Lärm im Meer - eine Bedrohung für Wale und Delfine

Ihr guter Gehörsinn ist für Wale und Delfine überlebenswichtig: Nahrungssuche, Orientierung, Sozialverhalten, all das geschieht über das Gehör. Jegliche Einschränkung des Hörvermögens kann die Lebensfähigkeit einzelner Individuen und damit auch ganzer Populationen stark beeinträchtigen. Aber gleichzeitig verdoppelt sich alle 10 Jahre der Lärmpegel in den Meeren!

Die möglichen Auswirkungen des Lärms reichen von der einfachen Störung über Verhaltensveränderungen (die im Extremfall zur Vertreibung aus wichtigen Lebensräumen führen können) bis hin zu direkten Verletzung der Tiere (vor allem Schäden des Gehörsinns, aber auch anderer innerer Organe) oder gar ihre Tötung.

Es gibt nach wie vor kein internationales Schutzabkommen, das den Einsatz intensivster Lärmquellen weltweit reguliert. Selbst innerhalb oder in der Nähe von Schutzgebieten sind die Meeressäuger nicht vor Unterwasserlärm sicher!

DIE AUSWIRKUNGEN VON LÄRM AUF WALE UND DELFINE

Ab einem bestimmten Grad der Lärmbelastung versuchen die Tiere, den Lärm zu meiden oder vor ihm zu flüchten. Dabei verbrauchen sie Energie, die sie sich durch erneute Nahrungssuche und Jagd wieder beschaffen müssen. In der Praxis bedeutet das für die Tiere einen Ressourcenverlust (Habitat und Energie). Das ist besonders bei bereits bedrohten Populationen ein gravierendes Problem, der ggf. den Prozess des Aussterbens beschleunigen kann. Aber auch für stabile Populationen kann er zu einem Problem werden, wenn wichtige Nahrungs-, Fortpflanzungs- und Aufzuchtgebiete betroffen sind.

Störung der Umgebungswahrnehmung und Kommunikation

  • Störung der Kommunikation zwischen Artgenossen tritt ein, wenn Lärm die akustischen Signale zwischen den Tieren überdeckt bzw. "maskiert".
  • Überlagerung biologisch wichtiger Geräusche - beispielsweise beim Annähern von Räubern oder Beutetieren
  • Beeinträchtigung der akustischen Wahrnehmung behindert auch die Nahrungssuche, die Jagd und die Orientierung.

Verändertes Verhalten

  • Flucht, Änderungen der Atemrate und veränderte Tauchzeit können zur Behinderung oder Unterbrechung von Nahrungsaufnahme und Kommunikation führen.
  • Muttertiere und Kälber können bei Panikverhalten getrennt werden.
  • Folgen von akutem oder chronischen Lärm können Verlust von Lebensraum (Nahrungsgründe, Paarungsgebiete, Wanderrouten) bedeuten.

Chronische Schäden und Stress

  • Stress als Folge von akutem oder chronischen Lärm kann zu physischen oder psychischen Schäden führen und mittelfristig zu einer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten eines durch Lärm oder anderer negativer Umwelteinflüsse (Meeresverschmutzung, Nahrungsmangel durch Überfischung, Störung durch unsanften Walbeobachtungstourismus, etc.) geschwächten Tieres.
  • Kumulative Effekte ergeben sich aus diesem Zusammenspiel mehrerer belastender Faktoren z.B. aus Lärm in Verbindung mit chemischer Verschmutzung der Meere, Der Überfischung der Meere, dem Klimawandel usw.
  • Gewöhnungseffekte können dagegen verhindern, dass das Tier auf schützende Distanz zur Lärmquelle geht.

Körperliche Beeinträchtigungen

  • Schädigung der Gehörorgane und anderer innerer Organe; Veränderungen der Hörschwelle schränken das Wahrnehmungsvermögen der Tiere temporär oder dauerhaft ein. Kompletter Gehörverlust wurde ebenfalls bereits nachgewiesen.
  • Bei der manchmal panikartigen Flucht vor Lärm kann es zu verändertem Tauchverhalten mit teilweise tödlichen Symptomen der Taucherkrankheit kommen.
  • Im Extremfall können pulsartige Schallschockwellen auch zum Tod eines Tieres führen.

