfutter-Fabrik im norwegischen Trøgstad. Der Vorrat wurde entdeckt, als Mattilsynet eine Lizenzanfrage für den Export von 720 Kilo Walfleisch auf die Färöer Inseln für den menschlichen Verzehr bearbeitete. Das Walfleisch stammte ursprünglich aus der Walverarbeitungsfabrik Lofothval und wurde auf Fänge auf 2007 und 2008 zurückdatiert.

Norwegen importierte in den letzten Jahren auch kleinere Lieferungen Walöl aus Island.

Außerdem versucht Norwegen, breitere Anwendungsbereiche für Walprodukte zu erschließen.

Subventionen

2009 gab WDC in Zusammenarbeit mit dem WWF eine unabhängige Studie über die Wirtschaftlichkeit der norwegischen Walfangindustrie in Auftrag. In den vergangenen Jahren hatte die Walfangindustrie von der Regierung Subventionen in Millionenhöhe erhalten, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen sollte. Die Regierung bot Subventionen für Treibstoff (in Form von Steuerausnahmen), Lagerung und/oder Vernichtung von Walspeck (für den es keinen inländischen Markt gibt) sowie Unterstützung für Forschung und Marketing von Walfang an. Der Bericht kam zu folgenden Ergebnissen:
Norwegen hat in den Jahren 1993 bis 2006 ca. 10,5 Millionen US-Dollar ausgegeben, um der maroden Walfangindustrie wieder auf die Beine zu helfen. Die Regierung investierte seit 1992 mehr als 4,9 US-Dollar in Informationskampagnen für die Öffentlichkeit und Lobbyarbeit zur Unterstützung der Walfang- und Robbenjagdindustrie. Die staatlichen Subventionen erreichten fast die Hälfte des Bruttowerts aller Walfleischanlandungen durch die Rafisklag, der Vertriebsorganisation der norwegischen Fischer. Zwei staatliche Unternehmen, „Fiskerifond“ und „Innovasjon Norge“, haben Mittel bereitgestellt, um die Walfangindustrie zu unterstützen. „Lofothval“, ein 2006 gegründetes Walfangunternehmen, erhielt 2007 und 2008 jeweils finanzielle Mittel in Höhe von 100.000 Kronen von Innovasjon Norge, einer verstaatlichten Firma, die lokale industrielle Entwicklung unterstützen möchte. Fiskerifond unterstützte auch „Myklebust Trading“, ein Walverarbeitungsunternehmen, mit einem kleineren Betrag, „um Marketingbeziehungen für Zwergwalfleisch aufzubauen“. Fiskerifond ist ein Finanzierungsprogramm und untersteht dem norwegischen Fischereiministerium.

Norwegischer Walfang in der Krise?

Im April 2010 baten Vertreter der norwegischen Fischereiindustrie die Fischereiministerin, die Subventionen für die Walfangindustrie zu erhöhen, da sich das Fleisch nach wie vor schlecht verkaufen ließe. Medienberichten zufolge zeigte sich die Ministerin allerdings wenig aufgeschlossen gegenüber dieser Idee und gab bekannt, die Entwicklung einer Marketingstrategie für Walfleisch läge in den Händen der Walfänger und der Walfleischhändler. Der Vorsitzende des Fischerverbandes des Nordland Bezirks, Steiner Jonassen, sagte, er befürchte, die Walfangindustrie „wird langsam, aber sicher aussterben“, wenn die Verkäufe nicht durch Marketing und Exportbestrebungen gefördert würden.

Obwohl im Jahr 2011 zwei neue Boote Walfanglizenzen beantragt haben, befindet sich die Walfangindustrie laut dem norwegischen News-Service NRK in einer „absoluten“ Krise. Der Leiter des Verbandes der Zwergwaljäger in Norwegen, Bjørn Hugo Bendiksen, forderte die Regierung auf, die Walfänger beim Marketing von Walfleisch in Supermärkten zu unterstützen. Bendiksen sagte, der Verkauf und das Marketing von Walfleisch stellten ein Problem dar. Zustimmung erhält er von traditionellen Käufern von Walfleisch.

Das Fleisch der 590 im Jahr 2013 getöteten Wale entsprach einer Menge von insgesamt 790 Tonnen Fleisch im Gesamtwert von 27 Mio. NOK (über 3 Mio. EUR). Das Fleisch erzielte einen Kilopreis, der knapp über dem von 2012 lag, und die Walfänger priesen die Saison als ‚die Beste seit Jahren‘.