Kultur bei Walen und Delfinen

Blue whale
Blue whale
Lange wurde angenommen, dass einer der Hauptunterschiede zwischen Menschen und dem Rest der Lebewesen auf der Erde die Kultur sei. Wir tun was wir tun, weil wir die Kultur von unseren Eltern, im Klassenzimmer oder, im Falle unserer weniger angenehmen Charakterzüge, auf dem Schulhof, gelernt haben. Tiere verhalten sich entsprechend der Gene, die sie von ihren Eltern geerbt haben – so die Theorie.

Einige wenige Verhaltensbiologen haben begonnen, diese kulturelle Unterscheidung anzufechten. Jane Goodall, Bill McGrew und all ihre Kollegen, die afrikanische Schimpansen studieren, haben ausgeprägte lokale Schimpansenkulturen beschrieben. Die Schimpansen aus Gombe benutzen Steine auf eine ganz bestimmte Art als Werkzeuge und striegeln einander auf eine spezielle Weise, während die Affen, die im benachbarten Mahale leben, diese Dinge völlig anders machen. Sorgfältig haben die Schimpansenforscher die Gegenargumente ihrer Kritiker ausgeräumt, wonach diese Unterschiede durch ihre Gene oder Unterschieden in der Umwelt der erforschten Affengruppen erklärbar seien. Nein, argumentieren sie, ein junger Gombe-Schimpanse erlernt die Gombe-Kultur und verhält sich entsprechend nach “Gombe-Art“. Vor Kurzem haben sich Orang-Utan-Forscher dieser neuen Sichtweise angeschlossen und bestimmte kulturelle Praktiken in verschiedenen Regionen des südostasiatischen Lebensraums der Orang-Utans beschrieben. Die Anthropologen und Psychologen, die so vehement gegen die Möglichkeit einer nichtmenschlichen Kultur waren, scheinen  langsam zurückzuweichen.

Bis vor Kurzem waren der Krieg der Kulturforscher meist auf Landtiere beschränkt, mit einigen Schlachten um die Lebewesen der Lüfte am Rande – die Debatten über Vogelkulturen wurden generell wesentlich weniger leidenschaftlich geführt als jene, die sich mit Primaten beschäftigten. Doch Walforscher haben schon lange festgestellt, dass auch unter Wasser lebendige Kultur existiert.  Wie sonst lassen sich die außergewöhnlichen Gesänge der Buckelwale erklären? Kein genetischer Mechanismus, keine Unterschiede in der Umwelt könnten die in stetiger Entwicklung begriffenen, sich aber doch ähnelnden Lieder erklären, die im tropischen Paarungsgebiet der Buckelwale so berühmt sind. Es musste einfach eine Kultur geben. Auch andere Verhaltensweisen von Walen und Delfinen, von der mehrere Generationen umfassenden Jagd-Kooperation zwischen dem Großen Tümmler und Fischern in Brasilien bis hin zur Verbreitung einer neuartigen Ernährungsmethode unter den Buckelwalen von Cape Cod, Massachusetts, USA, sehen ganz nach Kultur aus. Doch all dies war unter den Forschern der Schimpansenkultur und ihren Antagonisten weitestgehend unbekannt.

Ein wichtiger Wendepunkt stellte eine Konferenz in Chicago im Jahr 2000 dar, als man zwischen Vorträgen von Primaten- und Walforschern Parallelen entdeckte – Parallelen, aber auch große Unterschiede: sowohl zwischen den Kulturen der Tiere, als auch in der Art, wie die Wissenschaftler diese betrachteten. Wir Walforscher bekamen sehr viele Ideen und Unterstützung durch die Primatologen. Dies war angesichts der bevorstehenden Angriffe derselben Kritiker aber auch von einigen unseren eigenen, skeptischen Kollegen wichtig.

