Chemische Schadstoffe im Meer

Dolphins in front of rig in Moray Firth
Dolphins in front of rig in Moray Firth
Viele Regierungen erlauben der Industrie noch immer, die Umwelt in großem Umfang mit gefährlichen Chemikalien zu verschmutzen. PCB (Polychlorierte Biphenyle) gehören zu den gefährlichsten Stoffen, die durch die Industrie in großem Umfang in unsere Umwelt gelangen. Die Verwendung von PCB in der Produktherstellung ist zwar in vielen Ländern mittlerweile verboten. Bis PCB abgebaut sind, dauert es jedoch sehr lange, deshalb stellen die bereits ins Meer eingetragenen Mengen an PCB eine ernstzunehmende Gefahr für Wohlergehen und Überleben vieler verschiedener Tierarten dar. Die Wissenschaft hält PCB im Besonderen für Wale und Delfine für gefährlich.

Was sind PCBs und woher kommen sie?

PCBs sind eine Gruppe chemischer Chlorverbindungen und seit den 1930er Jahren am Markt. Sie kommen in der Natur nicht vor, sondern werden industriell hergestellt. Bevor die Verwendung von PCB verboten wurde, waren sie Bestandteil vieler verschiedener Produkte, darunter Farben, einige Papiersorten oder Bohrausrüstung. PCB können als Nebenprodukt industrieller Prozesse in die Umwelt gelangen oder durch Produkte, die nicht fachgerecht entsorgt werden.

Die Auswirkungen chemischer Verschmutzung auf Wale und Delfine reichen von direkten Vergiftungen bis hin zur Beeinträchtigung und Zerstörung wichtiger Lebensräume. PCB sind ein gutes Beispiel für Chemikalien, die das Überleben von Meereslebewesen bedrohen:

·       PCB wurden und werden weiterhin in hoher Konzentration in die Ozeane gespült. Wissenschaftler schätzen, dass 1 – 10% aller bis heute hergestellten PCB bereits in die Meere gelangt sind.

·       PCB haben ein langes Haltbarkeitsdatum.

·       PCB sind giftig und sogar potentiell tödlich, wenn sie von Meerestieren in hohem Maße aufgenommen werden.

 

Welche Auswirkungen haben PCB auf Tiere?

In hohen Konzentrationen können PCB für Tiere und Menschen tödlich sein. In geringeren Konzentrationen führen sie zwar nicht zum Tod, sind jedoch noch immer gesundheitsschädlich. Deshalb schreibt beispielsweise ein Gesetz in den USA vor, dass Kuhmilch und andere Milchprodukte für den menschlichen Konsum maximal PCB-Werte von 1.5mg pro Kilo aufweisen dürfen.

Unter den Folgen von PCB-Belastung sind u.a. Schäden des Fortpflanzungsapparats und des Immunsystems. Studien am Menschen haben Fehlgeburten, eine verminderte Fruchtbarkeit und diverse Erkrankungen in der Kindheit in Verbindung mit PCB-Belastung nachgewiesen.

Auch bei den betroffenen Meeressäugern kommt es zu diesen Schädigungen. Mit Schadstoffen in Verbindung gebrachte Reproduktionsfehler, wie auch schwere Missbildungen des Uterus, sind von Robbenarten bekannt. Auch wurden von Chemikalien hervorgerufene unterdrückte Reaktionen des Immunsystems bei Robben nachgewiesen und es wird vermutet, dass dies bei Walen und Delfinen ebenso ist. Massensterben bei Wal- und Delfinpopulationen in den letzten Jahrzehnten (wie das Massensterben von Großen Tümmlern in den USA im Jahr 1987) und der Tod von zahllosen Robben in Europa im Jahr 1988 stehen mit großer Wahrscheinlichkeit in Zusammenhang mit chemischer Meeresverschmutzung.

