Einführung in die Schutz- und Forschungsprojekte von WDC

Bottlenose dolphin at surface
Bottlenose dolphin at surface
WDC ist davon überzeugt, dass Wissenschaft und praktische Forschung wesentliche Werkzeuge zur Entwicklung effektiver Schutzmaßnahmen für Wale und Delfine, auch auf politischer Ebene, sind. Unser Ansatz sieht die Umsetzung von Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen auch auf Populationsebene vor. Ein Fokus auf die Art allein ist nicht ausreichend, um die Ausrottung einzelner und einzigartiger Populationen zu verhindern. Wenn nur die Art betrachtet wird, kann der Gefährdungsgrad der jeweiligen Population übersehen werden.

Wale und Delfine sind auf vielfältige Weise bedroht in unserer schnelllebigen Welt. Momentan gehen Wissenschaftler von 87 Arten von Waltieren weltweit aus (Wale und Delfine). Das übergeordnete Ziel von Walschutzprojekten ist, das langfristige Überleben dieser Arten sicherzustellen.

Viele Populationen gelten als bedroht oder stark gefährdet. Einige Arten sind akut vom Aussterben bedroht und die Behauptung, dass die Menschheit bis jetzt noch kein Aussterben einer Walart zu verantworten hat, ist seit dem Aussterben des Baiji oder Chinesischen Flussdelfins (Lipotes vexilifer) im Jahr 2007 leider überholt. Über den Status vieler anderer Populationen ist zu wenig bekannt, um verlässliche Einschätzung zur Überlebensfähigkeit der Population abzugeben. Deshalb ist die Anwendung des Vorsorgeprinzips unabdinglich, wenn es um die Schutzbedürfnisse dieser Tiere geht.

Rote Liste der Bedrohten Arten

Die Rote Liste Bedrohter Arten der Weltnaturschutzunion IUCN – dem Register zum Status von Tierarten – nimmt Arten, Unterarten und Unterpopulationen auf. Davon werden nur zwei Wal- und Delfinarten als „Vom Aussterben bedroht“ gelistet, weitere sechs als „Stark gefährdet“, fünf als „Gefährdet“ und fünf als „Gering gefährdet“. Man weiß allerdings von einer ganzen Reihe weiterer Arten, Unterarten und Populationen, dass sie akut vom Aussterben bedroht sind, dennoch wird ihr Gefährdungsstatus in der Roten Liste entweder als „Nicht gefährdet“ (LC) angegeben oder unter „Keine ausreichenden Daten“ (DD) geführt. Damit wird der tatsächliche Status der Wal- und Delfinarten dieser Welt verfälscht.

Diese Statistiken sind ernüchternd, vor allem vor dem Hintergrund der Populationszahlen für die verbliebenen Neuseeland-Delfine, den Vaquita und den Nordatlantischen Glattwal, um nur einige zu nennen. Viele lokale und regionale Wal- und Delfinpopulationen sind stark dezimiert und ihr Überleben gilt als unsicher. Trotzdem bleibt die Rote Liste hauptsächlich Art-bezogen in ihrer Listung und lässt Populationen außer Acht.

Der Großteil der Wal- und Delfinarten wird mit dem Vermerk „Keine ausreichenden Daten“ geführt. Das bedeutet, dass keine „adäquate Information zur Verfügung steht, um zu einer direkten oder indirekten Einschätzung bezüglich des Bedrohungsstatus auf Grundlage der Verbreitung und/oder dem Status der Population zu gelangen“ (IUCN, 2001). Diese mangelhafte Datenlage ist ein schwieriger Ausgangpunkt für Schutzbemühungen. Die IUCN hat 2011 festgelegt, dass DD-Arten nicht als „Nicht gefährdet“, sondern, dass ihnen „die gleiche Aufmerksamkeit zusteht wie Arten, die als „Gefährdet“ gelten, zumindest so lange, bis ihr Status besser eingeschätzt werden kann“.

New Zealand dolphin

Genetische Unterschiede innerhalb einer Art

Die Genetik vieler Arten befindet sich immer noch in einem frühen Stadium, was bedeutet, dass wir nicht genau wissen, an welchem Punkt eine Art beginnt und wo sie aufhört.
Einige Gattungen scheinen auch tatsächlich im Prozess der Artenbildung zu sein – wie zum Beispiel die Schwertwale, bei denen lokale Anpassungen zu genetisch verschiedenen Populationen führen. Es gibt viele Indizienbeweise, die dafür sprechen, dass es eine allgemeine Tendenz der Schwertwale zur Differenziation in unterschiedliche, noch unerforschte Arten, Unterarten, Formen oder Populationen gibt, von denen jede wahrscheinlich so klein sind, dass sie folglich leicht vom Aussterben bedroht sein könnte. Jede einzelne benötigt daher eigene, spezifische Schutzmaßnahmen.

