Interview mit Walforscher Erich Hoyt

Ein Interview mit dem Walforscherer Erich Hoyt über sein neues Buch: eine umfassende Enzyklopädie über Wale, Delfine und Schweinswale.

Encyclopedia of Whales, Dolphins and Porpoises - Erich Hoyt
Encyclopedia of Whales, Dolphins and Porpoises - Erich Hoyt

Warum hast du beschlossen, eine Enzyklopädie herauszugeben? An wen richtet sich dieses Buch?

Ich wollte weitergeben, was wir in 40 Jahren Walforschung herausfinden konnten. Es ist ein Buch über freilebende Wale, Delfine und Schweinswale. Ich habe darüber nachgedacht, wie wir sie vor all den Gefahren da draußen schützen könnten – dem zunehmenden Lärm und Schiffsverkehr, der Meeresverschmutzung, der Gefahr sich in Fischernetzen zu verfangen und als Beifang qualvoll zu sterben. All diese Probleme führen zu einer riesigen Zahl an Todesfällen, mehr als der Walfang und die direkte Bejagung verursachen.  

Ich wollte außerdem neue Ansätze über die Kultur von Walen und Delfinen, ihr außergewöhnliches Sozialverhalten und ihre Sprachen sowie die Idee von Persönlichkeitsrechten für Meeressäuger darstellen. Auch die breite Öffentlichkeit spielt bei der Erforschung dieser besonderen Lebewesen eine Rolle. Im Rahmen von „citizen science“ wurden viele Daten gesammelt.

Dieses Buch richtet sich an ein breites Publikum, inklusive Kinder. Viele Menschen interessieren sich für die Lebensweise von Walen und Delfinen und wie wir ihnen helfen können.

Wie lang hat es gedauert, all diese Informationen zusammenzutragen?

Die Geschichten und Hintergrundinformationen für dieses Buch stammen sowohl aus meiner eigenen Forschung als auch von meinen Kollegen bei WDC. Über zwei Jahre lang habe ich Berichte und Artikel gelesen und Forscher aus der ganzen Welt befragt. Gleichzeitig habe ich an der Enzyklopädie gearbeitet.

Seit mehr als 40 Jahren erforscht du Wale und Delfine. Gibt es eine Situation, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Meine ersten Erfahrungen mit freilebenden Orcas hatte ich im Nordosten von Vancouver Island in den frühen 1970er Jahren. Wir wussten damals fast nichts über sie und konnten gemeinsam mit Michael Bigg forschen, damals ein Pionier und später eine Koryphäe auf dem Gebiet. Er begann damit, die Orcas mithilfe von Fotos als Individuen zu identifizieren: Stubbs, Nicola, Wavy und Tsitika. Es war eine großartige Erfahrung, immer wieder dieselben Wale zu beobachten. Zu unterschiedlichen Jahreszeiten und von einem Jahr aufs nächste – manchmal kamen Babys hinzu oder wir trauerten über den Tod eines Individuums. Es war überraschend, wie schnell sich mein Fokus verändert hat - von „Ich will alles über sie erfahren“ zu „Ich will helfen, ihren Lebensraum zu schützen“!

Was ist deine Lieblingsart und warum?

Früher war ich besonders fasziniert von Orcas und habe diese Art durch meine Forschung mit dem Far East Russia Orca Project (FEROP) wieder für mich entdeckt. Nun bin ich bereits 18 Jahre Teil dieses besonderen Forschungsprojektes! Daran begeistert mich vor allem, wieviel Respekt und Zuneigung die jungen russischen Studenten für die Orcas haben. Schwertwale machen es einem aber auch sehr einfach – sie sind schnell, sozial, stark, intelligent und kraftvolle Raubtiere. Ich mag aber auch die Widersprüche. Obwohl männliche Orcas viel größer sind als weibliche, bleiben Söhne ihr Leben lang an der Seite ihrer Mutter. Ihr Speiseplan kann extrem unterschiedlich sein und umfasst mehrere Hundert verschiedene Beutetiere: von Hering über Pinguine bis zu weißen Haien oder Blauwalen! Innerhalb eines Ökotyps oder einer Population spezialisieren sie sich auf bestimmte Beutetiere wie Hering, Zwergwale oder eine bestimmte Lachsart und ignorieren dann alles andere. Mich fasziniert auch ihr gewaltiges Erscheinungsbild, groß und mit spitzen Zähnen, die ein Blutbad anrichten können, gleichzeitig sind sie aber im Umgang miteinander sehr sanft.

