Indigener Subsistenzwalfang (ASW)

Einigen indigenen Völkern ist es trotz des internationalen Walfangverbots erlaubt, andernfalls geschützte Wale zu jagen, da ihre kulturelle Tradition und subsistenzielle Notwendigkeit den Walfang zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage erfordert. Dies wird “Aboriginal Subsistence Whaling” (ASW) oder indigener Subsistenzwalfang genannt. Diese Kategorie ist jedoch sehr unzureichend definiert und wird zunehmend von der Walfangindustrie ausgenutzt. So landet Walfleisch aus diesen Jagden beispielsweise immer häufiger auch auf den Tellern von Touristen.

Bestimmte indigene Volksgruppen sind vom kommerziellen Walfangverbot von 1986 ausgenommen, da ihr kultureller und ernährungsbedingter Bedarf an Walfleisch von der IWC anerkannt wird. Dennoch enthält das internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs (International Convention for the Regulation of Whaling – ICRW ), das die IWC geschaffen hat, keine Definition der Kernbegriffe wie „indigen“, „indigener Subsistenzwalfang (Aboriginal Subsistence Whaling ASW)“ oder „Bedarf“. Dieses Versäumnis und das Fehlen eines Management-Plans für diese Walfangkategorie sorgen bei der Vergabe von Quoten und auch im Rahmen der Durchführung der Jagden nach wie vor für kontroverse Diskussionen innerhalb der IWC.

Aktuelle Situation

Die ICRW teilt Fangquoten nicht einzelnen indigenen Gemeinden zu, sondern legt Quoten für einzelne Walbestände fest. Eine Bejagung dieser Bestände ist dann wiederum jenen indigenen Gruppen erlaubt, deren subsistenzieller Bedarf von der IWC anerkannt wurde. Eine Regierung, die die IWC für die indigene Bevölkerung ihres Landes um eine Quote ersucht, muss eine so genannte „Bedarfserklärung“ einreichen. Allerdings versäumte es die IWC, klare formale sowie inhaltliche Richtlinien für ein solches Dokument festzulegen und somit haben Mitgliedstaaten wie St. Vincent und die Grenadinen bis heute keine solche Erklärung im Namen ihrer indigenen Bevölkerung eingereicht. Der Wissenschaftsausschuss der IWC beurteilt den Status der Bestände und gibt auf Grundlage eines auf die jeweilige Population oder Art zugeschnittenen Berechnungsmodells eine wissenschaftliche Quotenempfehlung ab. Danach ist eine Dreiviertel-Mehrheit der Kommission nötig, um die vorgeschlagene Fangquote festzusetzen. Dabei gilt auch zu beachten, dass einige der derzeit für die Bejagung durch indigene Völker freigegebenen Walpopulationen für eine kommerzielle Bejagung nicht in Frage kämen. Bei der Berechnung der Quoten kommt das Vorsorgeprinzip weniger zum Tragen als bei der Berechnung kommerzieller Quoten, da im Kontext des indigenen Subsistenzwalfangs der menschliche Bedarf für die IWC schwerer wiegt als das Überleben eines Bestands. Deshalb ist es wichtig, ein gutes Management dieser Walfangkategorie durch die IWC sicherzustellen, um einen Missbrauch zu verhindern.

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Die Kommission hat damit begonnen, ein Managementsystem für den indigenen Subsistenzwalfang zu entwickeln (Aboriginal Whaling Management Scheme AWMS). Ähnlich wie der bekanntere Managementplan RMS (Revised Management Scheme) für den kommerziellen Walfang, der seit langem von der IWC diskutiert wird, verfügt der AWMS über zwei Komponenten: einen Mechanismus zur Festsetzung von Fangquoten, der heute für fast alle betroffenen Bestände fertiggestellt ist, sowie ein System zur Überwachung und Kontrolle, das festlegen soll, wie indigener Subsistenzwalfang in Zukunft zu handhaben ist. In Bezug auf Letzteres, vor allem hinsichtlich der Art und Weise der Dokumentation und Auswertung von Bedarf und dessen Konformität mit den Fanquoten und Dokumentationsbestimmungen, hat die IWC in den letzten 10 Jahren leider keine Fortschritte gemacht.

