Was Whale Watching mit Forschung und Bildung zu tun hat

Marianne Schwarz war Praktikantin bei WDC und arbeitet jetzt bei einem Whale Watching Unternehmen auf den Azoren. In diesem Gastbeitrag berichtet sie über die Rolle von Whale Watching als Bildungs- und Forschungsarbeit.

Nachdem ihr in meinem letzten Beitrag einen Einblick in die Artenvielfalt der Azoren bekommen habt, soll es heute ein wenig um unsere Forschungs- und Bildungsarbeit gehen.

Als Whale Watching Unternehmen verbringen wir über 1000 Stunden pro Jahr auf dem Meer. Diese Zeit nutzen wir auch, um Daten aufzunehmen, die für die Erforschung von Cetaceen hilfreich sind. Bei jeder Ausfahrt wird ein Sichtungsformular ausgefüllt. Die Daten werden gesammelt und ausgewertet.

Sichtungsdatenblatt für Forschung beim Whale Watching
Sichtungsdatenblatt für Forschung beim Whale Watching

Neben Wetterdaten geht es natürlich vor allem um die Tiere. Aufgeführt werden die Spezies, Zeit und Dauer der Sichtung sowie Anzahl, Gruppenzusammensetzung und Verhalten der Tiere. Zudem werden die Standorte der Sichtungen per GPS erfasst.

So lässt sich ein Überblick gewinnen, welche Arten sich wann, wo und weshalb aufhalten. Ich finde neben der Art und Häufigkeit der Sichtungen vor allem das Verhalten der Tiere interessant. Was machen sie hier hauptsächlich? Wie verhalten sie sich untereinander? Wie gegenüber den Walbeobachtungsbooten? Eines merkt man ganz schnell: Meeressäuger sind sehr intelligente und sensible Tiere. Die Tiere sind uns in ihrem Element natürlich weit überlegen und wenn sie nicht auf Kontakt aus sind, hat kein Whale Watching Boot der Welt eine Chance. Doch mit dem nötigen Respekt und Wissen über ihr Verhalten lassen sie sich nicht selten auch aus der Nähe beobachten.
Damit die Besucher möglichst viel von den Ausfahrten mitnehmen, wird jede Gruppe vorher gebrieft. Das heißt, es werden nicht nur wichtige Hinweise für das Verhalten auf dem Boot sondern auch die wichtigsten Fakten über die Tiere und ihre Erkennungsmerkmale erklärt. Denn nur was man kennt, kann man schützen!

Ebenfalls immer an Bord: eine Kamera. Anhand von Bildern versuchen wir einzelne Individuen zu identifizieren. Merkmale, die sich dafür gut eignen, sind die Fluke und die Rückenfinne, welche unterschiedliche Formen, Musterungen oder Narben aufweisen können.

Buckelwalfluke mit individueller Musterung
Buckelwalfluke mit individueller Musterung

Dass diese Methode der Fotoidentifikation erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel einer erst kürzlich gefundenen Übereinstimmung zweier Pottwalbilder. Das eine wurde im Oktober 2002 im Golf von Mexico (NOAA), das andere im August 2017 auf den Azoren aufgenommen. Frühere Übereinstimmungen männlicher Pottwale gab es schon zwischen den Azoren und dem Norden Norwegens. Dieses jedoch zeigt erstmals, dass die Tiere auch den Atlantik überqueren. Manchmal haben wir auch das Glück und sind dabei, wenn ein Wal gerade sein Geschäft verrichtet. Klingt erstmal nicht so einladend, ist aber eine gute Chance, Näheres über seine Essgewohnheiten herauszufinden.

Walkot-Probe
Walkot-Probe

Während der Tauchgänge werden Energie raubende Stoffwechselprozesse wie die Verdauung herabgesetzt. So koten Wale stets bei ihren Atempausen nahe der Oberfläche. Dies ist auch ein wichtiger Faktor für den Nährstofftransport in den Ozeanen. Das, was die Tiere in der Tiefe fressen, bringen sie nach oben. Weniger Wale bedeutet also: weniger Nährstoffe in den oberen Wasserschichten, bedeutet: weniger Nahrung z.B für dort lebende Fische. Wale begünstigen also das Wachstum unserer Fischbestände! Die Kotproben von Blau- und Finnwalen vor Pico enthalten hauptsächlich Atlantischen Krill. Aber auch kleine Fische wie Sardinen und Makrelen gehören hier zum Nahrungsspektrum der Bartenwale.

In den Frühlingsmonaten können die Besucher außerdem in unterschiedlichen Vorträgen mehr über Themen wie die Evolution und Biologie der Wale, Forschungsprojekte sowie Wissenswertes über die Ozeane und die Azoren erfahren. Wusstet ihr zum Beispiel, dass mehr als 90% unserer Ozeane noch nie ein Mensch betreten hat? Auf der Oberfläche kennen wir uns mittlerweile ganz gut aus, doch was sich darunter abspielt, ist auch heute noch größtenteils unbekannt. Wir sind einfach anatomisch nicht dafür gemacht und brauchen technische Hilfsmittel. Umso respektvoller und vorsichtiger sollten wir also mit diesem Lebensraum umgehen und ihn schützen. Denn nicht nur das Leben der Meeresbewohner, sondern auch unseres hängt davon ab.

So wie die Insel Pico heute vom Whale Watching Tourismus geprägt ist, so war bis vor ein paar Jahrzehnten der Walfang wichtiger Bestandteil des Insellebens. Von dieser Geschichte möchte ich euch das nächste Mal berichten.

WDC-Ratgeber Verantwortungsvolle Walbeobachtung