Änderungen im Gleichgewicht der Sexualhormone (mit Auswirkungen auf das normale sexuelle Verhalten und die Entwicklung der Sexualorgane) und die Induktion von Krebs werden mit langlebigen Schadstoffen in Verbindung gebracht. Diese Auswirkungen wurden bei marinen Raubtieren, die an der Spitze der Nahrungskette stehen, wie zum Beispiel Belugas sowie auch bei Polarbären in der Arktis nachgewiesen. Dies deutet darauf hin, dass signifikante Konzentrationen an Schadstoffen sogar die abgelegenen Polarregionen erreichen.

In anderen Studien konnten weitere negative Auswirkungen nachgewiesen werden, darunter

·         Verminderte Fruchtbarkeit bei Vögeln, Fischen, Schalentieren und Säugetieren

·         Verminderter Bruterfolg bei Vögeln, Fischen und Schildkröten

·         Deformationen bei Vögeln, Fischen und Schildkröten

·         Verhaltensanomalien bei Vögeln

·         Verweiblichung männlicher Fische, Vögel und Säugetiere (und Vermännlichung weiblicher Vögel und Fische)

·         Geschwächtes Immunsystem bei Vögeln und Säugetieren

Wale und Delfine sind die Endstation für PCB in ihrer marinen Umwelt

Langlebige organische Verbindungen wie das Pestizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) und PCB gelangen in die marine Umwelt und reichern sich am Ende der Nahrungskette an. Beute von Walen und Delfinen wie Fisch oder Tintenfisch, fressen kleinere Fische, die sich wiederum von Plankton ernähren. Plankton absorbiert PCB und gibt es an Fische und Wale weiter. So nehmen Wale und Delfine große Mengen von PCB durch ihre Nahrung auf. Tatsächlich gibt es einige Arten, die nach US-Gesetzgebung auf Grund ihrer hohen Schadstoffbelastung  sogar als Sondermüll entsorgt werden müssten.

Wale und Delfine vergiften sich mit den PCBs selbst, wenn sie unter Stress stehen

Wale und Delfine speichern große Mengen PCB aus ihrer Nahrung in ihrer Fettschicht (‘Blubber’). In Stresssituationen gelangen somit hohe Konzentrationen des Schadstoffs in ihre Körper, denn dann werden die Fettreserven angebrochen.

Wale und Delfine sind für den Kampf gegen PCB schlecht ausgerüstet

Studien zeigen, dass der Stoffwechsel von Walen und Delfinen nicht dafür gemacht ist, mit großen Mengen PCB aus der Nahrung fertig zu werden. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Walen und Delfinen nur sehr wenige der Enzyme zur Verfügung stehen, die bei anderen Tieren für den Abbau gefährlicher Chemikalien wie PCB zuständig sind.  

Weibliche Wale und Delfine geben PCB an ihre Nachkommen weiter

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die PCB-Belastung bei Walen und Delfinen bis zur Geschlechtsreife tendenziell steigt. Danach ist bei den Männchen noch immer ein Anstieg nachweisbar, da sie weiterhin kontaminierte Nahrung zu sich nehmen. Bei Weibchen fällt die Belastungskurve jedoch mit der Geburt des ersten Nachkommen ab. Traurigerweise scheinen die weiblichen Meeressäuger den Großteil ihrer PCB-Belastung an den ersten Nachkommen weiterzugeben und zwar während der Schwangerschaft und darüberhinaus über die Muttermilch. Für den Nachwuchs kann die schnelle Aufnahme der Giftstoffe sogar den Tod bedeuten.

Spezielle Auswirkungen von PCB auf Wale und Delfine

Belastete Belugas

Eine Population von 500 Belugas lebt im stark verschmutzten St.-Lorenz-Strom vor der Ostküste Kanadas. Die Population hat im letzten Jahrhundert einen dramatischen Rückgang verzeichnet. Wissenschaftler haben bei diesen Belugas PCB in sehr viel höheren Konzentrationen vorgefunden als bei Tieren der gleichen Art in arktischen Gewässern.

