Sie sind hier

Gefährdete Arten

Der Einfluss des Menschen auf Wale und Delfine ist enorm: Einige Populationen sind stark zurückgegangen und viele gefährdet. In den letzten Jahren haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit sogar eine Art verloren – den Chinesischen Flussdelfin, auch Baiji genannt. Anderen droht ein ähnliches Schicksal. Der Nordatlantische Glattwal zählt vermutlich nur mehr 500 Individuen. Die Zahl der neuseeländischen Maui Delfine wird auf nur noch ca. 55 Tiere geschätzt – und sie verenden nach wie vor in Fischernetzen. Was müssen wir tun, um das Aussterben weiterer Arten zu verhindern?

Was bedeutet ‘stark gefährdet’?

Die offizielle Definition lautet: ‚eine Art, deren Anzahl an Exemplaren so gering ist, dass sie am Rand des Aussterbens steht‘.

Diese Definition ist unzureichend. Denn wir sollten, wenn wir hochsoziale Lebewesen wie Wale und Delfine betrachten, eher von stark gefährdeten Populationen sprechen. Der Verlust einer jeden individuellen Wal- oder Delfinpopulation kann dramatische Langzeit-Auswirkungen auf die restliche Art haben.

Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr zum Beispiel weltweit mehr als 300.000 Meeressäuger in Fischernetzen. Jedoch betrachten die meisten Länder dies als ein Zahlenspiel und legen ‚nachhaltige Entnahmeraten‘ (sustainable removal rates) zu Grunde, die festlegen, wie viele Verluste eine Art aushalten kann, um gerade noch zu überleben. Die USA haben dagegen das Pionier-Konzept einer ‚potentiellen biologischen Entnahme‘ (Potential Biological Removal – PBR) entwickelt. Doch auch das PBR-Modell wurde kritisiert. Entscheidungen, die das Management der Erhaltung von Meeressäugern betreffen, sollten auf Grundlage ökologischer Bedürfnisse und beobachteter ökologischer Veränderungen anstatt des unpraktikablen Ziels, Populationsgröße und –schwankungen exakt zu beziffern, getroffen werden.

Das Arbeiten mit Gesamtbestandszahlen ist nicht ausreichend

Selbst die Arten-Listen der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) basieren auf dem Prinzip, Gesamtbestandszahlen von Arten und Populationen zu ermitteln, sowie die Gefahren zu identifizieren, denen sie ausgesetzt sind. Aber sind diese Kriterien gut genug, um Wale und Delfine zu schützen?

Diese Paradigmen bieten einen Anreiz für eher konventionelle Arterhaltungsmodelle, die sich auf Daten-Akquise und Bestandszahlen-Modelle konzentrieren. Diese Bemühungen sind im besten Fall unvollständig und im schlimmsten Fall hochgradig fehlerhaft.

Die meisten Artenschutzbemühungen konzentrieren sich darauf, einzelne Gefahren für Meeressäuger zu minimieren. Allerdings ist die Chance auf langfristigen Erfolg schwer zu quantifizieren, wenn es um langlebige Arten geht. Tatsächlich haben die erfolgreichsten Walschutzbemühungen die Populationen und Arten einfach ‚in Ruhe gelassen‘. Das Moratorium der Internationalen Walfangkommission IWC aus dem Jahr 1982 hat trotz intensiver Bemühungen der kommerziellen Walfanglänger dafür gesorgt, dass sich die Populationen einiger Arten - außerhalb der Reichweite des Menschen - langsam stabilisieren und einige davon sogar sich zu erholen begannen.

Länderbeispiele

Die Ozeanographie-Behörde NOAA in den USA schätzt, dass der Bestand der Buckelwale (Megaptera novaeangliae)  in der südlichen Hemisphäre wieder auf 25.000 Individuen angewachsen ist. Trotzdem  muss angemerkt werden, dass die Population vor der Walfang-Ära auf ungefähr 100.000 Individuen geschätzt wurde – deshalb ist die Erholung eines Bestandes immer relativ zu betrachten.

Sehen wir uns im Gegensatz dazu die Artenschutzbemühungen der neuseeländischen Regierung und den Schutz des Maui-Delfins an: Neuseeland nimmt in Sachen Artenschutz von Walen und Delfinen international eine Vorreiterrolle ein.  Dennoch ist der Bestand des Maui-Delfins (Cephalorhynchus hectori maui), einer Unterart des Hektor- oder Neuseeland-Delfins, auf ca. 55 Individuen gesunken. Unbeabsichtigter Fang in Stell- und Schleppnetzen stellt die größte Gefahr für den neuseeländischen Delfin dar. Mehr als 60% der Tiere, bei denen die Todesursache ermittelt werden konnte, verendete in Fischereigerät.

stranded ganges river dolphin

Arten wie der chinesische Baiji (Lipotes vexillifer), die in so genannten Entwicklungsländern vorkommen, stehen sogar noch größeren Herausforderungen gegenüber. Der Baiji wurde 2007 als ‚wahrscheinlich ausgestorben‘ klassifiziert, vermutlich wegen nicht-nachhaltiger Beifänge in der lokalen Fischerei.
Das Verschwinden des Chinesischen Flussdelfins markiert die erste Ausrottung eines großen Wirbeltiers seit 50 Jahren und es ist erst das vierte Mal seit 1500, dass eine gesamte Säugetier-Familie ausstirbt. Die Verwandten des Baiji, die anderen Fluss- und Süßwasserdelfine, sind den gleichen Gefahren ausgesetzt und möglicherweise auch dem gleichen Schicksal, wenn wir nicht bald etwas unternehmen. Zum Beispiel gilt die kleine Population der Irawadi-Delfine in der inneren Malampaya-Meerenge der Philippinen in der Roten Liste Bedrohter Arten der IUCN als „Vom Aussterben bedroht“. Die größte Bedrohung dieser Delfine geht vom Beifang in der lokalen Krabbenfischerei aus.

Die vom Aussterben bedrohte westliche Grauwal-Population ist durch den Vorstoß der Öl- und Gasindustrie in ihre Nahrungsgebiete rund um das Sakhalin-Schelf in Russland gefährdet. Diese Population besteht wahrscheinlich aus weniger als 130 Tieren – darunter möglicherweise gerade einmal 26 fruchtbare Weibchen.

Wir haben ungefähr 80% der Biomasse der Wale und Delfine in den Ozeanen und Flüssen dieser Erde zerstört. Lassen sie uns nicht der Grund für weitere solcher Verluste sein – lassen sie uns die Generation werden, die die Dinge zum Besseren wendet!