Aktuelle Quoten und Fangzahlen

Die ASW-Quoten werden von der IWC alle fünf Jahre diskutiert und erneuert. Kanada legt seine eigenen Quoten fest und die kanadische Regierung hob die Quote für Grönlandwale, die von Nunavut aus bejagt werden dürfen, im Mai 2012 auf drei Grönlandwale pro Jahr an.

IWC Quoten für 2014 – 2018

Die Anzahl getöteter Finnwale der Population vor Westgrönland soll 19 Tiere in keinem der Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 überschreiten.

Die Anzahl getöteter Zwergwale der zentralen Population soll 12 Tiere der in keinem der Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 überschreiten.

Die Anzahl getöteter Zwergwale der Population vor Westgrönland soll 164 Tiere in keinem Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 überschreiten.

Die Anzahl getöteter Grönlandwale der Population vor Westgrönland soll 2 Tiere in keinem der Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 überschreiten.

Die Anzahl getöteter Buckelwale der Population vor Westgrönland soll 10 Tiere in keinen der Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018 überschreiten.


Die bisherigen IWC-Fangquoten (bis 31. Dezember 2012):

Grönlandwal-Bestand der Bering-Chukchi-Beaufort See (bejagt von der indigenen Bevölkerung Alaskas und des Tschuktschken-Bezirks): Maximal 280 Grönlandwale dürfen im Zeitraum 2008-2012 angelandet, aber nicht mehr als 67 Wale pro Jahr getroffen werden (und bis zu 15 nicht genutzte Abschüsse dürfen ins jeweils nächste Jahr mitgenommen werden.

Grauwal-Bestand des östlichen Nordpazifiks (bejagt von der indigenen Bevölkerung des Tschuktschen-Bezirks sowie von der indigenen Bevölkerung in Washington State): Ein Gesamtfang von 620 Walen ist für die Jahre 2008-2012 erlaubt. Maximal dürfen 140 Tiere pro Jahr erlegt werden.

Zwergwale Ostgrönlands (bejagt von Grönländern): Ein maximaler Abschuss von 12 Walen pro Jahr ist für die Jahre 2008-2012 gestattet. Eine ungenutzte Quote darf auf die Folgejahre übertragen werden, sofern der Jahresquote nicht mehr als 3 Abschüsse hinzugefügt werden.

Grönlandwale Westgrönlands (bejagt von Grönländern): Ein jährlicher Abschuss von 2 Walen ist in den Jahren 2008-2012 mit einer jährlichen Prüfung durch den Wissenschaftsausschuss gestattet. Jede nicht ausgeschöpfte Quote kann auf die Folgejahre übertragen werden, sofern der Jahresquote nicht mehr als zwei Abschüsse hinzugefügt werden.

Finnwale Westgrönlands (bejagt von Grönländern): Ein jährlicher Abschuss von 16 Walen ist in den Jahren 2008-2012 gestattet. Allerdings einigten sich Dänemark und Grönland während der Jahrestagung der IWC 2010 darauf, die Fangquote für den Bestand vor Westgrönland freiwillig für die Jahre 2010, 2011 und 2012 von 16 auf 10 Wale herabzusetzen.

Zwergwale Westgrönlands (bejagt von Grönländern): Ein jährlicher Abschuss von maximal 178 Walen ist mit einer jährlichen Prüfung durch den Wissenschaftsausschuss für den Zeitraum 2010 – 2012 gestattet. Jede nicht ausgeschöpfte Quote kann auf die Folgejahre übertragen werden, sofern der Jahresquote nicht mehr als 15 Abschüsse hinzugefügt werden.

Buckelwale Westgrönlands (bejagt von Grönländern): Ein jährlicher Abschuss von maximal 9 Walen ist für die Jahre 2010 – 2012 mit jährlicher Prüfung durch den Wissenschaftsausschuss gestattet. Jede nicht ausgeschöpfte Quote kann auf die Folgejahre übertragen werden, sofern der Jahresquote nicht mehr als 2 Abschüsse hinzugefügt werden.

