Natütama: Bildungsprojekt zum Flussdelfin

Natutama Children's ecology education group on a field trip, the Amazon
Natutama Children's ecology education group on a field trip, the Amazon
In der kleinen kolumbianischen Stadt Puerto Nariño ist die Organisation Natutama beheimatet. In der lokalen Sprache der Ticuna bedeutet der Name „Alles unter Wasser“. Seit ihrer Gründung 2005 unterstützt WDC die Organisation, die Umweltbildungsprogramme in der Region durchführt, um das Zusammenleben von Mensch und Tier zu verbessern. So werden Fischer und ältere Einheimische von Natutama zu Naturführern und jüngere Menschen zu Umweltpädagogen ausgebildet.

Natutama bedeutet "Alles unter Wasser"

Die rosa Flussdelfine in den südamerikanischen Flüssen Amazonas und Orinoco haben mittlerweile weltweit Berühmtheit erlangt. Doch in den verschiedenen Regionen der Flusslandschaft lauern zahlreiche Gefahren. In der trockenen Jahreszeit kann es geschehen, dass die Delfine durch den sinkenden Wasserstand in kleinen Becken gefangen sind und vom Rest des Flusses abgeschnitten werden. Neben Austrocknung und Hungertod droht ihnen dann noch eine weitere Gefahr: Jäger, die mit den Delfinen in dieser Situation ein leichtes Spiel haben.

Boto
Boto

Natutama hat sich dem Schutz der Umwelt verschrieben. Dabei wird die Organisation tatkräftig von WDC unterstützt – so können die Mitarbeiter Umweltbildungsprogramme in der Region durchführen, um das Zusammenleben von Mensch und Tier zu verbessern. Fischer und ältere Einwohner von Natutama werden zu Naturführern ausgebildet, jüngere Menschen, die in der Region kaum berufliche Perspektiven haben, erhalten eine Ausbildung als Umweltpädagogen

Mit diesem Ansatz erreicht Natutama zwei Ziele. Zum einen erleben die Naturführer in spe hautnah, wie schützenswert der Naturreichtum an Orinoco  und Amazonas ist, und welche negativen Auswirkungen die Jagd auf geschützte und bedrohte Tierarten hat. Zum anderen tragen Naturführer und Umweltpädagogen als lokale Experten die Botschaft zum Schutz der Artenvielfalt in brasilianische, peruanische und kolumbianische Gemeinden entlang der großen Ströme und gewinnen dort wieder Unterstützung für die Arbeit von Natutama. Die Botschafter der Organisation ziehen bei diesen Besuchen ihre Zuseher mit einer Vielzahl verschiedener Aktivitäten in den Bann: Besonders Kinder lieben den spielerischen Umgang mit dem Thema Naturschutz und lauschen begeistert Delfin-, Seekuh- und Schildkröten-Puppen, die ihnen von ihren alltäglichen Problemen mit Fischernetzen und Booten erzählen.

Grenzenloses Projekt

Seit fast einem Jahrzehnt ist die Organisation in der Region sehr erfolgreich aktiv. Dank der bereits für Natutama tätigen indigenen Fischer und Pädagogen genießt die Organisation hohes Ansehen und ist in der Region gut verankert.

Der Amazonas fließt an den Grenzen zu Peru und Brasilien durch die südliche Spitze Kolumbiens. Es gibt keine Straßen in dieser Region, die einzigen Zugänge sind der Amazonas (per Boot) oder der Luftweg. Dadurch ist die noch relativ unberührte Region in gewissem Maße vor Holzfällern, Minenarbeitern und Siedlern geschützt. Die meisten Einwohner sind Angehörige der indigenen Ticuna Gemeinschaft.

Geographische Kernregion des Projektes ist das Umweltbildungszentrum von Natutama in Porto Nariño. Darüber hinaus verfolgt das Projekt einen grenz­überschreitenden Ansatz und möchte die Aktivitäten auf benachbarte Gemeinden entlang der peruanischen und brasilianischen Grenze ausdehnen.

Wissen als Schutz für die Natur

Ihr unermesslicher Wissens- und Erfahrungsschatz über den kulturellen und natürlichen Reichtum ist die Grundlage für einen erfolgreichen Schutz der Flora und Fauna. Die Fischer, viele von ihnen Dorfälteste und frühere Jäger, sammeln Informationen über die ver­schiedenen Arten. Jeder von ihnen trägt die Verantwortung für eine bestimmte Art und dokumentiert ihr Auftreten oder identifiziert Gefahren. Darüber hinaus fühlen sie sich für die Instandhaltung des Umweltbildungszentrums verantwortlich. Das pädagogische Personal, viele von ihnen junge Schulabgänger, führen die Bildungsaktivitäten in Puerto Nariño und den Gemeinden durch, wobei ihre vielfältigen künstlerischen Fähigkeiten zum Einsatz kommen. Beide Gruppen werden von den Natutama-Koordinatoren und der WDC-Projektleitung unterstützt.

