Orcas in Russland – der Freiheit entrissen

Acht Orcas wurden in der Wildnis im fernen Osten Russlands seit August 2012 gefangen genommen. Sie werden in kleinen Becken in der Nähe von Vladivostock gehalten und sehen einem unsicheren Schicksal entgegen.

Um mehr über die Gefangennahmen herauszufinden, über den Zustand der Orcas und wohin sie möglicherweise verfrachtet werden, hat Tim Zimmermann, Autor von Outside und Koproduzent / Koautor der Dokumentation BLACKFISH, WDC-Experten Erich Hoyt interviewt.

Erfahren Sie mehr über das Schicksal der 8 in Russland gefangenen Orcas:

Tim Zimmermann: Wie lange haben sie die russischen Orca-Populationen studiert und was weiss man über sie in Bezug auf ihre Anzahl und Arten?

Erich Hoyt: Ich habe 1973 auf der nördlichen Insel Vancouvers angefangen Schwertwale zu studieren und verbrachte 10 Sommer mit den Nordwestküsten-Orcas, wie in meinen Buch „Orca: The Whale Called Killer“ beschrieben wird. Wir waren stets neugierig, was wohl auf der anderen Seite des Pazifiks in Russland vorgehen mag. Wir haben auch gehört, dass ein japanisches Aquarium russische Schwertwale einfangen wollte und wir hofften, dass wir dies beeinflussen und vielleicht auch stoppen könnten. 1999 startete ich das Far East Russia Orca Project (FEROP) mit dem russischen Forscher Alexander Burdin und dem japanischen Forscher Hal Sato. Das Ziel war es russische Studenten zu beschäftigen und ein komplett russisches Team zusammenzustellen, welches die nötigen Langzeitstudien durchführen konnte. Von Anfang an war es unser Ziel die Forschung und den Schutz voranzutreiben – wir wurden von Whale and Dolphin Conservation (WDC) und der Humane Society International gefördert und bald darauf folgte das Animal Welfare Institute und andere. Wir haben zwei Hauptarten entdeckt: fischfressende (ortsansässige) und säugetierfressende (migrierende) Orcas, die sich weder in der Grösse der Gruppe, noch in ihren physikalischen Eigenschaften oder in ihren Gewohnheiten von den an der Nordwestküste Amerikas lebenden Orcas unterscheiden. Mit Hilfe von Fotos haben wir mehr als 500 Orcas vor Kamchatka und etwa 800 um die Commander Islands identifiziert.

Tim Zimmermann: Was glauben sie, warum begann man mit den Wildfängen im  Okhotskischen Meer?

Erich Hoyt: Russlands Fänger haben mindestens 15 Jahre lang verursacht Orcas einzufangen. 2003 haben sie es schlussendlich geschafft mehrere Gruppen aus dem Südosten von Kamchatka einzukreisen, viele dieser Orcas kannten wir bereits sehr gut aus unseren Forschungen und wir hatten uns erst wenige Tage zuvor aus dem Gebiet zurückgezogen. Möglicherweise haben sie nur darauf gewartet, dass wir abziehen. Ein junges Weibchen starb in ihren Netzen und ein weiteres wurde an Bord gehievt und starb 13 Tage später, nachdem sie quer durch Russland in ein Aquarium am Schwarzen Meer verschifft wurde. Das gesamte FEROP Team war wirklich bestürzt. Danach folgten mehrere Fehlversuche von Seiten der Walfänger. Schließlich konnte unser Team erstmals eine Null-Quote für Ostkamchatka durchzusetzen, was den Fang von weiteren Tieren auf der östlichen Seite Kamchatkas um einiges erschwerte. Quoten von 6 bis 10 Schwertwalen wurden noch immer jedes Jahr für das Okhotskische Meer und den Westen von Kamchatka erteilt, jedoch erschwerte die Logistik dort den Fang. Dem Utrish Delfinarium gelang es vor ein paar Jahren ein Schwertwalweibchen im Okhotskischen Meer einzufangen, dieses Weibchen konnte in der Nacht jedoch entkommen. Letztes Jahr fing eine andere russische Walfängergruppe ein junges, weibliches Tier und brachte es in die Nähe von Vladivostok. Diese Orcaweibchen wird Narnia genannt und wird heute immer noch, gemeinsam mit den sieben im Jahr 2013 gefangen Orcas, in kleinen Becken bei Vladivostock gehalten. Es steht noch nicht fest, wo sie ihre weitere Zeit in Gefangenschaft verbringen wird. Der erfolgreiche Fang von Narnia, gab den Walfängern das Vertrauen, dass sie es schaffen können und so folgte dieses Jahr, in zwei Fangaktionen im August und Oktober, im Okhotskischen Meer, der Fang von sieben weiteren Orcas.