Buckelwale (bejagt von St. Vincent und den Grenadinen): Für die Jagdsaisons 2008 – 2012 soll die Anzahl getöteter Buckelwale 20 nicht überschreiten

Fangzahlen 2010 und 2011, sofern bekannt:

  • 2010 erlegten grönländische Jäger 212 Wale (5 Finn-, 9 Buckel-, 195 Zwerg- und 3 Grönlandwale)
  • St. Vincent und die Grenadinen erlegten 3 Buckelwale
  • Russische Jäger töteten 118 Grau- und 2 Grönlandwale
  • Die Inuit in den USA erlegten 71 Grönlandwale
  • Kanadische Inuit töteten 2011 3 Grönlandwale
     

Sowohl die Verwaltung des indigenen Subsistenzwalfangs als solchen durch die IWC als auch die Durchführung einzelner Jagden sind für die WDCS Anlass zur Sorge.

Abschuss- und Anlande-Limit

Die Quoten für den indigenen Subsistenzwalfang sind ungleichmäßig definiert. Viele Jahre intensiver Kampagnenarbeit durch WDC, andere NGOs und Walschutz-orientierte Mitgliedstaaten ermöglichten die Einführung des Terminus „Abschuss-Limits“ („strike limit“). 

Sobald die gewährte Anzahl von Walen mit einer Harpune (oder – im Fall von Grönland – mit einem Gewehr) getroffen worden ist, muss die Jagd beendet werden – egal, wie viele Tiere letztendlich angelandet werden. Leider werden die Quoten nicht konsistent in „Abschuss-Limits“ ausgedrückt.

Für einige Jagden wird beispielsweise noch immer ein „Anlande-Limit“ („landed“) gesetzt. Die WDC befürchtet, dass diese Definition der Fangobergrenze Jägern nicht genügend starke Anreize bietet, tatsächlich alle Wale an Land zu bringen, die sie mit Harpune oder Gewehr getroffen haben.  Das hat schwerwiegende Konsequenzen für den Schutz der Tiere – beispielsweise wurden während der Jagd auf Grönlandwale durch die Inuit Alaskas 2001 26 Wale als „getroffen, jedoch verloren“ gemeldet. 

Auch aus Tierschutz-Perspektive ist ein solches „Anlande-Limit“ problematisch:  Harpunen und Gewehre können Walen eine ganze Reihe von Wunden zufügen – von Fleischwunden über Verletzung von Weichteilen, Organ- und Knochenschäden bis zum Verlust von Brustflossen oder Fluken. Verletzte Wale, die nicht innerhalb von Stunden oder Tagen verenden, könnten durch ihre Verwundung in ihrem normalen Fress-, Kommunikations- und Fortpflanzungsverhalten gestört werden. Ein verfrühter Tod auf Grund einer Entzündung, Unterernährung oder Beute für andere Meeresraubtiere ist ebenfalls möglich. Die Quote für die Einwohner von Bequia, Teil des Staates St. Vincent und der Grenadinen, wird in der Anzahl „erlegter“ Tiere ausgedrückt – dies sollte in „getroffen“ geändert werden. Sowohl die Verwaltung des indigenen Subsistenzwalfangs durch die IWC als auch die Durchführung einzelner Jagden sind für die WDC Anlass zur Sorge.

Keine wissenschaftlichen Daten

Der Wissenschaftsausschuss ist von der Bereitschaft der Walfangnationen abhängig, Daten der von ihnen bejagten Wale, u.a. in Form von DNA-Proben, zu erheben. Diese sollen den Wissenschaftlern dabei helfen, die Struktur einzelner Walbestände besser zu beurteilen und wichtige Informationen zur Erteilung der Quoten zur Verfügung stellen zu können. Werden diese Daten nicht eingereicht, hat das schwerwiegende Konsequenzen. Zum Beispiel konnte der Wissenschaftsausschuss ohne neue Untersuchungen und genetische Daten seine Einschätzung der Nachhaltigkeit einer Bejagung von Finn- und Zwergwalen in Grönland lediglich auf einer veralteten Datengrundlage (aus 1987 für Finn- und 1993 für Zwergwale) gründen. Seit Jahren warnen die Wissenschaftler die IWC bereits mit Nachdruck, dass sie die Nachhaltigkeit der Jagden ohne spezifische Informationen aus Grönland nicht mehr garantieren können.  „Schlimme Konsequenzen für den Status der betroffenen Bestände“ seien möglich.