LÄRMQUELLEN


Lärm im Meer
Lärm im Meer

Schiffsverkehr

Die moderne Schifffahrt bedient sich immer schnellerer als auch größerer Schiffe, die oft auch entsprechend lauter sind. Öltanker und andere Frachtschiffe machen den Großteil des durch Schiffe verursachten Lärms im Meer aus. Regional spielen auch kleinere Boote, Ausflugsschiffe, Fähren und Privatboote eine große Rolle. Ihre ständig wachsende Zahl stellt eine enorme Lärmbelastung vor allem in küstennahen Gewässern dar und kann dort z.B. zu Habitatsverlusten führen. Der Hintergrundlärm hat sich in den Weltmeeren in den letzten Jahrzehnten pro Dekade in etwa verdoppelt!

Bau von Windkraftanlagen

Der Bau von Windkraftanlagen ist mit erheblichem Lärm (von bis zu 257 db) verbunden.
Eines der Kernprobleme – aus Sicht des Wal- und Delfinschutzes – bei der Entwicklung flächendeckender Windparks ist das Rammverfahren bei der Errichtung (“pile driving”), wobei die Trägerkonstruktion in den Meeresboden getrieben wird. Genau dieses Verfahren kann auch unserem einzigen heimischen Walart, dem Schweinswal, zum Verhängnis werden. Schallschutzmaßnahmen sind in Deutschland zwar inzwischen Pflicht, führen aber oft nur zu einer unzureichenden Dämmung des Schalls.

Suche nach Öl und Gas – seismische Untersuchungen

Bei seismischen Untersuchungen des Meeresbodens werden Schallwellen eingesetzt, die über mögliche Erdgas- und Erdölvorkommen unter dem Meeresboden Auskunft geben. Diese Erkundungen werden mit so  genannten Schallkanonen (engl.: airguns) durchgeführt. Dabei werden im Minuten- bzw. Stundentakt zeitlich aufeinander abgestimmte Explosionen mit einer Lutstärke bis zu 262dB erzeugt, manchmal über Wochen oder gar Monate. 

Wir haben es hierbei mit den lautesten vom Menschen erzeugten Geräuschen im Meer zu tun. Der Schalldruck ist -vorsichtig geschätzt- mehr als 10.000mal so groß wie der eines Presslufthammers in einem Meter Abstand. Die enthaltene Energie (Schallintensität) ist sogar über 100 Millionen Mal größer. Noch dazu unter Wasser, wo sich Schall viel effizienter ausbreitet als in der Luft und noch in 1.000 km Entfernung die Kommunikation unter den Meeressäugern erschweren kann.

Diese Lärmeinträge beeinträchtigen aufgrund ihrer enormen Stärke einerseits direkt den Organismus der Tiere und vertreiben sie andererseits mindestens vorübergehend aus dem Gebiet.

Militärische Übungen

Hierzu gehören zum Beispiel Aktivitäten wie Manöver, Tiefflüge, Schießübungen und Explosionen. Besonders die Entwicklung und der Einsatz von aktiven Sonarsystemen (bis zu 235 dB laut), mit deren Hilfe andere Schiffe, Minen und U-Boote in großer Entfernung geortet werden sollen, stellen eine ernstzunehmende Bedrohung für Meereslebewesen dar. Es ist unbestritten, dass einige Massenstrandungen von Walen und Delfinen in direktem Zusammenhang mit militärischen Aktivitäten stehen.