Orcas in Russland
Orcas in Russland

Je mehr Zeit ich mit verschiedenen Arten verbringe, desto mehr Favoriten kommen dazu. Es gibt mehr als 90 Wal- und Delfinarten und ihr Verhalten, ihre Kultur und ihre Kommunikation sind sehr unterschiedlich. Je mehr man über eine bestimmte Art lernt, desto mehr begeistert man sich für ihre Besonderheiten. Während einer intensiven Forschungswoche zu den Nordatlantischen Glattwalen vor der Küste von Maine vor einigen Jahren fanden wir uns plötzlich mitten in einem ungewöhnlichen Spektakel wieder. Rund um unser Boot waren die Glattwale damit beschäftigt, umeinander zu werben und sich zu paaren. Dabei rufen die weiblichen Wale erst nach den männlichen, spielen dann aber die Unnahbaren. Das habe ich auch in der Enzyklopädie beschrieben. Einige Tage später fanden wir einen der Glattwale wieder – die Mutter war von einem Schiff gerammt worden. Die nächsten Tage verbrachten wir damit, sie zu untersuchen um die Todesursache zu belegen. Innerhalb von kürzester Zeit haben wir so viel erlebt – die Begeisterung und das Hochgefühl bei dem Paarungstreffen (ein Hoffnungsschimmer bei einer derart bedrohten Art) bis zur Trauer über den Verlust einer fortpflanzungsfähigen Mutter.

Es gibt noch so viel, was wir nicht wissen – welches Mysterium der Wale, Delfine und Schweinswale würdest du gerne aufdecken?

Gemeinsam mit WDC habe ich mich die letzten 20 Jahre für Schutzgebiete eingesetzt. Dazu gehört herauszufinden, wo sich die Lebensräume von Meeressäugern befinden und diese auch zu schützen.  Ursprünglich gab es nur eine Handvoll Schutzgebiete für Wale und Delfine und es erschien einfach, mehr davon einzurichten - basierend auf unserem Wissen über Ortstreue und bevorzugte Gebiete. Aber je mehr wir lernten, desto mehr haben wir begriffen, was es noch alles zu erfassen gilt. Wir wissen immer noch nicht, wo Blauwale ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Wir gehen davon aus, dass ihre Nahrungsgebiete besonders schützenswert sind, diese können sich aber von Jahr zu Jahr verlagern. Wir müssen auch noch herausfinden, wie wichtig die Gebiete sind, in denen kulturell basierte Aktivitäten stattfinden (wie die Rubbelstrände der Ocas, die Blasennetz-Jagdtechnik der Buckelwale oder wo und wie Gesänge und Dialekte bei Buckelwalen, Finnwalen bzw. Orcas weitergegeben werden). Wir wissen nahezu nichts über die 22 Schnabelwal-Arten, außer dass sie sich zumeist auf der hohen See zeigen. Wir setzen alles daran, diese wichtigen Gebiete zu identifizieren und zu schützen. Dabei müssen wir auch die Gefahren und Herausforderungen des so genannten Anthropozäns (des “Zeitalters des Menschen“) einbeziehen. Menschen haben das Leben aller wildlebenden Arten verändert. Jetzt liegt es an uns – wenn uns Wale, Delfine und Schweinswale am Herzen liegen, müssen wir ihnen sichere Lebensräume zugestehen.

Erich Hoyt
Erich Hoyt

Erich Hoyt: Encyclopedia of Whales, Dolphins and Porpoises

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