Grönland versäumte es wiederholt, Daten einzureichen, bis die IWC 2005 mit der Aufhebung der grönländischen Finnwalquote drohte und Grönland daraufhin bekannt gab, in den beiden letzten Jahren des Quotenzeitraums freiwillig nur noch 10 von 19 Finnwalen zu bejagen. 2006 stellte es dem Wissenschaftsausschuss schließlich genug Daten zur Verfügung, um zu einer neuen Einschätzung des Populationsstatus für beide Arten zu gelangen.

Wer darf Wale jagen?

Die IWC fordert von den Mitgliedsstaaten lediglich, die Bevölkerungsgruppen zu benennen, die für eine Quote in Frage kommen. Es gibt keine einheitliche Vorschrift, nach der diese Personengruppe einer Definition genügen muss, die basierend auf kulturellen und anthropologischen Parametern in internationalem Recht festgelegt ist.

Paragraf 13a des Anhangs der Konvention beschreibt das Ziel des indigenen Subsistenzwalfangs (ASW) wie folgt: Mit den Fangquoten müssen die Subsistenzbedürfnisse indigener Völker gedeckt werden. 

1982 führte die Arbeitsgruppe der IWC  aus:

„Indigener Subsistenzwalfang beschreibt Walfang, welcher dem Konsum ortsansässiger indigener Völker dient, von oder im Namen von indigenen oder eingeborenen Völkern ausgeführt wird, die eine enge soziale und kulturelle Bindung an die Walfangtradition und die Verwendung von Walen besitzen.

Unter dem Konsum ortsansässiger indigener Völker wird die traditionelle Verwendung von Walfleisch lokaler indigener oder eigeborener Völker verstanden, um ihren Nahrungsbedarf zu decken sowie kulturelle und existenzielle Bedürfnisse zu erfüllen. Auch der Handel mit Nebenprodukten aus Subsistenzfängen ist inbegriffen.“ [Hervorhebung durch WDC]

Auch während des 36. Treffens der IWC 1984 stellte der ASW-Unterausschuss formale und inhaltliche Richtlinien für eine Bedarfsaufstellung auf. Diese Richtlinien, denen die Kommission zustimmte, stellten von nun an „eine nützliche Checkliste der notwendigen Informationen im Kontext mit indigenem Subsistenzwalfang“ dar und verlangten detaillierte Dokumentationen  hinsichtlich „der Rolle von Walprodukten als Nahrungsquelle in der Gemeinde/der Bedeutung von Walprodukten in der traditionellen Ernährung“ als auch die „Anzahl in jeder Walfanggemeinde“.  Dieser Satz unterstreicht, dass die IWC klar zwischen der Bevölkerung, die tatsächlich auf Walfleisch angewiesen ist, und der Gesamtbevölkerung differenziert.

Sowohl Norwegen als auch Japan haben das Fehlen einer solchen formalen Definition bereits ausgenutzt, um die Grenzen zwischen indigenem Subsistenz- und kommerziellem Walfang zu verwischen, indem sie Anträge im Namen von Bevölkerungsgruppen einreichten, die so genannten „Küstenwalfang“ betreiben. St. Vincent und die Grenadinen, deren Walfangaktivitäten lediglich ein Überbleibsel des post-kolonialen „Yankee“-Walfangs aus den späten 1800ern darstellen, konnten sich eine Quote für die Einwohner von  Bequia sichern, obwohl jene vor der Kolonialzeit keine Ureinwohner waren.

Was bedeutet “Bedarf”?

Traditionell verfolgt die IWC einen zweigeteilten Ansatz bei der Beurteilung von Subsistenzwalfang-Anträgen: Die Bewerber müssen einerseits einen subsistenziellen/ernährungsbedingten (= zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage notwendigen) Bedarf an Walfleisch nachgewiesen haben und zum anderen muss Walfang eine essentielle Rolle in ihrer Kultur und ihren Traditionen spielen. Ursprünglich spezifizierte der Anhang des Übereinkommens, dass Wale nur von jenen erlegt werden dürften, „deren Bedarf als Subsistenzbedarf und als kultureller Bedarf anerkannt ist“. Leider behielt man diese Formulierung nicht bei, als die Quoten 2002 angepasst wurden. WDC ist der Meinung, dass der ehemalige zweigeteilte Ansatz, der die Bedeutung von ernährungsbedingtem Bedarf unterstrichen hatte, erneut aufgegriffen werden sollte.

