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2016 – Rekordjahr ungewöhnlicher Wal- und Delfinsichtungen

Im Jahr 2016 wurden in Nord- und Ostsee viele ungewöhnliche Sichtungen gemeldet – leider enden diese häufig negativ für die betroffenen Ausreißer.
Delfin in der Ostsee
Delfin in der Ostsee

Eine ganze Welle besorgniserregender Nachrichten aus der Nordsee ereignete sich gleich zu Beginn des Jahres: Im Januar wurde fast täglich von neuen Pottwalstrandungen berichtet. Insgesamt hat man 30 Tiere an verschiedensten Küstenstreifen der Nordsee gefunden – 16 davon in Deutschland. Die Gründe, die zu den Strandungen führten sind nicht eindeutig geklärt und die Forschungsbemühungen dauern noch weiter an. WDC hat hierzu einen Bericht veröffentlicht, der mögliche Ursachen und Faktoren für die außergewöhnlichen Vorkommnisse in der Nordsee erörtert.

Gestrandeter Pottwal auf Helgoland
Gestrandeter Pottwal auf Helgoland

Die großen Pottwale blieben aber nicht die einzigen außergewöhnlichen Besucher. Erst Ende April  wurde ein Narwal in einem belgischen Fluss 50 km vom Meer entfernt aufgefunden. Er war der erste seiner Art, der bis nach Belgien vorgedrungen ist und hat diese Reise leider nicht überlebt. Normalerweise kommen Narwale nur im arktischen Meer vor.

Ein anderer Exot wurde Mitte Mai vor der britischen Küste entdeckt: Ein Grönlandwal kam der Küste Cornwalls sehr nahe. Es handelte sich um die zweite Sichtung eines Grönlandwals in Europa überhaupt, da die Tiere normalerweise ebenfalls nur in polaren Regionen vorkommen. Für England bedeutet die Sichtung die erste Dokumentation einer neuen Art in heimischen Gewässern seit 25 Jahren.

Auch in der Ostsee gab es eine extrem seltene Sichtung. Im Öresund hatten Segler im Mai einen Pottwal beobachtet. Mit ihren Filmaufnahmen dokumentierten sie die erst zweite Pottwalsichtung in der Ostsee überhaupt. Die erste Pottwalsichtung in der Ostsee war im Jahr 2004 gemacht worden, doch der Wal wurde später tot aufgefunden. Bisher ist über den Verbleib des Pottwals vom Öresund nichts weiter bekannt und es ist zu hoffen, dass ihn nicht dasselbe Schicksal wie seine Artgenossen in der Nordsee ereilte, da auch die Ostsee keinen geeigneten Lebensraum für Pottwale darstellt.

Ostsee-Delfine
Ostsee-Delfine

Weitaus bessere Überlebenschancen schreibt man den beiden Großen Tümmlern zu, die sich seit Mai 2015 in der Ostsee aufhalten – besser bekannt als „Selfie und Delfie“. Die zwei Delfine haben einen regelrechten Hype ausgelöst, da sie sich sehr publikumswirksam immer wieder in Küstennähe zeigten und zahlreiche Boote begleiteten. Nachdem sie sich länger in Deutschland, zum Beispiel in Kiel und Flensburg, aufgehalten hatten, sind sie Ende April in Richtung Norden weiter gewandert und halten sich derzeit in Dänemark auf. Die beiden männlichen Delfine scheinen in einer guten gesundheitlichen Verfassung zu sein und in ihrem neu erschlossenen Lebensraum Ostsee genug Nahrung vorzufinden. Im September kam ein weiterer Großer Tümmler nach Kiel, der sogar mehrfach die Schiffsschleuse nutzte und sich extrem menschenfreundlich verhielt.

Auch der einzige in der Ostsee heimische und stark bedrohte Wal, der Schweinswal, sorgte dieses Jahr immer wieder für Schlagzeilen. Es wurden viele Strandungen, vor allem sehr viele Lebendstrandungen, von Schweinswalen an deutschen Küsten gemeldet. Ein Tier verirrte sich besonders stark: Es schwamm durch Weser und Hunte landeinwärts bis in den Oldenburger Hafen, wo es leider nicht lange überlebte und einige Tage darauf tot aufgefunden wurde. Generell wurden im Frühjahr 2016 wieder vermehrt Schweinswale in Elbe und Weser gesichtet. Aufgrund der hohen Boots- und Schifffrequentierung der beiden Flüsse ist dieser Lebensraum für die kleinen Wale besonders gefährlich und so kam es mehrfach zu tödlichen Begegnungen mit Schiffschrauben, die anhand externer Verletzungen gestrandeter Schweinswale nachgewiesen werden konnten.

Toter Schweinswal in Hamburg
Toter Schweinswal in Hamburg

Anfang Juli wurde in der Danziger Bucht (Polen) ein Buckelwal entdeckt, der sich in einem Netz verfangen hatte. Die Küstenwache konnte das Netz jedoch zerschneiden und den Wal bis auf einige Kabelreste davon befreien. Anschließend versuchten die Einsatzkräfte das Tier in Richtung Ausgang der Bucht zu lenken.

Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich bei dem Wal, der Anfang August im Greifswalder Bodden bei Stralsund beobachtete wurde, um jenen Buckelwal, der in Polen gerettet wurde. Anfang September kollidierte der Wal im Greifswalder Bodden mit einem Segelboot – ob er dabei Verletzungen davongetragen hat konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden, da der Wal nur selten dabei beobachtet werden konnte, wie er aus dem Wasser springt.

Warum sich die Wale in die Ostsee verirren ist unklar, da sich diese Region erheblich von ihrem üblichen Lebensraum unterscheidet. Offenbar bietet die Ostsee den Tieren aber ausreichend Nahrung, sodass sie hier zumindest eine Zeit lang klar kommen. Allerdings bringt sie die Nahrungssuche auch in gefährliche Situationen, wie der Fall des Wals in Polen allzu deutlich zeigt.

Großer Tümmler mit Lachs
Großer Tümmler mit Lachs

Im August strandete zudem ein bereits stark verwester Zwergwal im Norden von Sylt, bei dem der Kopf fehlte. Im Juni wurden zwei Zwergwale vor Sylt gesichtet, ob es sich bei dem gestrandeten Wal um eins der Tiere handelt ist unklar. Im Februar war bereits ein toter Schwertwal auf Sylt angespült worden.

Mit Narwal, Grönlandwal, den Pottwalen und den beiden Großen Tümmlern haben sich also dieses Jahr bereits vier ekdemische Wal- bzw. Delfinarten in Nord- und Ostsee verirrt. Hinzu kommen Berichte über einen Blau-weißen und mehrere Gewöhnliche Delfine, die ebenfalls weit außerhalb ihres normalen Verbreitungsraumes angetroffen wurden bzw. gestrandet sind.

Die Häufung der kuriosen Sichtungen ist so ungewöhnlich, dass zu den möglichen Ursachen das 2015/16 besonders extrem ausgefallene Wetterphänomen „El Nino“ sowie der Klimawandel im Allgemeinen gezählt werden müssen. Der nordöstliche Atlantik ist in diesem Jahr extrem warm und die damit einhergehende Veränderung von Meeresströmungen sowie Nahrungsdistribution beeinflusst die Route der Wale oder Delfine.

Aber auch anthropogene Veränderungen der Lebensräume machen den Meeressäugern zunehmend zu schaffen. So könnten insbesondere auch Unterwasserlärm, Meeresverschmutzung und Kontamination durch Toxine, Überfischung oder Krankheiten der Tiere diese Abweichungen und Strandungen ausgelöst haben