Wie hält man im Meer den Lärm (dr)aus(sen)?

Wenn ich morgens aufwache und die Balkontür meiner Wohnung in Berlin öffne, höre ich das Rauschen der Stadt, die Autos auf den Straßen, die Menschen, die Baustellen, die Züge und Flugzeuge in der Ferne. Ich habe Glück, der Balkon meiner Wohnung ist zum Gartenhof unseres Berliner Altbaus hin ausgerichtet. Dort ist es vergleichsweise ruhig. Und doch mache ich manchmal die Tür zu, um den Lärm der Stadt draußen zu halten...

Kürzlich spielte mir ein befreundeter Meeresbiologe die seltsamen Geräusche vor, die er im Atlantik vor den Kanarischen Inseln aufgenommen hatte. Eigentlich wollte er mit seinem Unterwassermikrofon das Klicken und Pfeifen von Grindwalen erfassen, aber da war noch mehr. Alle paar Sekunden hörte man ein entferntes Rumsen. Meine beste Antwort auf seine Frage, um was es sich handeln könnte war, dass die Geräusche vermutlich von einer Schallkanone stammten.

Schallkanonen werden weltweit durch Großkonzerne auf der Suche nach Öl- und Gasfeldern im Meer eingesetzt und verursachen einen Höllenlärm, lauter als praktisch alle anderen menschengemachten Geräusche. Die negativen Folgen für Meeressäuger sind längst bekannt. Es handelt sich nicht einfach um lauten Schall, es handelt sich um tödlichen Lärm! Ein Tier, das sich in der unmittelbaren Nähe einer aktiven Schallkanone aufhält, würde durch den massiven Druck auf der Stelle getötet. Selbst in größerer Entfernung drohen Gehörschäden oder Gehörverlust. Man muss sich klarmachen, dass der über 200 dB laute Schall in den Ozeanen weite Strecken zurücklegt. Eine Schallkanone kann auch in tausende Kilometer entfernt noch zu hören sein. Diejenige auf den Aufnahmen meines Kollegen wurde vermutlich vor Afrika eingesetzt, also einige Hundert Kilometer entfernt. Während der Unterwasser-Untersuchungen werden die Kanonen über Tage, Wochen oder gar Monate alle zehn bis 15 Sekunden gezündet. Lärm und Störung oder sogar Verletzungsgefahr nonstop.

Lärm im Meer
Lärm im Meer

Wie müssen sich Delfine und Wale dabei fühlen, wie reagieren sie auf den zunehmenden Lärm im Meer?

Der Lärm aus vielen weiteren Schallquellen häuft sich: Schifffahrt, Baustellen, Bohrinseln, Tourismus und militärische Manöver sorgen für Dauerschall in allen Ozeanen. Die Unterwasserwelt ist längst keine „stille Welt“ mehr. Für die akustisch besonders sensiblen Delfine und Wale ist das ein Problem, denn sie können sich nicht mehr ungestört per Schall orientieren. Ihre Kommunikation leidet und ihr wichtigster Sinn, der Gehörsinn, wird eingeschränkt. Die Jagd wird erschwert, das Finden von Artgenossen über große Distanzen wird unmöglich. Viele werden vertrieben, suchen anderen Gebiete auf oder erleiden akute oder schleichende Gehörschäden.

Wale und Delfine sind nach europäischem Umweltrecht streng geschützt. Dennoch wird an den seismischen Untersuchungen festgehalten, obwohl bereits weniger laute Technologien zum Einsatz kommen könnten. Im Gegenteil, weltweit werden immer mehr Schallkanonen eingesetzt. Und es werden auch in deutschen Gewässern fleißig Windparks ins Meer gebaut – was ebenfalls einen unglaublichen Lärm verursacht, genauso wie die vielen Schiffe und Boote und die militärischen Übungen.

Warum das so ist? Die Welt verlangt danach! Die Weltwirtschaft hängt nach wie vor am Tropf der Öl- und Gaslieferanten. Wir verlangen danach! Jeder einzelne von uns verbraucht direkt oder indirekt Unmengen von fossilen Brennstoffen.

Der Punkt ist: Wale und Delfine können keine Tür zu machen! Sie können sich auch nicht einfach die Ohren zu halten. Sie müssen schlicht mit dem zunehmenden Lärm leben, müssen sich anpassen, ihn ertragen.

Heute, am Tag gegen Lärm, schlage ich vor, einmal inne zu halten. Setzen Sie sich heute fünf Minuten hin und hören Sie zu. Versuchen Sie, alles zu erfassen, was an Ihr Ohr dringt. Wenn Sie an einem ruhigen Ort sind – genießen Sie es! Aber gerade wenn es laut und störend ist, versetzen Sie sich kurz in einen Delfin oder Wal und versuchen Sie nachzuspüren, was in diesem Tier vorgehen muss, wenn es ständig in eine lauten Umgebung leben muss.

WDC setzt sich seit vielen Jahren gegen den Lärm in unseren Meeren ein. Unterstützen Sie uns dabei!