Subsistenz

Eine Mehrzahl der indigenen Walfanggemeinden deckt ihren Nahrungsbedarf durch andere lokale Nahrungsquellen (darunter Kleinwale und andere Meeressäuger) oder ansteigende „Importe“ nicht lokal hergestellter, manchmal auch „westlicher“, Nahrungsmittel gänzlich bzw. teilweise ab. Deshalb sollten Bewerber um eine Subsistenzwalfangquote nach Meinung von WDC mehr vorweisen können, um ihren fortwährenden Bedarf zu rechtfertigen – nämlich die ernährungsbedingte und alternativlose Abhängigkeit von Walen als Teil ihrer traditionellen Kultur. Der IWC sollten alle relevanten Fakten, wie beispielsweise auch die Anzahl getöteter und konsumierter Kleinwale durch die sich bewerbenden Gemeinden, vorliegen, bevor sie Fangquoten für Großwale vergibt – vor allem bei potentiell gefährdeten Arten, um die Auswirkungen des Verwehrens einer Quote gegen die Risiken einer Bejagung gefährdeter Populationen angemessen gegeneinander abwägen zu können.

Nicht kommerziell

Obwohl die IWC Quoten für indigenen Subsistenzwalfang nur zustimmt, um den lokalen Subsistenzbedarf indigener Gemeinden zu decken, erfährt die Nutzung von Walprodukten zum Beispiel in Grönland eine verstärkte kommerzielle Ausrichtung. Nachdem Jäger und Bootseigner ihren Anteil des Wals erhalten haben, wird der Rest des Wals an eine staatseigene Firma verkauft, die das Fleisch verarbeitet (verpackt und kühlt), um es dann im gesamten Territorium zu vertreiben – auch in Supermärkten. Immer mehr Beweise belegen zudem die Tötung von Narwalen allein wegen ihrer Zähne. Die Vermischung von kommerziellem und ernährungsbedingtem Bedarf erschwert eine angemessene Einschätzung eines tatsächlich ernährungsbedingten Subsistenzbedarfs dieser Gemeinden. 

Lokaler Verbrauch

Alle Subsistenzquoten werden unter der Auflage gewährt, dass „Fleisch und andere Produkte dieser Wale exklusiv für den lokalen Verbrauch bestimmt“ sind, obwohl die Quote für Grönland und St. Vincent und die Grenadinen den Konsum nicht auf die uransässige Bevölkerung beschränkt. Folglich kann das weitläufig vertriebene Walfleisch in Grönland von allen Einwohnern verzehrt werden und nicht nur von den Inuit. WDC konnte ebenfalls nachweisen, dass Walfleisch auf Tellern von Grönland-Touristen landet. Walfleisch wird zudem zum Zwecke der nicht-kommerziellen Nutzung durch dort lebende Grönländer nach Dänemark exportiert. Die IWC definiert „lokal“ nicht offiziell, jedoch schlug ein Ausschuss der IWC 1980 vor, „lokal“ als „den Tausch, Handel oder das Teilen von Walprodukten in ihrer ursprünglichen (= nicht verarbeiteten) Form mit Angehörigen derjenigen, die an der Jagd teilgenommen haben, oder mit Personen außerhalb der lokalen Gemeinde, zu denen familiäre, soziale, kulturelle oder ökonomische Bande bestehen“ zu definieren. Diese Definition wurde jedoch nie offiziell von der IWC angenommen.

Kultur

WDC ist der Ansicht, dass die IWC zur Prüfung des Subsistenzwalfanges zwei kulturelle Kriterien verwenden sollte: zum einen muss Walfang zentraler Bestandteil der Kultur des Antragsstellers sein und zum anderen muss dieser eine lange, ununterbrochene Walfangtradition nachweisen können. Weshalb die Erteilung von Quoten durch die IWC auf diesen Kriterien gründen sollte, zeigt die Kontroverse über die Makah-Indianer im Bundesstaat Washington in den USA, für die die USA in den 1990er Jahren wiederholt Anträge auf eine Quote für Grauwale eingereicht hatten. Obwohl die Makah in den USA per Vertragsrecht Wale jagen dürfen, hatten sie zum damaligen Zeitpunkt von diesem Recht seit über 70 Jahren nicht Gebrauch gemacht. Viele Mitgliedsstaaten der IWC argumentierten daraufhin, dass eine andauernde traditionelle Notwendigkeit nicht gegeben sei. Noch immer sehen viele Mitgliedsstaaten den Anspruch der Makah durch die IWC nicht als erwiesen, der deshalb auch von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt wird.

