Schweinswalschutz in den Gewässern Großbritanniens

Großbritannien ist gesetzlich dazu verpflichtet, Schweinswale in seinen Gewässern zu schützen. Doch sind die Schutzbemühungen Großbritanniens genug? WDC findet: Nein!

Versäumt Großbritannien seine Pflicht, den Schweinswal zu schützen?

Entsprechend der EU Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) zählen Gewöhnliche Schweinswale zu den Arten „von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung Besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen“, und somit „streng geschützt“ sind.

Auf Grundlage der FFH-Richtlinie ist die Regierung Großbritanniens dazu verpflichtet, Besondere Schutzgebiete – Special Areas of Conservation, SAC – für Schweinswale einzurichten. Als Teil eines kohärenten EU-weiten Netzes von Schutzgebieten, dem sogenannten Natura-2000-Netzwerk, soll auf diese Weise der länderübergreifenden Schutz gefährdeter, wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten sowie ihrer natürlichen Lebensräume gewährleistet werden.

Harbour Porpoise
Stranded Harbour Porpoise

Zwar hat Großbritannien 33 Meeresschutzgebiete vorgeschlagen, die in das Natura-2000-Netzwerk aufgenommen werden sollen – keiner dieser Schutzräume weist jedoch den Schweinswal als zu schützende Art aus. Die Wale werden entweder als „nicht-qualifizierendes Merkmal“ (engl.: „non-qualifying feature“) gelistet oder überhaupt nicht genannt. Das bedeutet aber auch, dass die Bedürfnisse der Schweinswale bei Einrichtung und Managment der Schutzgebiete nicht berücksichtigt werden. Kurz gesagt: Großbritannien wird seiner Pflicht, Gewöhnliche Schweinswale in seinen Gewässern zu schützen, nicht gerecht.

WDC kritisiert die Art der Anwendung der EU-Kriterien für die Auswahl von geeigneten Schutzgebieten durch Großbritannien und das Joint Nature Conservation Committee JNCC

Die Liste der von Großbritannien vorgeschlagenen SACs wurde vom Joint Nature Conservation Committee (JNCC) erstellt, einer Behörde, welche die britische Regierung in Fragen des Natur- und Umweltschutzes berät. Folgende Kriterien wurden herangezogen, um für Schweinswale geeignete Schutzgebiete zu identifizieren:

  • Größe und Dichte einer Schweinswalpopulation innerhalb eines Gebietes, im Verhältnis zur gesamten Population in Großbritanniens Gewässern
  • Welche Bedeutung ist dem Gebiet mit Blick auf den globalen Schweinswalschutz beizumessen?
  • Erhaltungsgrad der Lebensraummerkmale, die für Schweinswale von Bedeutung sind, sowie die Möglichkeit der Wiederherstellung des natürlichen Lebensraumes
  • Wie isoliert ist die Schweinswalpopulation eines Gebietes gegenüber der gesamten natürlichen Verbreitung?

Darüber hinaus hat die Europäische Kommission drei weitere Kriterien festgelegt, um geeignete SACs zu identifizieren:

  • Schweinswale sollten sich regelmäßig innerhalb des Gebietes aufhalten
  • Gegenüber umliegender Regionen sollte das Schutzgebiet eine hohe Populationsdichte aufweisen
  • Während bestimmter Jahreszeiten sollte ein großer Anteil junger Schweinswale zu verzeichnen sein

WDC ist der Meinung, dass die Auswahl des JNCC Komitees in erster Linie auf Basis des erstgenannten Kriteriums erfolgte – nämlich dass die Populationsdichte höher als in den umgebenden Gebieten ist. Da Schweinswale jedoch in allen britischen Gewässern zu finden sind, kann dieses Kriterium allein nicht ausreichen, um Schweinswalschutzgebiete auszuweisen. Stattdessen müssen alle o.g. Kriterien zur Entscheidung herangezogen werden.

WDC bezweifelt, dass die britische Regierung wirklich ausreichend Informationen und Daten über die heimischen Schweinswalpopulationen gesammelt hat!

WDC ist der Ansicht, dass Großbritannien – im Vergleich zu anderen EU-Staaten – nicht genügend Forschungen durchführt, die für den Schutz der Schweinswale und die Errichtung von Natura-2000-Gebieten notwendig wäre.

Die britische Regierung teilfinanzierte großangelegte Forschungen zum Vorkommen und der Häufigkeit von Kleinwalen in der Nordsee sowie den angrenzenden Meeren, wie z.B. die Zählungen durch SCANS und SCANS II (engl.: „Small Cetacean Abundance in the North Sea and Adjacent Waters“). Und obwohl diese Studien sinnvoll waren, untersuchten sie lediglich die allgemeine Verbreitung Gewöhnlicher Schweinswale in europäischen Gewässern. WDC ist überzeugt, dass weitreichendere, staatlich unterstütze Forschung erforderlich ist, um Schweinswalschutzgebiete erfolgreich identifizieren und ausweisen zu können. Deutschland sowie die Niederlande gaben beispielsweise gezielt Studien in Auftrag, bevor sie ihren Teil der Doggerbank als SAC für Schweinswale auswiesen.

WDC kritisiert, dass der britische Teil der Doggerbank in der Nordsee noch nicht zum Schweinswalschutzgebiet erklärt wurde, obwohl Deutschland und die Niederlanden dies bereits getan haben!

Der WDC-Bericht über Meeresschutzgebiete in britischen Gewässern zeigte, dass die Doggerbank, eine weitläufige Sandbank in der Nordsee, für Schweinswale von großer Bedeutung ist. Die Doggerbank erhielt sogar fünf von möglichen sechs Punkten bei der Bewertung einzelner Lebensräume für Gewöhnliche Schweinswale. WDC ist deshalb überzeugt, dass die Doggerbank einen wichtigen Lebensraum für Schweinswale darstellt. Dennoch ist weitere Forschung erforderlich, um die komplette Bedeutung der Sandbank als Lebensraum für die Schweinswale in der Nordsee zu verstehen.

WDC hat die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission (GD Umwelt) auf Großbritanniens Versäumnisse hinsichtlich des Schweinswalschutzes aufmerksam gemacht!

WDC hat die GD Umwelt in Kenntnis gesetzt, dass Großbritannien bisher seiner Pflicht, Besondere Schutzgebiete für Schweinswale in britischen Gewässern auszuweisen, nicht nachkommt. WDC erwägt deshalb, eine offizielle Beschwerde beim Internationalen Gerichtshof einzureichen.

In Zusammenarbeit mit dem World Wide Fund for Nature (WWF) erarbeitet WDC eine Liste mit Schutzgebieten für Gewöhnliche Schweinswale in der EU

Im Einsatz für effektive Schweinswalschutzgebiete arbeitet WDC mit dem WWF zusammen und berät sich außerdem mit dem JNCC Komitee sowie dem britischen Umweltministerium (Government’s Department for Environment, Food and Rural Affairs, Defra). Gemeinsam mit dem WWF erarbeitet WDC einen Vorschlag, welche britischen Gewässer zu Schweinswalschutzgebieten erklärt werden sollten. Wir fordern Schutzzonen mindestens in den folgenden Regionen:

  • die Doggerbank, Nordsee
  • Nord-Pembrokeshire sowie die südliche Cardigan Bay, Wales
  • die Lleyn-Halbinsel und die Bardsey Insel, Wales
  • Nord- sowie West-Anglesey, Wales
  • Südküste, äußerer Moray Firth, Schottland

Weitere Informationen:
Making space for UK porpoises, dolphins and whales (2013) (14.3mb)