Pinger – Akustische Scheuchvorrichtungen

Akustische Scheuchvorrichtungen (Pinger) an Netzen sollen v.a. Kleinwale vor dem Verfangen und Ertrinken in den Fangvorrichtungen bewahren, Sie sollen die Tiere durch die Erzeugung von lauten Störgeräuschen warnen. WDC vertritt die Meinung, dass Pinger durchaus dazu beitragen können, den Beifang einiger Wal- und Delfinarten zu verringern. Vielfach sind sie allerdings dazu ungeeignet, und wissenschaftliche Untersuchungen erbringen oft uneindeutige Ergebnisse zu ihrer Wirksamkeit. Den Einsatz von Pingern als alleinige Lösung des Beifangproblems zu sehen, wäre fatal und falsch. Auch bestehen Bedenken über mögliche langfristige negative Auswirkungen auf Wale und Delfine. Pinger gar in Meeresschutzgebieten einzusetzen, geht indes völlig am eigentlichen Zweck von Schutzgebieten vorbei, deshalb lehnt WDC dies strikt ab.

PHYSIKALISCHE FAKTEN

Wie sich Lärm auf die Tiere auswirkt, hängt u.a. davon ab, um welche Art von Lärm es sich handelt, also von Quelle, Intensität, Frequenz und Dauer der Beschallung, die Entfernung von der Lärmquelle, ob es sich in Küstennähe oder auf dem offenen Meer, an der Oberfläche oder in der Tiefe befindet und wie sensibel es für bestimmte Frequenzen ist.

Grundsätzlich gibt es also eine ganze Reihe von Parametern, die für die Wirkung von akustischen Emissionen ausschlaggebend sind. Im Folgenden werden die vier Wichtigsten vorgestellt:

Der Schalldruckpegel (gemessen in Dezibel – dB) ist sicher der wichtigste Parameter. Im Allgemeinen gilt: Je höher, umso gefährlicher. Er beschreibt das Vielfache von einem bestimmten Referenzwert. Im Allgemeinen ist dieser Referenzwert die menschliche Hörschwelle, also das leiseste Geräusch, das wir hören können. Wichtig ist zu wissen, dass die dB-Skala logarithmisch angelegt ist und eine Erhöhung um 6 dB jeweils einer Verdoppelung des Schalldrucks (d.h. der Lautstärke) entspricht.

Die Frequenz (gemessen in Hertz – Hz) bezeichnet die Anzahl von Schwingungen pro Sekunde. Die physiologische Auswirkung der Schallintensität ist frequenzabhängig. Zum Beispiel: Eine bestimmte Intensität im Ultraschallbereich kann für uns Menschen unbedenklich sein, da wir diese Frequenz nicht wahrnehmen können, wohingegen dieselbe Intensität im hörbaren Bereich durchaus gefährlich sein kann.

Die Dauer ist entscheidend für das Auftreten oder das Nicht-Auftreten negativer Effekte. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen akutem oder impulshaftem Schall (wie er z.B. beim pile-driving oder durch Schallkanonen entsteht) gegenüber dauerhaftem/chronischem Schall (z.B. der Hintergrundlärm durch Schiffsverkehr). Je länger Schall auf einen Organismus einwirkt, desto größer wird seine Wirkung sein. Chronischer Lärm kann leicht zu Stress führen.

Der Anstieg des Lärms spielt eine weitere Rolle. Nimmt eine bestimmte Art von Lärm langsam zu, haben die Tiere eventuell die Möglichkeit, zu flüchten (der dafür notwendige Energieaufwand kann jedoch wiederum zu einer Bedrohung für die Tiere werden). Mit voller Intensität einsetzende Schallimpulse dagegen können Schreckreaktionen auslösen (man denke an einen lauten Knall, der uns ohne Vorwarnung trifft). Deshalb ist ein sogenanntes „ramping up“ sinnvoll (z.B. beim pile-driving oder beim Einsatz von Sonargeräten, um die Schockwirkung zu vermeiden.

Durch den langsamen Anstieg könnte Tiere allerdings auch neugierig werden und auf die Lärmquelle zu schwimmen. Flucht in eine sichere Entfernung von der Lärmquelle ist dann eventuell nicht mehr möglich, bevor der Lärm zur Bedrohung wird.