Tim Zimmermann: Was weiss man über die Einrichtungen, die an den Wildfängen beteiligt sind? Sind sie auch in der Gefangennahme der Belugas involviert?

Erich Hoyt: Ja, für die 7 Orcas dieses Jahr und für den einen letztes Jahr ist ein und dasselbe Unternehmen verantwortlich. Dasselbe Unternehmen hat in den letzten Jahren auch einige Belugas gefangen. Sie haben sich öffentlich als „White Sphere“ zu erkennen gegeben. Dies ist eine Unternehmensgruppe, die als White Sphere Delfinarien in Russland errichtet, als White Whale die Tiere aus freier Wildbahn gefangen nimmt und als Aquatoriya die Delfinarien betreibt. Das Sochinskiy Delfinariy ist eine Niederlassung von Aquatoriya, welches als Fänger und Besitzer von Narnia identifiziert wurde.

Tim Zimmermann: Wie werden diese Wildfänge durchgeführt? Und weshalb werden die Orcas soweit transportiert, anstatt sie vor Ort gefangen zu halten?

Erich Hoyt: Die Orcas werden in flachen Gewässern nahe der Küste von einem Netz eingezäunt; normalerweise die ganze Gruppe, aber wir kennen die genauen Details in diesem Fall nicht. Nachdem sie eingepfercht wurden, werden die Orcas, die gefangen werden sollen, einen nach dem anderen herausgesucht und an der Schwanzflosse zur Küste gezerrt und abtransportiert – genauso wurden auch die Belugas gefangen. Junge Weibchen sind höchst begehrt, aber es werden natürlich auch ein paar Männchen benötigt. Sie bringen die Orcas schnellst möglich weg, weil es keinen Platz vor Ort gibt, an dem sie Orcas halten könnten und sie fürchten zweifellos die harten Bedingungen, das launische Meer, das extreme Wetter. Somit müssen sie die Orcas zum nächstgelegenen Hafen transportieren werden. Wir wissen  aus unserer Forschung, dass die Logistik hinter diesen Aktionen in Russland, mühsam und kostenaufwendig ist.

Tim Zimmermann: Ich habe Berichte von Orcas gesehen, die beiden Versuch lebende Orcas in russischen Gewässern zu fangen starben. Was weiss man über getötete Orcas aus den jüngsten oder früheren Gefangennahmen?

Erich Hoyt: Wir haben bestätigte Berichte von den zwei jungen Weibchen, die 2003 gestorben sind, wie ich oben beschrieben habe. Vor ungefähr einem Jahr schätzte das Russian Federal Research Institute of Fisheries and Oceanography (VNIRO), dass infolge der Gefangennahmen in der Vergangenheit 5 Orcas gestorben sind, aber nur die zwei von 2003 wurden offiziell bestätigt. Wir wissen nicht, ob während den Gefangennahmen dieses Jahr Orcas starben.

Tim Zimmermann: Man hört viele Gerüchte, wohin die Orcas gebracht werden könnten. Ist Ihnen bekannt, wo die Orcas hinkommen sollen? Wissen Sie zu welchen Preisen, sie gehandelt werden?

