Das Russian Cetacean Habitat Project

In den arktischen Gewässern des Beringmeers befindet sich das größte Meeresschutzgebiet Russlands: das „Commander Islands State Biosphere Reserve“, vor Ort auch als Komandorskiy Zapovednik bekannt. Das Russian Cetacean Habitat Project wurde 2009 zur Studie der dort lebenden Meeressäuger initiiert, darunter Orcas, Buckelwale und Baird-Schnabelwale.

Die Kommandeurinseln wurden 1741 im Zuge einer Expedition von Vitus Bering entdeckt. Nach einem Schiffbruch mussten Bering und seine Mannschaft auf der Hauptinsel überwintern. Ein Drittel der Besatzung sowie Kapitän Bering selbst starben daraufhin an Skorbut und wurden dort beerdigt. Der Naturforscher Georg Steller, ein Teilnehmer an der Expedition, der die anderen überredete, neben Seeottern und Seekühen Pflanzen und Seetang zu essen, dokumentierte viele neue Arten wie den Seelöwen, den Seeadler und die Seekuh, die seitdem seinen Namen tragen.

Stellers Seekuh wurde 1768 von Pelztierjägern ausgerottet und auch die anderen Steller‘schen Arten gingen zurück. In den Gewässern rund um die Kommandeurinseln leben aber auch heute noch sehr viele Arten von Walen und Delfinen, darunter Buckelwale, Zwergwale, Baird-Schnabelwale, Orcas und Dall-Hafenschweinswale sowie unzählige Arten von Flossenfüßlern und Seevögeln. Die Buckelwal-Bestände scheinen sich vom Walfang in russischen Gewässern zu erholen und Jahr für Jahr kehren sie in immer größerer Zahl zurück. Vor Ort kommt es auch zu seltenen Sichtungen von Finnwalen und Nordpazifischen Glattwalen. Bei beiden handelt es sich um gefährdete Arten, wobei letztere zu den weltweit am stärksten bedrohten Walarten zählen.

Für das Russian Cetacean Habitat Project wurde auf der Beringinsel ein idealer Beobachtungsstand nahe tiefen Gewässern gefunden. Vorbeiziehende Orcas, Buckelwale, die sich hier den ganzen Sommer über zur Nahrungsaufnahme aufhalten, und tief tauchende Baird-Schnabelwale lassen sich von dort aus sehr gut beobachten.

Mit bislang über 130 individuell identifizierten Tieren hat  das Team den ersten Foto-ID-Katalog für Baird-Schnabelwale angelegt und erforscht das Sozialverhalten, die Gewohnheiten und mögliche Gefährdungen dieser Walart. Anhand der Aufnahmen konnten wir Wale mit Narben von Treibnetzen und Haien ausmachen, wobei letztere auf Wanderungen durch wärmere Gewässer schließen lassen. Bei einem Wal konnten wir eine Harpunen-Verletzung entdecken. Laut der Roten Liste der Bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion IUCN liegen für diese Art nur unzureichende Daten vor. Dennoch jagen japanische Walfänger bis zu 300 Tiere pro Jahr. Zurzeit werden jährlich etwa 60 Tiere getötet, hauptsächlich nahe der Insel Hokkaido.

Ebenfalls erwähnenswert ist die Sichtung dreier weißer Orcas in diesen Gewässern, darunter ein komplett weißer Bulle, der Iceberg getauft und 2012 weltweit in den Medien bekannt wurde. Er und seine Fisch-fressende Gruppe wurden jedoch nur zwei Mal gesichtet, zuletzt 2010.

Wir arbeiten eng mit dem Commander Islands Biosphere Reserve zusammen, tauschen Sichtungen, Daten, Managament-Erfahrung  und Ausrüstung aus und tragen unseren Teil zum pädagogischen Auftrag und zum Erfolg des Schutzgebietes bei. Ein anderes zentrales Ziel unseres Projektes besteht darin, den gefährdeten Lebensraum verschiedener Walarten in den östlichsten Regionen Russlands zu definieren. Gefährdeter Lebensraum bezieht sich dabei auf die Lebensbereiche der Wale – entweder einer ganzen Art oder einer bestimmten Population dieser Art –, die für das tägliche Überleben und für die Gewährleistung eines gesunden Populationswachstums unabdinglich sind.

Schutzgebiete wie jenes bei den Kommandeurinseln, in denen weder kommerzieller Fischfang noch Exploration von Kohlenwasserstoff oder andere wirtschaftliche Tätigkeit betrieben wird, sind von enormer Bedeutung. Wir arbeiten daran, so viel wie möglich über dieses Gebiet herauszufinden und unseren Beitrag für seine Erhaltung zu leisten. Wir hoffen zudem, ein Netzwerk stark geschützter Gebiete für Wale ausfindig machen und mit aufbauen zu können, das als Modell für andere künftige Meeresschutzgebiete in den Gewässern Russlands dienen könnte. Russland hat eine fest verwurzelte Tradition, was den Aufbau und den Erhalt von Naturschutzgebieten („Sapowedniki“) an Land angeht. Abgesehen vom Schutzgebiet bei den Kommandeurinseln hat das Land jedoch in Bezug auf bedeutende, große Meeresschutzgebiete noch einige Arbeit vor sich.