Delfinarien - ein Enthüllungsbericht

Der jüngste Bericht der WDCS in Zusammenarbeit mit Born Free und ENDCAP enthüllt, wie EU-Mitgliedsstaaten geltendes EU-Recht zum Schutz von Walen und Delfinen in Gefangenschaft nicht umsetzen.

Zusammenfassung

Die WDCS hat in Zusammenarbeit mit der Born Free Foundation und der europäischen Koalition ENDCAP im Rahmen der „EU ZOO INQUIRY 2011“ dem Bericht „Delfinarien – Ein Bericht über die Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen in der Europäischen Union mit besonderer Berücksichtigung der EU-Richtlinie 1999/22/EG des Rates über die Haltung von Wildtieren in Zoos" erarbeitet.
In der EU gibt es derzeit 35 Delfinarien, in denen insgesamt 289 Waltiere gehalten werden. Bei diesen Tieren handelt es sich um Zahnwale (Odontoceti) der Arten Großer Tümmler (Tursiops truncatus), Beluga oder auch Weißwal (Delphinapterus leucas), Amazonas-Flussdelfin (Inia geoffrensis), Orca oder auch Schwertwal (Orcinus orca), Gewöhnlicher Schweinswal (Phocoena phocoena) und Rundkopfdelfin (Grampus griseus).

Delfinarien gibt es in den folgenden 15 EU-Mitgliedsstaaten: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Litauen, Malta, Niederlande, Portugal, Rumänien, Schweden und Spanien.
In 12 Mitgliedsstaaten (Estland, Irland, Lettland, Luxemburg, Österreich, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Vereintes Königreich und Zypern) wird kein Delfinarium betrieben.
Nur 2 Mitgliedsstaaten der EU, Slowenien und Zypern, untersagen die Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen für kommerzielle Zwecke.

Alle Delfinarien (mit einer Ausnahme) unterliegen den Bestimmungen für Zoos (gemäß den Bestimmungen der sogenannten Zoo-Richtlinie, der EU-Richtlinie 1999/22/EG des Rates über die Haltung von Wildtieren in Zoos) und haben daher die Aufgabe, zur Arterhaltung, Forschung und Aufklärung der Öffentlichkeit beizutragen. Die erarbeiteten Ergebnisse zeigen jedoch, dass hier gravierende Mängel in der Einhaltung dieser Richtlinie bestehen.
Die Tiere werden zum Zweck der Zurschaustellung für Shows gehalten, manche Delfinarien bieten auch „schwimmen mit Delfinen“, delfingestützte Therapie oder kostenpflichtige Souvenirfotos an.

In 17 Delfinarien in 10 Mitgliedstaaten wurden 18 Delfinshows analysiert (in einer Einrichtung eine Orca-Show und eine mit Großen Tümmlern). Von diesen 18 Shows wurde in 17 Fällen nicht über die Verbreitung der Art in der Natur informiert, in 8 Shows wurden die Delfine nicht als Säugetiere ausgemacht und in keiner der 18 Shows wurde der Erhaltungsstatus der Art erwähnt. In keiner Show wurden die Besucher darauf hingewiesen, dass Delfine potentiell gefährliche Wildtiere sind, denen man sich in der freien Wildbahn nicht nähern sollte.

Die in den Shows gezeigte Interaktion zwischen Trainern und Delfinen vermittelt den Besuchern den Eindruck, sie könnten Delfine in freier Wildbahn auch berühren und füttern. Delfine können Krankheiten auf Menschen übertragen und umgekehrt und Handschmuck, Fingernägel und Cremes können die empfindliche Haut der Delfine massiv schädigen.

Im Bericht spricht die WDCS Empfehlungen an die Europäische Kommission und die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union aus. So sollen z. B. die Mitgliedsstaaten aufgefordert werden, keine weiteren Importe von Wildfängen zu bewilligen. Die Entnahme von Walen und Delfinen aus der freien Wildbahn gefährdet sowohl die Arterhaltung als auch das Wohlergehen der Tiere und widerspricht dem Artikel 4 des Washingtoner Artenschutzabkommens. Ein sehr wichtiger Punkt ist auch die Ausarbeitung von nationalen Plänen für den Ausstieg aus der Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen mit folgenden Maßnahmen:

  • Keine Planung weiterer Delfinarien
  • Ausbaustopp für bestehende Delfinarien, ausgenommen Maßnahmen, die eine deutliche Verbesserung der Gesundheit und des Wohlergehens bereits dort gehaltener Waltiere bewirken

In Gefangenschaft ist die Lebenserwartung von Walen und Delfinen geringer als in freier Wildbahn und Lebendfänge können eine ernste Gefahr für lokale Populationen darstellen. Auch wenn z. B. der Große Tümmler eine weit verbreitete Delfinart ist, so gilt z. B. die Population im Schwarzen Meer als „stark gefährdet“ (lt. Erhaltungsstatus der IUCN).

Eine weitere Schlussfolgerung des Berichts hebt hervor, dass die Delfinarien in der EU keinen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung der Öffentlichkeit zu leisten scheinen. Auch das Wohlergehen der Tiere kommt zu kurz. Es wird keine artgerechte Ausgestaltung der Gehege geboten, Stress und stereotypes Verhalten sind bei den in Gefangenschaft gehaltenen Waltieren weit verbreitet.

Anhang A des Berichts enthält eine Liste der Delfinarien in der EU sowie Informationen über die Zahl und die Artzugehörigkeit der gehaltenen Waltiere.

Delfinarien - Ein Bericht über die Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen in der Europäischen Union