Tierschutzaspekte

Die IWC erkennt an, dass die Tötungsmethoden der indigenen Subsistenzwalfänger typischerweise weniger effizient sind als jene, die im Rahmen kommerzieller Walfangaktivitäten zum Einsatz kommen. Es ist häufiger der Fall, dass getroffene Wale verloren gehen oder der Todeskampf länger dauert. Die IWC hat mehrere Beschlüsse gefasst, um dem Tierschutzgedanken beim indigenen Subsistenzwalfang stärker Rechnung zu tragen.

Vor allem die Gewehre, die in Grönland als primäres Tötungswerkzeug für einige Zwergwale und als sekundäre Methode für die sehr viel größeren Finnwale genutzt werden, gelten teilweise als sehr ineffizient. Dennoch überlässt die IWC die Entscheidung über die Tötungsmethoden den Jägern.

Daten aus den Jagden werden den jährlichen Arbeitsgruppen zur Verfügung gestellt, Experten geben Empfehlungen zu Techniken und Ausrüstung in regelmäßigen Technik-Workshops ab. Dennoch ist die Information aus den Ländern, deren indigene Völker Subsistenzwalfang betreiben, oft unvollständig und genügt den zugrunde gelegten Kriterien häufig nicht. Beispielsweise nutzen grönländische Jäger dieselben Harpunen für dieselbe Zielart (Zwergwal) wie norwegische Walfänger, wenden aber andere Kriterien an, um den Zeitpunkt zu bestimmen, ab dem ein Wal als gefühllos oder tot gilt. Dadurch wird es schwer, hilfreiche Schlüsse aus dem Vergleich der Techniken zu ziehen. Des Weiteren erhebt Grönland nicht für jeden angelandeten Wal tierschutzrelevante Daten und macht somit eine vollständige Vergleichsanalyse seiner unterschiedlichen Tötungsmethoden für eine Art unmöglich. Beispielsweise dokumentierte Grönland 2006 die Zeit bis zum Eintritt des Todes von nur 13% der mit Gewehren getöteten Zwergwale (der weniger effizienten Tötungsmethode), während es gleichzeitig die Daten für 94 % der Zwergwale zur Verfügung stellte, die mit den effizienteren Harpunen getötet worden waren.

Spielball der kommerziellen Walfanglobby

Die Kategorie des „Indigenen Walfangs“ bleibt auch weiterhin der Spielball der kommerziellen Walfanglobby und Pro-Walfang-Regierungen. Die Erneuerung der Quoten alle 5 Jahre ist jedes Mal Anlass für die Walfangstaaten, die USA dahingehend zu erpressen, den Inuit in Alaska nur dann eine Walfangquote zuzugestehen, wenn auch eigene Interessen Unterstützung durch die USA erhalten.

Die Inuit in Alaska dürfen jährlich bis mehrere Dutzend dieser Tiere erlegen, um ihre Grundversorgung zu garantieren. Bei der Erneuerung der Quoten im Jahr 2002 setzte Japan die USA unter Druck – nur eine Dreiviertel-Mehrheit der IWC-Mitgliedsstaaten garantiert die Annahme eines Antrags für ASW-Quoten. Mit genügend Stimmen in seinem Rücken, um eine solche Zustimmung zu verhindern, forderte Japan, im Gegenzug von der IWC eine Walfangquote für seine Küstengemeinden zu erhalten. Dieser Forderung Japans wurde eine klare Absage erteilt, doch Japan und die anderen Pro-Walfangstaaten verhinderten somit auch die Vergabe einer Fangquote für die Inuit. Auf Druck der USA wurde schließlich im Herbst 2002 eine neuerliche, außerordentliche Tagung der IWC abgehalten, bei der den Inuit in den USA eine Fangquote zugesprochen wurde. Bei dieser Tagung kam es interessanterweise dann auch zum erneuten Beitritt Islands zur IWC, das nun einen Vorbehalt gegenüber dem Moratorium einlegte. Dieser Beitritt wurde zuvor mehrmals abgelehnt.