Schutz der Arten nicht ausreichend

Dies ist einer der Gründe, warum Schutz auf dem Niveau der Arten allein nicht ausreichend ist. Der Ansatz von WDC ist es, mit Schutzmaßnahmen bereits auf dem Populationsniveau anzusetzen. Dies findet mehr und mehr Beachtung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Dizon und Perrin (1997) beispielsweise erklärten, dass „Schutzbemühungen nicht nur darauf abzielen sollen, die Überlebensfähigkeit von Arten, sondern auch darauf, das volle Spektrum der ökologischen und genetischen Vielfalt sowie des Verhaltenrepertoirs innerhalb der Arten zu erhalten.“

Dringend notwendige Schutzmaßnahmen, die aufgrund der genetischen, verhaltens-spezifischen und ökologischen Verschiedenheiten auf Populationsniveau ansetzen müssen, werden aufgrund von auf Artenniveau angestellten Vermutungen behindert. Wenn der Ansatz auf Artenniveau und nicht auf Populationsniveau verfolgt wird, riskieren wir die Ausrottung vieler einzelner und einzigartiger Populationen, da ihr größerer Gefährdungsgrad aufgrund des Status der Art übersehen wird.

Erhalt aller Arten und Populationen

Um unser Ziel zu erreichen – den Erhalt ALLER Wal- und Delfinarten – müssen wir sowohl den Ansatz auf Populations-, Individuen- als auch den auf Artenniveau verfolgen. Der Große Tümmler ist der wahrscheinlich bekannteste und am besten erforschte Delfin der Welt. Es wird allgemein angenommen, dass die Art selber robust ist (trotz der IUCN-Klassifizierung als DD – data deficient). Wie jedoch die meisten Waltierarten, existieren viele räumlich getrennte Populationen des Großen Tümmlers, die weitgehend voneinander isolierte Gruppen mit nur geringem oder keinem genetischen Austausch darstellen. Mehrere dieser Gruppen sind in ernsthafter Gefahr, genetisch auszusterben.

Über die exakte Klassifizierung der Gattung „Sousa“ wird noch immer diskutiert; aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Population des Sousa chinensis im Südchinesischen Meer von der im Persischen Golf und an der Ostküste Südafrikas unterscheidet. Inzwischen gibt es noch fünf Populationen des Sousa im Südchinesischen Meer. Aufzeichnungen belegen, dass dort früher mindestens 20 Populationen gelebt haben.

(Für aktuelle Informationen zum Status aller Wal- und Delfinarten besuchen Sie bitte die neue Webseite der Spezialistengruppe der IUCN für Waltiere)

WDC setzt sich für Erhalt und Forschung ein

In den letzten 20 Jahren hat WDC um die 185 Artenschutz-Feldprojekte in mehr als 40 Ländern unterstützt, die nicht nur alle Ozeanregionen, sondern auch alle für Wale und Delfine relevanten Flussläufe abdecken. Diese Projekte reichen von wissenschaftlicher Forschung zu Verbreitung, Populationsdynamik und Verhaltensstudien über Forschung zu Bedrohungen und Minderungsmaßnahmen bis zu einem breiten Spektrum an Artenschutz-Initiativen. Hier spielt beispielsweise die Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger eine Rolle, damit diese marine Schutzgebiete einrichten. Auch wichtig ist die Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und die Entwicklung alternativer Fischereimethoden, um Beifang zu reduzieren. WDC ist sich bewusst, dass solche Programme nur mit der vollen Unterstützung der lokalen Bevölkerung funktionieren können und sucht deshalb stets die enge Zusammenarbeit mit örtlichen Wissenschaftlern, Artenschützern, Bildungsbeauftragten und anderen Mitgliedern der Öffentlichkeit in der Projektregion, um langfristige Lösungen für Wale und Delfine und ihren – oftmals auch von anderen genutzten - Lebensraum sicherzustellen.

WDC zählt außerdem zu den Verfechtern nicht-invasiver Forschung an Waltieren und ist bemüht, unbedenkliche Forschungsmethoden als Standard zu etablieren – nicht nur für die Organisation selbst, sondern ebenfalls für die Projekte, die wir unterstützen. WDC nimmt den Einsatz von invasiven Methoden sehr ernst und erwartet von Forschern, die von WDC unterstützt werden, sich entsprechend zu verhalten. ALLE Alternativen müssen zunächst hinsichtlich ihrer Eignung bewertet werden, bevor eine invasive Forschungsmethode in Erwägung gezogen wird. Ebenfalls muss ein Langzeit-Monitoring gewährleistet sein, um mögliche Auswirkungen der invasiven Methoden auf Waltiere zu untersuchen.

Trotz allem erkennt WDC an, dass invasive Methoden unter besonderen Umständen in Betracht gezogen werden müssen – jedoch nur, wenn es als wahrscheinlich gilt, dass sie rasch langfristige und signifikante Fortschritte im Arten- oder Tierschutz ermöglichen.

Zur Zeit unterstützt und führt WDC eine ganze Reihe hochqualitativer Projekte auf der ganzen Welt durch und hat viele weitere vielversprechende Anträge auf Unterstützung erhalten.