Warum töten Delfine Schweinswale in der Ostsee?

Von 2015 bis in den Herbst letzten Jahres sorgten mehrere Große Tümmler in der Ostsee für Aufregung und Begeisterung. Einer von ihnen, der sich vornehmlich im Bereich der Kieler Förde sowie Eckernförde aufhielt, wurde schnell zu einer lokalen Berühmtheit und zog große Menschenmengen in seinen Bann.

Gleichzeitig wurde von Schweinswalen berichtet, die offenbar durch Gewalteinwirkung zu Tode gekommen waren. Beobachtungen von scheinbar aggressiven Begegnungen zwischen den Tümmlern und Schweinswalen legten den Verdacht nahe, dass die Tümmler – wie bereits von anderen Orten der Welt berichtet – ihre kleineren Verwandten auch in der Ostsee gezielt attackierten. Aktuelle Untersuchungen des in Büsum ansässigen Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover belegen nun, dass sechs der Schweinswale, die in den deutschen Gebieten gefunden wurden, tatsächlich Rippenbrüche, innere Blutungen und Hämatome aufwiesen. Demnach handelte es sich um bewusste Attacken der Delfine.

Schweinswal
Schweinswal

Aber warum tun die allgemein als freundlich geltenden Delfine so etwas? „Es gibt eine Reihe von Hypothesen“, so Fabian Ritter, Meeresschutzexperte bei WDC. „Zum einen ist bekannt, dass männliche Große Tümmler manchmal Kälber der eigenen Art töten, ein sogenannter Infantizid. Möglicherweise üben die Tiere dieses Verhalten an Schweinswalen. Es könnte sich aber auch einfach um ausgelebte angestaute Aggression von Männchen handeln, die in Ermangelung von Artgenossen an den quasi wehrlosen Schweinswalen ausgelassen wird. Spielerisches Verhalten kann nicht ganz ausgeschlossen werden, auch wenn ich das für recht unwahrscheinlich halte. Außerdem könnten die Angriffe auch dem Ausschalten von Nahrungskonkurrenten dienen“.

Grundsätzlich muss betont werden, dass die Großen Tümmler – welche aktuellen Berichten zufolge die Ostsee wieder verlassen haben sollen - nicht die bedeutendste Gefahr für Schweinswale in der Ostsee sind. Die Hauptbedrohung ist und bleibt die Fischerei, denn jedes Jahr verenden mutmaßlich mehrere Hundert Tiere, weil sie sich in Stellnetzen verheddern und dort ersticken.

Was den Wunsch vieler Menschen betrifft, den Delfinen so nah wie möglich zu sein: aus offensichtlichen Gründen ist größte Vorsicht geboten. „Zwar besteht nicht unbedingt die unmittelbare Gefahr von Angriffen auf Menschen“, so Meeresbiologe Ritter, „andererseits zeigen die neuen Erkenntnisse und Beobachtungen mehr als deutlich, dass Große Tümmler ganz und gar keine Schmusetiere sind“.