Erich Hoyt: Den Gerüchten zufolge sind es China und Moskau, wo jeweils neue Anlagen in Betrieb genommen werden. Um Wale nach China zu verfrachten, werden CITES Genehmigungen benötigt und wir haben jetzt herausgefunden, dass mindestens zwei CITES Genehmigungen ausgestellt wurden. Wir haben noch keine Vorstellung von den Preisen, die zurzeit geboten werden, aber vor 10 -15 Jahren war ein junges Schwertwalweibchen ca. $1 Million US-Dollars wert. Es hängt stark davon ab, wie viele Menschen jedes Jahr SeaWorld in den USA oder die steigende Anzahl an Einrichtungen in China, Russland und Japan besuchen. Bei unserer letzten Zählung gab es in diesen Ländern bereits ca. 120 Delfinarien die Wale und/oder Delfine zur Schau stellen. Wenn die Besucher in den Delfinarien ausbleiben, die Einnahmen zurückgehen, dann sinkt auch die Nachfrage an „neuen“ Tieren und der Handel mit wildgefangene Orcas kann gestoppt werden.

Tim Zimmermann: Sie haben erwähnt, dass russische Forscher und die staatliche Ökologiebehörde  der Russian Federal Fisheries Agency empfohlen haben, keine Fangquoten für 2014 auszustellen. Haben sie die Hoffnung, dass die Federal Fisheries Agency diesen Vorschlag annehmen wird und wann ist ein Entscheid zu erwarten?

Erich Hoyt: Forscher aus unserem Team und andere Forscher in Russland, haben diese Empfehlung bereits bevor die diesjährigen Gefangennahmen durchgeführt wurden unterbreitet. Der Vorschlag basierte auf dem Fakt, dass die Orca-Quoten auf Grund einer einzig geführten Spezies vergeben wurden, obwohl wir wissen, dass es mindestens zwei individuelle Arten gibt, nämlich die fischfressenden, ortsansässigen und die säugetierfressenden, migrierenden Orcas, die getrennt leben und daher getrennt beurteilt und gehandhabt werden müssen. Die staatliche Ökologiebehörde dazu zu bekommen, uns zu unterstützen war der Schlüssel. Wir haben gehofft, dass die Federal Russian Fisheries Agency den Empfehlungen der Ökologiebehörde folgen würde, haben nun aber herausgefunden, dass sie die Behörde beschlossen hat, sich eine neue Einschätzung von anderen Experten einzuholen. Das sind keine guten Neuigkeiten. Es scheint, als hätte sie bereits ihre Entscheidung zu den erlaubten Quoten gefällt und arbeitet jetzt rückwärts, um diese zu rechtfertigen.
Wir werden in den nächsten Wochen erfahren, ob Quoten für die Gefangennahme von Orcas  für 2014 aufgestellt und die Zahlen zugelassen wurden. Wenn es wie in den Vergangen Jahren eine  Quote von 6 - 10 Orcas ist, dann sind noch grössere Einschnitte für die freilebenden Orcafamilien zu erwarten.

Die Erforschung der Schwertwale im Okhotskischen Meer ist dringend notwendig. Wir wissen inzwischen mehr über die Orcas in anderen Teilen des fernen Osten Russlands, aber wir wissen kaum etwas über die Okhotsk Orcas.

Unterstützen Sie das Forschungsprojekt FEROP in Russland, damit die Fanquoten in Zukunft Null sind und in Orcas in Freiheit leben können.

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Das Buch des WDC-Experten Erich Hoyt: The Whale Called Killer, erschien erstmals 1981, es öffnet uns die Augen für die einzigartigen Könige der Meere und zeigt, warum es falsch ist, sie in Gefangenschaft zu halten. Ab November 2013 ist die aktuell überarbeitete Ausgabe, erstmals als eBook auf Amazon und vielen weiteren eBook-Seiten weltweit erhältlich.

Tim Zimmermann’s letzter Artikel über die Gefangennahme der Orcas in Russland kann auf Outside online gelesen werden.