Vieles, was wir über die Kultur von Schimpansen wissen, ist materieller Natur; so zum Beispiel die einzigartige Verwendung von Steinen und Ästen als Werkzeuge für eine Vielzahl von Zwecken. Dagegen gibt es nur ein einziges mutmaßliches materielles Kulturgut der Cetacea, oder Waltiere, nämlich den sonderbaren Fall der Großen Tümmler in der Shark Bay in Australien, die Schwämme über ihre Schnauzen stülpen. Bei Walen sind eher Töne und Klänge Kandidaten für Kulturgüter : Die Lieder der Buckelwale, Grönland- und Finnwale, die Dialekte der Orcas, und die merkwürdigen Codes (aus Mustern von Klicklauten) der Pottwale. Ein anderer Unterschied zu den Menschenaffen liegt in der geographischen Strukturierung: Schimpansen zeigen eine bestimmte Verhaltensweise an einem bestimmten Ort, andernorts eine andere. Bei Orcas, Pottwalen, Großen Tümmlern und wahrscheinlich noch vielen weiteren Vertretern der Wale und Delfine nutzen verschiedene kulturelle Gruppen dieselben Regionen und interagieren miteinander. Im Wesentlichen leben sie somit in multikulturellen Gesellschaften – eine Gesellschaftsform, die bisher nur unter Menschen bekannt ist.

Luke Rendell und ich haben kürzlich ein extremes Beispiel einer solchen verwobenen kulturellen Gruppenbildung entdeckt. Nahezu alle Pottwalgruppen, die wir im Südpazifik verzeichnet haben können einem von fünf kulturellen Clans zugeordnet werden, jeder mit einem bestimmten Dialekt. Diese Clans sind riesig, sie umspannen ganze Ozeane und bestehen aus Tausenden von Tieren. Rund um die Galápagos-Inseln, eines unserer intensivsten Studiengebiete, gibt es zwei Clans: Der „reguläre“ Clan, dessen individueller Code ein regelmäßiges Muster ist („Klick-Klick-Klick-Klick-Klick“), und der „Plus-Eins“ Clan, deren Code abweicht („Klick-Klick-Klick-[Pause]-Klick“). Die Gruppen scheinen Individuen des jeweils anderen Clans zu meiden. Sie unterscheiden sich auch in ihrer Nutzung der Gewässer um Galapagos: Die „Regulären“ halten sich nahe der Inseln auf und haben komplizierte Fährten, während die „Plus-Einser“ sich weiter entfernt vom Land und mehr in geraden Linien bewegen. Ein „Plus-Eins“-Pottwal abseits der Galápagos-Inseln ist genauso wenig „einfach nur ein pazifischer Pottwal“ wie ein MacDonald des 18. Jahrhunderts „einfach ein Schotte“ ist.

In Zeiten von El Nino, der  die Gewässer um die Galápagos-Inseln erwärmt, ist es der „Plus-Eins“-Clan, der mit dem nährstoffarmen Wasser besser zurechtkommt. Aber unter kühleren Bedingungen, die typischer sind, ist die Situation umgekehrt, die „regulären“ Gruppen können sich besser ernähren. Mit dem globalen Klimawandel erwärmen sich die Ozeane, was sich auf das Vorkommen und die Intensität von El Nino-Lagen wahrscheinlich steigernd auswirkt. Ich vermute, dass die kulturelle Diversität also für die Pottwale wichtig werden wird, wenn sie mit den massiven Veränderungen, die wir den Ozeanen zufügen, konfrontiert werden.

Dies sollten wir berücksichtigen, wenn wir versuchen, Wale zu schützen und zu erhalten. Ich gehe noch weiter. Ich denke, dass Kultur die genetische Evolution von Arten wie Orca und Pottwal möglicherweise stark beeinflusst hat und dass diese Kultur Teil unserer Sicht- und Verhaltensweise gegenüber diesen außergewöhnlichen Meeressäugern werden sollte.

 

Autor: Professor Hal Whitehead, Dalhousie University.

Dieser Artikel wurde das erste Mal 2003 im WDCS Magazin veröffentlicht.