In einer Studie der St.-Lorenz-Belugas, mit der 1982 begonnen wurde, haben Wissenschaftler lediglich bei einem von fünf Weibchen eine Schwangerschaft oder die kürzliche Geburt eines Kalbes nachweisen können. Bei der Vergleichsgruppe in der Arktis waren es hingegen zwei Drittel der Weibchen. Zudem stellten die Wissenschaftler bei einem Drittel der St.-Lorenz-Belugas beschädigte Milchdrüsen fest, was die ausreichende Ernährung der Kälber in Frage stellt.

Darüberhinaus fanden die Wissenschaftler bei der Untersuchung von 45 Belugas dieser Population bei 18 Tieren mindestens einen Krebstumor. Tumore sind bei Walen sehr selten – die bei diesen Belugas festgestellten Geschwüre repräsentieren mehr als die Hälfte aller Tumore, die man jemals bei Walen und Delfinen nachgewiesen hat.

Massensterben von Delfinen

Mit ‚Massensterben‘ bei marinen Säugern wird der unerwartete Tod vieler Tiere einer Population innerhalb einer kurzen Zeit bezeichnet. Solche Ereignisse werden seit Mitte des 20. Jahrhunderts gerade unter Meeressäugetieren immer häufiger und folgenschwerer:

·         Der Tod von mindestens 2.500 Großen Tümmlern in den Jahren 1987 – 1988 an der Ostküste der USA

·         Der Tod von bis zu 10.000 Streifendelfinen im Jahr 1990 im Mittelmeer

Wissenschaftler halten nicht Virusinfektionen, die in erster Instanz ein solches Massensterben verursacht haben könnten, allein dafür verantwortlich. Es ist möglich, dass die zunehmenden und kumulativen Beeinträchtigungen durch PCB sowie Klimaveränderungen Wale und Delfine generell für Krankheiten anfälliger machen.

Der Rückgang Großer Tümmler in britischen Gewässern seit den 1960er Jahren

Der Rückgang der Sichtungen und Strandungen von Großen Tümmlern in den Gewässern und an den Küsten Großbritanniens seit der 1960er Jahre lässt darauf schließen, dass der Bestand dieser Tiere seither dramatisch abgenommen hat. Hohe Konzentrationen von PCB und anderer chlororganischer Verbindungen, die von Großen Tümmlern über kontaminierte Nahrung aufgenommen wurden, könnten dafür unter anderem eine Erklärung liefern.

In den Körpern toter Delfine aus britischen Gewässern wurden besonders hohe PCB-Werte nachgewiesen – hoch genug, um den Fortpflanzungsapparat und das Immunsystem erheblich zu schädigen. Die Belastung der Ozeane mit PCB aus der Industrie erreichte in den 1960er Jahren einen Höhepunkt – zum gleichen Zeitpunkt, als auch die Zahl der Großen Tümmler in britischen Gewässern signifikant zu sinken begann.

Wissenschaftler, die sich mit der PCB-Belastung von marinen Lebewesen beschäftigt haben, glauben, dass diese PCB Belastung gerade erst langsam abnimmt, obwohl die Produktion von PCB bereits in den 1970er Jahren verboten wurde. Tatsächlich kann es sogar sein, dass die Kontamination mariner Wildtiere erst in einigen Jahrzehnten abnimmt.

Was kann man tun, um die Aufnahme von PCB durch Wale und Delfine zu stoppen?

Wegen ihrer Beständigkeit, der weitläufigen Streuung und der großen Menge an PCB,  die bereits in die Umwelt gelangt sind, werden marine Lebewesen noch viele Jahre in einem Giftcocktail leben müssen. Glücklicherweise ist die Herstellung von Produkten mit PCB bereits in vielen Ländern verboten. Dennoch befinden sich noch immer geschätzte zwei Millionen Tonnen PCB in Produkten aus Industrieländern, die angemessen entsorgt werden müssen. Geschieht dies nicht, werden diese Produkte zu tickenden Zeitbomben, die eine weltweite Gefahr für viele Arten darstellen – nicht nur Wale und Delfine.