Japan hat seinen Vorschlag seitdem immer wieder abgeändert, Managementkomponenten hinzugefügt und kommerzielle Elemente entfernt, um ihn für die anderen Mitgliedsstaaten der IWC bekömmlicher zu gestalten. Diese wiederholten Anträge versuchen, die Unterscheidung zwischen kommerziellem und indigenem Walfang zu verwischen. Dahinter steht die Absicht, eine neue Kategorie eines „traditionellen Küstenwalfangs“ zu schaffen, die vom Moratorium für den kommerziellen Walfang ausgenommen wäre.

Dazu zählt auch der Versuch, einen so genannten „Kompromiss“ mit Japan zu schließen. WDC ist der Meinung, dass diese Strategien, die IWC zu unterwandern, in höchstem Maße unangemessen und unethisch sind.

2012: Keine neue Quote für Grönland

Als Reaktion auf einen Bericht von WDC und des Animal Welfare Institute (AWI), der die weitläufige Kommerzialisierung des grönländischen Walfangs und den Verkauf von Walfleisch an Touristen aufgedeckt hatte, hat die Mehrzahl der Mitglieder der IWC bei der Abstimmung über den Antrag Grönlands, seine Walfangaktivitäten auszuweiten, diesem eine klare Absage erteilt. Tatsächlich hatte Dänemark, das den Antrag für Grönland eingereicht hatte, überhaupt keine Quote zugesprochen bekommen.

Grönland hatte eine Quotenerhöhung für die Jagd auf bedrohte Finnwale sowie Buckelwale gefordert; das Fleisch sollte angeblich zur Sicherung der Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung dienen. Die Quoten hätten für die nächsten sechs Jahre gegolten. Die Undercover-Recherche von WDC und AWI deckte jedoch auf, dass Grönland das von der IWC verhängte Verbot des kommerziellen Walfangs aktiv untergraben hatte und das Walfleisch offen in einem Großteil der Restaurants und Supermärkte verkaufte.

Die EU hatte Dänemark eine Überarbeitung seines Antrags angeboten, Dänemark lehnte dies jedoch strikt ab und forderte eine Abstimmung über den ursprünglichen Vorschlag. Bei dieser Abstimmung sprachen sich 34 Länder gegen den Antrag aus und 25 Länder dafür. 3 Länder enthielten sich. Die benötigte Dreiviertel-Mehrheit für den Antrag konnte nicht erreicht werden und somit wurde der Antrag abgelehnt.

Die Kritik an Grönland wurde vom Block der lateinamerikanischen Staaten, der sogenannten Buenos Aires Group, angeführt, die darauf hinwiesen, dass es kaum noch einen Unterschied zwischen dem kommerzialisierten Subsistenzwalfang der Grönländer und tatsächlichem kommerziellen Walfang gäbe.

Äußerungen von Dänemark, dass Grönland den Verkauf des Walfleisches an Touristen nicht unterbinden werde und dass grönländische Walfänger die Wale auch  mit Baseballschlägern zur Strecke bringen dürften, wenn sie dies wünschten, halfen dem Antrag nicht gerade weiter.

Die Europäische Union tat sich mit ihrer Stellungnahme aufgrund interner Verwirrung  über den nötigen Abstimmungsprozess anfangs schwer. WDC arbeitete eng mit der Europäischen Kommission zusammen und unterstützte diese mit Rechtsanalysen zum Sachverhalt, so dass die EU-Staaten, die die Besorgnis hinsichtlich der Entwicklungen des Walfangs in Grönland teilten, schließlich eine EU-interne Abstimmung über den Antrag erreichten. Die EU-Staaten einigten sich darin, den Antrag Dänemarks in der bestehenden Form nicht anzunehmen, um Dänemark dazu zu drängen, Änderungen vorzunehmen.

Dänemark war sich der EU-Position als auch des Gegenwinds durch andere Mitgliedstaaten der IWC durchaus bewusst. Nichtsdestotrotz stellte es seinen Original-Antrag zur Abstimmung – wohlwissentlich, dass er so zum Scheitern verurteilt sein und den indigenen Gemeinden Grönlands ihrer IWC-Quote berauben würde.