Interaktives Umweltbildungszentrum in Puerto Nariño

In Puerto Nariño betreibt Natutama ein Umweltbildungszentrum, das zwei Ausstellungsmodule beherbergt. Eines zeigt das Leben in einem überschwemmten Waldbereich, das zweite den Strand bei Nacht. Aus Holz geschnitzte Tiere in Lebensgröße und detailreich und liebevoll ausgestattete Lebensräume bilden den Amazonas-Dschungel bei Hoch- und Niedrigwasser nach – auch für viele einheimische Besucher bietet die Ausstellung überraschende Einblicke, die sie aus ihrem Alltag nicht kennen.

So spielt sich das Leben im überschwemmten Wald zwischen den Wurzeln der Bäume ab, die vielfältigen ökologischen Beziehungen werden während einer Führung erläutert. Die Ausstellung bindet auch die Geschichten und Mythen der Ticuna ein und zeigt lokale Fischereitechniken und –geräte.

Im Ausstellungsmodul, das sich dem nächtlichen Leben im Urwald widmet, erfahren die Besucher Wissenswertes über das Leben im Stauwasser und wie sich Flüsse in den Trockenzeiten verändern. Auch können sie den Erzählungen vom Mond und den Gestirnen nach den Überlieferungen der Ethnien der Ticuna, Yagua und Cocama lauschen.

Die Gäste des Zentrums können außerdem Delfine und Seekühe auf Videoaufnahmen bewundern oder einige der zahlreichen weiteren Angebote nutzen, denn regelmäßig stehen Theaterstücke, Marionettenaufführungen, Bastelwerkstätten oder Vorträge auf dem Programm.

In die Ausstellungen des Zentrums fließen die Umwelterziehung, die Forschungs- und Schutztätigkeiten von Natutama mit ein. Die Organisation spricht mit seinem Umweltbildungszentrum sowohl Menschen aus lokalen Gemeinden als auch nationale und internationale Gäste an.

Fest für die Umwelt

Jedes Jahr im Juni feiert Natutama eine Woche lang ein Fest für die Umwelt, wobei immer ein Thema besonders in den Mittelpunkt gerückt wird. 2010 waren es die „Tarapoto-Seen, die Heimat aller Lebewesen“, denen besondere Beachtung geschenkt wurde. Die indigene Bevölkerung der Tarapoto-Regionwar von Beginn an in die Planung der Woche eingebunden und profitierte durch ein buntes und abwechslungsreiches Programm in ihren Gemeinden.

Jeden Tag standen Aktivitäten mit Kindern und Erwachsenen in Schulen, Gemeindezentren und auf den Straßen auf dem Programm. Auftaktveranstaltung war ein Straßentheater in Porto Nariño, um Aufmerksamkeit für die Woche zu wecken, die ereignisreichen Tage endeten mit einer großen Fiesta auf dem Sportplatz. Die Spiele und Aktivitäten wurden von den Natutama-Pädagogen und den Fischern durchgeführt, die alle aktiv in den Schutz der Seenregion eingebunden sind. Natutama organisierte außerdem Ausflüge in die überfluteten Wälder, auf den Spuren von Delfinen, Faultieren und Reihern.

Zahlreiche Menschen, die nahe den Seen leben, hatte die Tiere vorher noch nie gesehen und waren von der kulturellen und biologischen Vielfalt ihrer Heimat überrascht. Älteste der Ticuna berichteten über die Geschichte der Seen, über die Tierwelt und die heute vorhandenen Probleme.

Über 5.000 Besucher besuchen jährlich das Bildungszentrum von Natutama. Die Mehrzahl sind kolumbianische Touristengruppen oder Schulklassen aus Kolumbiens Städten, aber auch lokale Gemeindeschulen aus Kolumbien und Peru finden ihren Weg hierher.

Einige Erfolge von Natutama sind: die Befreiung von Flussdelfinen aus Netzen, in denen sie sich verfangen hatten; keine Jagd auf Flussdelfine oder Manatees; saisonale und andere Einschränkungen der Fischerei; die Benutzung von Fischernetzen und anderem - gerät wie Speeren etc., um Müll zu vermeiden und der Schutz von Ceiba-Bäumen und Vogelnestern.

Die Zukunft - Andere mit dem Natutama-Modell inspirieren

Natutama hat bereits essenzielle Unterstützung bei Design und Bau eines Infozentrums am Napo-Fluss in Ecuador geleistet. Victor Uteras, dessen Forschungsarbeit zu Flussdelfinen WDC ehemals in Ecuador unterstützte, bat Natutama und WDC um Hilfe bei der Einrichtung des Zentrums. Ein Austausch von indigenen Gruppen aus Kolumbien und Ecuador folgte. Die Besucher aus Ecuador waren von Natutama begeistert und beschlossen, das Modell auch in ihrer Heimat umzusetzen. Natutama-Botschafter reisten im Gegenzug nach Ecuador, um bei Organisation und Bau des Zentrums zu helfen.

Auch in Peru arbeiten WDC und Natutama mit einem enthusiastischen Fürsprecher für Flussdelfine zusammen, der ein ähnliches Center auch im peruanischen Teil Amazoniens einrichten möchte - eine fantastische Entwicklung.

WDC und Natutama versuchen, einen regionalen Trainings-Workshop in Puerto Nariño abzuhalten, um anderen Interessierten das Natutama-Modell näher zu bringen und sie bei der Entwicklung eigener ähnlicher Projekte zu unterstützen.